{"id":389,"date":"2008-08-31T16:36:04","date_gmt":"2008-08-31T15:36:04","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2008\/08\/31\/extrem-rechte-subkultur-%e2%80%93-zwischen-konsum-und-politik_389"},"modified":"2008-08-31T16:36:04","modified_gmt":"2008-08-31T15:36:04","slug":"extrem-rechte-subkultur-%e2%80%93-zwischen-konsum-und-politik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2008\/08\/31\/extrem-rechte-subkultur-%e2%80%93-zwischen-konsum-und-politik_389","title":{"rendered":"Extrem Rechte Subkultur \u2013 Zwischen Konsum und Politik"},"content":{"rendered":"<p>Nirgends treten Neonazis so unverbl\u00fcmt offen f\u00fcr Gewalt ein wie in ihren eigenen subkulturellen Zusammenh\u00e4ngen. Rechte Musik, Symbolik, Parolen, Lifestyle und Freizeitgestaltung kreieren eine Lebenswelt, die insbesondere Jugendliche radikalisiert. Das prim\u00e4re Ziel: Sie mit m\u00f6glichst wenig Theorie zum politischen Kampf zu gewinnen. Ob in lokalen Kameradschaften, in der Partei oder losen Freundeskreisen, ist dabei zweitrangig.<!--more--><\/p>\n<p><strong>Von der Marschmusik zum Rechtsrock <\/strong><\/p>\n<p>Bis Ende der 70er Jahre dominierte in der seit Ende des Zweiten Weltkriegs fortw\u00e4hrend existierenden Neonaziszene Marsch- und Volksmusik aus den Jahren des Nationalsozialismus.<br \/>\nMit dieser Musik wurden haupts\u00e4chlich Altnazis angesprochen, f\u00fcr Jugendliche war die Szene kaum attraktiv. Dies \u00e4nderte sich Anfang der 80er Jahre, als aus der abflauenden Punkbewegung  die ersten Rechtsrock-Gruppen in Gro\u00dfbritannien entstanden. Eine der ersten und bis heute beliebtesten Bands aus dem \u201eRock against Communism&#8220;-Bereich (RAC) ist \u201eSkrewdriver&#8220;, deren S\u00e4nger Ian Stuart Donaldson (gest. 1993) und Musik bis heute Kultstatus unter Jugendlichen genie\u00dfen. Donaldson ist Mitbegr\u00fcnder des Neonazi-Netzwerkes \u201eBlood&amp;Honour&#8220; (deutsch: \u201eBlut&amp;Ehre&#8220;, dass seit den 80er Jahren Musik gezielt als Propagandamittel f\u00fcr Jugendliche einsetzt und bis heute mit der Produktion von Musik, der Durchf\u00fchrung von Konzerten und der Vernetzung von Neonazi-Bands international erfolgreich ist. Seit dem Jahr 2000 ist \u201eBlood&amp;Honour&#8220; in der Bundesrepublik verboten, trotzdem treten bis heute auch deutsche Bands auf B&amp;H-Konzerten im Ausland auf, ebenso wie internationale Bands aus dem B&amp;H-Umfeld hier auftreten, wie bspw. auch auf dem \u201eFest der V\u00f6lker&#8220; 2005 und 2006 die niederl\u00e4ndische Band \u201eBrigade M&#8220; oder die Italiener von \u201eHate for Breakfest&#8220;. Das es sich bei \u201eB&amp;H&#8220; nicht nur um ein Musiknetzwerk handelt, sondern um eine neonazistische Kampfgemeinschaft, zeigt der in den fr\u00fchen 90er Jahren gegr\u00fcndete \u201ebewaffnete Arm&#8220; des Netzwerks \u201eCombat 18&#8243; (C18). Dieser wird in Gro\u00dfbritannien u.a. f\u00fcr Bombenanschl\u00e4ge auf j\u00fcdische Friedh\u00f6fe und Mordversuche an sogenannten \u201epolitischen Gegnern&#8220;, wie Journalisten oder Homosexuellen, verantwortlich gemacht. In Deutschland durchsuchten Ende 2003 mehr als 300 Polizeibeamte \u00fcber 50 Wohungen in Norddeutschland und zerschlugen so die Gruppe &#8222;Combat 18 &#8211; Pinneberg&#8220;. Bei den Durchsuchungen wurden sieben Personen verhaftet und \u201eschussbereite Waffen&#8220; beschlagnahmt. Die Buchstabenkombination \u201e18&#8243; steht f\u00fcr \u201eAdolf Hitler&#8220; und setzt sich aus dem ersten und dem achten Buchstaben des Alphabets zusammen.