{"id":309,"date":"2008-05-16T16:32:12","date_gmt":"2008-05-16T15:32:12","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2008\/05\/16\/revisionismus-als-kernbestand-der-aufklarung-prof-dr-egon-flaig_309"},"modified":"2008-05-16T16:32:12","modified_gmt":"2008-05-16T15:32:12","slug":"revisionismus-als-kernbestand-der-aufklarung-prof-dr-egon-flaig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2008\/05\/16\/revisionismus-als-kernbestand-der-aufklarung-prof-dr-egon-flaig_309","title":{"rendered":"Revisionismus als Bestandteil der Aufkl\u00e4rung &#8211; Prof. Dr. Egon Flaig I"},"content":{"rendered":"<p>Am 30. April 2008 trafen wir uns mit Prof. Flaig in Rostocks Weinwirtschaft, um \u00fcber zentrale Aspekte hiesiger Erinnerungskultur und Geschichtspolitik zu diskutieren. Im Folgenden ver\u00f6ffentlichen wir den ersten (!) Teil des Gespr\u00e4chs unter dem Titel &#8222;Der Revisionismus geh\u00f6rt zum Kernbestand der Aufkl\u00e4rung&#8220;. <!--more--><\/p>\n<p><strong>ENDSTATION RECHTS.<\/strong>: Herr Prof. Flaig, nun ist es schon einige Monate her, dass \u00fcber Sie auch in <a href=\"http:\/\/www.endstation-rechts.de\/index.php?option=com_content&amp;task=view&amp;id=994&amp;Itemid=241\">Mecklenburg-Vorpommern<\/a>  heftig diskutiert wurde. Wie beurteilen Sie den Vorgang im Nachhinein?<\/p>\n<p><strong>Prof. Flaig:<\/strong> Zun\u00e4chst habe ich es ja Ihnen zu verdanken, dass diese Debatte in dieser Form \u00fcberhaupt in der <a href=\"http:\/\/www.endstation-rechts.de\/index.php?option=com_content&amp;task=view&amp;id=994&amp;Itemid=241\">\u00d6ffentlichkeit<\/a> stattgefunden hat. Aber ich gestehe: Es hat mich nicht sonderlich ber\u00fchrt und das tut es auch heute noch nicht. Aus meiner Sicht kommt hier eine Debattenunkultur zum Ausdruck, die sich elementaren geistesgeschichtlichen Verschiebungen in der Gegenwart verdanken d\u00fcrfte.<\/p>\n<p><strong>ENDSTATION RECHTS.<\/strong>: Was genau meinen Sie damit?<\/p>\n<p><strong>Prof. Flaig:<\/strong> Aus meiner Sicht hat sich in den 1990er Jahren in der Geschichtswissenschaft und politischen \u00d6ffentlichkeit ein intellektueller Bruch vollzogen, dessen Dimension &#8211; wie mir scheint &#8211; noch reichlich unverstanden ist. Wir haben es mit einer grotesken Komplementarit\u00e4t von wissenschaftlichem Relativismus im Rahmen des linguistic turn und moralischem Fundamentalismus im Bereich des \u00d6ffentlichen zu tun. Beide Monster marschieren im Gleichschritt; und dabei gibt es Opfer.<\/p>\n<p><strong>ENDSTATION RECHTS.<\/strong>: Vielleicht sollten wir kurz inne halten. Unter \u201elinguistic turn&#8220; wird in aller Regel eine von der Philosophie ausgehende Wende im modernen Denken verstanden, die Gedankensysteme als Reflex von Sprache und Kultur versteht. Zugespitzt: Nicht der Mensch beflei\u00dfigt sich der Sprache als Instrument zur Beschreibung der Welt. Umgekehrt: Die Subjekte und deren Denken sind Elemente und Produkte eines vorg\u00e4ngigen kulturellen Sprachspiels. Ist diese Beschreibung mit Ihrem Verst\u00e4ndnis des linguistic turn vereinbar?<\/p>\n<p><strong>Prof. Flaig:<\/strong> Ja.<\/p>\n<p><strong>ENDSTATION RECHTS.<\/strong>: Und was hat das jetzt mit der Erinnerungskultur mit Bezug auf den \u201eFall Auschwitz&#8220; zu tun?