{"id":22513,"date":"2016-10-13T11:31:47","date_gmt":"2016-10-13T09:31:47","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/?p=22513"},"modified":"2017-07-08T16:31:22","modified_gmt":"2017-07-08T14:31:22","slug":"nazirap-zur-besten-sendezeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2016\/10\/13\/nazirap-zur-besten-sendezeit_22513","title":{"rendered":"Nazirap zur besten Sendezeit"},"content":{"rendered":"<p><figure id=\"attachment_22516\" aria-describedby=\"caption-attachment-22516\" style=\"width: 620px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-22516\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2016\/10\/md-620x346.jpg\" alt=\"Neonazi Julian Fritsch tritt seit Jahren bei rechtsextremen Konzerten auf\" width=\"620\" height=\"346\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2016\/10\/md-620x346.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2016\/10\/md.jpg 637w\" sizes=\"auto, (max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-22516\" class=\"wp-caption-text\">Neonazi Julian Fritsch tritt seit Jahren bei rechtsextremen Konzerten auf<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Darf man mit einem \u00fcberzeugten Neonazi zu einer locker gef\u00fchrten Gespr\u00e4chsrunde ins Radio einladen? Noch dazu, wenn das Moderatoren-Team offensichtlich so gut wie kein Hintergrundwissen zu Rechtsextremismus allgemein und speziell zum Interviewpartner hat? Wenn es nach den H\u00f6rern des Berliner Senders KISS FM geht, lautet die Antwort &#8222;Nein&#8220;. Seit die Radiostation vor wenigen Tagen ein 30-min\u00fctiges Interview mit Nazirapper Julian Fritsch, der unter dem Pseudonym Makss Damage auftritt, ausstrahlte, hagelt es w\u00fctende Tweets, Facebookpostings und Mails. Entlarvend war das Gespr\u00e4ch allenfalls f\u00fcr die Moderatoren, die Fritsch unter anderem fragten, ob er denn ein Neonazi sei und ob er auch mal einen D\u00f6ner essen w\u00fcrde. Der Sender f\u00fchlt sich zu unrecht kritisiert. Immerhin habe man doch in derselben Sendung auch mit einem Juden und einem Imam \u00fcber das Thema &#8222;Deutschland &#8211; dein Land?&#8220; gesprochen, so die Argumentation. Die Neonazi-Szene feiert derweil den gelungenen PR-Coup.<!--more--><\/p>\n<p>&#8222;Wen ladet ihr als n\u00e4chstes ein? Landser? St\u00f6rkraft&#8220;, schreibt ein aufgebrachter User auf Facebook. Fritsch habe den Sender als &#8222;kostenlose Plattform f\u00fcr seine menschenverachtende Hetze&#8220; nutzen k\u00f6nnen, sind sich die Kritiker einig. Man wolle &#8222;harte &amp; emotional aufreibende Themen nicht auslassen, verfluchen oder auch ignorieren&#8220;, begr\u00fcndet Programmdirektor Strempel York die Entscheidung Fritsch einzuladen. Die Sendung <a href=\"http:\/\/www.facetalk.fm\/\">&#8222;Facetalk&#8220;<\/a> wurde nicht nur in Berlin, sondern zeitgleich bei Delta Radio in Kiel und Radio Energy Sachsen-Anhalt ausgestrahlt.<\/p>\n<blockquote class=\"twitter-tweet\">\n<p dir=\"ltr\" lang=\"de\">Ernsthaft, <a href=\"https:\/\/twitter.com\/988KISSFM\">@988KISSFM<\/a>, <a href=\"https:\/\/twitter.com\/ENERGYSachsen\">@ENERGYSachsen<\/a>? 