{"id":4053,"date":"2010-07-23T07:44:49","date_gmt":"2010-07-23T05:44:49","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/?p=4053"},"modified":"2010-07-23T09:53:05","modified_gmt":"2010-07-23T07:53:05","slug":"kritik-der-kritik-%e2%80%93-uber-die-missverstandene-extremismustheorie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2010\/07\/23\/kritik-der-kritik-%e2%80%93-uber-die-missverstandene-extremismustheorie_4053","title":{"rendered":"Kritik der Kritik \u2013 \u00dcber die missverstandene Extremismustheorie"},"content":{"rendered":"<p>Die Geschichte der Kritik an der Extremismustheorie ist eine Geschichte voller Missverst\u00e4ndnisse. Dass die Kritik dabei h\u00e4ufig an den tats\u00e4chlichen Argumenten der Extremismustheoretiker meilenweit vorbeigeht, zeigt ein Blick in deren Schriften.<!--more--><\/p>\n<p>Seit nunmehr zwei Jahrzehnten werden \u2013 ohne erkennbaren Fortschritt \u2013 die immer selben Kritikpunkte gegen die Extremismustheorie vorgebracht. Im Kern lassen diese sich auf vier Punkte reduzieren:<br \/>\n<strong><br \/>\n1. Gleichsetzungsvorwurf<\/strong>: <em>Die Extremismustheorie setze angeblich so unterschiedliche Ph\u00e4nomene wie Links- und Rechtsextremismus gleich. <\/em><\/p>\n<p>Einen ernstzunehmenden Extremismustheoretiker, der behauptet, dass Rechts- und Linksextremismus identisch w\u00e4ren, d\u00fcrfte man allerdings kaum mit Erfolg aufsp\u00fcren k\u00f6nnen. Vielmehr ist das Gegenteil wahr: Schon in ihrem wohl wirkungsm\u00e4chtigsten Buch \u201eDer politische Extremismus in der Bundesrepublik Deutschland\u201c haben Eckhard Jesse und Uwe Backes darauf hingewiesen, dass Links- und Rechtsextremismus eben nicht identisch seien und die Behauptung einer solchen Identit\u00e4t auch keinesfalls aus der Extremismustheorie folge: \u201eDie Gemeinsamkeiten der Extremismen in Gegen\u00fcberstellung zum demokratischen Verfassungsstaat d\u00fcrfen die fundamentalen Unterschiede nicht \u00fcberdecken.\u201c<sup><a href=\"http:\/\/endstation-rechts.de\/index.php?option=com_k2&amp;view=item&amp;id=5041:kritik-der-kritik-%E2%80%93-%C3%BCber-die-missverstandene-extremismustheorie#Fu%C3%9Fnote2\">1<\/a><\/sup> Der Hintergrund f\u00fcr diese differenzierte Position ist schlicht die auch innerhalb der Extremismustheorie anerkannte Tatsache, dass Linksextremisten aufgrund ihrer Haltung zum Postulat menschlicher Fundamentalgleichheit in einem anderen Verh\u00e4ltnis zur b\u00fcrgerlichen Mitte stehen als Rechtsextremisten: \u201eW\u00e4hrend die politisch linke Variante diese bejaht, aber im antidemokratischen Sinne ideologisch integriert, lehnt die rechte Variante diesen Gleichheitsgrundsatz zugunsten ihres antiegalit\u00e4ren Differenzprinzips ab.