{"id":2706,"date":"2010-02-17T20:04:26","date_gmt":"2010-02-17T18:04:26","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/?p=2706"},"modified":"2010-02-17T20:04:26","modified_gmt":"2010-02-17T18:04:26","slug":"warum-die-falsche-seite-die-falsche-bleibt-%e2%80%93-nachbetrachtungen-zu-dresden-im-februar-2010","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2010\/02\/17\/warum-die-falsche-seite-die-falsche-bleibt-%e2%80%93-nachbetrachtungen-zu-dresden-im-februar-2010_2706","title":{"rendered":"Warum die falsche Seite die falsche bleibt \u2013 Nachbetrachtungen zu Dresden im Februar 2010"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/endstation-rechts.de\/index.php?option=com_k2&amp;view=item&amp;id=4452\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.endstation-rechts.de\/images\/stories\/bilder\/quer-bilder\/dresden2010-transpi.jpg\" alt=\"dresden2010-transpi\" width=\"430\" height=\"150\" \/><\/a><\/p>\n<p>Kenner der deutschen rechten Szene konnten am 13. Februar 2010 in Dresden eine bemerkenswerte Beobachtung machen: \u201eIm Pulk der V\u00f6lkischen fanden sich \u00fcberraschend auch Ellen Kositza und G\u00f6tz Kubitschek (&#8230;). Hier in Dresden mischten sie sich unter vorbestrafte Neonazis (&#8230;) Der Anlass verbindet.\u201c (Andrea R\u00f6pke) Doch wenn man b\u00f6swillig w\u00e4re, k\u00f6nnte man den Spie\u00df nat\u00fcrlich auch einfach umdrehen.<!--more--> <img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.endstation-rechts.de\/plugins\/editors\/jce\/tiny_mce\/plugins\/article\/img\/trans.gif\" alt=\"Read More\" \/><\/p>\n<p>Denn immerhin fanden sich unter dem Slogan \u201eDresden nazifrei!\u201c nicht nur demokratische Parlamentarier, K\u00fcnstler und gew\u00f6hnliche B\u00fcrger zusammen, sondern auch hart gesottene \u201elinke\u201c Gewaltt\u00e4ter und Extremisten. Eine \u00e4u\u00dferlich korrekte Beschreibung verr\u00e4t daher am Ende wenig dar\u00fcber, was im Inneren der Beteiligten vorging und was der Zweck ihrer Teilnahme am Geschehen war.<\/p>\n<p>Von der Anwesenheit der Schnellrodianer \u00fcberrascht waren n\u00e4mlich nicht nur kritische Beobachter, sondern auch Vertreter der extremen Rechten. Dies lag nicht zuletzt daran, dass JF-Autor Martin Lichtmesz im Blog der \u201eSezession\u201c wenige Tage vor dem \u201eTrauermarsch\u201c mit dem deutschen Neonazi-Spektrum sowie dem Veranstalter, der \u201eJungen Landsmannschaft Ostdeutschland\u201c (JLO), scharf abgerechnet hatte. Er warf rechten wie linken Demonstranten vor, \u201edas Gedenken an die Opfer des alliierten Massenmordes (&#8230;) mit vereinten Kr\u00e4ften in den Dreck zu ziehen\u201c. Wenn es der JLO ernsthaft um die Ehrung der Toten ginge, w\u00fcrde sie daher \u201eauf ihren Marsch freiwillig verzichten\u201c. \u201eAber dazu fehlt ihnen die Gr\u00f6\u00dfe ebenso wie die Intelligenz\u201c, w\u00fctete ein sichtlich frustrierter Lichtmesz. Stattdessen werde der NPD auf diese Weise die \u201eInstrumentalisierung der Opfer des Bombenkrieges\u201c erm\u00f6glicht und ein Trauermarsch in eine \u201eauf der Stra\u00dfe ausgetragene Urschreitherapie\u201c umgewandelt. Der JF-Autor forderte stattdessen eine w\u00fcrdige Gedenkveranstaltung in staatlichem Rahmen. Da er dies momentan wohl selbst als aussichtslos ansieht, w\u00fcnschte er ersatzweise \u201eLinks- und