{"id":23105,"date":"2017-02-11T10:48:48","date_gmt":"2017-02-11T09:48:48","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/?p=23105"},"modified":"2017-02-11T12:25:50","modified_gmt":"2017-02-11T11:25:50","slug":"eine-stadt-stell-sich-quer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2017\/02\/11\/eine-stadt-stell-sich-quer_23105","title":{"rendered":"Eine Stadt stell sich quer"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-16346\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2014\/05\/AfD_Stuttgart_20140520_9177-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"427\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2014\/05\/AfD_Stuttgart_20140520_9177-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2014\/05\/AfD_Stuttgart_20140520_9177-300x200.jpg 300w, https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2014\/05\/AfD_Stuttgart_20140520_9177.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/p>\n<p>Von Karnevalisten, \u00fcber Musiker und Politiker, bis hin zu Antifa-Gruppen. Zehntausende Gegendemonstranten werden bei den Protesten gegen den geplanten Bundesparteitag der AfD im April in K\u00f6ln erwartet. Im Zentrum der Kritik steht derzeit das Maritim Hotel, das der Partei ihre R\u00e4ume vermietet.<!--more--><\/p>\n<p><em>Von Roland Kaufhold<\/em><\/p>\n<p>K\u00f6ln war noch nie ein gutes Pflaster f\u00fcr Rechtsextreme und Rassisten \u2013 und doch haben sie es immer wieder versucht. Im November 1992, nach den rassistischen \u00dcbergriffen in M\u00f6lln, Solingen und Hoyerswerda, versammelten sich 100.000 Menschen gemeinsam mit K\u00f6lns geeinter Musikerszene unter dem k\u00f6lschen Motto Arsch huh, Z\u00e4ng ussenander, um gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus zu protestieren. In K\u00f6lns Partnerstadt Tel Aviv wurden diese eindr\u00fccklichen Zeichen mit Sympathie und Erleichterung wahrgenommen. Im September 2008 gab es eine Neuauflage, als die K\u00f6lner \u201ezeitgen\u00f6ssische Variante des Nationalsozialismus\u201c und Antisemitismus (Ralph Giordano) ihren \u201eAnti-Islamisierungs-Kongress\u201c ank\u00fcndigte: Ganz K\u00f6ln stellte sich quer, Wirte und Hoteliers warfen die Rechtsextremisten raus, Taxifahrer weigerten sich, die Rechtspopulisten zu transportieren, Tausende blockierten die vorgesehene Marschroute. Nur etwa 100 Rechtsextreme versammelten sich am Heumarkt: Es war eine peinliche Lachnummer.<\/p>\n<p>Dieses breite b\u00fcrgerschaftliche und antifaschistische Engagement ist in K\u00f6ln wieder gefragt \u2013 und vieles deutet darauf hin, dass es sich zeigen wird. Der antidemokratische Gegner ist gleich geblieben, wenn er nun auch unter einem anderen Namen auftritt.<br \/>\nSeit den unertr\u00e4glichen Silvester\u00fcbergriffe 2015 versuchen verschiedene rechtsradikale Gruppierungen, K\u00f6ln zum Aufmarschbecken zu machen: Am 31.12.2016 hatten die NPD sowie die K\u00f6lner AfD Versammlungen auf der Domplatte angemeldet, was jedoch vom K\u00f6lner Polizeipr\u00e4sidenten verboten wurde.