<\/p>\n<p><strong>Rechtsrock zwischen Kommerz und Idealismus<\/strong><\/p>\n<p>Mit extrem rechter und neonazistischer Musik werden Jugendlich bewusst und unbewusst in ihrem Alltag politisiert. Menschenverachtende und geschichtsverf\u00e4lschende Texte wie die der popul\u00e4rsten deutschen Neonazi-Band \u201eLandser&#8220; pr\u00e4gen das Weltbild von Heranwachsenden, unter Umst\u00e4nden schon bevor diese selbst \u00fcberhaupt in der Lage sind, die Inhalt zu reflektieren. Rechtsrock wird aber auch ganz gezielt zur Anwerbung von Jugendlichen eingesetzt wie im Falle der verschiedenen sogenannten \u201eSchulhof-CDs&#8220;, von denen die erste mit dem Titel \u201eAnpassung ist Feigheit&#8220; 2004 aus dem Spektrum der freien Kameradschaften hergestellt wurde. Einer der Unterst\u00fctzer der damaligen CD war das Chemnitzer Rechtsrocklabel \u201ePC-Records&#8220;, dass heute zu den Marktf\u00fchrern geh\u00f6rt und neben zahlreichen Bands laut \u201eNetz gegen Nazis&#8220; auch weitere politische Projekte unterst\u00fctzt, wie die extrem rechte Sch\u00fclerzeitung \u201eInvers&#8220; oder das j\u00e4hrlich in Jena stattfindende internationale Neonazi-Festival \u201eFest der V\u00f6lker&#8220;. Seit 2000 sind bei \u201ePC-Records&#8220;mehr als 80 Tontr\u00e4ger erschienen. Mit einem angeschlossenem Ladengesch\u00e4ft und einem Online-Versandhandel arbeitet das vom ehemaligen Herausgeber des neonazistischen Fanzines \u201ePanzerb\u00e4r&#8220; betriebene Label \u00e4u\u00dfert professionell und gewinnorientiert. Experten sch\u00e4tzen, dass in der Bundesrepublik \u00fcber 30 Plattenfirmen und Vertriebe t\u00e4tig sind und es einen entsprechend gro\u00dfen Markt f\u00fcr Tontr\u00e4ger und Merchandiseartikel wie T-Shirts, Anstecker und Schl\u00fcsselanh\u00e4nger gibt. Bis jetzt haben deutsche Neonazi-Bands gesch\u00e4tzte 1.200 Platten und CDs ver\u00f6ffentlicht.<br \/>\n<strong>Vielfalt neonazistischer Subkultur<\/strong><\/p>\n<p>Lagen die Anf\u00e4nge neonazistischer Jugendkultur auch im klassischen Rechtsrock und in der Skinheadbewegung, so gelang es extrem rechten Stategen in recht kurzer Zeit, das subkulturelle Spektrum betr\u00e4chtlich zu erweitern. Insbesondere im Black Metal wurden inhaltliche Ankn\u00fcpfungspunkte genutzt und gezielt neonazistische Bands platziert. Die Ablehung des Christentums, Satanismus, Okkultismus sowie die Glorifizierung archaischer Vorstellungen von Krieg, Kampf und St\u00e4rke steigern sich im National Socialist Black Metal (NSBM) zu einer ausgepr\u00e4gten Ablehnung humanistischer Werte und der Verherrlichung des Antisemitismus, des Nationalsozialismus und der Ausrottung des Schwachen. Das norwegische Projekt \u201eBurzum&#8220; und die deutsche Band \u201eAbsurd&#8220; waren wesentlich an der