Rechtsextremisten\u201c unterschiedslos zum Teufel: \u201eAn solchen Tagen, wie in den Wochen vor dem 13. Februar, ertappe ich mich zuweilen bei dem brennenden Wunsch, die Royal Airforce und Mr. Morgenthau h\u00e4tten ihren Job gr\u00fcndlicher erledigt. (&#8230;) Dann male ich mir lustvoll aus, wie am Gedenktag ganz Dresden vollgepackt ist mit Antifanten, Antideutschen, Gutmenschen, Israelfahnenschwenkern, \u201aBombenholocaust\u2019-Schwachk\u00f6pfen, \u201aJungen Landsmannschaftlern\u2019, dem ganzen NPD-Bodensatz mit seinen heuchlerischen Krokodilstr\u00e4nen \u2026 und dann: <em>Bomber Harris, do it again! No tears for Krauts!!\u201c<\/em> Und diese merkw\u00fcrdige Phantasie k\u00f6nnte zumindest darin eine Best\u00e4tigung gefunden haben, dass am 13. Februar 2010 Vertreter rechtsextremer Kameradschaften Transparente mit der hirnlosen Losung \u201eKein Vergeben \u2013 Kein Vergessen!\u201c stolz vor der Brust hielten, offenbar ohne zu bemerken, dass sie damit genau jener Kollektivschuldthese \u2013 nur in umgekehrter Form \u2013 huldigten, die sie sonst so vehement zur\u00fcckweisen, wenn umgekehrt antideutsche \u201eLinke\u201c \u201eBomber Harris, do it again\u201c skandieren.<\/p>\n<p>Kein Wunder, dass Lichtmesz\u2019 Attacke zu erbosten Reaktionen im rechtsextremen Lager f\u00fchrte. Der Rechtsanwalt Dr. Bj\u00f6rn Clemens, der am 13. Februar 2010 auch eine der Reden auf der Versammlung der Rechten gehalten hat, reagierte auf der Internetseite der JLO prompt. Lichtmesz habe einen \u201eHasstext\u201c produziert, der jedoch innerhalb des konservativen Spektrums \u201eso allein mit seiner Dreckverspritzung nicht steht\u201c. Dessen Warten auf den \u201eObrigkeitsstaat\u201c sei schon deshalb abwegig, weil die JLO mit dem Trauermarsch doch gerade \u201edem System seine innere F\u00e4ulnis\u201c aufzeigen wolle. Sekundiert wurde Clemens durch zahlreiche Kommentatoren auf dem Blog der rechtskonservativen Theoriezeitschrift \u201eSezession\u201c, f\u00fcr die auch Lichtmesz t\u00e4tig ist. Dessen Text sei \u201eein Stich in den R\u00fccken\u201c, \u201ev\u00f6llig daneben\u201c, ein \u201eGriff ins Klo\u201c gewesen. Ein anderer Kommentator \u201eh\u00e4tte nicht gedacht, bei der Sezession so etwas zu lesen.\u201c<\/p>\n<p>Dabei best\u00e4tigten Clemens und dessen Sekundanten im Geiste genau das, was Lichtmesz ihnen vorgeworfen hatte: Dass n\u00e4mlich der eigentliche Anlass des Trauermarsches nicht zugleich sein Zweck sei, sondern er zugunsten parteipolitischer Interessen instrumentalisiert werde. In einem Disput mit dem NPD-Landtagsabgeordneten Arne Schimmer, der Lichtmesz diesbez\u00fcglich unbedingt eines Besseren belehren wollte, warf er diesem entgegen: \u201eWas nun die JLO betrifft: zeig mir, da\u00df das irgendjemand anderem, irgendetwas anderem n\u00fctzt, als eurem (Partei-)Milieu. Nur dann w\u00fcrde das irgendeinen politischen Sinn ergeben. Aber so dient es nur dazu, da\u00df die Gegenseite sich als Gegenpol gest\u00e4rkt und best\u00e4tigt f\u00fchlt. Am Ende geht es ja doch nur um euch, und um den dranh\u00e4ngenden Sumpf, den man beim besten Willen nicht verteidigen kann.\u201c Dieser Rest sei durch seinen \u201everbretterten und NS-Bunkermentalen Schwachsinn\u201c letztlich f\u00fcr die \u201eNazifizierung\u201c der Trauerveranstaltung verantwortlich.