{"id":333,"date":"2008-06-18T17:16:39","date_gmt":"2008-06-18T16:16:39","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2008\/06\/18\/wenn-nazis-kluger-sind-als-man-selbst-denkt_333"},"modified":"2008-06-18T17:16:39","modified_gmt":"2008-06-18T16:16:39","slug":"wenn-nazis-kluger-sind-als-man-selbst-denkt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2008\/06\/18\/wenn-nazis-kluger-sind-als-man-selbst-denkt_333","title":{"rendered":"Wenn Nazis kl\u00fcger sind, als man selbst denkt"},"content":{"rendered":"<p>Die Frage, ob, wo und wie man mit Nazis diskutieren soll, erregt die Gem\u00fcter immer wieder wie kaum ein anderes Thema. Man d\u00fcrfe den &#8222;Nazis&#8220; kein Podium bieten &#8211; sagen die einen. Man m\u00fcsse die &#8222;Nazis&#8220; auf den Podien entlarven &#8211; die anderen. Doch manchmal lohnt ein anschaulicher Blick in die Wirklichkeit, so geschehen beim Tag der offenen T\u00fcr 2008 des Landtages von Mecklenburg-Vorpommern. In der Wirklichkeit stellt sich dann pl\u00f6tzlich manchmal heraus, dass &#8222;Nazis&#8220; nicht so dumm sein m\u00fcssen, wie man sie selbst gerne h\u00e4tte.<!--more--><\/p>\n<p>Was war nicht alles bef\u00fcrchtet worden f\u00fcr den  Tag des offenen Schlosses in Schwerin am 1. Juni 2008. Angeblich soll die NPD im Vorfeld massiv nach Schwerin mobilisiert haben, um die Veranstaltung zu st\u00f6ren. Die Landtagsverwaltung hatte denn auch alle erdenklichen Ma\u00dfnahmen getroffen, um die Veranstaltung gesittet ablaufen zu lassen. Nur damit, dass die NPD intelligenter ist, als mancher es wahrhaben m\u00f6chte &#8211; ausgerechnet damit hatte offenbar kaum jemand gerechnet.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich waren keine Schl\u00e4ger oder autonomen Nationalisten nach Schwerin gereist. Die NPD pr\u00e4sentierte sich im Gegenteil brav im Innenhof des Schweriner Schlosses wie alle anderen Fraktionen auch. Einige Funktion\u00e4re waren gar mit Frau und Kindern angereist, so z.B. Familie K\u00f6ster.<\/p>\n<p>Als neuralgischer Punkt galten den Veranstaltern von Beginn an die Podiumsdiskussionen, die an diesem Tag traditionell im Plenarsaal des Landtages stattfinden. Da in diesen Diskussionsrunden keine Fragen oder Beitr\u00e4ge des Publikums vorgesehen waren, konnte die so genannte &#8222;Wortergreifungsstrategie&#8220; der NPD nicht Platz greifen. Als ein potenzieller NPD-Diskutant nach Absprache mit dem Wahlkreismitarbeiter von Udo Past\u00f6rs, Andreas Thei\u00dfen, dem auf dem Podium sitzenden Vertreter von der LINKEN, Helmut Holter, einen Wortmeldezettel in die Hand dr\u00fcckte, kl\u00e4rte der Moderator Axel Seitz (NDR) den NPD-Anh\u00e4nger kurz und knapp dar\u00fcber auf, dass er seine Fragen gerne nach der Veranstaltung mit einem Abgeordneten seiner Wahl er\u00f6rtern k\u00f6nne.<\/p>\n<p>So souver\u00e4n ging es indes nicht den ganzen Tag zu, so zum Beispiel um 13.00 Uhr, als das Thema &#8222;Kinder und Familie&#8220; auf der Tagesordnung stand. W\u00e4hrend die demokratischen Fraktionen s\u00e4mtlichst weibliche Abgeordnete zur Podiumsdiskussion geschickt hatten,  pr\u00e4sentierte die NPD ihren Fraktionsvorsitzenden Past\u00f6rs. Nat\u00fcrlich h\u00e4tte die NPD schon allein deshalb keine Frau benennen k\u00f6nnen, weil ihre Fraktion ausschlie\u00dflich aus M\u00e4nnern besteht.<\/p>\n<p>Der Moderator war sichtlich darum bem\u00fcht, Past\u00f6rs einen gleichen Redeanteil wie allen anderen zuzugestehen &#8211; offenbar in der \u00dcberzeugung, dass man sich so nicht den Vorwurf der Ungleichbehandlung einhandeln k\u00f6nne. Doch aus diesem Bem\u00fchen um Fairness wurde ein roter Teppich f\u00fcr den Populisten Past\u00f6rs. Er erhielt faktisch als erster die M\u00f6glichkeit, den diskursiven Raum zu bestellen und wurde auch kaum daran gehindert, seinen Kontrahentinnen regelm\u00e4\u00dfig ins Wort zu fallen. Diese wiederum konzentrierten sich weniger auf ihre eigenen Botschaften, sondern lie\u00dfen sich von Past\u00f6rs fast vollst\u00e4ndig die Agenda bestimmen. Nicht einmal so offenkundiger Unfug wie die Behauptung, in der DDR seien die Geburtenraten dreimal so hoch gewesen wie heute, was Past\u00f6rs freilich als Beweis f\u00fcr das komplette &#8222;Versagen&#8220; der derzeitigen politischen Klasse ansah, wurde gerade ger\u00fcckt.