{"id":342,"date":"2008-07-03T16:15:03","date_gmt":"2008-07-03T15:15:03","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2008\/07\/03\/studie-ermoglicht-blick-in-den-abgrund_342"},"modified":"2008-07-03T16:15:03","modified_gmt":"2008-07-03T15:15:03","slug":"studie-ermoglicht-blick-in-den-abgrund","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2008\/07\/03\/studie-ermoglicht-blick-in-den-abgrund_342","title":{"rendered":"Studie erm\u00f6glicht Blick in den Abgrund"},"content":{"rendered":"<p>Einer k\u00fcrzlich ver\u00f6ffentlichten Studie\u00a0 mit dem Titel <a href=\"http:\/\/www.fes.de\/rechtsextremismus\/inhalt\/studie.htm\" title=\"Studie\">\u00bbEin Blick in die Mitte\u00ab<\/a> zufolge, ist eine rassistische, antidemokratische und autorit\u00e4re Gesinnung f\u00fcr einen gro\u00dfen Teil der Deutschen selbstverst\u00e4ndlich. Leider gingen die ersch\u00fctternden Ergebnisse der Studie, welche von Elmar Br\u00e4hler und Oliver Decker\u00a0 im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung erstellt wurde, in der allgemeinen EM-Euphorie nahezu unter.<\/p>\n<p>Die Ergebnisse sind erschreckender Beleg daf\u00fcr, dass die Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus notwendiger denn je ist. Die extreme Rechte hat sich mit ihrer Ideologie offensichtlich im Zentrum der Gesellschaft verankern k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\nBereits vor zwei Jahren gab es eine repr\u00e4sentative Umfrage <a href=\"http:\/\/www.fes.de\/rechtsextremismus\/inhalt\/studie2.htm\" title=\"Studie2\">\u00bbVom Rand in die Mitte\u00ab<\/a>, die eine drastische Zunahme von Ausl\u00e4nderfeindlichkeit und Chauvinismus belegte: 37 Prozent der Befragten meinten, dass Migranten nur nach Deutschland k\u00e4men, um \u00bbunseren Sozialstaat auszunutzen\u00ab. Etwa 39 Prozent fanden \u00bbDeutschland von Ausl\u00e4ndern \u00fcberfremdet\u00ab. Jeder vierte sehnte sich nach einer \u00bbeinzigen starken Partei, die die Volksgemeinschaft insgesamt verk\u00f6rpert\u00ab.<br \/>\nDie neue Untersuchung sollte nun zeigen, <em>wie<\/em> diese Einstellungen zustande kommen. Daf\u00fcr wurden an mehreren Orten in Deutschland Diskussionsrunden organisiert. Die Teilnehmer sprachen dabei ihre rassistischen Vorurteile mit einer solchen \u00bbbesorgniserregenden Selbstverst\u00e4ndlichkeit\u00ab aus, dass die Wissenschaftler an ihren fr\u00fcheren Ergebnissen zweifelten. \u00bbOffenbar wurde die Ausl\u00e4nderfeindlichkeit in der ersten Studie untersch\u00e4tzt\u00ab, sagte die Psychologin und Co-Autorin der Studie, Katharina Rothe.<\/p>\n<p>Weiter herrscht generell ein gro\u00dfes Unwissen und Unverst\u00e4ndnis \u00fcber die M\u00f6glichkeiten der Mitwirkung in einer Demokratie, verbunden mit einer Geringsch\u00e4tzung des demokratischen Systems an sich. Viele der jungen Leute hofften auf \u201cirgend einen F\u00fchrer\u201d, weil es so nicht mehr weitergehen k\u00f6nne.