<\/p>\n<p>Hingegangen ist Martin Lichtmesz am Ende trotzdem, wor\u00fcber er seine Leser am 10. Februar 2010 in einem Kommentar auch informierte. Mit dabei waren au\u00dferdem G\u00f6tz Kubitschek und Ellen Kositza sowie weitere Vertreter des neu-rechten Milieus. Das allerdings musste nicht aufwendig \u201eentlarvt\u201c werden, sondern wurde der \u00d6ffentlichkeit von den Beteiligten noch am 13. Februar 2010 durch einen Bericht Kositzas freiz\u00fcgig pr\u00e4sentiert. Man habe sich selbst ein \u201eBild machen\u201c wollen, hei\u00dft es in ihrer Lagebeschreibung. Und die Schilderungen, die wohl f\u00fcr das entsprechende Milieu pars pro toto genommen werden d\u00fcrfen, best\u00e4tigen Lichtmesz\u2019 Instrumentalisierungsvorwurf: So l\u00e4sst Kositza keinen Zweifel daran, dass sie die Rede des rechtsextremen Liedermachers Frank Rennickes nervig fand, nicht nur wegen dessen \u201eheller, schneidender Stimme\u201c, sondern vor allem, weil er diese Rede im Grunde bereits \u201ein den vergangenen 20 Jahren\u201c immer wieder gehalten habe und es nur \u201enebenbei\u201c um Dresden, haupts\u00e4chlich aber um einen politischen Angriff auf das \u201eSystem\u201c gegangen sei. Nicht anders wird die Rede des Rechtsanwaltes Bj\u00f6rn Clemens einsortiert. Auch dieser habe sich \u201enicht bremsen\u201c k\u00f6nnen und zu einem fundamentalen Rundumschlag ausgeholt: \u201e\u2019Freiheit f\u00fcr Horst Mahler!\u2019 donnert Clemens. Verhaltener Applaus, auch Kopfsch\u00fctteln. Wozu sind wir noch mal hier? Es ist uns kurz entfallen. Wegen Mahler oder wegen Dresden? Wegen Dresden nat\u00fcrlich, das betont Clemens, bevor er wieder \u00fcber etwas anderes spricht.\u201c Kurz nach vier verlassen Kositza und Kubitschek dann vorzeitig die Veranstaltung. Ihr \u201eBild\u201c ist offenbar vollst\u00e4ndig genug.<\/p>\n<p>Damit deckt sich die Kritik der Schnellrodianer am JLO-\u201eTrauermarsch\u201c auf bizarre Weise mit der der linken Gegenkr\u00e4fte rund um das Aktionsb\u00fcndnis \u201eDresden nazifrei!\u201c. \u201eIhr Ziel ist es, die Verbrechen des Nazi-Regimes zu leugnen und Nazi-Deutschland zum eigentlichen Opfer des 2. Weltkrieges umzudeuten\u201c, hei\u00dft es hierzu im Gr\u00fcndungsaufruf der Unterst\u00fctzer \u00fcber die Absicht der JLO. Links wie rechts kondensiert sich die Kritik am \u201eTrauermarsch\u201c damit zu dem Vorwurf, dass die Toten von Dresden blo\u00df Mittel zu einem anderen Zweck und nicht Selbstzweck seien. Und dennoch sah G\u00f6tz Kubitschek mit seinem Beitrag \u201eWarum nicht jede Seite die falsche ist\u201c \u2013 \u00e4hnlich Thorsten Hinz in der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung \u201eJunge Freiheit\u201c (JF 07\/2010) \u2013 die \u201etrauernden Marschierer im Recht\u201c. Denn nach seiner Ansicht m\u00fcsste eigentlich j\u00e4hrlich ein offizieller Staatsakt angesetzt werden, bei dem die \u201eRepr\u00e4sentanten der Nation die Schleifen (der) Kr\u00e4nze richten\u201c, um der W\u00fcrde der Opfer gerecht zu werden. Da dies derzeit jedoch nicht geschehe, bleibe gar nichts anderes \u00fcbrig als die \u201eAnnektierung und damit Kontamination des Themas durch eine radikale Rechte\u201c.