Etablierungen eines neonationalsozialistischen Fl\u00fcgels innerhalb dieser Szene beteiligt. \u201eAbsurd&#8220; erlangte traurige Ber\u00fchmheit und einen Kultstatus in der Szene als drei Mitglieder der Gruppe wegen des Mordes an einem 15 j\u00e4hrigen in Sondershausen verhaftet wurden. Der S\u00e4nger Hendrik M\u00f6bus wurde 1994 wegen \u201egemeinschaftlich geplanten Mordes, Freiheitsberaubung und N\u00f6tigung&#8220; zu acht Jahren Jugendstrafe verurteilt. W\u00e4hrend der NSBM mit seiner politischen Positionierung nicht hinterm Berg h\u00e4lt, agiert die Darkwave- und Neofolk-Szene uneindeutig und baut damit bewusst politische Grauzonen aus, die es auch unpolitischen Anh\u00e4ngern auf subtile Weise erm\u00f6glichen, sich extrem rechten kulturellen Vorstellungen zu n\u00e4hern. Im Neofolk steht weniger die plumpe textliche Agitation im Vordergrund als die faschistische \u00c4sthetik und das Spiel mit nationalsozialistischen Symbolen wie SS-Totenk\u00f6pfen, der \u201eSchwarzen Sonne&#8220; oder bestimmten Runen. Mit Neofolk wird eher der neurechte Teils des Spektrums hofiert, der sich von extrem rechten bis zu rechtskonservativen Positionen erstreckt. Die auf den k\u00fcnstlerischen Ausdruck begrenzte Argumentation und der elit\u00e4re Habitus der Szene verhindern eine politische Auseinandersetzung.<br \/>\nAuch in der Hardcore-Szene begann sich schon in den 90er Jahren unter der Bezeichnung \u201eHatecore&#8220; ein neonazistisch ausgerichteter Fl\u00fcgel zu etablieren, der heute als sogenannter \u201eNS-Hardcore&#8220; (NSHC) einen wesentlichen Einfluss auch auf neue politische Themen in der Szene hat. So sind Themen wie Naturschutz und Tierrechte mittlerweile in der extrem Rechten nicht nur salonf\u00e4hig, sondern trotz einiger Widerspr\u00fcche ein weiteres wichtiges Agitationsfeld. Auch \u00e4u\u00dferlich macht sich der Einfluss des Hardcore auf die Neonaziszene bemerkbar. Der Anblick von bunten Haaren und B\u00e4rten, Kapuzenpullovern und Piercings verwirren noch heute diejenigen Beobachter, die noch immer das Klischee vom Neonazi-Skinhead im Kopf haben.<br \/>\nAber nicht nur aufgrund gezielter Agitation ist die extrem rechte subkulturelle Szene breiter, vielf\u00e4ltiger und attraktiver geworden. Einzelne Versatzst\u00fccke extrem rechter Ideologie existieren und entwickeln sich v\u00f6llig unabh\u00e4ngig sowohl im Mainstream als auch in einzelnen Subkulturen. So ist auch HipHop anschlussf\u00e4hig geworden f\u00fcr neonazistische Inhalte. Insbesondere die sich aus der deutschen Mehrheitsgesellschaft speisenden homophoben, nationalistischen und rassistischen Tendenzen sorgen trotz Vorbehalte f\u00fcr eine steigende Beliebtheit von HipHop in der Neonaziszene.