{"id":24673,"date":"2017-08-11T17:03:35","date_gmt":"2017-08-11T15:03:35","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/?p=24673"},"modified":"2017-08-11T17:04:03","modified_gmt":"2017-08-11T15:04:03","slug":"berlin-prozess-als-rueckblick-in-die-zeiten-der-angst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2017\/08\/11\/berlin-prozess-als-rueckblick-in-die-zeiten-der-angst_24673","title":{"rendered":"Berlin: Prozess als R\u00fcckblick in die Zeiten der Angst"},"content":{"rendered":"<p><figure id=\"attachment_24674\" aria-describedby=\"caption-attachment-24674\" style=\"width: 620px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-24674\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2017\/08\/15-09-09-Kundgebung-Glambecker-Ring_Alex-Stifte-620x414.jpg\" alt=\"\" width=\"620\" height=\"414\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2017\/08\/15-09-09-Kundgebung-Glambecker-Ring_Alex-Stifte-620x414.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2017\/08\/15-09-09-Kundgebung-Glambecker-Ring_Alex-Stifte-768x512.jpg 768w, https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2017\/08\/15-09-09-Kundgebung-Glambecker-Ring_Alex-Stifte.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-24674\" class=\"wp-caption-text\">Extrem rechte Kundgebung am 9. September 2015 \u00a9 Alex Stifte<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Am Strafgericht in Berlin-Moabit l\u00e4uft derzeit ein Prozess gegen einen Berliner Neonazi, dem vorgeworfen wird, gemeinsam mit weiteren Personen im Herbst 2015 ehrenamtliche Fl\u00fcchtlingshelfer in Berlin-Marzahn verfolgt und bedroht zu haben. W\u00e4hrend die Betroffenen im Gerichtssaal eindr\u00fccklich schildern, sie h\u00e4tten einen Prozess aus Angst gerne vermieden, sind als Entlastungszeugen vor allem Neonazis geladen.<!--more--><\/p>\n<p>Von Vera Hen\u00dfler<\/p>\n<blockquote><p>\u201eGegen 19:30 Uhr versammeln sich immer mehr Neonazis direkt vor der Notunterkunft am Glambecker Ring. Als gegen 20:00 Uhr die ersten Busse mit Gefl\u00fcchteten ankommen, versuchen die Neonazis sich in den Weg zu stellen, schreien \u201eAsylanten raus\u201c und andere rassistische Sprechch\u00f6re. Sie versuchen immer wieder gegen die Gefl\u00fcchteten und solidarische Anwohner_innen vor der Notunterkunft vorzugehen. Die Polizei hat die Situation zeitweise nicht unter Kontrolle und kann die Neonazis nur knapp davon abhalten, Menschen anzugreifen. Die rechte Gruppe auf dem Gehweg bleibt dort und w\u00e4chst im Laufe des Abends auf knapp 40 Personen, wobei ein Teil stark alkoholisiert ist.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Die <a href=\"http:\/\/www.berliner-register.de\/vorfall\/marzahn-hellersdorf\/naziangriffe-bei-ankunft-von-gefl%C3%BCchteten-glambecker-ring\/3073\">kurze Notiz \u00fcber den Abend des 9. September 2015 ist dem Register Marzahn-Hellersdorf<\/a> zu entnehmen, das rechte und rassistische Vorf\u00e4lle im Bezirk dokumentiert. Es ist die Hochzeit der fl\u00fcchtlingsfeindlichen Mobilisierungen, als im Bezirk die ersten Fl\u00fcchtlinge eine neue Notunterkunft beziehen. Die Ausschreitungen im s\u00e4chsischen Heidenau sind keinen Monat her.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_24675\" aria-describedby=\"caption-attachment-24675\" style=\"width: 620px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-24675\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2017\/08\/15-09-09-Glambecker-RingII_Alex-Stifte-620x414.jpg\" alt=\"\" width=\"620\" height=\"414\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2017\/08\/15-09-09-Glambecker-RingII_Alex-Stifte-620x414.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2017\/08\/15-09-09-Glambecker-RingII_Alex-Stifte-768x512.jpg 768w, https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2017\/08\/15-09-09-Glambecker-RingII_Alex-Stifte.