30 min. <a href=\"https:\/\/twitter.com\/hashtag\/MaKssDamage?src=hash\">#MaKssDamage<\/a>-Interview und ihn dann noch mehrfach als &#8222;sehr tolerant&#8220; loben?! <a href=\"https:\/\/twitter.com\/hashtag\/Kaltland?src=hash\">#Kaltland<\/a>-Radio<\/p>\n<p>\u2014 Marius M\u00fcnstermann (@m_muenstermann) <a href=\"https:\/\/twitter.com\/m_muenstermann\/status\/786224365784276993\">12. Oktober 2016<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p><a href=\"\/\/platform.twitter.com\/widgets.js\">\/\/platform.twitter.com\/widgets.js<\/a><\/p>\n<p>Dabei h\u00e4tte die Redaktion es besser wissen k\u00f6nnen. Gerade erst hatte das ZDF ein geplantes Interview mit Fritsch abgesagt. Der Grund: der rechtsextreme Musiker wollte die Regeln f\u00fcr das Gespr\u00e4ch vorgeben. Unter anderem d\u00fcrfe das Thema Holocaust nicht angesprochen werden. Zudem forderte er 300 Euro Honorar. Auf seiner Facebookseite versicherte Fritsch kurz darauf eilig seinen Kameraden, dass er nat\u00fcrlich\u00a0 &#8222;Nationalistischen Medien&#8220; weiterhin kostenlos Interviews gebe. &#8222;Nicht, dass hier der Eindruck entsteht ich h\u00e4tte eine Hakennase.&#8220;<\/p>\n<p>Der j\u00fcdische Autor Shahak Shapira hatte <a href=\"http:\/\/www.vice.com\/de\/read\/radiosender-laedt-neonazi-rapper-ein-und-mich-einen-juden\" target=\"_blank\">nur durch Zufall erfahren<\/a>, dass er in derselben Sendung interviewt wird, wie Makss Damage. Sein Fazit: &#8222;Entscheidet man sich dennoch dazu, seinem Publikum die h\u00e4sslichste Seite der Menschheit zuzumuten, muss man auch die journalistische Kompetenz mitbringen, diese Menschen mit pointierten Fragen zu entschleiern\u2014und das w\u00e4re im Falle des MaKss Damage wirklich ein Leichtes gewesen.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Solch ein Interview kann nur sensationsheischendem Voyeurismus dienen oder im noch schlechteren Fall zu kostenloser Werbung geraten. Letzteres ist hier passiert&#8220;, sagt Politikwissenschaftler Christoph Schulze vom <a href=\"http:\/\/www.mmz-potsdam.de\">Moses Mendelssohn Zentrum<\/a>. &#8222;Bekennende militante Neonazis k\u00f6nnen keine Partner in einer demokratischen Gesellschaft sein.&#8220;<\/p>\n<p>Fritsch ist ein ideologisch gut geschulter Kader. Sicherlich niemand, den man in einem Gespr\u00e4ch mit Argumenten \u00fcberzeugen kann. Antisemitismus, Mord- und Vergewaltigungsfantasien, sowie NS-Verherrlichung und Rassismus pr\u00e4gen seine Texte. Viele seiner Lieder sind indiziert. 2012 gab es bei ihm eine Hausdruchsuchung wegen des Verdachts der Volksverhetzung. Gerade erst k\u00fcndigte er ein konspirativ organisiertes Konzert am 15.10. mit Frontalkraft, Exzess und weiteren Rechtsrockbands in Bayern an.<\/p>\n<p>Seine Musik ver\u00f6ffentlicht er meist kostenlos zum Herunterladen auf seiner Webseite. 2011 wurde er \u00fcber Nacht zum neuen Stern am deutschen<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright wp-image-22518 size-thumbnail\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2016\/10\/makss_damagekonzert-220x220.jpg\" alt=\"makss_damagekonzert\" width=\"220\" height=\"220\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2016\/10\/makss_damagekonzert-220x220.jpg 220w, https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2016\/10\/makss_damagekonzert.jpg 320w\" sizes=\"auto, (max-width: 220px) 100vw, 220px\" \/> Neonazi-Hip-Hop-Himmel. Dabei verstand ausgerechnet er sich fr\u00fcher als gl\u00fchender Kommunist. Sein Werdegang erinnert an die bizarre Wandlung von Horst Mahler vom RAF-Terroristen zum Neonazi und Holocaustleugner. Der 1988 geborene Fritsch trat bereits seit 2008 unter dem K\u00fcnstlernamen Makss Damage auf. Er bezeichnete sich damals selbst als Stalinisten und provozierte mit sexistischen, antisemitischen und gewaltverherrlichenden Texten. &#8222;Ich leite Giftgas lyrisch in Siedlungen, die j\u00fcdisch sind&#8220;, hie\u00df es in einem seiner Songs. In anderen Liedern forderte er: &#8222;Lass den Davidstern brennen!