{"id":3464,"date":"2010-06-26T15:44:45","date_gmt":"2010-06-26T13:44:45","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/?p=3464"},"modified":"2017-07-08T16:45:16","modified_gmt":"2017-07-08T14:45:16","slug":"wenn-protest-gegen-rechts-mit-polizeigewalt-endet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2010\/06\/26\/wenn-protest-gegen-rechts-mit-polizeigewalt-endet_3464","title":{"rendered":"Wenn Protest gegen Rechts mit Polizeigewalt endet"},"content":{"rendered":"<p><figure id=\"attachment_3465\" aria-describedby=\"caption-attachment-3465\" style=\"width: 540px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2010\/05\/wurzen-540.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-3465\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2010\/05\/wurzen-540.jpg\" alt=\"\" width=\"540\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2010\/05\/wurzen-540.jpg 540w, https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2010\/05\/wurzen-540-300x111.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-3465\" class=\"wp-caption-text\">Die geborstenen Scheibe des B\u00fcros des &quot;Netzwerkes f\u00fcr demokratische Kultur e.V.&quot; nach dem Sprengstoffanschlag 2004 \u00a9 dpa<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Er wollte friedlich gegen Nazigewalt protestieren und landete nach einem Gewaltausbruch von Polizisten mit herausgeschlagenen Z\u00e4hnen im Krankenhaus. Seit sechs Jahren k\u00e4mpft Christof Winter seither um Gerechtigkeit. Der Polizist, der den damals 21-J\u00e4hrigen schwer verletzt hat, wurde bis heute nicht verurteilt. Im Gespr\u00e4ch mit dem St\u00f6rungsmelder erz\u00e4hlt Christof, warum er trotzdem weiter gegen Rechts auf die Stra\u00dfe geht und was er sich von der Berufung vor dem Oberlandesgericht Dresden erhofft.<!--more--><\/p>\n<p>Angefangen hat alles im November 2004. Damals ver\u00fcbten Neonazis einen <a href=\"http:\/\/www.ndk-wurzen.de\/Aktuelles\/Pressespiegel\/Bomben-von-rechts--taz-\/448d226\/\">Sprengstoffanschlag auf das B\u00fcro des Netzwerks f\u00fcr Demokratisch Kultur e.V. (NDK)<\/a> im s\u00e4chsischen Wurzen. Am Sitz des Vereins, der sich gegen Rechtsextremismus in der Region engagiert, ging dabei die Scheibe zu Bruch.<\/p>\n<p>Spontan demonstrierten am folgenden Abend rund 200 Menschen aus der Region, Leipzig und Dresden in Wurzen nach einer angemeldeten Kundgebung. Auch Christof, der zu der Zeit in Dresden wohnte, beteiligte sich an dem Protest. Doch die Polizei unterband die Demonstration mit rabiaten Mitteln. Durch Schl\u00e4ge und Tritte von Beamten wurden mehrere Personen verletzt, Christof schwer. Ein Beamter schlug ihm mit einem Tonfa so heftig ins Gesicht und den Mundraum, dass er f\u00fcnf Z\u00e4hne und ein St\u00fcck Kiefer verlor, erhebliche Verletzungen an Lippen und Zahnfleisch erlitt und umgehend ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Unmittelbar nach diesem Angriff wurde Anzeige gegen Unbekannt gestellt und strafrechtlich wegen K\u00f6rperverletzung gegen die eingesetzten Beamte ermittelt. Die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren jedoch ein, da sie die Identit\u00e4t des Polizisten angeblich nicht kl\u00e4ren konnte.<\/p>\n<p>Erst nachdem das Landgericht vom Oberlandesgericht (OLG) deutlich zurechtgewiesen wurde, kam es zum endlich zum Verfahren. Vom Februar 2009 bis M\u00e4rz 2010, viereinhalb Jahre nach der Tat, wurde erstmals aufgrund des Angriffs verhandelt. Im Urteil wurde die Klage abgewiesen, da nach Meinung des Gerichts nicht nachgewiesen werden konnte, dass ein Polizist zugeschlagen hatte. Jetzt kommt es m\u00f6glicherweise zur Berufung vor dem Oberlandesgericht Dresden. \u00dcber eine Annahme der Berufung wird dort in den kommenden Tagen entschieden.<\/p>\n<p><strong>Christof, worin lag Deine Motivation nach dem Anschlag nach Wurzen zu fahren und zu demonstrieren?<\/strong><\/p>\n<p>Es war vor allem die in dem Sprengstoffanschlag liegende Qualit\u00e4t der Bedrohung. Zum Gl\u00fcck waren weder Personen verletzt worden noch war der materielle Schaden gro\u00df. Die Botschaft, die die Verwendung von Sprengstoff f\u00fcr den Anschlag transportierte, ist aber eine ganz klare: Wer sich mit den neonazistischen Aktivit\u00e4ten in Wurzen nicht abfindet und sie statt dessen thematisiert und anprangert, setzt sein Leben auf Spiel.