{"id":2849,"date":"2010-03-04T19:53:13","date_gmt":"2010-03-04T17:53:13","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/?p=2849"},"modified":"2010-03-04T19:53:13","modified_gmt":"2010-03-04T17:53:13","slug":"osterreich-gewohnt-sich-an-das-prinzip-negerwitz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2010\/03\/04\/osterreich-gewohnt-sich-an-das-prinzip-negerwitz_2849","title":{"rendered":"\u00d6sterreich gew\u00f6hnt sich an das &#8222;Prinzip Negerwitz&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><figure id=\"attachment_2850\" aria-describedby=\"caption-attachment-2850\" style=\"width: 410px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2010\/03\/wien.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-2850\" title=\"wien\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2010\/03\/wien.jpg\" alt=\"Naziaufmarsch in Wien    Foto: Getty\" width=\"410\" height=\"230\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2010\/03\/wien.jpg 540w, https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2010\/03\/wien-300x168.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 410px) 100vw, 410px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-2850\" class=\"wp-caption-text\">Naziaufmarsch in Wien     \u00a9 Getty<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Der Europarat hat \u00d6sterreich wegen Rassismus ger\u00fcgt. Kein Wunder: Das rechtsgerichtete Ressentiment bl\u00fcht. Ein Klima der Ausgrenzung macht sich breit.<!--more--><\/p>\n<p><strong><\/strong><em>Von Marion Kraske<\/em><\/p>\n<p>Wieder einmal hat der Europarat gesprochen, wieder einmal hat er Delinquenten ausgemacht, die auf dem Kontinent Rassismus und Fremdenhass nur ungen\u00fcgend die Stirn bieten: Es sind L\u00e4nder wie Albanien, das noch immer an seiner diktatorischen Vergangenheit herumlaboriert. Estland, das sich nach au\u00dfen hin so modern pr\u00e4sentiert, Anfeindungen gegen Russen und Roma aber nicht in den Griff bekommen mag. Oder Gro\u00dfbritannien, wo rassistisch motivierte Straftaten stark zugenommen haben. Und es ist \u2013 einmal mehr \u2013 \u00d6sterreich, das bereits zum wiederholten Mal in einem Bericht \u00fcber Rassismus Erw\u00e4hnung findet. Ein unr\u00fchmlicher Rekord f\u00fcr ein westliches Gemeinwesen.<\/p>\n<p>Der Report aus Stra\u00dfburg ist, zugegeben, kein Total-Verriss: Ausdr\u00fccklich loben die Experten auch positive Entwicklungen. Die Verabschiedung von Gleichbehandlungsgesetzen in den \u00f6sterreichischen Bundesl\u00e4ndern etwa. Sie b\u00f6ten einen gr\u00f6\u00dferen Schutz gegen Diskriminierung als dies bisher auf Bundesebene der Fall war. Bei Polizei und Justiz w\u00fcrden Anti-Rassismus-Trainings offeriert. Zudem gebe es Bem\u00fchungen auf lokaler Ebene, die Integration von Ausl\u00e4ndern zu vereinfachen, etwa durch Sprachkurse f\u00fcr Immigrantenkinder.<\/p>\n<p>So weit so gut.<\/p>\n<p>Eine Absolution erteilt der Europarat dem Alpenland dennoch nicht. Ganz im Gegenteil: Es gebe keine einheitliche Integrationspolitik auf Bundesebene, das Niederlassungsrecht sei zu streng, monieren die Experten. Die Handhabung des Familiennachzuges sei in G\u00e4nze zu restriktiv, die entsprechende Quotenregelung inad\u00e4quat. Geradezu &#8222;besorgniserregend&#8220; ist aus Sicht des Europarates die Tatsache, dass der Rassismus im politischen Diskurs weiterhin eine gro\u00dfe Rolle spiele, nicht zuletzt weil die etablierten Parteien allzu oft eine entsprechende Antwort vermissen lie\u00dfen.