<br \/>\n<strong><br \/>\nProf. Flaig:<\/strong> Das will ich Ihnen sagen. Mit dem linguistic turn bricht der Relativismus endg\u00fcltig in die Wissenschaften ein. W\u00e4hrend in der Aufkl\u00e4rung Wissenschaft noch der Versuch war, etwas Objektives, Unverr\u00fcckbares intersubjektiv verst\u00e4ndlich zu machen, spielen heute viele Wissenschaftler und Nichtwissenschaftler nur noch \u201eSprachspiele&#8220;. Im Grunde ist es egal, was Sie denken. Jeder Denkstil, jede Denkmode ist in gleicher Weise berechtigt, weil ja immer nur ein je eigener Ausdruck kultureller Identit\u00e4t. Aber mit einer solchen Haltung zerst\u00f6rt man die Basis der Wissenschaft. Wenn es nichts Objektives gibt, wor\u00fcber sich streiten l\u00e4sst, wozu dann \u00fcberhaupt noch diskutieren? Aufgrund der unterschiedlichen, angeblich jedoch stets gleichberechtigten Weisen der Weltaneignung l\u00e4sst sich mit derselben Berechtigung Woodoo treiben wie Atomphysik studieren. Wissenschaftler k\u00f6nnten demnach sich gegenseitig dar\u00fcber informieren, was sie aktuell jeweils denken &#8211; etwa beim Kaffeekr\u00e4nzchen &#8211; ; aber sie f\u00e4nden keine verbindlichen Kriterien mehr, um eine These mit Gr\u00fcnden f\u00fcr richtiger zu halten als eine andere.Dieser grassierende Wissenschaftsrelativismus trifft jetzt aber auf den \u201eFall Auschwitz&#8220;. Der Holocaust ber\u00fchrt die Fundamente unseres ethischen Selbstverst\u00e4ndnisses. Dass nach dem linguistic turn auch die Menschenrechte nur eine Spielerei, ein Sprachspiel sind, wird in der \u00d6ffentlichkeit nicht akzeptiert &#8211; zum Gl\u00fcck. Darum soll nun ein moralischer, \u00f6ffentlich zelebrierter Fundamentalismus die letzten Linien halten. Insofern w\u00fcrde ich auch die Beitr\u00e4ge in der Ostsee-Zeitung Anfang des Jahres gegen mich ganz anders interpretieren. Hier wehrte sich &#8211; vielleicht auch unbewusst &#8211; eine moralisierte (und insofern entpolitisierte) \u00d6ffentlichkeit nicht gegen mich, sondern gegen die Folgen ihrer eigenen, unausgesprochenen Pr\u00e4missen. Gerade weil der Relativismus allenthalben um sich greift, muss man im Angesicht von Auschwitz um so vehementer dagegen halten, sobald jemand differenziert argumentiert, weil man dahinter letztlich moralischen Relativismus vermutet.<\/p>\n<p><strong>ENDSTATION RECHTS.<\/strong>: Wenn wir Sie richtig verstehen, w\u00fcrden Sie behaupten, dass sowohl in der \u00d6ffentlichkeit als auch in der Geschichtswissenschaft keine vorurteilsfreie, offene Debatte \u00fcber den Holocaust stattfindet?<\/p>\n<p><strong>Prof. Flaig:<\/strong> So ist es. Nach meiner Interpretation hat sich dieser moralische Fundamentalismus, der schrittweise an die Stelle rationaler Argumente getreten ist, in den 1990er Jahren entwickelt. Wir m\u00fcssen unser Verh\u00e4ltnis zur Shoah kl\u00e4ren, das ist selbstverst\u00e4ndlich. Aber der Shoah-Diskurs hat inzwischen eine enorme Dominanz erreicht. Der Beginn dieser Entwicklung ist letztlich der Historikerstreit in den 1980er Jahren. Die Intervention von J\u00fcrgen Habermas schob eine fachwissenschaftliche Debatte auf die Plattform des \u00f6ffentlichen Moralisierens. Heute muss ich mir eingestehen: Auch ich selbst habe nicht dagegen protestiert; so gesehen bin ich auch mein eigenes Opfer. Es war grotesk, wie man mit dem Problem des \u201eRevisionismus&#8220; umgegangen ist und Historiker wie Ernst Nolte immer mehr verfemte. Es geh\u00f6rt zum Kernbestand der Aufkl\u00e4rung, dass der Mensch auf der Grundlage rationaler Argumente seine Erkenntnisse \u00fcber die Welt Schritt f\u00fcr Schritt erweitere. Da wir alle fehlerbehaftete Wesen