{"id":36,"date":"2007-08-17T18:24:12","date_gmt":"2007-08-17T16:24:12","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2007\/08\/17\/totschlag-unter-kameraden_36"},"modified":"2007-08-17T18:24:12","modified_gmt":"2007-08-17T16:24:12","slug":"totschlag-unter-kameraden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2007\/08\/17\/totschlag-unter-kameraden_36","title":{"rendered":"Totschlag unter Kameraden"},"content":{"rendered":"<p>Vor dem Amtsgericht Wismar sind f\u00fcnf M\u00e4nner angeklagt, gemeinsam einen Bekannten get\u00f6tet zu haben. Einer der Angeklagten ist als Neonazi bekannt. Die Staatsanwaltschaft will dennoch nicht von einer Tat in der rechten Szene sprechen<br \/>\n<!--more--><br \/>\nMit Sonnenbrillen und Handschellen betreten die f\u00fcnf Angeklagten l\u00e4ssig den Gerichtssaal. Kurzes K\u00fcsschen f\u00fcr die Frau, schnelle Umarmung mit der Freundin, kr\u00e4ftiges Schulterklopfen mit dem Kumpel. &#8222;Alles gut?&#8220;, fragt Harald L. &#8222;Ja&#8220;, antwortet eine Frau und dr\u00fcckt ihren Sohn, den Angeklagten Oliver L. L\u00e4chelnd gr\u00fc\u00dft Silvio J., der seine H\u00e4nde mit der Metallfessel spielerisch dreht, in die vollbesetzten Besucherreihen. Scham oder gar Reue strahlen auch Tobias E. und Hennig W. nicht aus. Breit grinsend laufen sie in rechten Szeneklamotten auf. Coolness aus Verlegenheit? In diesem Milieu zwischen Neonazismus, Gewalt und Alkoholismus schwer einzusch\u00e4tzen. Seit dem 3. Juli stehen sie vor dem Schweriner Landgericht. Vorwurf: &#8222;Gemeinschaftlicher Totschlag&#8220;.<\/p>\n<p>Die Luft ist am vergangenen Dienstag im Saal 3 schnell verbraucht. In dem provisorischen Gericht in einem Containerbau am Demmlerplatz sind alle Sitze belegt. Die Renovierung des Gerichtsgeb\u00e4udes ist noch nicht abgeschlossen. 14 Verhandlungstage hat Richter Horst Heydorn insgesamt angesetzt. Am ersten Verhandlungstag legte Oberstaatsanwalt Hans F\u00f6rster die Anklage dar. Am Neujahrstag 2007 sollen die M\u00e4nner im Alter von 37 und 17 Jahren Andreas F. in der Wohnung von W. get\u00f6tet haben. Mit einem K\u00fcchenmesser habe W. mehrfach auf den bereits verletzten F. eingestochen.<br \/>\n<strong>Man scherzt und witzelt<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Zu dem Geschehen in Wismar \u00e4u\u00dfern sich die Beschuldigten vor Gericht nicht. Still sind aber weder der Vater und Sohn L., noch die anderen. Man scherzt und witzelt. Ihre Angeh\u00f6rigen beeindruckt das Gericht offensichtlich ebenso wenig. Den Bruder von E. belustigen die &#8222;\u00d6kolatschen&#8220; des Gerichtsmediziners: &#8222;Wie der aussieht.&#8220;<br \/>\nKeine zwei Schritte von den Angeklagten entfernt, sitzt die Lebensgef\u00e4hrtin des Get\u00f6teten. Stellvertretend f\u00fcr den gemeinsamen 3-j\u00e4hrigen Sohn tritt sie als Nebenkl\u00e4gerin auf. Versteinert schaut sie ins Leere. Offen hatte sie bereits zu Beginn des Prozesses erkl\u00e4rt, dass F. ein Alkoholproblem hatte und bei entsprechendem &#8222;Pegel&#8220; schnell zu provozieren war. Mehrmals stand der 34-J\u00e4hrige selbst vor Gericht.<br \/>\nJe zwei Verteidiger haben die einzelnen Angeklagten, die am dritten Verhandlungstag eine Unterbrechung nach der n\u00e4chsten erwirkten. Ein Zeuge, Wolfgang S., scheint ihnen nicht zu behagen. Nach seiner ersten Einlassungen am zweiten Verhandlungstag ist nicht mehr klar, inwieweit er bei der Beseitigung der Tatspuren selbst beteiligt war und damit die Angeklagten weiter belasten k\u00f6nnte. Der Getr\u00e4nkeh\u00e4ndler soll &#8222;Klamotten&#8220; der Beschuldigten auf seinem Hof verbrannt haben. Der Richter ordnete deshalb einen Rechtsbeistand bei der Befragung an. Die Staatsanwaltschaft entschied, auch gegen ihn Ermittlungen einzuleiten.<\/p>\n<p><strong>Das Streitmotiv ist unklar<\/strong><\/p>\n<p>Mit &#8222;Kumpels&#8220; kam er zur Verhandlung. &#8222;Schon getankt?