{"id":3772,"date":"2010-06-30T10:21:02","date_gmt":"2010-06-30T08:21:02","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/?p=3772"},"modified":"2010-06-30T10:21:31","modified_gmt":"2010-06-30T08:21:31","slug":"abschied-von-der-generation-der-uberlebenden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2010\/06\/30\/abschied-von-der-generation-der-uberlebenden_3772","title":{"rendered":"Abschied von der Generation der \u00dcberlebenden"},"content":{"rendered":"<p><figure style=\"width: 224px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/images\/heprodimagesfotos83120100629c-7300-jpg\/1871000.jpg?format=format15\" alt=\"Max Bergoffen legt mit seinem Bruder Leo bei ihrem Berlin-Besuch Blumen am fr\u00fcheren Elternhaus am Hackeschen Markt nieder. Stolpersteine erinnern hier an das Schicksal der j\u00fcdischen Familie. Foto: Spiekermann-Klaas\" width=\"224\" height=\"364\" \/><figcaption class=\"wp-caption-text\">Max Bergoffen legt mit seinem Bruder Leo bei ihrem Berlin-Besuch Blumen am fr\u00fcheren Elternhaus am Hackeschen Markt nieder. Stolpersteine erinnern hier an das Schicksal der j\u00fcdischen Familie. Foto: Spiekermann-Klaas<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Seit 1969 lud der Senat zumeist j\u00fcdische Emigranten in ihre ehemalige Heimat Berlin ein. Jetzt kam die vorerst letzte Gruppe. Das Besuchsprogramm wurde eingestellt \u2013 es gibt nur noch wenige, die sich die Reise zutrauen.<!--more--><\/p>\n<p><em>Von <a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/berlin\/abschied-von-der-generation-der-ueberlebenden\/1870992.html\">Tagesspiegel<\/a>-Autorin Karolin Steinke<\/em><\/p>\n<p>T\u00e4glich hat Max Bergoffen, Jahrgang 1921, fr\u00fcher diesen kurzen Weg genommen: von der komfortablen Wohnung seiner Familie in den Hackeschen H\u00f6fen rechtsherum durch die schmale Oranienburger Stra\u00dfe, in der sein Vater Jakob eine Farbenhandlung betrieb, und dann wieder rechts in die Gro\u00dfe Hamburger Stra\u00dfe zur Knabenschule der J\u00fcdischen Gemeinde. Heute ist darin die J\u00fcdische Oberschule. \u201eVon der Wohnung aus konnte man den evangelischen und den j\u00fcdischen Friedhof sehen\u201c, erinnert sich der elegante Herr aus Kanada.<\/p>\n<p>In Berlin trifft er sich mit seinem j\u00fcngeren Bruder Leo und dessen Familie, die in Frankreich leben, um an den Hackeschen H\u00f6fen zwei \u201eStolpersteine\u201c im Gedenken an die Eltern verlegen zu lassen. Ihre Mutter Felli kam 1893 in Oswiecim bei Krakau zur Welt. 1942 wurde sie mit Ehemann Jakob Bergoffen in ihrer Geburtsstadt ermordet: Die Deutschen hatten den Ort 1939 in Auschwitz umbenannt. Vor den Nazis war die j\u00fcdische Familie ein Jahr vor Kriegsbeginn erst nach Prag, dann weiter nach Frankreich gefl\u00fcchtet. Max konnte als Student von Prag nach England emigrieren. F\u00fcr Leo und seine Eltern erwies sich Frankreich als Falle. 