sind, muss sich Wissenschaft also definitionsgem\u00e4\u00df durch einen Fehler nach dem anderen hindurch arbeiten. Wer wirklich vorurteilsfreie und kritische Wissenschaft im Sinne der Aufkl\u00e4rung betreiben will, muss seine Erkenntnisse permanent \u00fcberpr\u00fcfen und ggf. auch revidieren. Revisionismus geh\u00f6rt so gesehen zum substanziellen Kernbestand der Aufkl\u00e4rung. Wenn Revision in der Geschichtswissenschaft unter einen Generalverdacht gestellt wird, dann haben nicht nur Wissenschaftler keine Chance mehr, die Argumente nach fachlichen Kriterien abzuw\u00e4gen, sondern dann verliert der Intellektuelle &#8211; jene Idealfigur des glaubw\u00fcrdigen Suchens nach Wahrheit und nach Gerechtigkeit &#8211; seine gesellschaftliche Stelle; in einer Kultur der politisch korrekten Bescheuertheit &#8211; wie es Rainer Paris k\u00fcrzlich formulierte &#8211; geht er einfach unter. Warum? In moralisierten Debatten braucht niemand mehr seine Argumente rechtfertigen, sondern jeder Ignorant darf sich gleichberechtigt w\u00e4hnen, weil nun die Argumente entwertet sind. Das Moralisieren macht alle Argumente gleich gut oder gleich schlecht. Mehr noch: Moralisieren schafft eine neue &#8211; radikal antiintellektuelle -Hierarchie: oben sind die Gutmenschen, und Recht hat, wer am lautesten seine moralische \u00dcberlegenheit in den \u00f6ffentlichen Raum hineinschreit.<\/p>\n<p><strong>ENDSTATION RECHTS.<\/strong>: Das hei\u00dft, Sie sprechen sich also bspw. gegen den \u00a7130 des Strafgesetzbuches aus, der die Leugnung des Holocaust unter Strafe stellt?<\/p>\n<p><strong>Prof. Flaig:<\/strong> Nein, das tue ich eben nicht. Es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen Revisionisten und Revisionisten. Die einen sind durch die Suche nach der Wahrheit motiviert. Dies ist v\u00f6llig legitim. Zugespitzt: Es muss auch m\u00f6glich sein, \u00fcber Zahlen zu reden. Bis Anfang der 1990er Jahre hing in Auschwitz eine Tafel, auf der von vier Millionen Opfern gesprochen wurde. Wissenschaftlicher Forschung hielt diese Behauptung nicht stand. Der j\u00fcdische Holocaust-Forscher Raul Hilberg hat bspw. schon in den 1960er Jahren die Zahl auf etwas \u00fcber eine Million gesch\u00e4tzt. Das hat mit einer moralischen Relativierung der Verbrechen in Auschwitz rein gar nichts zu tun. Im Gegenteil ist ein solches Forschen notwendig, damit das ungeheuerliche Geschehen als Vorgang erkl\u00e4rbar wird, welcher bedingt war von technischen, logistischen, infrastrukturellen, organisatorischen, politischen, demographischen, ethnischen und ideologischen Voraussetzungen (um nur einige zu nennen). Ohne Erkl\u00e4rung keine Wissenschaft. Die Erkl\u00e4rbarkeit erfordert jedoch, dass alle Details diskutiert werden d\u00fcrfen, alle ohne Ausnahme. Ansonsten wird ein Bereich des \u201aUnerkl\u00e4rlichen&#8216; geschaffen, und zwar auf ebenso schlimme Weise wie es die Inquisitionen der verschiedensten Religionen taten. Wird der Holocaust etwa weniger bestialisch dadurch, dass in Auschwitz \u201enur&#8220; eine Million Menschen ums Leben gekommen ist? Wer diese Fragen aber nicht vorurteilsfrei und offen zu diskutieren bereit ist, verabschiedet sich nicht nur von wissenschaftlichen Ma\u00dfst\u00e4ben, sondern arbeitet Neonazis direkt in die H\u00e4nde: Es gibt nichts Fataleres im Rahmen der Erinnerungskultur, als sich rationalen Argumenten zu verweigern und offensichtliche Fehler nicht eigenh\u00e4ndig zu korrigieren. Das