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-24675\" class=\"wp-caption-text\">Extrem rechte Kundgebung am 9. September 2015 \u00a9 Alex Stifte<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Vor der Unterkunft am Glambecker Ring in Marzahn versammeln sich schon am Nachmittag des 9. September 2015 einige Dutzend Personen rund um den Neonazi Ren\u00e9 Uttke zu einer Kundgebung. Auf einem Transparent ist in gro\u00dfen Lettern zu lesen: \u201eWegducken ist nicht. Stoppt mit uns den Genozid am deutschen Volk.\u201c In der Unterkunft helfen etliche Unterst\u00fctzer dabei, die Ankunft der Gefl\u00fcchteten vorzubereiten. Als drei von ihnen, davon zwei noch minderj\u00e4hrig, an diesem Abend gegen 21:30 Uhr die Unterkunft verlassen, werden sie von einer Gruppe Neonazis verfolgt und bedroht. Nun, zwei Jahre sp\u00e4ter, steht ein lokaler Neonazi deswegen vor Gericht. Er habe den Betroffenen mit einer Handbewegung den \u201eTod durch Erschie\u00dfen\u201c angedroht. F\u00fcr Engagierte aus dem Bezirk ist Patrick Kr\u00fcger kein Unbekannter. Als im Herbst 2014 in Marzahn bis zu tausend Neonazis, Hooligans und politisch unorganisierte Anwohner gegen die Unterbringung von Gefl\u00fcchteten auf die Stra\u00dfe gingen, war der heute 41-j\u00e4hrige Kr\u00fcger stellvertretender Landesvorsitzender der neonazistischen Kleinstpartei \u201eDie Rechte\u201c und einer der zentralen Akteure gegen die Aufnahme von Gefl\u00fcchteten im Bezirk. Auch vor Gericht macht Kr\u00fcger aus seinen politischen Ansichten keinen Hehl. Auf seinem in schwarz, wei\u00df, rot gehaltenen T-Shirt prangt vorne der Slogan \u201eEin System, das Zeichen und Worte verbietet, ist eine Diktatur\u201c und \u201eDer Freiheitskampf ist national\u201c. Eine Faust zerschl\u00e4gt die Paragraphen 130 (Volksverhetzung) und 86a (Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen). Kr\u00fcger ist der einzige Angeklagte. Weitere Teilnehmer der Neonazikundgebung, darunter auch der Anmelder Uttke, sind hingegen als Entlastungszeugen geladen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Angeklagte am ersten Verhandlungstag am 7. August schweigt, gibt sich ein weiterer Teilnehmer der neonazistischen Kundgebung von jenem Nachmittag im Zeugenstand \u00e4u\u00dferst wortkarg. Er habe Kr\u00fcger, den er vom Wandern kenne, an diesem Tag zuf\u00e4llig vor der Unterkunft getroffen. Sie h\u00e4tten nicht gewusst, dass die Unterkunft an diesem Tag bezogen w\u00fcrde. Auf die Nachfrage des Richters, wie er dazu stehe, dass dort Fl\u00fcchtlinge einzogen, \u00e4u\u00dfert der Zeuge: \u201eDas m\u00f6chte ich jetzt nicht kommentieren.\u201c Der Richter hakt nach. \u201eNeutral\u201c, lautet schlie\u00dflich die wenig glaubw\u00fcrdige Antwort. Dass der Zeuge am gleichen Tag an der Kundgebung gegen die Unterkunft teilgenommen hat, kommt nicht zur Sprache.<\/p>\n<p>Die drei, die von der Neonazigruppe verfolgt wurden, schildern die Ereignisse vor Gericht so: Auf dem Nachhauseweg bemerkten sie eine johlende Gruppe von sechs bis sieben M\u00e4nnern hinter sich. Darunter habe sich neben Kr\u00fcger auch der Anmelder der Kundgebung vom Nachmittag, Ren\u00e9 Uttke, befunden. Die Verfolger beschleunigten ihr Tempo bedrohlich, mehrere zogen sich ihre Pullover vor\u2018s Gesicht. Die drei beschleunigten ebenfalls. Letztlich rannten sie. Als sie mit der Polizei telefonierten, wurden die zwei Frauen aus der Gruppe umstellt. Zu diesem Zeitpunkt erschien ein Bus mit Fl\u00fcchtlingen an der Kreuzung. Die Verfolger um Kr\u00fcger habe daraufhin von der Gruppe abgelassen und den Bus unter \u201eSchei\u00df Ausl\u00e4nder\u201c-Rufen mit Flaschen beworfen. Die drei fl\u00fcchteten indessen in ein Wohnhaus. Als Kr\u00fcger die drei im Hausflur nach dem Angriff auf den Bus bemerkte, habe er vor der gl\u00e4sernen T\u00fcr eine Geste gemacht, als w\u00fcrde er die Kehle durchschneiden. Daran anschlie\u00dfend habe er mit der Hand auf die Gruppe gezielt, wie mit einer Pistole. \u201eIch dachte, er will uns erschie\u00dfen\u201c, erinnert sich eine der Betroffenen vor Gericht. Dann zogen die Angreifer ab.