<\/p>\n<p>Anfang 2017 folgten an zwei Samstagen gleich zwei Demonstrationen offen militanter rechter Gruppierungen, darunter bekennende Nationalsozialisten, im Zentrum K\u00f6lns sowie in K\u00f6ln-Deutz. Es kamen nur 70 bzw. 110 Rechtsextremisten. Sie durften dennoch durch K\u00f6ln marschieren, besch\u00fctzt von 1000 und danach 1500 Polizisten. Die Proteste von K\u00f6ln gegen Rechts und K\u00f6ln stellt sich quer waren deutlich.<br \/>\nSo ist es kein Zufall, dass die AfD am 22. und 23. April ihren Bundesparteitag ausgerechnet in K\u00f6ln, und zwar am zentral gelegenen Maritim-Hotel durchf\u00fchren m\u00f6chte. Dies d\u00fcrfte auch als Retourkutsche f\u00fcr eine Blamage vom 29. Oktober 2016 gedacht sein: Das sehr rechte \u201eCompact-Magazin\u201c des Querfrontlers Els\u00e4sser hatte in den renommierten K\u00f6lner Sartory S\u00e4len eine gro\u00dfe Konferenz unter dem Titel \u201eF\u00fcr ein Europa der Vaterl\u00e4nder \u2013 Gegen Islamisierung und Fremdherrschaft\u201c angek\u00fcndigt. Auch Bj\u00f6rn H\u00f6cke sollte gemeinsam mit Vertreter der Identit\u00e4ren Bewegung und weiterer ausgewiesener sehr rechter Gruppierungen sprechen. Doch daraus wurde nichts: Der private Betreiber der Sartory S\u00e4le k\u00fcndigte den Vertrag, als er erkannte, wer sich hinter der unscheinbaren Anmeldung verbarg. Stattdessen feierten am 29.10.2016 1500 G\u00e4ste gemeinsam mit zahlreichen Musikern und K\u00fcnstlern unter der Moderation des K\u00f6lner Kabarettisten Fatih Cevikkollu in den S\u00e4len ein rauschendes Fest gegen Rechts.<\/p>\n<p>Der f\u00fcr das Wochenende 22.\/23. April angek\u00fcndigte Bundeskongress der AfD ruft nun schon elf Wochen vorher sehr massive Proteste eines gro\u00dfen Spektrums unterschiedlichster K\u00f6lner Gruppen hervor. Vieles spricht daf\u00fcr, dass die Proteste das Niveau des Jahre 1992 erreichen.<br \/>\nDer Sprecher des B\u00fcndnisses \u201eK\u00f6ln gegen Rechts\u201c, Reiner Krause, teilte mit, K\u00f6ln werde erneut zeigen, \u201edass eine Zusammenkunft von Rassisten, Rechtspopulisten und Rechtsextremisten hier nicht erw\u00fcnscht\u201c sei.<\/p>\n<p>Auf Einladung des B\u00fcndnisses \u201eK\u00f6ln gegen Rechts\u201c trafen sich Anfang Februar 100 Vertreter aus 40 antifaschistischen und antirassistischen bundesweiten Organisationen, um den Protest gegen den angek\u00fcndigten AfD Parteitag zu organisieren. Am 22. April sollen ab den fr\u00fchen Morgen mehrere Tausend Menschen den AfD-Parteitag blockieren. Weiterhin ist ab dem Heumarkt eine Gro\u00dfkundgebung quer durch das Zentrum der Stadt geplant. Und ab M\u00e4rz wird es unter dem Motto \u201eSolidarit\u00e4t statt Hetze. Der AfD die Show stehlen!\u201c eine Kampagne gegen die Maritim-Kette und Mahnwachen vor dem K\u00f6lner Maritim-Hotel geben, da diese Hotelkette bereits in mehreren St\u00e4dten ihre S\u00e4le f\u00fcr AfD-Veranstaltungen zur Verf\u00fcgung gestellt habe.<\/p>\n<p>In einer Online-Petition des Bundesverbandes Information und Beratung f\u00fcr NS-Opfer haben bisher \u00fcber 2000 Menschen die Maritim Hotelgesellschaft aufgefordert, ihre Zusage zur\u00fcck zu ziehen und \u201edieser Partei keinen Ort mehr f\u00fcr ihre menschenverachtende Hetze zu geben.