<\/p>\n<p><strong>Studie best\u00e4tigt Trend <\/strong><\/p>\n<p>Die Ergebnisse decken sich unter anderem mit denen der <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2006\/51\/Menschenfeindlich\" title=\"Studie3\">Langzeitstudie \u201eDeutsche Zust\u00e4nde\u201c von Wilhelm Heitmeyer<\/a> von der Universit\u00e4t Bielefeld. Seit Jahren steige demnach  eine   \u00bbgruppenbezogene Menschenfeindlichkeit\u00ab, wer nicht ins Raster passe, werde verachtet und gehasst. Die Ergebnisse der neuen Studie best\u00e4tigen auch, was zuvor bereits einfache Statistiken gezeigt haben: Es gab beispielsweise w\u00e4hrend der Weltmeisterschaft vor zwei Jahren eine deutlich h\u00f6here Zahl rassistischer Angriffe als sonst \u2013 nur wurden sie kaum zur Kenntnis genommen, weil diese Zahlen nicht zum so genannten \u00bbSommerm\u00e4rchen\u00ab passten. Der im Feuilleton allgemein als unbedenklich bewertete \u00bbParty-Patriotismus\u00ab hat offenbar nicht dazu gef\u00fchrt, dass der Rassismus abnimmt, wie etliche damals prognostizierten. Vielmehr wird Rassismus heute augenscheinlich offener formuliert als je zuvor &#8211; was laut Heitmeyer durchaus mit einem generell gestiegenen Nationalstolz zusammenh\u00e4nge.<\/p>\n<p><strong>Erkl\u00e4rungsversuche<\/strong><\/p>\n<p>Um diese Entwicklung zu erkl\u00e4ren, zitieren Br\u00e4hler und Decker aus \u00bbDie Unf\u00e4higkeit zu trauern\u00ab von Alexander und Margarete Mitscherlich. Demnach trat an die Stelle des \u00bbkollektiven Narzissmus\u00ab, der durch den Zusammenbruch des Nationalsozialismus schwer gesch\u00e4digt wurde, \u00bbder wirtschaftliche Aufschwung, das Bewusstsein, wie t\u00fcchtig wir sind\u00ab. Antidemokratische Einstellungen seien damals wie in einer Plombe verschlossen worden. Mit der zunehmenden Angst vor dem sozialen Abstieg \u00f6ffne sich die Plombe wieder \u2013 und setze auch die autorit\u00e4ren und rechtsextremen Ansichten frei.<\/p>\n<p><strong>Verankert im Osten wie im Westen<\/strong><\/p>\n<p>Auffallend ist, dass der Studie zufolge rechtsextreme Ansichten in allen Teilen Deutschlands weit verbreitet sind \u2013 im Westen sogar noch st\u00e4rker als im Osten. Das wirkt angesichts der j\u00fcngsten Wahlerfolge der NPD in Sachsen zun\u00e4chst befremdlich. Die Autoren erkl\u00e4ren aber die Feststellung damit, dass sie nicht die Handlungen, sondern die zugrunde liegenden Haltungen untersucht haben. F\u00fcr die potentiellen Opfer des Rassismus ist nat\u00fcrlich der Unterschied zwischen einer Einstellung und einer Handlung existenziell. Die Wahrscheinlichkeit, an einem brandenburgischen Baggersee von rechtsextremen Schl\u00e4gern maltr\u00e4tiert zu werden, ist f\u00fcr Migranten ungleich h\u00f6her als zum Beispiel an einem See in Bayern \u2013 selbst wenn die Vorurteile in beiden Bundesl\u00e4ndern in gleichem Ma\u00dfe verbreitet sind.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einer k\u00fcrzlich ver\u00f6ffentlichten Studie\u00a0 mit dem Titel \u00bbEin Blick in die Mitte\u00ab zufolge, ist eine rassistische, antidemokratische und autorit\u00e4re Gesinnung f\u00fcr einen gro\u00dfen Teil der Deutschen selbstverst\u00e4ndlich. Leider gingen die ersch\u00fctternden Ergebnisse der Studie, welche von Elmar Br\u00e4hler und Oliver Decker\u00a0 im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung erstellt wurde, in der allgemeinen EM-Euphorie nahezu unter. 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