\u201c<sup><a href=\"http:\/\/endstation-rechts.de\/index.php?option=com_k2&amp;view=item&amp;id=5041:kritik-der-kritik-%E2%80%93-%C3%BCber-die-missverstandene-extremismustheorie#Fu%C3%9Fnote2\">2<\/a><\/sup> Somit erweist sich auch die immer wieder ge\u00e4u\u00dferte These als falsch, mit der Extremismustheorie w\u00fcrde behauptet, Links- wie Rechtsextremisten seien gleich weit von der demokratischen Mitte entfernt. Dies gilt zwar, sofern die Betrachtung allein auf das Demokratiekriterium eingeschr\u00e4nkt wird, nicht jedoch dann, wenn es um die Beurteilung des Verh\u00e4ltnisses der genannten Ideologiegruppen zueinander, also einschlie\u00dflich ihrer inhaltlichen Unterschiede, und zur demokratischen Mitte geht. Nicht die Extremismustheoretiker setzen also Links- und Rechtsextremismus gleich, sondern ihre Kritiker <em>behaupten<\/em> lediglich \u2013 in der Regel ohne textlichen Beleg \u2013, dass diese dies tun w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Woraus sollte die Gleichsetzung eigentlich auch folgen? Die Behauptung, dass Links- und Rechtsextremismus v\u00f6llig identisch, mithin gar keine verschiedenen Ph\u00e4nomene sind, sondern nur ein einziges, w\u00e4re eine solche Absurdit\u00e4t, dass dar\u00fcber zu diskutieren die damit verbundene Anstrengung nicht wert w\u00e4re. \u00dcbrig bleibt somit schon aus logischen Gr\u00fcnden nur die weitaus schw\u00e4chere These, dass Links- und Rechtsextremismus gewisse \u00c4hnlichkeiten, also partielle \u00dcbereinstimmungen aufweisen \u2013 ohne dass deshalb die Unterschiede zwischen beiden Ph\u00e4nomengruppen geleugnet werden m\u00fcssten. Wer aber sogar die abgeschw\u00e4chte These nach partiellen \u00dcbereinstimmungen f\u00fcr sachlich falsch h\u00e4lt, l\u00e4dt sich selbst eine erhebliche Beweislast auf \u2013 und nicht umgekehrt. Nehmen wir doch einfach die historischen Beispiele des Nationalsozialismus und des Bolschewismus: In beiden Systemen gab es eine geschlossene, fundamentalistische Ideologie mit allumfassendem Welterkl\u00e4rungsanspruch, in beiden Systemen folgte hieraus ein totalit\u00e4res Einparteiensystem mit \u00dcberwachungsapparat und in beiden Systemen wurden unliebsame Mitglieder der Gesellschaft in Lagersysteme verbracht. Selbstredend werden an eben dieser Stelle aufgrund unterschiedlicher Struktur und Zweckbestimmung der Lagersysteme zugleich fundamentale Unterschiede der beiden Systeme deutlich, allerdings \u00e4ndert dies nichts an den ebenso offenkundigen partiellen \u00dcbereinstimmungen in substanziellen Fragen. Die partielle Gleichsetzung von Nationalsozialismus und Bolschewismus rechtfertigt sich somit aus der Tatsache, dass sich beide totalit\u00e4re Systeme durch wesentliche Strukturidentit\u00e4ten in fundamentalen Merkmalen selbst gleichgesetzt haben. Die Notwendigkeit zu einer vollst\u00e4ndigen Gleichsetzung folgt daraus weder sachlich noch logisch.<\/p>\n<p>2. <strong>Verharmlosungsvorwurf<\/strong>: <em>Der Verharmlosungsvorwurf besteht aus zwei Dimensionen: Zun\u00e4chst wird regelm\u00e4\u00dfig argumentiert, dass die Extremismustheorie, da der Rechtsextremismus eben der gef\u00e4hrlichere und \u201eschlimmere\u201c Extremismus sei, durch eine Gleichsetzung von Links- und Rechtsextremismus zugleich eine Verharmlosung rassistischer und nationalistischer Gewalttaten vornehme. Da sich allerdings der Gleichsetzungsvorwurf als nicht haltbar erweist, l\u00f6st sich hiermit zugleich diese Dimension des Verharmlosungsvorwurfes von selbst auf. Relevanter ist daher die zweite Dimension des Verharmlosungsvorwurfes, n\u00e4mlich die Behauptung, die Extremismustheorie verbanne antidemokratisches oder problematisches Gedankengut an die extremen R\u00e4nder der Gesellschaft und spreche so die politische Mitte heilig. Im Gegensatz hierzu sei jedoch bspw. der Rassismus bis tief in die Mitte der Gesellschaft verbreitet, man m\u00fcsse mithin von einem \u201eExtremismus der Mitte\u201c ausgehen.