{"id":26656,"date":"2018-06-22T15:21:48","date_gmt":"2018-06-22T13:21:48","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/?p=26656"},"modified":"2018-06-22T18:18:21","modified_gmt":"2018-06-22T16:18:21","slug":"freibrief-fuer-nazi-propaganda","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2018\/06\/22\/freibrief-fuer-nazi-propaganda_26656","title":{"rendered":"Freibrief f\u00fcr Nazipropaganda"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ein Gericht spricht den Betreiber des Rechtsrock-Labels Oldschool Records frei. Damit d\u00fcrften sich Rechtsextreme k\u00fcnftig sicher f\u00fchlen, wenn sie ihre Propaganda verbreiten.<\/strong><\/p>\n<p>\ufffc<em>Ein Kommentar von Sebastian Lipp<\/em><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_26657\" aria-describedby=\"caption-attachment-26657\" style=\"width: 1038px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-26657\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2018\/06\/20180417-Memmingen-Berufung-Oldschool-Records-Tag-1c.jpg\" width=\"1038\" height=\"576\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2018\/06\/20180417-Memmingen-Berufung-Oldschool-Records-Tag-1c.jpg 1038w, https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2018\/06\/20180417-Memmingen-Berufung-Oldschool-Records-Tag-1c-620x344.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2018\/06\/20180417-Memmingen-Berufung-Oldschool-Records-Tag-1c-768x426.jpg 768w, https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2018\/06\/20180417-Memmingen-Berufung-Oldschool-Records-Tag-1c-1024x568.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 1038px) 100vw, 1038px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-26657\" class=\"wp-caption-text\">&#8222;Es gibt kein Recht auf Nazipropaganda!&#8220;, skandieren Nazigegner zum Prozessauftakt gegen Oldschool Records am 17. April 2018 vor dem Landgericht Memmingen. \u00a9 Kelpp<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Es ist ein Freispruch erster G\u00fcte: Nach einer Anklage wegen Volksverhetzung erkl\u00e4rte das Landgericht von Memmingen im Allg\u00e4u den Betreiber des Neonazi-Musiklabels Oldschool Records, Benjamin Einsiedler, im Berufungsprozess nicht nur f\u00fcr unschuldig \u2013 die Richter sprachen dem Rechtsextremisten auch noch eine Entsch\u00e4digung f\u00fcr eine Hausdurchsuchung und die dabei beschlagnahmten Produkte zu. Das war vor vier Wochen. Nun best\u00e4tigte Staatsanwalt Thomas H\u00f6rmann: Seine Beh\u00f6rde will das Urteil per Revision am Oberlandesgericht in M\u00fcnchen kippen. Immerhin.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Denn das Landgericht hatte bereits ein fatales Signal gesendet: Die rechtsextreme Szene wird den Richterspruch als Freibrief und Anleitung f\u00fcr die straffreie Verbreitung von Neonazipropaganda auffassen.<\/p>\n<p><strong>&#8222;Neger und T\u00fcrken umlegen&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Zwar kommt es beim Urteil eines unabh\u00e4ngigen Gerichts nicht auf die Au\u00dfenwirkung, sondern einzig auf Recht und Gesetz an. Doch schaut man sich an, wie der Prozess gegen Oldschool Records zustande gekommen ist, keimen Zweifel auf, dass sich hier der Rechtsstaat durchgesetzt hat.<\/p>\n<p>Die Vorw\u00fcrfe jedenfalls waren drastisch: Eins der Lieder aus der Produktion von Oldschool Records enth\u00e4lt eine schwer verst\u00e4ndliche Textzeile, in der die Band Boots Brothers singt, sie wolle &#8222;Neger und die T\u00fcrken umlegen&#8220;. Dem Vorsitzenden Richter Herbert Krause zufolge sind diese Worte als &#8222;Beschreibung der Lebensart der Skinheads&#8220; zu werten. Daher k\u00f6nne er keine Aufforderung zur Gewalt erkennen, das w\u00e4re zu weit interpretiert \u2013 ansonsten m\u00fcssten auch Romane, die Straftaten beschreiben, justiziabel sein, erkl\u00e4rte er.