{"id":3898,"date":"2010-07-09T11:39:33","date_gmt":"2010-07-09T09:39:33","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/?p=3898"},"modified":"2010-07-09T15:33:14","modified_gmt":"2010-07-09T13:33:14","slug":"public-nazi-viewing","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2010\/07\/09\/public-nazi-viewing_3898","title":{"rendered":"Public Nazi Viewing"},"content":{"rendered":"<p><figure id=\"attachment_3828\" aria-describedby=\"caption-attachment-3828\" style=\"width: 540px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2010\/07\/wuppertal2-540.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-3828\" title=\"wuppertal2-540\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2010\/07\/wuppertal2-540.jpg\" alt=\"\" width=\"540\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2010\/07\/wuppertal2-540.jpg 540w, https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2010\/07\/wuppertal2-540-300x111.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-3828\" class=\"wp-caption-text\">Entspannte Partyatmosph\u00e4re sieht anders aus<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Hitlergru\u00df, Hakenkreuze, Reichskriegsfahnen: Auf den Fanfesten der vergangenen Tage mischten sich immer wieder Neonazis unter die Zuschauer.<!--more--><\/p>\n<p><em>Von Olaf Sundermeyer<\/em><\/p>\n<p>Sie haben gefeiert, gejubelt und zuletzt getrauert. Auf Deutschlands Fanfesten und Partymeilen fieberten Hunderttausende Menschen mit ihrer Mannschaft. Friedlich war es auf diesen Public-Viewing-Veranstaltungen, die Polizei verzeichnete nur wenige Zwischenf\u00e4lle, mit Ausnahme der Stadt Magdeburg jedoch, wo rund 200 Fans in der Nacht zu Donnerstag randalierten.<\/p>\n<p>Doch der Eindruck t\u00e4uscht. Denn im Schatten des sanften Fu\u00dfballpatriotismus der Massen tummeln sich auch etliche Neonazis. Kurz vor dem Halbfinalspiel gegen Spanien zeigten Rechtsradikale auf der Berliner Fanmeile den Hitlergru\u00df und gr\u00f6lten rechte Parolen. Vier Personen nahm die Polizei fest.<\/p>\n<p>Oder ein Beispiel aus der Vorrunde: Etwa Eineinviertelstunden nachdem der gl\u00e4ubige Moslem Mesut \u00d6zil in Johannesburg seine H\u00e4nde mit den Handfl\u00e4chen nach oben zu einem kurzen Gebet vor den schm\u00e4chtigen Oberk\u00f6rper hielt, sorgt er f\u00fcr Jubel \u2013 unter Reichskriegsfahnen. Dank seines Tores zum 1:0 gegen Ghana ist Deutschland weiter. Dar\u00fcber freuen sich auch die G\u00e4ste in einem Lokal im nieders\u00e4chsischen Haste, wo eine solche Fahne \u2013 das Ersatzsymbol der verbotenen Hakenkreuzfahne \u2013 zur selbstverst\u00e4ndlichen Dekoration beim Public Viewing geh\u00f6rt. Sie hing ganz sicher nicht zuf\u00e4llig dort. Schlie\u00dflich gilt der dortige Landkreis Schaumburg-Lippe als eine der westdeutschen Hochburgen f\u00fcr Neonazis.<\/p>\n<p>&#8222;Die breiten sich besonders dort aus, wo Rechtsextremismus von der \u00fcbrigen Bev\u00f6lkerung als normal angesehen wird&#8220;, stellte der Bielefelder Gewaltforscher Wilhelm Heitmeyer im vergangenen Jahr in einer Studie fest, die sich mit menschenfeindlichen Einstellungen im Nachbarort von Haste besch\u00e4ftigt. Nationalismus ist hier normal. \u00d6zil hin oder her. Und auch auf der Wuppertaler Fanmeile st\u00f6ren sich die Besucher nicht an der Reichskriegsfahne, die am Tag von \u00d6zils Kunstschuss \u00fcber ihre K\u00f6pfe weht. Schlie\u00dflich str\u00f6men die Neonazis an anderen Tagen auch zu den Heimspielen des \u00f6rtlichen Drittligisten.<\/p>\n<p>Im anonymen Klima des Massenph\u00e4nomens Fu\u00dfball f\u00fchlen sich Rechtsextreme wohl. Dort verbreiten sie ihre Botschaft von einem v\u00f6lkischen deutschen Reich, in dem Menschen wie Mesut \u00d6zil \u00fcbrigens nichts verloren haben. Neonazis machen sich auch im Schutz der von einer multiethnischen Nationalmannschaft ausgel\u00f6sten Euphorie breit. Das passiert mittels juristisch unbedenklicher Symbolik, wie sie die NPD \u00fcber ihr &#8222;nationales Warenhaus&#8220; vertreibt: Mit kleinen schwarz-wei\u00df-roten Autof\u00e4hnchen f\u00fcr f\u00fcnf Euro das St\u00fcck, wie man sie derzeit beispielsweise im Berliner Osten gelegentlich an den Autos sieht.