<\/p>\n<p>Sowohl der Richter als auch der Rechtsanwalt des Angeklagten zeigen sich w\u00e4hrend der Schilderungen irritiert, da aus den bisherigen Unterlagen kein Angriff auf einen Bus hervorgeht. Immer wieder kommen sie in ihren Fragen darauf zur\u00fcck. Warum haben die Zeugen den Angriff auf den Bus im Gespr\u00e4ch mit der Polizei unmittelbar nach der Situation verschwiegen? Das w\u00e4re ja schon ein schwerwiegender Vorfall. Insbesondere die Verteidigung Kr\u00fcgers bohrt nach: \u201eHaben Sie in der Zeitung gelesen, dass ein Bus mit Fl\u00fcchtlingen angegriffen worden sein soll?\u201c Die unterschwellige Unterstellung, die Geschichte sei erfunden, schwingt allzu deutlich mit. Alle drei erkl\u00e4ren, dass sie nicht gewollt h\u00e4tten, dass es zum Prozess kommt, um die Situation, hier vor Gericht aussagen zu m\u00fcssen, zu vermeiden. Ihre Aussage an dem Abend sei deswegen nur wenig detailliert gewesen. Aus dem gleichen Grund h\u00e4tten sie auch keine Anzeige erstattet. Aus Angst. Bis heute. Der Rechtsanwalt des Angeklagten hakt nach: \u201eWarum haben sie solche Angst vor Kr\u00fcger?\u201c \u201eWeil ich Angst habe\u201c, kommt als prompte Antwort.<\/p>\n<p>Es ist nicht der einzige Vorfall rund um den 9. September. Erst in der Nacht zuvor hatten Unbekannte eine brennende Fackel auf das Gel\u00e4nde der Fl\u00fcchtlingsunterkunft am Glambecker Ring geworfen. Am 13. September versuchte sich eine Gruppe mitten in der Nacht Zugang zur Unterkunft zu verschaffen. Aus der Gruppe heraus wurde eine Flasche in Richtung des Sicherheitspersonals geworfen.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Bereits Anfang Juli 2015 fanden Engagierte der Initiative \u201eHellersdorf hilft\u201c vor ihren R\u00e4umlichkeiten, dem LaLoka, f\u00fcnf scharfe Patronenh\u00fclsen. Wenige Tage zuvor hatte Ren\u00e9 Uttke am Rande einer Kundgebung mit seinen <a href=\"https:\/\/www.taz.de\/!5313130\">Fingern symbolische Pistolensch\u00fc\u00dfe auf Vertreter der Initiative abgegeben<\/a>. Im Prozess spielt diese Gesamtsituation in jenen Tagen jedoch keine Rolle. Angst l\u00e4sst sich nicht rationalisieren. Die Aussagen der Betroffenen sind eindrucksvolle Beispiele daf\u00fcr, wie die neonazistische Stimmungsmache zu dieser Zeit die Situation von Gefl\u00fcchteten und ihren Unterst\u00fctzern gepr\u00e4gt hat und teilweise auch noch bis heute pr\u00e4gt. H\u00f6rt man sich im Bezirk um, zum Beispiel beim Antirassistischen Register der Alice-Salomon-Hochschule, hei\u00dft es, es habe noch weitere Vorf\u00e4lle gegeben, auch Vorf\u00e4lle, bei denen Neonazis Personen mit Waffen bedrohten. Angezeigt wurde allerdings kaum etwas. \u201eDie Angst, selbst in den Fokus der Neonazis zu geraten, ist zu gro\u00df, die \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit und der juristische Verfolgungsdruck zu gering\u201c, sagt Elyas Maron von der Registerstelle.<\/p>\n<p>Mittlerweile ist die Unterkunft geschlossen. Nach der Schlie\u00dfung wurde das Geb\u00e4ude erneut besch\u00e4digt. Anwohner machen Neonazis daf\u00fcr verantwortlich, die eine Neubelegung dadurch verhindern wollten. Der Prozess wird in der kommenden Woche mit der Anh\u00f6rung von f\u00fcnf weiteren Entlastungszeugen fortgesetzt.<\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a>Die Vorf\u00e4lle sind entnommen: www.berliner-register.de bzw. Abgeordnetenhaus Berlin, Schriftliche Anfrage von Hakan Tas vom 19.August 2016, \u201ePolitisch motivierte Gewalt von rechts und ihre Dokumentation im Jahr 2015\u201c Drucksache 17\/19004<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Strafgericht in Berlin-Moabit l\u00e4uft derzeit ein Prozess gegen einen Berliner Neonazi, dem vorgeworfen wird, gemeinsam mit weiteren Personen im Herbst 2015 ehrenamtliche Fl\u00fcchtlingshelfer in Berlin-Marzahn verfolgt und bedroht zu haben. 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