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_26663\" aria-describedby=\"caption-attachment-26663\" style=\"width: 1038px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-26663\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2018\/06\/20180417-Memmingen-Berufung-Oldschool-Records-Tag-1b.jpg\" alt=\"Neonazi-Plattenproduzent Benjamin Einsiedler und sein Verteidiger Alexander Heinig.\" width=\"1038\" height=\"690\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2018\/06\/20180417-Memmingen-Berufung-Oldschool-Records-Tag-1b.jpg 1038w, https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2018\/06\/20180417-Memmingen-Berufung-Oldschool-Records-Tag-1b-620x412.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2018\/06\/20180417-Memmingen-Berufung-Oldschool-Records-Tag-1b-768x511.jpg 768w, https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2018\/06\/20180417-Memmingen-Berufung-Oldschool-Records-Tag-1b-1024x681.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 1038px) 100vw, 1038px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-26663\" class=\"wp-caption-text\">Neonaziplattenproduzent Benjamin Einsiedler und sein Verteidiger Alexander Heinig. \u00a9 Sebastian Lipp<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Die Geschichte des Verfahrens reicht bereits sechs Jahre zur\u00fcck. Damals erhielten Ermittler einen Hinweis auf einen Pullover mit <em>SS<\/em>-Totenkopf im Internetshop von Oldschool Records. Sie \u00fcberwachten die Kommunikation der Betreiber und <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2014\/11\/07\/razzia-gegen-bayerischen-neonazi-versand_17472\">durchsuchten mehr als ein halbes Dutzend Objekte<\/a>, die sie mit dem braunen Business in Verbindung brachten. Sie stellten 23.500 Tontr\u00e4ger, f\u00fcnf Terabyte Daten und Gegenst\u00e4nde wie Hakenkreuz-Textilien und Schlagst\u00f6cke sicher.<\/p>\n<p><strong>Wie die Staatsanwaltschaft sich vorf\u00fchren lie\u00df<\/strong><\/p>\n<p>Tagelang vernahmen Staatssch\u00fctzer Kunden des Shops, werteten CDs und andere Asservate aus, f\u00fcllten etliche Aktenordner. Mehr als 900 Einzelstraftaten, die die Polizisten m\u00fchsam zusammenstellten, fasste die Staatsanwaltschaft zu 89 Anklagepunkten zusammen \u2013 ein Versto\u00df gegen das Waffengesetz, der Rest wegen Propagandastraftaten. 2016 landete Benjamin Einsiedler, der zugleich als F\u00fchrungsfigur der gr\u00f6\u00dften Kameradschaft neonazistischer Skinheads in Bayern gilt, auf der Anklagebank des Amtsgerichts in Memmingen.<\/p>\n<p>Doch <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2016\/11\/07\/oldschool-records-rechtsrock-anwalt-fuehrt-staatsanwaltschaft-vor_22618\">die Staatsanwaltschaft lie\u00df sich vorf\u00fchren<\/a>. Einsiedler lie\u00df sich vertreten vom <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/inhalt.neonazi-szene-in-der-region-stuttgart-rechtsverteidiger.511b8bf6-d0b5-409b-a34a-076db724d028.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Szene-Verteidiger Alexander Heinig<\/a>, der einst selbst als Rechtsrocker auf der B\u00fchne stand und rassistische Parolen gr\u00f6lte. Der Anwalt war in seinem Element. Die Strafverfolgungsbeh\u00f6rde dagegen schien schlecht auf das Verfahren vorbereitet. Wegen argumentativer M\u00e4ngel verwarf die Staatsanwaltschaft Teile ihrer eigenen Anklageschrift zu Prozessbeginn gleich selbst und stimmte einer teilweisen Verfahrenseinstellung zu.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_22626\" aria-describedby=\"caption-attachment-22626\" style=\"width: 220px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-22626 size-thumbnail\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2016\/11\/heinigdroht-220x220.jpg\" alt=\"Verteidiger Heinig und der Angeklagte Einsiedler bei der ersten Verhandlung vor dem Amtsgericht Memmingen.