<\/p>\n<p><strong>Lechts und Rinks<\/strong><\/p>\n<p>Neonazis haben sich in den vergangenen Jahren nicht nur erfolgreich in verschiedenen Subkulturen festgesetzt, sondern versuchen sich auch mehr oder minder erfolgreich an der \u00dcbernahme und Uminterpretation von popul\u00e4rer linker Symbolik. W\u00e4hrend das Pal\u00e4stinesertuch urspr\u00fcnglich vor allem in linken und antifaschistischen Kreisen getragen wurde, verwenden Neonazis es zunehmend als Symbol ihrer Solidarit\u00e4t mit dem Kampf radikaler Islamisten gegen den Staat Israel. Auch Che Guevara als Symbolfigur f\u00fcr den Kampf gegen Unterdr\u00fcckungen wird versucht, neben sozialen auch nationale Interssen zu unterstellen. In j\u00fcngster Zeit wurden sogar Zitate von RAF-Mitgliedern und Antifa-Aktions-Fahnen bem\u00fcht, um zu provozieren und Grenzen zu verwischen. Dieses oft als \u201eQuerfront&#8220; bezeichnete Vorgehen f\u00fchrt jedoch auch innerhalb der Neonazis-Szene zu Konflikten und Auseinandersetzungen. Ebenso nicht unumstritten ist das Auftreten von Teilen, insbesondere der j\u00fcngeren Szene, als sogenannte \u201eAutonome Nationalisten&#8220; (AN) im nationalen \u201eSchwarzen Block&#8220;, bei dem sich die Anh\u00e4nger sowohl \u00e4u\u00dferlich mit schwarzen Kapuzen, Basecaps und Sonnenbrillen als auch in den Aktionsformen versuchen, die \u201eAutonomen Antifa&#8220; der 90er Jahre zu kopieren. Auch Streetart und Graffiti wird von den ANs als selbstverst\u00e4ndlicher Bestandteil politischer Agitation und Jugendkultur in j\u00fcngeren Neonazikreisen zunehmend popul\u00e4r gemacht.<\/p>\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Die extreme Rechte und ihr Umfeld entwickeln sich st\u00e4ndig weiter. Am deutlichsten hat sich in den letzten Jahren der \u00e4u\u00dferliche Stil der Neonazis ver\u00e4ndert. Immer mehr legen den alten martialischen Skinheadlook oder den v\u00f6lkischen von Hitler- und Wikingjugend gepr\u00e4gten Braunhemd-Stil beiseite und suchen sich neue, diskretere oder modischere Kleidungsst\u00fccke. So finden sich heute in der Neonaziszene neben altbackenen Naziskins und den Parteibiederm\u00e4nnern, auch Anh\u00e4nger vielf\u00e4ltiger jugendkultureller Stile. Letztere bleiben trotz einer ausgebauten eigenen Infrastruktur immer weniger nur unter sich. Vielmehr ist es f\u00fcr Neonazis zunehmend leichter geworden, auch \u00fcber ihre Subkultur mit unpolitischen Menschen in Kontakt zu kommen und sich dort Akzeptanz f\u00fcr sich und ihre Einstellungen zu verschaffen und schleichend \u201edurch die Hintert\u00fcr&#8220; neue Anh\u00e4nger zu gewinnen. Das zeigt das es umso wichtiger ist, das sich Menschen aus unterschiedlichen Subkulturen miteinander austauschen und auf verschiedenen Ebenen vernetzen. Eine antirassistische, antisexistische und antifaschistische Grundhaltung sollten allen Vertretern von Jugendkulturen eigen sein. Nur durch diesen gemeinsamen und Szene\u00fcbergreifenden Grundkonsens k\u00f6nnen die Neonazis zur\u00fcckgedr\u00e4ngt und ihre Ideologie entlarvt werden.<\/p>\n<p>Dieser Artikel entstand in Zusammenarbeit mit der freien Journalistin Silke Heinrich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nirgends treten Neonazis so unverbl\u00fcmt offen f\u00fcr Gewalt ein wie in ihren eigenen subkulturellen Zusammenh\u00e4ngen. Rechte Musik, Symbolik, Parolen, Lifestyle und Freizeitgestaltung kreieren eine Lebenswelt, die insbesondere Jugendliche radikalisiert. Das prim\u00e4re Ziel: Sie mit m\u00f6glichst wenig Theorie zum politischen Kampf zu gewinnen. 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