&#8220; und &#8222;T\u00f6tet diese antideutschen Hurens\u00f6hne!&#8220; Wegen Protesten linker Gruppen musste Fritsch mehrfach Auftritte absagen.<\/p>\n<p>Im Jahr 2010 verschwand Makss Damage pl\u00f6tzlich von der Bildfl\u00e4che, um ein dreiviertel Jahr sp\u00e4ter genauso \u00fcberraschend wieder aufzutauchen. Im M\u00e4rz 2011 ver\u00f6ffentlichte ein rechtsextremes Webportal ein Videointerview mit ihm. Gef\u00fchrt wurde das Gespr\u00e4ch von dem damals in der Region f\u00fchrenden Neonaziaktivisten Axel Reitz. Vor der Kamera beschwerte sich Fritsch \u00fcber &#8222;fehlende Kameradschaft&#8220; und mangelnden Mut und M\u00e4nnlichkeit unter radikalen Linken bei k\u00f6rperlichen Auseinandersetzungen. Aber das sei in der rechtsextremen Szene anders, hier sei jetzt sein neues Zuhause. Wie einen erbeuteten Schatz f\u00fchrte Reitz den Rapper in dem Video vor.<\/p>\n<p>Seither gilt Makss Damage als erster ernstzunehmender Neonazirapper. Textlich hat er sich weiter radikalisiert. Auf seiner ersten CD als Neonazi mit dem Titel &#8222;Sturmzeichen&#8220; breitet er Vergewaltigungsfantasien gegen linke Aktivistinnen aus: &#8222;Antifantenm\u00e4dchen, wollt ihr was erleben? Wenn ihr Bock auf blasen habt, dann sehen wir uns in Dresden!&#8220; An anderer Stelle ruft er zum Mord an Gegendemonstranten auf: &#8222;Knack-di-Knack, die Knochen brechen, Pech gehabt, das Zeckenpack platt, Tetrapack-\u00e4hnlich auf seinem Weg in den Getr\u00e4nkesack. F\u00fcr dein Geschrei [\u2026] kriegst du eine Kugel geschenkt.&#8220;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-22515\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2016\/10\/makss_damage-220x220.jpg\" alt=\"makss_damage\" width=\"220\" height=\"220\" \/>Die NPD erkannte Fritschs Talent schnell, im September 2011 erschienen gleich zwei seiner Lieder auf einer Schulhof-CD f\u00fcr den Wahlkampf zum Berliner Abgeordnetenhaus. Prompt wurde die CD indiziert. Die Begr\u00fcndung der Bundespr\u00fcfstelle unterst\u00fctzt das Image des Musikers als brutaler Neonazi-Rapper. In seinen Texten &#8222;eskaliert der dort propagierte Hass in Aufrufen zur gewaltsamen physischen Vernichtung der beschriebenen Gegner&#8220;, hei\u00dft es dort. &#8222;In jugendaffiner Weise werden hier die Auseinandersetzungen Jugendlicher deutscher und t\u00fcrkischer Herkunft beschrieben und kompromisslose Gewalt als Mittel der Auseinandersetzung ausdr\u00fccklich bejaht.&#8220;<\/p>\n<p>Seit er Neonazi geworden ist, genie\u00dft der Musiker Fritsch seine Rolle als Tabubrecher \u2013 und die Huldigungen, die ihm von linker Seite so lange verwehrt blieben. &#8222;Rechtsrap ist auf dem Vormarsch und h\u00e4lt Einzug auf den Festplatten, MP3-Playern und in den Herzen der deutschen Jugend&#8220;, t\u00f6nt er auf seiner Webseite. &#8222;Diese Entwicklung ist jetzt nicht mehr aufzuhalten.&#8220;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/9a246e0d6a4d4ad582ccf2375a82d43a\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Darf man mit einem \u00fcberzeugten Neonazi zu einer locker gef\u00fchrten Gespr\u00e4chsrunde ins Radio einladen? 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