<\/p>\n<p>Doch diese Sicht verstrickt sich freilich in unaufl\u00f6sbare Widerspr\u00fcche: Kubitschek scheint sich durch eine starke Rechte so viel \u201eDruck\u201c auf die Mitte der Gesellschaft zu erhoffen, dass diese sich gezwungen sieht, deutsche Opfer in eine andere Erinnerungskultur einzubetten. Doch gerade durch diese \u201eEinbr\u00e4unung\u201c (Lichtmesz) wird das Thema einer \u201eKontamination\u201c (Kubitschek) unterworfen, die zum genauen Gegenteil des Erhofften f\u00fchren <em>muss<\/em>. Der 13. Februar droht so langfristig infolge der gewollten Provokationen \u2013 und zwar sp\u00e4testens dann, wenn alle Angeh\u00f6rigen der \u201eErlebnisgeneration\u201c verstorben sind \u2013 zu einem Symboltag der deutschen Mehrheitsgesellschaft gegen Neonazismus und Negationismus zu werden. Je weiter die Schraube der &#8222;Provokation&#8220; (Kubitschek) angezogen wird, desto weniger <em>kann<\/em> die Frage deutscher Opfer \u00fcberhaupt eine angemessene Rolle spielen.<\/p>\n<p>Und vor allem beruht die Weigerung, an dieser Stelle mit \u201edem Sortieren und der Moralkontrolle\u201c anzufangen, auf einem Irrtum. Denn es ist ja nicht so \u2013 wie behauptet \u2013, dass sich die Mitte der geforderten Erinnerungsarbeit verweigerte. Wer wollte, konnte sich am 13. Februar zum traditionellen Gedenken an die Opfer des \u201eSodom und Gomorrah von Dresden\u201c still vor der Frauenkirche einfinden und abends im Fernsehen gar eine behutsame Dokumentation der Ereignisse zur Kenntnis nehmen, so wie sich schon die DDR der Erinnerungs- und Trauerarbeit nicht verweigert hatte. Dass es der JLO bed\u00fcrfte, um das Erinnern an die Opfer von Dresden \u00fcberhaupt ins Werk zu setzen, ist ein geschichtspolitischer Mythos. Freilich: Kubitschek und Hinz ist das nicht genug. Beide fordern, den 13. Februar zu einem nationalen Gedenktag f\u00fcr die \u201edeutschen Kriegs- und Gewaltopfer\u201c zu erheben, \u201eso wie man sich am 27. Januar im Deutschen Bundestag zum Holocaust-Gedenken zusammenfindet\u201c, wogegen in der Sache nicht nur deshalb nichts zu sagen w\u00e4re, weil der 27. Januar zeitlich <em>vor<\/em> dem 13. Februar liegt. Durch den ausge\u00fcbten \u201eDruck\u201c des rechten Randes wird diese Vision aber nicht wahrscheinlicher, sondern unwahrscheinlicher, denn die Repr\u00e4sentanten eines demokratischen Rechtsstaates werden sich nie und nimmer von Truppenteilen unter Druck setzen lassen, die selbst bei Rechtskonservativen aufgrund ihrer NS-N\u00e4he als \u201eKanaillen\u201c gelten. Und das ist auch gut so. Verliererin bei dieser Machtprobe ist und bleibt die W\u00fcrde der Opfer.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.endstation-rechts.de\/index.php?option=com_content&amp;view=article&amp;id=4452\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/1.1.1.1\/bmi\/www.endstation-rechts.de\/er-logo.gif\" border=\"0\" alt=\"ER\" hspace=\"10\" vspace=\"5\" width=\"50\" align=\"left\" \/><\/a><br \/>\nweitere Informationen: <a href=\"http:\/\/www.endstation-rechts.de\/index.php?option=com_content&amp;view=article&amp;id=4452\">http:\/\/www.endstation-rechts.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kenner der deutschen rechten Szene konnten am 13. Februar 2010 in Dresden eine bemerkenswerte Beobachtung machen: \u201eIm Pulk der V\u00f6lkischen fanden sich \u00fcberraschend auch Ellen Kositza und G\u00f6tz Kubitschek (&#8230;). 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