<\/em><\/p>\n<p>Diese Fassung des Verharmlosungsvorwurfes geh\u00f6rt zu den erstaunlichsten Kritikpunkten an der Extremismustheorie \u2013 und dies gleich aus mehreren Gr\u00fcnden. Zun\u00e4chst impliziert sie eine insgeheime Anerkennung der Extremismustheorie, denn was soll ein \u201eExtremismus der Mitte\u201c sonst sein, wenn nicht eine Form von Extremismus? Zweitens verwechselt, wer zugunsten eines \u201eExtremismus der Mitte\u201c argumentiert, schlicht zwei verschiedene Wissenschaften miteinander. Nat\u00fcrlich ist es soziologisch betrachtet richtig, dass zahlreiche Angeh\u00f6rige der sozialen Mittelklassen politisch extreme Auffassungen vertreten k\u00f6nnen. Nur: Das Gegenteil wurde mit der Extremismustheorie auch noch nie behauptet. Die Extremismustheorie ist keine soziologische, sondern eine politikwissenschaftliche Theorie. Sie beschreibt nicht soziale Gruppen der Gesellschaft (z.B. Ober-, Unter- und Mittelschicht), sondern versucht politische Ideen begrifflich zu fassen und systematisch zu ordnen. Sie handelt auf der grunds\u00e4tzlichen theoretischen Ebene nicht von konkreten Menschen, sondern politischen Idealtypen. Wolfgang Kraushaar folgend sollte daher besser von \u201eMittelklassen-Extremismus\u201c<sup><a href=\"http:\/\/endstation-rechts.de\/index.php?option=com_k2&amp;view=item&amp;id=5041:kritik-der-kritik-%E2%80%93-%C3%BCber-die-missverstandene-extremismustheorie#Fu%C3%9Fnote3\">3<\/a><\/sup> gesprochen werden, wenn der Umstand angesprochen wird, dass auch Vertreter sozialer Mittelklassen anf\u00e4llig f\u00fcr extremistische politische Ideologien sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die These vom \u201eMittelklassen-Extremismus\u201c steht dabei alles andere als im Gegensatz zur Extremismustheorie. Im Gegenteil. W\u00fcrden die Texte der Extremismustheorie von ihren Kritikern aufmerksam gelesen, lie\u00dfe sich sogar feststellen, dass diese selbst die soziologische These vom \u201eExtremismus der Mitte\u201c in einer Art und Weise zuspitzen, wie sie den meisten Kritikern der Extremismustheorie kaum recht sein d\u00fcrfte. Denn Letztere verbinden, zumal in politischen Kontexten, mit ihrer These vom \u201eExtremismus der Mitte\u201c nicht selten eine Autoimmunisierung: So werden zwar alle anderen Vertreter der soziologischen Mitte dem Verdacht ausgesetzt, gegebenenfalls Tr\u00e4ger rassistischer Vorurteile zu sein, der Kritiker der Extremismustheorie selbst jedoch nimmt sich hiervon in aller Regel aus. Rassisten gibt es nach dieser Lesart zwar \u00fcberall, aber zum Gl\u00fcck sind es letztlich immer die Anderen.