macht es Revisionisten zweiter Art vergleichsweise leicht, den Holocaust insgesamt als propagandastisch erzeugtes Phantasma abzutun. Und f\u00fcr diese Revisionisten zweiter Art, denen es nicht um Wahrheit, sondern um die Ausl\u00f6schung von geschehener Vergangenheit geht, bin ich dankbar f\u00fcr die Existenz des \u00a7 130 Strafgesetzbuch. Im Grunde ist er so etwas wie der letzte Aufstand der Gesellschaft gegen die Suspendierung aller Wahrheitskriterien und die Entlegitimierung aller Wahrheitsanspr\u00fcche. Diese Suspendierung und Entlegitimierung wird von einem Kulturrelativismus gest\u00fctzt, der sich nicht ohne Grund auf den linguistic turn beruft. Daher habe ich schweren Herzens im Fr\u00fchjahr letzten Jahres nach weiteren Leugnungs-Gesetzen verlangt &#8211; in der Greifswalder Studentenzeitung \u201aMoritz&#8216; -, wobei ich den V\u00f6lkermord an den Armeniern nannte. Schweren Herzens. Denn auf die Dauer k\u00f6nnen auch solche Gesetze die Wahrheit nicht retten.<\/p>\n<p>Anmerkung der Redaktion: Bevor sich einige zu fr\u00fch freuen, immer das ganze Ende abwarten&#8230;.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.endstation-rechts.de\/index.php?option=com_content&amp;task=view&amp;id=1534&amp;Itemid=92\/\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.endstation-rechts.de\/er-logo.gif\" alt=\"michael-schaefer\" align=\"left\" border=\"0\" hspace=\"10\" vspace=\"5\" width=\"50\" \/><\/a><br \/>\nweitere Informationen: <a href=\"http:\/\/www.endstation-rechts.de\/index.php?option=com_content&amp;task=view&amp;id=1534&amp;Itemid=92\/\">http:\/\/www.endstation-rechts.de<\/a><\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<\/p>\n<p>Die Flaig-Debatte in ganzer Pracht:<\/p>\n<ul>\n<li><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2007\/12\/20\/greifswalder-professor-erhalt-beifall-von-rechtsextremisten_180\" rel=\"bookmark\">Greifswalder Professor Flaig erh\u00e4lt Beifall von Rechtsextremisten<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2008\/01\/04\/prof-flaig-wehrt-sich-in-exklusivem-interview-mit-endstation-rechts-gegen-moralischen-terror_190\" rel=\"bookmark\">Prof. Flaig wehrt sich in Interview gegen \u201cmoralischen Terror\u201d<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2008\/05\/16\/revisionismus-als-kernbestand-der-aufklarung-prof-dr-egon-flaig_309\" rel=\"bookmark\">Revisionismus als Bestandteil der Aufkl\u00e4rung &#8211; Prof. Dr. Egon Flaig I<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2008\/05\/28\/der-nationalsozialismus-war-eine-reaktion-auf-den-kulturrelativismus-gesprach-mit-prof-flaig-ii_316\" rel=\"bookmark\">\u201cDer Nationalsozialismus war eine Reaktion auf den Kulturrelativismus\u201d &#8211; Gespr\u00e4ch mit Prof. Flaig II<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2008\/06\/09\/multikulturalismus-fuhrt-in-den-burgerkrieg-gesprach-mit-prof-dr-flaig-iii_320\" rel=\"bookmark\">\u201cMultikulturalismus f\u00fchrt in den B\u00fcrgerkrieg\u201d &#8211; Gespr\u00e4ch mit Prof. Flaig III<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2008\/06\/11\/%e2%80%9emit-einer-zeitung-am-rechten-rand-will-ich-nichts-zu-tun-haben%e2%80%9c-%e2%80%93-prof-dr-egon-flaig-im-gesprach-iv_327\" rel=\"bookmark\">\u201eMit einer Zeitung am rechten Rand will ich nichts zu tun haben.\u201c \u2013 Prof. Flaig IV<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 30. 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