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich und die Freunde mit denen ich dann kurzfristig nach Wurzen fuhr ging es vor allem um Solidarit\u00e4t. Solidarit\u00e4t mit denen die sich der rechten Dominanzkultur \u00f6ffentlich widersetzen und die deshalb Ziel des Anschlags waren. Ihnen zu zeigen, dass es auch au\u00dferhalb ihres Landkreises Menschen gibt die an ihrer Seite stehen und denen es nicht gleichg\u00fcltig ist wenn in ihrer Kleinstadt rechte Sprengs\u00e4tze explodieren war unser Anliegen.<\/p>\n<p><strong>Wenige Wochen zuvor hatten fast zehn Prozent der s\u00e4chsischen W\u00e4hler die NPD in den Landtag gew\u00e4hlt. Der Aufschrei in der Presse \u00fcber die Abkehr Vieler von der Demokratie war gro\u00df. Fand die Demonstration in Wurzen vor diesem Hintergrund einen gro\u00dfen Zuspruch?<\/strong><\/p>\n<p>Nicht in dem Ma\u00dfe in dem ich es mir gew\u00fcnscht h\u00e4tte. Dazu war die Zeit zwischen dem Anschlag und der Demonstration am \u00fcbern\u00e4chsten Abend sicher auch zu kurz. Trotzdem fanden sich etwa 250 Teilnehmer am Bahnhof ein. Bedenkt man wie klein die Zahl von Menschen ist, die sich in der Region trauen aktiv gegen Rechts aufzutreten, war das sicherlich ein Erfolg. Und das Mut dazu geh\u00f6rt, sich dort \u00f6ffentlich zu positionieren zeigte sich auch am Abend selbst. Kurz nachdem die Demonstration beendet war \u00fcberfiel eine Gruppe Neonazis Wurzener Jugendliche und verletzte zwei von ihnen. Nach Angaben von AMAL, die Betroffene rechter Gewalt in Sachsen beraten, versammelten sich au\u00dferdem w\u00e4hrend der Demonstration bis zu 80 Neonazis in der Stadt. Unter diesen Umst\u00e4nden auf die Stra\u00dfe zu gehen erfordert sehr viel R\u00fcckgrat. Daher war es sicher die richtige Entscheidung als Ausw\u00e4rtiger nach Wurzen zu fahren und die Betroffenen zu unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p><strong>Im Verlauf der Versammlung wurden mehrere Teilnehmer von Polizisten verletzt. Du selbst wurdest mit schweren Verletzungen an Z\u00e4hnen und Kiefer noch in der Nacht in eine Leipziger Klinik gebracht. Was war passiert?<\/strong><\/p>\n<p>Nachdem sich der Demonstrationszug gerade formiert hatte, wir hatten noch nicht einmal den Bahnhofsvorplatz der Treffpunkt war verlassen, versperrte eine Reihe Bereitschaftspolizisten die Stra\u00dfe. F\u00fcr alle v\u00f6llig \u00fcberraschend begannen pl\u00f6tzlich die Polizisten die Personen in den ersten Reihen zu schubsen, zu schlagen und zu treten. Die Polizei hatte sich bis dahin vollkommen im Hintergrund gehalten. Ein Grund f\u00fcr diesen einseitigen Gewaltausbruch hat es nicht gegeben. Ich fand mich im Zuge des entstandenen Durcheinanders einem Bereitschaftspolizisten gegen\u00fcber der mir gezielt und mit voller Wucht ins Gesicht schlug. Dabei verlor ich ein St\u00fcck Kiefer, f\u00fcnf Z\u00e4hne und erlitt Risswunden an Lippen und Zahnfleisch. Meine Brille wurde zerst\u00f6rt. W\u00e4hrend ich von anderen Demonstrationsteilnehmern zu einer Bank gebracht wurde zogen sich die Beamten von der Stra\u00dfe zur\u00fcck. Die Demo lief weiter bevor sie wenig sp\u00e4ter gestoppt wurde. Aber das habe ich schon nicht mehr mitbekommen.<br \/>\n<strong><br \/>\nWie erkl\u00e4rst Du Dir die Gewalt der Polizei?<\/strong><\/p>\n<p>Das ist f\u00fcr mich bis heute unerkl\u00e4rlich. Woher der Antrieb kam die Demonstration so zu attackieren erschlie\u00dft sich mir nicht. Ich habe den Eindruck dem eingesetzten Beamten waren falsch auf den Einsatz vorbereitet worden. Sie haben sich verhalten als m\u00fcssten sie eine brandschatzende Horde von der Stadt fernhalten der zu allem bereit ist. Das Gegenteil war der Fall. Wir haben unser demokratisches Recht auf Meinungsfreiheit in Form einer friedlichen Demonstration ausge\u00fcbt. Es gab am gesamten Abend nicht eine Sachbesch\u00e4digung durch Teilnehmer der Versammlung oder einen anderen Anlass zu diesem Angriff. Obwohl die Polizei dazu in der Lage war, wurde kein Teilnehmer in Gewahrsam genommen. Denn es gab schlicht keinen Grund dazu. Dies zeigt, dass die massive Gewalt der Polizei in keiner Weise gerechtfertigt war. Auch w\u00e4hrend des Prozesses gegen den Freistaat wurde mir nie etwas vorgeworfen. Warum also diese brutale Attacke?