{"id":23150,"date":"2017-02-26T11:14:47","date_gmt":"2017-02-26T10:14:47","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/?p=23150"},"modified":"2017-02-27T17:36:55","modified_gmt":"2017-02-27T16:36:55","slug":"deutsche-neonazis-bei-aufmarsch-in-bulgarien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2017\/02\/26\/deutsche-neonazis-bei-aufmarsch-in-bulgarien_23150","title":{"rendered":"Deutsche Neonazis bei Aufmarsch in Bulgarien"},"content":{"rendered":"<p><figure id=\"attachment_23154\" aria-describedby=\"caption-attachment-23154\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-23154\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2017\/02\/32853357221_71c153f426_z.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"409\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2017\/02\/32853357221_71c153f426_z.jpg 640w, https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2017\/02\/32853357221_71c153f426_z-620x396.jpg 620w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-23154\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Marian Ramaswamy<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Es ist kurz vor 17 Uhr: Der sonst von Touristen und Hundebesitzern belebte Bulgaria Square ist wie leergefegt. Nur wenige Menschen sind an diesem Tag unterwegs. Einerseits, weil die Wolkendecke grau und tr\u00fcb und andererseits, weil vor dem National Palace of Culture am Nachmittag der Startpunkt einer neonazistischen Demonstration ist.<!--more--><\/p>\n<p><em>Von Mikkel Hansen und Marian Ramaswamy<\/em><\/p>\n<p>An jedem Zugang zum Square stehen einzelne Polizeigr\u00fcppchen. W\u00e4hrend die wenigen Tourist*innen den Platz bestaunen und nur wenige Spazierg\u00e4nger mit ihren Hunden \u00fcber den Platz schlendern, kommt eine etwa 60-k\u00f6pfige Gruppe gr\u00f6lend auf den Square. \u00dcberwiegend M\u00e4nner. Dabei haben sie eine \u00fcberdimensionale Fahne mit dem Portr\u00e4t von Hristo Nikolov Lukov. In Begleitung von nur sieben Polizisten wird die skandierende Horde &#8211; unter ihnen Hooligans des Fu\u00dfballvereins von CSKA Sofia &#8211; \u00fcber den Platz zum Startpunkt der Veranstaltung gef\u00fchrt. Da es noch mehr als 40 Minuten bis zum Auftakt sind, zerstreut sich die Gruppe in verschiedene Richtungen. Unbehelligt bewegen sich die Kleingruppen \u00fcber den Platz.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_23153\" aria-describedby=\"caption-attachment-23153\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-23153\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2017\/02\/32853291021_f58ee1c022_z.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"427\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2017\/02\/32853291021_f58ee1c022_z.jpg 640w, https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2017\/02\/32853291021_f58ee1c022_z-620x414.jpg 620w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-23153\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Marian Ramaswamy<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>17:10 Uhr: Nach und nach treffen Demonstrationsteilnehmer am Startpunkt ein. Eine Veranstaltung im Gedenken an Hristo Lukov. Der Generalleutnant und F\u00fchrer der Partei \u201eUnion der bulgarischen Nationalen Legionen\u201c, der w\u00e4hrend des ersten Weltkriegs aufstieg, kollaborierte w\u00e4hrend des zweiten Weltkriegs mit dem deutschen Faschismus. Am 13. Februar 1943 wurde Lukov von Ivan Burudzhiev und Violeta Yakova, zwei kommunistischen Partisanen, erschossen. Die bulgarische extreme Rechte stilisiert Lukow zum \u201eKriegshelden\u201c und zum Opfer einer vermeintlich j\u00fcdischen Verschw\u00f6rung: Ausdruck des antisemitischen Inhalts des seit 2003 stattfindenden Lukov-Marschs.