\u201c<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-23106\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2017\/02\/16649061_10154815492301368_7945327593125866004_n.jpg\" alt=\"\" width=\"253\" height=\"357\" \/>Doch die Proteste insbesondere gegen das Maritim-Hotel ziehen immer weitere Kreise: Am 7. Februar k\u00fcndigten zahlreiche renommierte K\u00f6lner Musiker und Karnevalisten, darunter Bl\u00e4ck F\u00f6\u00f6ss, H\u00f6hner, Brings, Paveier, Kasalla, Milj\u00f6, Querbeat, Bj\u00f6rn Heuser, und Cat Ballou sowie Redner wie Bernd Stelter und Marc Metzger in einem offenen Brief dazu auf, das Maritim Hotel &#8211; in dem traditionell und schon seit Tagen nahezu t\u00e4glich Karnevalsveranstaltungen stattfinden &#8211; zu boykottieren, wenn das Hotel den Vertrag nicht k\u00fcndige. In einer gemeinsamen, sehr scharf formulierten Presseerkl\u00e4rung teilten die K\u00f6lner Musik- und Karnevalsgr\u00f6\u00dfen mit: \u201eDer Moment ist gekommen, an dem alle der Stadt K\u00f6ln verbundenen Menschen fest geschlossen und Arm in Arm dagegen protestieren, dass unsere Stadt im April zur B\u00fchne f\u00fcr die AfD im K\u00f6lner MARITIM Hotel\u201c werde. Nachdem \u201eeines der prominentesten Gesichter dieser Partei, Bj\u00f6rn H\u00f6cke, in infamer und unertr\u00e4glicher Weise das Erinnern an einen der grausigsten V\u00f6lkermorde beschmutzt und herabgew\u00fcrdigt hat\u201c sei die AfD \u201etrotz vieler Worte und Pseudoemp\u00f6rung nicht bereit, die logische Konsequenz zu ziehen und dieses Mitglied aus der Partei auszuschlie\u00dfen.\u201c Dies lasse \u201eR\u00fcckschl\u00fcsse auf den inneren Geist sowie die gef\u00e4hrliche und demagogische Ausrichtung dieser Partei\u201c zu. Sie alle \u2013 K\u00f6lner \u201eMusiker, Redner, Karnevalsvereine, Tanzgruppen und Techniker\u201c \u2013 w\u00e4ren nicht bereit hinzunehmen, \u201edass in K\u00fcrze der AfD und Bj\u00f6rn H\u00f6cke auf eben diesen Brettern der MARITIM-B\u00fchne Gelegenheit gegeben werden soll, einer menschenverachtenden Gesinnung Geh\u00f6r zu verschaffen. Diese Vorstellung bereitet uns tiefes Unbehagen!\u201c K\u00f6ln stehe f\u00fcr \u201eWeltoffenheit, Toleranz und nicht zuletzt N\u00e4chstenliebe.\u201c Sie wollten gemeinsam ein Zeichen gegen die \u201eSpaltung unserer sch\u00fctzenswerten Gesellschaft\u201c setzen<\/p>\n<p>Dem Aufruf haben sich nun immer weitere K\u00f6lner Musik- und Karnevalsgr\u00f6\u00dfen angeschlossen, darunter auch das Festkomitee K\u00f6lner Karneval und die Roten Funken. Der Pr\u00e4sident der Roten Funken, Heinz-G\u00fcnther Hunold, betonte gegen\u00fcber dem K\u00f6lner Stadt Anzeiger, die AfD habe einen weiteren deutlichen Ruck nach rechts gemacht: \u201eDa muss man mit aller Entschiedenheit aufschreien und sich wehren\u201c, f\u00fcgte er hinzu. Das Maritim m\u00fcsse den Vertrag k\u00fcndigen, so wie dies im November bereits die Familie Sartory gemacht habe. Konkret schlug der Rote Funken Pr\u00e4sident vor, dass der Karneval den Termin \u00fcbernehmen und dort statt eines sehr rechten Kongresses ein rauschendes \u201eFest der Kulturen\u201c feiern werde. Dar\u00fcber sei er auch mit allen anderen Korps im Gespr\u00e4ch. Hans-Georg Haumann, Pr\u00e4sident der Ehrengarde, f\u00fcgte hinzu: \u201eAuch die Ehrengarde ist auf demokratischen und liberalen Werten aufgebaut. Wir sind ersch\u00fcttert \u00fcber den Inhalt des H\u00f6cke-Zitats und dessen Dimensionen.