<\/p>\n<p>Ganz anders liest sich das allerdings in den Schriften der Extremismustheorie. So spricht Backes der These vom <a href=\"http:\/\/www.endstation-rechts.de\/index.php?option=com_k2&amp;view=item&amp;id=5000:prof-dr-uwe-backes-warum-die-mitte-selbst-extrem-werden-kann-%E2%80%93-begriffsgeschichtliche-einsichten-zum-extremismuskonzept\">\u201eExtremismus der Mitte\u201c<\/a> trotz ihrer begrifflichen Selbstwiderspr\u00fcchlichkeit zumindest den Wert zu, auf die \u201edynamischen Wechselbeziehungen\u201c zwischen demokratischer Mitte und Extremismen hinzuweisen. Der Extremismus sei also so etwas wie \u201eein Spiegelbild sozialer Entwicklungen\u201c und lasse daher \u201eR\u00fcckschl\u00fcsse auf den Zustand der Mehrheitsgesellschaft zu\u201c. Backes formuliert schlie\u00dflich selbst eine Fassung der These vom \u201eExtremismus der Mitte\u201c, die die der Kritiker an Radikalit\u00e4t sogar noch \u00fcberbietet: \u201eDie Mesoteslehre vermittelt die Einsicht, dass die Mitte etwas von den Extremen enth\u00e4lt. Diese \u00fcberdehnen jene Prinzipien, die in temperierter und balancierter Form von Nutzen sein m\u00f6gen.\u201c<sup><a href=\"http:\/\/endstation-rechts.de\/index.php?option=com_k2&amp;view=item&amp;id=5041:kritik-der-kritik-%E2%80%93-%C3%BCber-die-missverstandene-extremismustheorie#Fu%C3%9Fnote2\">4<\/a><\/sup> Betroffen von dieser These k\u00f6nnte bspw. die Einsicht sein, dass sich menschliche Gesellschaften nicht ohne ein Minimum an verbindenen kulturellen und politischen Normen erfolgreich organisieren lassen. In \u00fcberdehnter Form jedoch kann diese Einsicht in einen rassistisch gepr\u00e4gten Nationalismus und damit in politischen Extremismus von rechts umschlagen. Backes macht damit allerdings nicht \u2013 wie die Vertreter der These eines \u201eExtremismus der Mitte\u201c \u2013 lediglich bestimmte Teile der Mittelschichten, sondern letztlich in gewisser Hinsicht alle menschlichen Subjekte zu Quellen des Extremismus. Zugespitzt: Nach seiner Ansicht stecken in uns allen auf potenzielle und gewisse Weise Hitler und Stalin \u2013 selbst im eifrigsten Antifaschisten.<\/p>\n<p>3. <strong>Unterkomplexit\u00e4tsvorwurf<\/strong>: <em>Die Extremismustheorie sei durch ihre &#8222;Eindimensionalit\u00e4t&#8220; unterkomplex. Sie k\u00f6nne weder die gesellschaftlichen Entstehungsbedingungen extremistischer Gruppierungen erkl\u00e4ren noch wirksame Gegenstrategien ableiten.<br \/>\n<\/em><br \/>\nSchon rein erkenntnislogisch ergibt der Vorwurf, die Extremismustheorie sei \u201eeindimensional\u201c, wenig Sinn. Denn mittels einer einzigen Merkmalsdimension w\u00e4ren die Ph\u00e4nomene Links- und Rechtsextremismus nicht einmal begrifflich ableitbar. Bereits in ihrem ersten Aufsatz aus dem Jahre 1983 haben Uwe Backes und Eckhard Jesse den Extremismus-Ansatz vielmehr als zweidimensionales Modell angelegt, mit dem durch die Merkmale Demokratie\/Anti-Demokratie sowie links\/rechts der politische Raum grob in eine Vierfelder-Matrix eingeteilt wird.<sup><a href=\"http:\/\/endstation-rechts.de\/index.php?option=com_k2&amp;view=item&amp;id=5041:kritik-der-kritik-%E2%80%93-%C3%BCber-die-missverstandene-extremismustheorie#Fu%C3%9Fnote2\">5<\/a><\/sup> In j\u00fcngeren Arbeiten wurde der Extremismus-Ansatz schlie\u00dflich gar zu einem \u201edreidimensionalen politischen Raum\u201c<sup><a href=\"http:\/\/endstation-rechts.de\/index.php?option=com_k2&amp;view=item&amp;id=5041:kritik-der-kritik-%E2%80%93-%C3%BCber-die-missverstandene-extremismustheorie#Fu%C3%9Fnote2\">6<\/a><\/sup> ausgebaut.