\" width=\"220\" height=\"220\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-22626\" class=\"wp-caption-text\">Verteidiger Heinig und der Angeklagte Einsiedler bei der ersten Verhandlung vor dem Amtsgericht Memmingen. \u00a9 Sebastian Lipp<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Vor dem Amtsgericht wurde Einsiedler f\u00fcr nur sieben der 88 Anklagepunkte verurteilt und f\u00fcr einen Teil freigesprochen. Heinig ging gegen das Urteil in Berufung. Die Staatsanwaltschaft tat dasselbe.<\/p>\n<p><strong>Richter argumentiert mit Thesen von Rechtsradikalen<\/strong><\/p>\n<p>Aber auch jetzt am Landgericht machte die Staatsanwaltschaft keine bessere Figur. Als Richter Krause nach einer Begr\u00fcndung f\u00fcr ihre Berufung fragte, zog die Beh\u00f6rde das Rechtsmittel einfach zur\u00fcck \u2013 und lie\u00df sich schlie\u00dflich <a href=\"https:\/\/allgaeu-rechtsaussen.de\/2018\/05\/25\/oldschool-records-memmingen-freispruch-fuer-nazi-propaganda\/\">mit dem Freispruch abkanzeln<\/a>.<\/p>\n<p>Bemerkenswert daher auch die weiteren Begr\u00fcndungen des Gerichts: Im Prozess ging es auch um ein von Oldschool Records verkauftes Cover-Lied, dessen Original ein Funktion\u00e4r der Hitlerjugend geschrieben hatte. Das Werk habe zwar im Nationalsozialismus zum \u201ePflichtliederkanon\u201c geh\u00f6rt und sei auf zentralen Parteiveranstaltungen gesungen worden, aber nicht f\u00fcr Laien als verbotenes Kennzeichen zu erkennen, lie\u00df der Richter wissen. Ohne ein Gutachten lie\u00dfe sich nicht entscheiden, ob der Vertrieb legal sei \u2013 \u201ewie sollen es dann potentielle T\u00e4ter tun?\u201c, fragte Krause. Deshalb sei der Paragraph 86a, der das Verwenden solcher Kennzeichen unter Strafe stellt, selbst \u201eproblematisch\u201c, sagte er. Das Argument, mit dem Rechtsradikale aller Couleur gegen das Gesetz wettern, hatte Verteidiger Heinig in den Prozess eingef\u00fchrt.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_17473\" aria-describedby=\"caption-attachment-17473\" style=\"width: 580px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-17473\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2014\/11\/osrdurchsuchung1.jpg\" alt=\"Schlagst\u00f6cke und Nazirock \u2013 bei der Oldschool Records-Razzia 2014 sichergestellte Gegenst\u00e4nde \u00a9 Polizei\" width=\"580\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2014\/11\/osrdurchsuchung1.jpg 580w, https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2014\/11\/osrdurchsuchung1-300x155.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 580px) 100vw, 580px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-17473\" class=\"wp-caption-text\">Schlagst\u00f6cke und Nazirock \u2013 bei der Oldschool Records-Razzia 2014 sichergestellte Gegenst\u00e4nde \u00a9 Polizei<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p><strong>Die Ermittler wurden im Stich gelassen<\/strong><\/p>\n<p>Die Polizei, die sich \u00fcber Jahre um Aufkl\u00e4rung bem\u00fcht hatte, d\u00fcrfte von dem Freispruch nicht begeistert sein. Bei den Ermittlern kann der Eindruck entstehen, dass die akribischen Recherchen wegen der wenig ambitionierten Arbeit der Staatsanwaltschaft umsonst waren. Gut m\u00f6glich, dass die Polizisten k\u00fcnftig mit weniger Elan ermitteln \u2013 was der rechten Szene nicht verborgen bleiben wird.<\/p>\n<p>Die Revision ist die allerletzte Chance der Staatsanwaltschaft, solche Folgen abzuwenden. Doch eine Revision ist sehr schwer zu gewinnen. Die Beh\u00f6rde wird sich dieses Mal also umso mehr M\u00fche geben m\u00fcssen. Gelingt ihr die Aufhebung des Freispruchs nicht, wird die Neonaziszene ihn als Lizenz zur Verbreitung ihrer Propaganda begreifen \u2013 und Verteidiger Heinig der Staatskasse zus\u00e4tzlich ein Honorar f\u00fcr das Revisionsverfahren in Rechnung stellen.\ufffc\ufffc<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg06.met.vgwort.de\/na\/2c2c1b4141684cdeaa8a78109cfddc0c\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Gericht spricht den Betreiber des Rechtsrock-Labels Oldschool Records frei. 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