\u201c Vor diesem Hintergrund solle man ernsthaft \u00fcberlegen, ob eine AfD in dem Saal, in dem \u201ewenige Wochen vorher die Grundwerte der Freiheit und Menschlichkeit gefeiert wurden, ihren Parteitag abhalten\u201c d\u00fcrfe. Die K\u00f6lner Tanzkorps zeigten sich \u201efassungslos \u00fcber die Aussagen von Bj\u00f6rn H\u00f6cke zum Holocaust-Mahnmal. Und Christian Bl\u00fcm und Peter Brings bezeichneten es unertr\u00e4glich, dass der Parteitag in K\u00f6ln auf einer B\u00fchnen stattfinde, in denen sie spielten und feierten. H\u00f6ckes Ausf\u00e4lle seien ein Tabubruch und d\u00fcrften nicht hingenommen werden. \u201eWenn einer ausunseren Reihen das getan h\u00e4tte der h\u00e4tte gehen m\u00fcssen\u201c, f\u00fcgte Peter Brings hinzu.<\/p>\n<p>B\u00f6mmel L\u00fcckerath, Gittarist der hoch angesehenen Bl\u00e4ck F\u00f6\u00f6ss, bezeichnete es im Express als \u201eunertr\u00e4glich, dass eine sogenannte demokratische Partei solch widerliche, schamlose, ungeheuerliche \u00c4u\u00dferungen eines ihrer f\u00fchrenden Mitglieder ungeahndet\u201c lasse. Das habe \u201enichts mehr mit freier Meinungs\u00e4u\u00dferung zu tun\u201c, das sei \u201eschlicht Geschichtsverleugnung, -f\u00e4lschung\u201c und komme \u201eder Holocaustleugung gleich.\u201c Und Sven Welter von Kasalla wandte sich dagegen, dass die \u201etragischen Ereignissen der Silvesternacht\u201c, als Podium genutzt werden, \u201eum populistische Nichtl\u00f6sungen zu propagieren und \u00c4ngste zu sch\u00fcren\u201c. Die \u201eschreiet danach aufzustehen, sich zu wehren und unsere liberale und offene Art zu leben zu verteidigen.\u201c<\/p>\n<p>Auch zahlreiche K\u00f6lner Politiker insbesondere von den Gr\u00fcnen und der SPD schlossen sich dem Vorschlag an, dass das Maritim den Vertrag mit der AfD k\u00fcndigen m\u00fcsse. Die AfD reagierte auf die angek\u00fcndigten Proteste wenig souver\u00e4n: Beatrix von Storch, stellvertretende Bundespressesprecherin der AfD, die in ihren Auftritten stets ihr heiteres Gem\u00fct zeigt, bezeichnete die engagierten K\u00f6lner Karnevalisten in einem Twitter als \u201eerb\u00e4rmliche Gutmenschenfanatiker\u201c. Die NRW-AfD unter Petrys Lebensgef\u00e4hrten Pretzell lieferte auf Facebook eine Steilvorlage f\u00fcr eine B\u00fcttenrede, indem sie fragte, ob \u201eder Karneval zum Fall f\u00fcr den Verfassungsschutz\u201c werde und bezeichnete die Protestierer und Karnevalisten als \u201eAntidemokraten\u201c und als \u201eeine Schande f\u00fcr K\u00f6ln und Deutschland\u201c. Und der K\u00f6lner Kreisverband der AfD postete in feinster Politiksprache: \u201eAch herrje, uns schlottern die Knie! Mal sehen, wie \u201ebunt\u201c und \u201eweltoffen\u201c sich der aggressive schwarze Block diesmal verh\u00e4lt.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Karnevalisten, \u00fcber Musiker und Politiker, bis hin zu Antifa-Gruppen. Zehntausende Gegendemonstranten werden bei den Protesten gegen den geplanten Bundesparteitag der AfD im April in K\u00f6ln erwartet. 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