<\/p>\n<p>Aus der objektiv nicht bestehenden \u201eEindimensionalit\u00e4t\u201c der Extremismustheorie wird sodann auf ihre mangelnde gesellschaftliche Erkl\u00e4rungskraft geschlossen. Aber auch dieser Vorwurf ergibt nur Sinn, sofern die Unterscheidung verschiedener wissenschaftlicher Ebenen schlicht ignoriert wird. Mit der Extremismustheorie wird mitnichten der Anspruch erhoben, s\u00e4mtliche den Extremismus betreffenden Ph\u00e4nomene hinreichend erkl\u00e4ren zu k\u00f6nnen. Es geht vielmehr lediglich darum, zun\u00e4chst einmal die Erkenntnisgegenst\u00e4nde der Extremismusforschung im Rahmen einer \u201enormativen Rahmentheorie\u201c<sup><a href=\"http:\/\/endstation-rechts.de\/index.php?option=com_k2&amp;view=item&amp;id=5041:kritik-der-kritik-%E2%80%93-%C3%BCber-die-missverstandene-extremismustheorie#Fu%C3%9Fnote2\">7<\/a><\/sup> willk\u00fcrfrei zu bestimmen. Erstaunlich ist dabei lediglich, dass Uwe Backes diesen Zusammenhang in aller n\u00f6tigen Klarheit bereits vor \u00fcber 20 Jahren der interessierten \u00d6ffentlichkeit in seiner Dissertation dargelegt, indem er zwischen vier Ebenen unterschieden hat &#8211; offenbar ohne nachhaltige Wirkung:<\/p>\n<p><a rel=\"{handler: 'image', marginImage: {x: 50, y: 50}}\" href=\"http:\/\/www.endstation-rechts.de\/images\/stories\/bilder\/medien\/buecher\/Ebeben-backes.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/endstation-rechts.de\/plugins\/content\/mavikthumbnails\/thumbnails\/110x119-images-stories-bilder-medien-buecher-Ebeben-backes.jpg\" alt=\"Ebeben-backes\" width=\"110\" height=\"119\" \/><\/a><strong>I)<\/strong> <strong>Wissenschaftstheoretische Grundlagen<\/strong>: Bevor ein Forscher mit seiner Forschung beginnen kann, muss er seinen Forschungsgegenstand willk\u00fcrfrei bestimmen. Hierzu sind begriffliche Konzepte auszuarbeiten, die letztlich die Identifizierung des Forschungsgegenstandes entscheidend steuern, und die Methoden festzulegen, mit denen die Erkenntnisobjekte untersucht werden sollen.<br \/>\n<strong>II)<\/strong> <strong>Ph\u00e4nomenologie<\/strong>: Erst nach der Bestimmung der Begriffe und Methoden ist es m\u00f6glich, einzelne extremistische Doktrinen und Organisationen sowie ihr Verh\u00e4ltnis zum politischen System zu analysieren und zu beschreiben.<br \/>\n<strong>III)<\/strong> <strong>Aitiologie<\/strong>: Nachdem die Ph\u00e4nomene bestimmt und ausf\u00fchrlich beschrieben worden sind, kann sinnvoll nach den Ursachen der Entstehung dieser Ph\u00e4nomene geforscht werden, da die Suche nach den Ursachen entscheidend von der Beschaffenheit der Ph\u00e4nomene abh\u00e4ngt.<br \/>\n<strong>IV) Therapien<\/strong>: Sind die Ursachen zur Entstehung der verschiedenen Formen von politischem Extremismus bestimmt, k\u00f6nnen analog zu diesen Erkenntnissen Gegenstrategien abgeleitet werden.