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.endstation-rechts.de\/images\/stories\/bilder\/veranstaltungen\/landtag\/2008\/offenesschloss\/tagoffenetuer2008-haehnel1.jpg\" rel=\"lightbox[tagoffenetuer2008-haehnel1.jpg]\" title=\"tagoffenetuer2008-haehnel1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.endstation-rechts.de\/mambots\/content\/multithumb\/thumbs\/b.135.90.16777215.0.stories.bilder.veranstaltungen.landtag.2008.offenesschloss.tagoffenetuer2008-haehnel1.jpg\" alt=\"tagoffenetuer2008-haehnel1.jpg\" align=\"right\" height=\"90\" hspace=\"6\" width=\"135\" \/><\/a> Past\u00f6rs war zwar nicht sicher in den Fakten, daf\u00fcr aber um so mehr im Auftreten. Statt randalierender Gewatt\u00e4ter hatte er sich auch gleich etwa 30 bestellte Claqueure mitgebracht, die die Stimmung anheizten. So brandete nach seinen Beitr\u00e4gen mehrfach Beifall unter den Zuh\u00f6rern auf &#8211; angeheizt und wesentlich getragen von den mitgebrachten Beifallklatschern. Allerdings sah sich auch der eine oder andere Gast des Landtages dazu veranlasst, in das Spektakel einzusteigen. Past\u00f6rs nutzte geschickt den Raum, den der Moderator ihm gelassen hatte und aus dem er auch von seinen politischen Gegnerinnen, vier an der Zahl, nicht vertrieben wurde. J\u00f6rg H\u00e4hnel, der an diesem Tag f\u00fcr die NPD Fotos im Plenarsaal schoss, genoss diese Situation sichtlich und stand grienend abseits an den Fenstern.<\/p>\n<p>Ganz anders hingegen die Stimmung um 15.00 Uhr, als es um die Zukunft des Tourismuslandes Mecklenburg-Vorpommern ging. Souver\u00e4n f\u00fchrte Axel Seitz vom NDR die Diskussion. Auch waren hier mehr Fakten und Fachwissen und weniger Emotionen gefragt. Past\u00f6rs gelang es daher in dieser Runde nicht so recht, argumentativ Fu\u00df zu fassen. Auch hier versuchten die NPD-Claqueure die Stimmung anzuheizen, aber letztlich klatschte man nur sich selber zu.<\/p>\n<p>Und die Moral von der Geschicht\u2019? Schwerins Abgeordnete sind an diesem Tag noch einmal mit einem blauen Auge davon gekommen. Die parlamentarische Debatte ist sterilen Regeln der Gesch\u00e4ftsordnung unterworfen, die offenbar wenig auf Auseinandersetzungen auf dem freien Felde vorbereitet. Insbesondere besteht das Auditorium in Wahlk\u00e4mpfen aus wirklichen W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hlern, die \u00fcberzeugt werden wollen &#8211; und nicht wie in den Landtagssitzungen vor allem aus den l\u00e4ngst \u00fcberzeugten Abgeordneten selbst. Lernen l\u00e4sst sich daher aus dem heutigen Tag nur eines: Die NPD wird nicht in den Parlamenten nieder gerungen und diese bereiten denkbar schlecht auf das &#8222;wirkliche Leben&#8220; vor. Wer die NPD erfolgreich in die Bedeutungslosigkeit verdammen will, muss nicht Zustimmung von seinen Abgeordnetenkollegen, sondern von den B\u00fcrgern erhalten.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.endstation-rechts.de\/index.php?option=com_content&amp;task=view&amp;id=1617&amp;Itemid=92\/\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.endstation-rechts.de\/er-logo.gif\" alt=\"michael-schaefer\" align=\"left\" border=\"0\" hspace=\"10\" vspace=\"5\" width=\"50\" \/><\/a><br \/>\nweitere Informationen: <a href=\"http:\/\/www.endstation-rechts.de\/index.php?option=com_content&amp;task=view&amp;id=1617&amp;Itemid=92\/\">http:\/\/www.endstation-rechts.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Frage, ob, wo und wie man mit Nazis diskutieren soll, erregt die Gem\u00fcter immer wieder wie kaum ein anderes Thema. Man d\u00fcrfe den &#8222;Nazis&#8220; kein Podium bieten &#8211; sagen die einen. 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