&#8220;, begr\u00fc\u00dfte ein Angeh\u00f6riger einen von ihnen, der breit l\u00e4chelte. S. berichtet, dass er am Neujahrstag um 14 Uhr im Laden einen Anruf aus der Wohnung von W. erhalten habe. Schnaps, Cola und Zigaretten sollte er in die Liselotte-Hermann-Stra\u00dfe liefern. Das sp\u00e4tere Opfer, das ein Freund noch gewarnt hatte, fuhr mit. Es brach ein Streit zwischen Oliver L. und F. aus, der in ein Handgemenge \u00fcberging. Die Ursache der Auseinandersetzung ist nach wie vor ungekl\u00e4rt. Im Wohnzimmer trank S. einen Kaffee und sah der ausufernden Gewalt zu. Nachdem er ausgetrunken hatte, brachte er dem am Boden liegenden und stark blutenden F. Papiert\u00fccher und will gefragt haben, &#8222;ob er nicht besser wieder mitkommen wolle&#8220;. Er wollte angeblich nicht.<br \/>\nSorgen h\u00e4tte er sich schon gemacht, versichert S., aber erst auf Nachfragen des Richters. Nach einem zweiten Anruf am Abend holt er E. und J. ab. Er sieht viel Blut an W\u00e4nden und am Boden. Ebenso bemerkt er die Fersen einer auf dem Bauch liegenden Person. An den Schuhen erkennt er, das es sich um F. handelt. Zur\u00fcck im Laden fallen einem Kunden bei J. Blutspuren auf seinem Shirt und seinen Schuhen auf. &#8222;Farbe&#8220;, soll J. erkl\u00e4rt haben.<\/p>\n<p><strong> Familientreff im Gericht<\/strong><\/p>\n<p>Seit dem ersten Verhandlungstag verfolgt Beluga Post f\u00fcr die Ostseezeitung das Verfahren. Der Journalist kennt nicht nur die Angeklagten, sondern auch deren Verwandte und Freunde. &#8222;Die beziehen alle Hartz IV&#8220;, wei\u00df er. So fehlten den Familien auch die Mittel, um ihre Angeh\u00f6rigen, die in unterschiedlichen Haftanstalten sitzen, damit sie keine Absprachen treffen, in der Untersuchungshaft zu besuchen. Die Verhandlungen nutzten die Familien daher auch, um sich zu sehen. Der Gerichtsreporter erz\u00e4hlt auch, dass die Polizei eine v\u00f6llig ges\u00e4uberte Wohnung am 2. Januar vorfand.<\/p>\n<p>An dem Tag hatte W. in Begleitung seines Anwalts Kai Helge Marnitz bei der Polizei gemeldet, dass eine Leiche in seiner Wohnung liege. Mehr sagte er nicht. Die Polizei fand den Toten, der schon Zeichen der Leichenstarre trug. In der Wohnung fielen den Beamten rechtsextremistische Devotionalien auf. Die taz berichtete damals schon, dass Anwohner von einer &#8222;Nazi-Wohnung&#8220; sprachen. Dass hier eine Party und anschlie\u00dfend ein Kampf stattgefunden hat, sagt Post, konnte die Polizei nicht mehr erkennen. Die R\u00e4ume waren aufger\u00e4umt und der Boden noch feucht vom Wischen. Nur in einem Eimer und in der Badewanne stie\u00dfen sie auf &#8222;rotes Wasser&#8220;. Sauber war um die Leiche gewischt worden.<\/p>\n<p><strong> Zwei Gesichter der Gewalt<\/strong><\/p>\n<p>Von einer politisch rechts-motivierten Tat wollte schon Anfang Januar die Staatsanwaltschaft nicht sprechen. Denn die Motive des Streits seien unbekannt. Anf\u00e4nglich wollte die Staatsanwaltschaft auch gegen\u00fcber der taz nicht von einer Tat in der rechten Szene reden. In dieser Szene w\u00fcrde jedoch die Gewalt ein Doppelcharakter kennzeichnen, betont Michael Kohlstruck. Der Sozialwissenschaftler f\u00fchrt in einer Studie aus, dass in diesem Milieu Gewalt einerseits eine Form einer aggressiven Selbstdarstellung sei und anderseits ein Ausdruck einer politischen Haltung. Am 12. August 2006 war denn auch E. unter jenen Neonazis, die vor dem Szeneladen &#8222;Werwolfshop&#8220; eine Antifa-Demonstration angriffen. Nur weil zwei Polizisten die Waffen zogen, geschah nichts Schlimmeres.<\/p>\n<p>Ein Gest\u00e4ndnis von den Beschuldigten wird bisher nicht erwartet.<br \/>\n<em>Dieser Text wurde bereits in der taz ver\u00f6ffentlicht<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor dem Amtsgericht Wismar sind f\u00fcnf M\u00e4nner angeklagt, gemeinsam einen Bekannten get\u00f6tet zu haben. Einer der Angeklagten ist als Neonazi bekannt. 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