<\/p>\n<p>Und tats\u00e4chlich: Der naiv verharmlosende Umgang mit den Rechten ist der eigentliche Kern des politischen Systems des Alpenlandes. Die rechtspopulistischen Parteien FP\u00d6 (Freiheitliche Partei \u00d6sterreichs) und in geringerem Ma\u00dfe das BZ\u00d6 (B\u00fcndnis Zukunft \u00d6sterreich) provozieren wo sie nur k\u00f6nnen, sie wagen Tag f\u00fcr Tag den rechten Tabubruch \u2013 ohne dass sie auf ma\u00dfgeblichen politischen Widerstand treffen w\u00fcrden. Es ist das Leitmotiv der Rechten, zu testen, was m\u00f6glich ist. Es wird ihnen m\u00f6glich gemacht.<\/p>\n<p><strong>Ein Klima des &#8222;anything goes&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Und so hetzen die Rechtsausleger gegen Migranten und Asylanten, gegen Muslime, gegen Juden. Antisemitismus ist in der politischen Auseinandersetzung ein fester Bestandteil. Mal bezeichnet FP\u00d6-Chef Heinz-Christian Strache Ausl\u00e4nder in unr\u00fchmlicher Diktion als &#8222;Motten&#8220;, mal wird der Pr\u00e4sident der Israelitischen Kultusgemeinde als Drahtzieher des Linksterrorismus verunglimpft, mal erz\u00e4hlt der Landeshauptmann von K\u00e4rnten in aller \u00d6ffentlichkeit grinsend einen Negerwitz. Es existiere, so umschrieb es einmal der Kolumnist des Wiener Standard, Hans Rauscher, ein Klima des anything goes, alles ist erlaubt.<\/p>\n<p>In dieser Hinsicht erweist sich \u00d6sterreich immer wieder als Land der unbegrenzten M\u00f6glichkeiten: Der Spielraum, den die Rechtsradikalen haben, um diskreditiertes Gedankengut zu ventilieren, ist schier unbegrenzt. Konsequenzen, Sanktionen, gr\u00f6\u00dfere Aufschreie seitens der etablierten Parteien SP\u00d6 und \u00d6VP \u2013 sie sucht man in der Regel vergebens.<\/p>\n<p>Dahinter steckt knallhartes politisches Kalk\u00fcl: Der \u00d6VP gilt die FP\u00d6 trotz aller Verfehlungen nach wie vor als m\u00f6glicher Koalitionspartner. Verscherzen will man es sich lieber nicht mit ihr. Die SP\u00d6 hat da schon gr\u00f6\u00dfere Bedenken: Als die Freiheitlichen im Europawahlkampf mit dem Slogan &#8222;Abendland in Christenhand&#8220; gezielt antiislamische Stimmung machten, distanzierte sich Bundeskanzler Werner Faymann deutlich von dem &#8222;Hassprediger&#8220; Strache. Doch schon in den Bundesl\u00e4ndern wird diese Linie aufgeweicht: Von SP\u00d6-Landesf\u00fcrsten ist immer wieder zu h\u00f6ren, man halte sich alle Optionen offen.<br \/>\n<strong><br \/>\nFehlender Cordon Sanitaire<\/strong><\/p>\n<p>Ein Cordon Sanitaire, eine Ausgrenzung der Rechten, wie man sie etwa in Frankreich oder Deutschland kennt \u2013 sie existiert in \u00d6sterreich nicht. Und genau hierin offenbart sich das Versagen der \u00fcbrigen Protagonisten. Die Vorg\u00e4ngerpartei der FP\u00d6, der Verband der Unabh\u00e4ngigen (VdU), ein Sammelbecken f\u00fcr ehemalige Nazis, wurde nach dem Krieg als politische Kraft umgarnt. Und heute? Im Land der Gro\u00dfen Koalitionen lieb\u00e4ugelt man mit der FP\u00d6, als w\u00e4re sie der Heilsbringer f\u00fcr die L\u00f6sung gro\u00dfkoalition\u00e4rer Verwerfungen.<\/p>\n<p>Alternativen sind rar, eine echte liberale Partei gibt es nicht, die Gr\u00fcnen sind zu schwach. Und so steht, anders als in anderen L\u00e4ndern, nicht die politische Abgrenzung gegen rechts (und somit auch der Schutz der Demokratie gegen die Infiltrierung durch rechtsextreme* Politikinhalte) im Vordergrund, sondern parteitaktische Erw\u00e4gungen. Sie m\u00fcnden in Verharmlosung und Kungelei.<\/p>\n<p>Das beste Beispiel f\u00fcr diesen gef\u00e4hrlichen Appeasementkurs bot die Wahl von Martin Graf zum Dritten Nationalratspr\u00e4sidenten. Der Freiheitliche ist Mitglied bei der Wiener Burschenschaft Olympia (Motto: &#8222;Wahr und treu, k\u00fchn und frei&#8220;), die das Dokumentationsarchiv des \u00d6sterreichischen Widerstandes als &#8222;Zentrum des Rechtsextremismus&#8220; ortet und auch dem deutschen Verfassungsschutz nicht unbekannt ist. Trotz massiver Proteste von Intellektuellen w\u00e4hlten die Parteien Graf im Herbst 2008 ins hohe Amt. \u00d6VP-Chef Josef Pr\u00f6ll gab gar eine Wahlempfehlung f\u00fcr den rechten Recken aus.