<\/p>\n<p><strong>Welche Konsequenzen hatte der Angriff des Polizisten f\u00fcr Dich?<\/strong><\/p>\n<p>Im Vordergrund standen zun\u00e4chst die gesundheitlichen Folgen. Nach den Notfallbehandlungen in Wurzen, Leipzig und Dresden mussten die Wunden erstmal verheilen. Ich war schon froh als ich nach \u00fcber einem Monat erstmal ein Provisorium im Mund hatte, wieder feste Nahrung zu mir nehmen und verst\u00e4ndlich sprechen konnte. Die Zeit bis dahin war die belastendste f\u00fcr mich. Der folgende Kieferaufbau und die Implantatbehandlung waren vor allem zeitraubend und sehr teuer. Als dauerhafte Einschr\u00e4nkung bleibt die Angst vor dem Verhalten der Polizei. Die werde ich wohl nicht mehr loswerden.<br \/>\n<strong><br \/>\nIst der Polizist der Dich geschlagen hat suspendiert worden?<\/strong><\/p>\n<p>Leider nicht. Und das ist ein Skandal. Die auf meine Anzeige erfolgten strafrechtlichen Ermittlungen gegen die eingesetzten Beamten wurden eingestellt. Dabei hielt es die ermittelnde Staatsanwaltschaft nicht einmal f\u00fcr n\u00f6tig die am Abend eingesetzten Polizisten zu befragen. Und dies obwohl sich der T\u00e4terkreis auf rund zehn Personen einer Einheit eingrenzen lie\u00df. Das Hauptproblem war die Identifizierung des T\u00e4ters. Meine Personenbeschreibung war nicht eindeutig genug. Wie sollte sie es auch? Ich hatte dem T\u00e4ter ja nur den Bruchteil einer Sekunde ins Gesicht gesehen. Zu einer Gegen\u00fcberstellung oder der Vorlage von Bildern ist es nie gekommen. Dabei w\u00e4re es wichtig gewesen diesen offenbar ungeeigneten Polizisten zuk\u00fcnftig nicht mehr auf Demonstranten los zu lassen.<br \/>\n<strong><br \/>\nF\u00fcnfeinhalb Jahre sp\u00e4ter ist der Abend immer noch Gegenstand vor Gericht. Worum geht es denn noch in dem laufenden Verfahren?<\/strong><\/p>\n<p>Im Anschluss an das strafrechtliche Ermittlungsverfahren habe ich meine Anspr\u00fcche an meinen Bruder \u00fcbertragen der vor dem Landgericht Leipzig gegen den Freistaat Sachsen als Dienstgeber der Beamten auf Schadensersatz und Schmerzensgeld klagte. Dieses Verfahren zog sich bis zum Fr\u00fchjahr diesen Jahres und endete mit der Klageabweisung. Ich war an allen Verhandlungstagen im Landgericht anwesend und bin schockiert \u00fcber das Desinteresse des Gerichts an der Aufkl\u00e4rung dessen was an diesem Abend in Wurzen geschah. Ich hatte das Gef\u00fchl f\u00fcr das Landgericht kann kein Demonstrant Opfer polizeilicher Gewalt sein. Auch wenn er bestens dokumentiert mit massiven Verletzungen vor Ort von Rettungssanit\u00e4tern aufgefunden wird. Da gab es f\u00fcr das Landgericht Leipzig nichts zu hinterfragen. Da muss man doch das Vertrauen in den Rechtsstaat verlieren. Mein Bruder hat sich nun daf\u00fcr entschieden in Berufung vor das OLG Dresden zu gehen. Das gesprochene Urteil ist inakzeptabel.<\/p>\n<p><strong>Was erhofft er sich nun von der Berufung am Oberlandesgericht?<\/strong><\/p>\n<p>Es geht ihm vor allem um eine ernsthafte Untersuchung der Tat. Dazu geh\u00f6rt auch die kritische Hinterfragung der Zeugenaussagen von Beh\u00f6rdenvertretern und Polizeibeamten durch das Gericht an der es bisher mangelte. Ein als Beweisst\u00fcck eingebrachtes Polizeivideo des Abends, das eindeutig schlagende und tretende Polizisten zeigt und Aussagen der vom Freistaat Sachsen benannten Zeugen widerlegt, wurde bisher nicht ausreichend gew\u00fcrdigt. Das finanzielle Risiko des Verfahrens ist dabei f\u00fcr ihn gro\u00df. Gerechtigkeit darf aber keine Frage der Finanzen sein. Zum Gl\u00fcck gibt es eine Reihe von Unterst\u00fctzern die das genau so sehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er wollte friedlich gegen Nazigewalt protestieren und landete nach einem Gewaltausbruch von Polizisten mit herausgeschlagenen Z\u00e4hnen im Krankenhaus. Seit sechs Jahren k\u00e4mpft Christof Winter seither um Gerechtigkeit. Der Polizist, der den damals 21-J\u00e4hrigen schwer verletzt hat, wurde bis heute nicht verurteilt. 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