1942 verhafteten die Deutschen Felli und Jakob in Angers in Westfrankreich, im unbesetzten Teil Frankreichs nahm die franz\u00f6sische Polizei Leo fest \u2013 auch er kam nach Auschwitz. Das Vernichtungslager \u00fcberlebte er nur dank seiner Jugend. Im Beisein des Bezirksb\u00fcrgermeisters von Mitte, Christian Hanke, wurden jetzt die beiden \u201eStolpersteine\u201c verlegt. Zwei Berliner haben diese beiden Steine des Kunstprojekts von Gunter Demnig gespendet. Leo Bergoffen: \u201eUnsere Eltern haben kein Grab. Die Steine sind wie ein Grabstein f\u00fcr uns.\u201c<\/p>\n<p>Zusammen mit 78 zumeist j\u00fcdischen Emigranten aus Berlin ist Leo Bergoffen auf Einladung des Senats in seine Geburtsstadt zur\u00fcckgekehrt. Es ist die vorerst letzte Gruppe, die bis Dienstag eine Woche lang Berlin besuchte. Seit 1969, als der damalige Regierende B\u00fcrgermeister Klaus Sch\u00fctz (SPD) das Besuchsprogramm initiierte, folgten mehr als 35 000 Emigranten der Einladung. Nun gibt es nur noch vereinzelt Antr\u00e4ge: \u201eFr\u00fcher kamen rund vier Gruppen pro Jahr, jeweils 400 bis 500 Personen\u201c, erinnert sich R\u00fcdiger Nemitz, der das Einladungsprogramm im Berliner Rathaus koordiniert.<\/p>\n<p>Diesmal sind ehemalige Berliner aus den USA, aus Kanada, Israel, England, Frankreich, Australien, S\u00fcdafrika und S\u00fcdamerika angereist. Nach der Begr\u00fc\u00dfung durch den Regierenden B\u00fcrgermeister Klaus Wowereit (SPD) im Roten Rathaus f\u00fchrt eine Busrundfahrt die betagten G\u00e4ste und ihre Begleiter durch \u201edas neue Berlin\u201c. Auf dem Programm stehen das J\u00fcdische Museum, der Friedhof in Wei\u00dfensee, der Bundestag, ein Opernbesuch und eine Bootstour mit Politikern durch die Innenstadt. Walter Momper, Pr\u00e4sident des Abgeordnetenhauses, berichtet auf dem Schiff in einer Ansprache auch vom neuen Rechtsextremismus und von B\u00fcrgern, die sich dagegen auflehnen. \u201eWir wollen Ihnen zeigen, dass Berlin heute eine andere Stadt ist als damals\u201c, so Momper. \u201eDie besten Botschafter Deutschlands sind die Emigranten.\u201c<\/p>\n<p>Vielen ist der Besuch nicht leichtgefallen. \u201eIch habe 60 Jahre gebraucht, um diesen Trip zu akzeptieren\u201c, sagt Harry Keil aus Los Angeles in amerikanisch gef\u00e4rbtem Berlinerisch. Bis heute hat er seine schrecklichen Erlebnisse w\u00e4hrend des Nationalsozialismus niemandem erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>F\u00fcr viele ist es wie ein Wunder, Berlin noch einmal wiederzusehen. Sylvia Brook, die einst in L\u00fcneburg lebte und aus Las Vegas angereist ist, berichtet, dass ihr Bruder vor einigen Jahren die Einladung des Berliner Senats w\u00fctend zerrissen hat. Bei Hanna Fleck aus Aschdod (Israel) war es ihr israelischer Mann, der von Deutschland nichts wissen wollte. Nun sind die beiden alten Damen froh, die lange Reise doch auf sich genommen zu haben. Mit der letzten Einladung dieser Art ist es, als ob Berlin Abschied nimmt von einer ganzen Generation. Einige bek\u00fcmmert es, wie verwildert der j\u00fcdische Friedhof in Wei\u00dfensee ist. \u201eEs gibt eben keine Angeh\u00f6rigen mehr, die die Gr\u00e4ber pflegen k\u00f6nnten.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit 1969 lud der Senat zumeist j\u00fcdische Emigranten in ihre ehemalige Heimat Berlin ein. Jetzt kam die vorerst letzte Gruppe. 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