<\/p>\n<p>Mitarbeiter von Graf orderten bei einem rechtsextremen Versandhandel in Deutschland Propagandamaterial, er selbst stellte wiederholt den &#8222;antifaschistischen Grundkonsens&#8220; infrage. In \u00d6sterreich geht das problemlos. Graf ist trotz seiner zahlreichen St\u00f6rfeuer weiter einer der h\u00f6chsten Repr\u00e4sentanten seines Landes.<\/p>\n<p>Die zunehmende Gew\u00f6hnung an rechtsextreme Inhalte ist nicht zuletzt eine Folge der schwarz-blauen Regierungsbildung im Jahr 2000. Damals holte der machthungrige Wolfgang Sch\u00fcssel (\u00d6VP), der eigentliche Wahlverlierer des Urnenganges, J\u00f6rg Haider in die Koalition. Diskreditierte Inhalte wie Antisemitismus, Fremdenhass, Rassismus und die Verharmlosung des Holocausts wurden damit reingewaschen. Studien belegen: Sowohl BZ\u00d6 als auch FP\u00d6 gelten heute unter Jungw\u00e4hlern als ganz normale Parteien. Ein Alarmsignal f\u00fcr den Zustand der Demokratie.<\/p>\n<p><strong>&#8222;Saugoschn&#8220; und &#8222;Schmarotzergesindel&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Eine Wertestudie, die im vergangenen Jahr unter dem Titel Die \u00d6sterreicher innen ver\u00f6ffentlicht wurde, offenbarte: Jeder f\u00fcnfte \u00d6sterreicher w\u00fcnscht sich einen starken F\u00fchrer, der weder Parlament noch Wahlen verpflichtet ist, Fremdenhass, ohnehin weit verbreitet, nimmt zu. Gesch\u00fcrt wird das Klima der Ausgrenzung von der Kronen-Zeitung, dem m\u00e4chtigsten Medium im Alpenstaat, das in der Vergangenheit ebenfalls vor rassistischen und antisemitischen \u00dcbergriffen nicht zur\u00fcckschreckte.<\/p>\n<p>Wie sehr die fortgesetzte Agitation der Rechten gegen Fremde nachwirkt, zeigte sich in j\u00fcngster Zeit, als die Debatte um das Ausl\u00e4nderrecht gef\u00e4hrlich eskalierte. Das Nachrichtenmagazin Profil ver\u00f6ffentlichte E-Mails die belegen, dass rechtsradikale \u00dcberzeugungen l\u00e4ngst in die Mitte der Gesellschaft eingesickert sind. Einer der Absender, ein Versicherungsmakler aus Wien, verunglimpfte die Tochter einer Asylfamilie als &#8222;Saugoschn&#8220;, er wetterte gegen das &#8222;Schmarotzergesindel&#8220;, das &#8222;nichtsnutzige Islamgesindel&#8220;. Der renommierte \u00f6sterreichische Politologe Anton Pelinka macht angesichts solcher Entgleisungen eine &#8222;neue Schamlosigkeit&#8220; aus, er beobachte, so der Wissenschaftler, eine &#8222;Verschluderung&#8220; der Sitten.<\/p>\n<p>Demokraten m\u00fcsste es angesichts dieser Entwicklungen Angst und Bange werden. Nicht so in \u00d6sterreich. Da wird weiter taktiert, weiter gekungelt. Selbst die Wahl des Bundespr\u00e4sidenten im April bleibt davon nicht verschont. Gegen den als untadelig geltenden Heinz Fischer (SP\u00d6) tritt als Herausforderin lediglich FP\u00d6-Hardlinerin Barbara Rosenkranz an. Ihre zweifelhafte Gesinnung dokumentierte die zehnfache Mutter schon mal, indem sie die Abschaffung des NS-Verbotsgesetzes forderte oder das Zweifeln an der Existenz des Holocausts als &#8222;freie Meinungs\u00e4u\u00dferung&#8220; bezeichnete. Die \u00d6VP mochte bislang weder einen eigenen Kandidaten aufstellen noch eine Wahlempfehlung f\u00fcr den Demokraten Fischer abgeben.<\/p>\n<p>Rosenkranz for president: Das Prinzip Negerwitz bricht sich weiter Bahn.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Europarat hat \u00d6sterreich wegen Rassismus ger\u00fcgt. Kein Wunder: Das rechtsgerichtete Ressentiment bl\u00fcht. 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