<\/p>\n<p>Die Partei ist vorsichtig geworden, seitdem drei ihrer Spitzenfunktion\u00e4re, darunter Parteichef Udo Voigt, in diesem Fr\u00fchjahr wegen eines volksverhetzenden WM-Planers von einem Berliner Gericht verurteilt wurden, den sie bei der WM vor vier Jahren verteilen lie\u00df. Damals diskriminierte sie den Nationalspieler Patrick Owomoyela, Sohn einer Deutschen und eines Nigerianers. Auch Mesut \u00d6zil sei blo\u00df ein &#8222;Plastikdeutscher, ein Ausweisdeutscher&#8220;, sagte der ebenfalls verurteilte NPD-Landesvorsitzende von Brandenburg, Klaus Beier, in einem Fernsehinterview.<\/p>\n<p>Und manchmal kommt das V\u00f6lkische auch unverklausuliert zu den Fans: Etwa auf der Fanmeile am Frankfurter Ro\u00dfmarkt, wo ein Mann (nach dem Hinweis eines Journalisten) von der Polizei festgenommen wurde, weil er sich ein Hakenkreuz auf den K\u00f6rper gemalt hatte. Niemand hatte sich zuvor an der eigenwilligen K\u00f6rperbemalung gesto\u00dfen. Auch nicht an dem Hitlergru\u00df, den eine Gruppe einschl\u00e4gig bekannter jugendlicher Neonazis beim Public Viewing zum Viertelfinalspiel Deutschland-Argentinien in der Frankfurter Commerzbank-Arena vorf\u00fchrte. Die wenigsten dieser Vorf\u00e4lle werden publik.<\/p>\n<p>In Witten wurde dieser Gru\u00df unter den Zuschauern des ersten Deutschlandspiels gegen Australien in einem Kulturzentrum zum Thema, nachdem ein Lokalreporter der &#8222;Ruhrnachrichten&#8220; dar\u00fcber berichtet hatte. &#8222;Die Dummen sterben offensichtlich nicht aus&#8220;, schrieb er, und machte damit eine Gruppe jugendlicher Neonazis sichtbar, die in der Stadt aktiv ist, und schon seit der EM 2008 h\u00e4ufig bei Fu\u00dfball\u00fcbertragungen auftaucht.<\/p>\n<p>In der Nachbarstadt Dortmund ballt sich die Fu\u00dfballkultur wie an wenigen anderen Orten in Deutschland, gleiches gilt aber auch f\u00fcr eine jugendliche Neonaziszene. Das wei\u00df auch die Polizei. Und so waren es mutma\u00dflich die Spezialisten des Staatsschutzes, die bei der \u00dcbertragung des Auftaktspiels der Deutschen in S\u00fcdafrika eine Gruppe von Neonazis in offen neonazistischer Symbolik auf dem zentralen Fanfest ausmachte. Aus der obersten Etage des Rathauses, das einen freien Blick \u00fcber den Festplatz bietet, hatten sie die St\u00f6rer ausgemacht. Von einschl\u00e4gigen T\u00e4towierungen ist die Rede. Bereitschaftspolizisten holten die Neonazis aus der Menge. Der Einsatz verlief fast unbemerkt von der \u00d6ffentlichkeit. Zuvor schon hatten private Sicherheitsleute fast 30 \u00e4u\u00dferlich erkennbaren Neonazis den Einlass verwehrt. &#8222;Denen hat man ein offizielles Platzverbot erteilt&#8220;, sagt Berten.<\/p>\n<p>Das Problem seien aber vor allem jene Rechtsextremisten, die nicht gleich als solche erkennbar sind, und die anonyme Masse f\u00fcr ihre Agitation nutzen, sagt Stefan M\u00fchlhofer. Aus dem B\u00fcro seiner Koordinierungsstelle &#8222;Vielfalt und Toleranz&#8220; blickt man dieser Tage ebenfalls auf das Fanfest. So nehme der Trend hin zu jugendlichen besonders gewaltbereiten Neonazis zu, die \u00e4u\u00dferlich den urbanen Stil linker Jugendkulturen annehmen. Die wenigsten Neonazis malen sich plump ein Hakenkreuz auf die Brust, oder lassen sich eine &#8222;88&#8220; als Umschreibung f\u00fcr &#8222;Heil Hitler&#8220; auf den Nacken t\u00e4towieren. Die meistens sind milchgesichtig und stehen vielleicht mit einer schwarzen Baseballkappe irgendwo auf einer Fanmeile in Deutschland. Und wenn sie sich unbeobachtet f\u00fchlen, dann recken sie die Hand zum Hitlergru\u00df.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hitlergru\u00df, Hakenkreuze, Reichskriegsfahnen: Auf den Fanfesten der vergangenen Tage mischten sich immer wieder Neonazis unter die Zuschauer.<\/p>\n","protected":false},"author":229,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[1515],"tags":[666,1736,2097],"class_list":["post-3898","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bundesweit","tag-fusball","tag-patriotismus","tag-wm"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v21.0 - https:\/\/yoast.com\/wordpress\/plugins\/seo\/ -->\n<title>Public Nazi Viewing - St\u00f6rungsmelder<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2010\/07\/09\/public-nazi-viewing_3898\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Public Nazi Viewing - 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