<\/p>\n<p>Veranstalterin des Gedenkes ist die nationalsozialistische ultranationalistische Partei \u201eBulgarian National Union\u201c (BNU). Am Marsch beteiligt sich neben deutschen und polnischen Rechtsextremen auch das neofaschistische \u201eNordic Resistance Movement\u201c aus Skandinavien. Auch lokale extreme Strukturen wie der bulgarische \u201eNational Resistance\u201c nehmen an der Veranstaltung teil. Anh\u00e4nger des \u201eNational Resistance\u201c sind immer wieder an Anschl\u00e4gen und Angriffen auf Homosexuelle, Linke und Roma beteiligt. Im Jahre 2013 versuchte die Neonazi-Gruppe mit dem militanten Netzwerk \u201eBlood &amp; Honour\u201c und Ultras die Partei \u201eNationalistische Partei Bulgariens&#8220; zu gr\u00fcnden.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_23152\" aria-describedby=\"caption-attachment-23152\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-23152\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2017\/02\/32823618412_0e8e634e5b_z.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"427\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2017\/02\/32823618412_0e8e634e5b_z.jpg 640w, https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2017\/02\/32823618412_0e8e634e5b_z-620x414.jpg 620w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-23152\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Marian Ramaswamy<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Die Hauptorganisatoren des Lukov-Marsches sind Andronov Zvezdomir und Plamen Dimitrov &#8211; beide BNU. Dimitrov pflegt internationale Kontakte. Beispielsweise trat er am 04. Juni 2016 beim \u201eTag der deutschen Zukunft\u201c in Dortmund auf. Auf der Veranstaltung, welche haupts\u00e4chlich von \u201eDie Rechte Dortmund\u201c organisiert wurde, warb er f\u00fcr den Lukov-Marsch 2017. Die deutsche \u00dcbersetzung der auf Bulgarisch gehaltenen Rede verlas Matthias Deyda, der auch auf dem diesj\u00e4hrigen Lukov-Marsch als Redner ein Gru\u00dfwort der Partei \u201eDie Rechte\u201c hielt. Dies belegt die enge Zusammenarbeit zwischen den beiden extrem rechten Parteien BNU und \u201eDie Rechte Dortmund\u201c. So reisten, wie in den vergangenen Jahren, mehrere Neonazis der deutschen Kleinpartei in die bulgarische Hauptstadt. Neben Vertretern von \u201eDie Rechte\u201c nahm auch eine Delegation der rechtsextremen Partei \u201eDer III. Weg\u201c um den Vorsitzenden Klaus Armstroff teil. Zudem war die langj\u00e4hrige Neonazi-Aktivistin und selbsternannte F\u00fchrerin der \u201eIdentit\u00e4ren Aktion\u201c, Melanie Dittmer, in Sofia vor Ort.<\/p>\n<p>Sowohl Dittmer als auch Anh\u00e4nger der Partei \u201eDie Rechte\u201c reisten nicht nur f\u00fcr den Lukov-Marsch nach Sofia. Sie nahmen mit weiteren internationalen Neonazis an der Kundgebung des BNU am Freitag vor dem Haus des Gemeinderates teil. Rund 30 extrem Rechte protestierten gegen den Versuch des B\u00fcrgermeisters, den Aufmarsch zu verbieten bzw. einzuschr\u00e4nken.<\/p>\n<p>Wenige Minuten nach 18:30 Uhr: Einheiten der Polizei ziehen sich auf dem Platz zusammen und bilden die ersten Meter ein Spalier. Die Teilnehmer der Veranstaltung stellen sich in Reih und Glied auf. In paramilit\u00e4rischem Charakter und mit Kommandos wird die genau geplante Aufstellung von den Ordnern formiert und durchgesetzt. Vorneweg eine Frau mit dem Portr\u00e4t des zu gedenkenden \u201eHelden\u201c Lukov. Daran anschlie\u00dfend die verschiedenen Bl\u00f6cke: Nationale Garde, internationaler und der nationale Block. Start der Demonstration: Vom Platz geht es zur Vasil Levski Stra\u00dfe. Zu Beginn der Stra\u00dfe h\u00e4lt die Polizei den Marsch auf und teilt den Demonstrationszug von etwa 800 Teilnehmenden in mehrere Bl\u00f6cke ein. Mit dem Einsatzkonzept soll augenscheinlich Ausschreitungen vorgebeugt werden. Denn Kleingruppen sind leichter unter Kontrolle zu halten als eine gro\u00dfe Masse. Nach der Einteilung geht es im gr\u00f6\u00dferen Abstand f\u00fcr die einzelnen Bl\u00f6cke etwas mehr als einen Kilometer \u00fcber die abgesperrte und leere Vasil Levski Stra\u00dfe. Lediglich Buse befahren noch die Stra\u00dfen. Die nur sp\u00e4rliche Stra\u00dfenbeleuchtung verleiht dem Aufmarsch eine gespenstische Atmosph\u00e4re.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_23151\" aria-describedby=\"caption-attachment-23151\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-23151\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2017\/02\/32134320474_6b98c7bb33_z.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"427\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2017\/02\/32134320474_6b98c7bb33_z.jpg 640w, https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2017\/02\/32134320474_6b98c7bb33_z-620x414.jpg 620w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-23151\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Marian Ramaswamy<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Erneut ein Stopp. Mehr als eine halbe Stunde, weil die Bl\u00f6cke wieder zusammengef\u00fchrt werden. Der gesamte Demonstrationszug zieht gemeinsam nach langem Warten weiter zum Vasil Levski Square. Dort steht auf einer Verkehrsinsel das Denkmal f\u00fcr den Separatisten Vasil Levski. Teile der Demonstrationsspitze legen am Fu\u00dfe des Monuments bunte Blumen und Kr\u00e4nze nieder. Die anderen Teilnehmenden entz\u00fcnden zeitgleich Fackeln und einige Bengalische Lichter. Obwohl Levski f\u00fcr eine demokratische Republik stand, erinnern die Rechtsextremen an ihn. Ein Versuch, an den gesellschaftlichen Diskurs um den Nationalhelden Levski anzukn\u00fcpfen und das nationalstaatliche Gedenken f\u00fcr sich zu instrumentalisieren. So soll auch das Gedenken an den Antisemiten Lukow gesellschaftsf\u00e4hig werden.<\/p>\n<p>Nach der Zwischenkundgebung zieht der Fackelmarsch zum ehemaligen Haus von Lukov, welches auch gleichzeitig der Ort des Attentats war. Zum Abschluss werden mehrere Redebeitr\u00e4ge gehalten. Gegen 21 Uhr endet die Veranstaltung.<\/p>\n<p>Widerstand suchte man an diesem Tag fast vergeblich: Nur ein Transparent von Studierenden h\u00e4ngt am Universit\u00e4tsgeb\u00e4ude, am Rande der Route. Zu lesen ist \u201eLukow ist tot. Seine Ideen auch! FCK NZS\u201c. Eine Gegendemonstration gegen den Lukow-Marsch fand bereits am Sonntag, 12.02.2017, statt. Grund f\u00fcr die vorzeitige Demonstration ist die starke Gef\u00e4hrdung f\u00fcr den antifaschistischen Protest durch die hunderten Neonazis und der Unwillen der Stadt eine antifaschistische Demonstration an diesem Tag zu genehmigen. An der diesj\u00e4hrigen Demonstration beteiligten sich etwa 400 Menschen. Mehr als in den letzten Jahren. Ein Antifaschist aus Bulgarien zeigt sich dennoch entt\u00e4uscht; insbesondere \u00fcber die Beteiligung aus Deutschland. Denn trotz einer Mobilisierungstour der Gruppe \u201eAntifa Bulgarien\u201c kamen nur wenige Antifaschisten aus Deutschland zu den Aktionen nach Sofia.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist kurz vor 17 Uhr: Der sonst von Touristen und Hundebesitzern belebte Bulgaria Square ist wie leergefegt. Nur wenige Menschen sind an diesem Tag unterwegs. 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