<\/p>\n<p>Die Extremismustheorie bewegt sich nun als politikwissenschaftliche Theorie zum gr\u00f6\u00dften Teil auf den ersten beiden Ebenen. Um alle vier Ebenen angemessen zu bearbeiten, ist hingegen ein interdisziplin\u00e4res Forschungsprogramm aus politischer Philosophie, Politikwissenschaft, Soziologie, P\u00e4dagogik, Rechtswissenschaft, Psychologie etc. vonn\u00f6ten. Der Extremismustheorie als politikwissenschaftlicher Teildisziplin also vorzuwerfen, dass sie nicht alles erkl\u00e4ren k\u00f6nne \u2013 ein Anspruch, der ihr allerdings von interessierten Kritikern untergeschoben wird, um anschlie\u00dfend in gro\u00dfer Geste die Unm\u00f6glichkeit dieses Unterfangens als \u201eEindimensionalit\u00e4t\u201c oder \u201eUnterkomplexit\u00e4t\u201c zu gei\u00dfeln \u2013, k\u00e4me somit dem Vorwurf an die Politikwissenschaft gleich, das zu sein, was sie ist: eben Politikwissenschaft. So wie die empirische Sozialwissenschaft auf dem Gebiet der Aitiologie ohne die Politikwissenschaft kaum etwas Fruchtbares zustande bringen d\u00fcrfte, da ihr mit den politikwissenschaftlichen Begriffen und ph\u00e4nomenologischen Analysen auch die Erkenntnisgegenst\u00e4nde fehlten, \u00fcber die sie kausale Analysen anstellen k\u00f6nnte, kann die Politikwissenschaft ohne sozialwissenschaftliche Kausalanalysen wenig zur Formulierung von Therapien beitragen. Ohne theoretisches Konzept des \u201eExtremismus\u201c gibt es also auch keinen Untersuchungsgegenstand \u201eRechtsextremismus\u201c, ohne begriffliches Korsett keine wissenschaftliche Forschung. <em>Irgendeine<\/em> Form von Extremismus-Theorie ist f\u00fcr jede Rechtsextremismus-Forschung unhintergehbar \u2013 mag sie sich dies nun eingestehen oder nicht. Die Extremismustheorie erscheint somit lediglich aus Sicht derjenigen Kritiker als \u201eunterkomplex\u201c und \u201eeindimensional\u201c, die selbst die vier Dimensionen bzw. Ebenen der Extremismusforschung ignorieren (wollen?) und dieses Feld somit selbst \u201eeindimensional\u201c und \u201eunterkomplex\u201c beschreiben, n\u00e4mlich als eine einzige Ebene, die mit einer ebenfalls einzigen (sozialwissenschaftlichen) Gro\u00dftheorie vollst\u00e4ndig erkl\u00e4rbar ist.<\/p>\n<p>4. <strong>Politisierungsvorwurf<\/strong>: <em>Mit dem wahrscheinlich h\u00e4ufigsten Vorwurf wird schlicht die Wissenschaftlichkeit der Extremismus-Theorie in Frage gestellt. Es handele sich letztlich gar nicht um einen wissenschaftlich begr\u00fcndeten Ansatz, sondern um eine Legitimationsideologie staatlichen bzw. politischen Handelns. Die Extremismusforschung degradiere sich so zur dienstgef\u00e4lligen Magd der Politik.<\/em><\/p>\n<p>Dieser Politisierungsvorwurf l\u00e4sst sich zun\u00e4chst als Missbrauchsvorwurf konkretisieren. Und gewiss: Die Extremismustheorie wird zu politischen Zwecken missbraucht \u2013 \u00fcbrigens ebenso wie die Kritik an derselben. Das vielleicht bundesweit unterhaltsamste dieser Beispiele liefert seit geraumer Zeit die Junge Union (JU) der Hansestadt Rostock. In einer <a href=\"http:\/\/ju-rostock.generation-ju.de\/content\/links\/\" target=\"_blank\">Linksammlung<\/a> findet sich so bspw. auch ein Hinweis auf www.endstation-rechts.de und die Bemerkung, dass man bei uns \u201eprofessionellen Linksextremismus\u201c finden k\u00f6nne. Dass dies nicht nur f\u00fcr uns, sondern vor allem auch f\u00fcr jeden Linksextremisten eine handfeste Beleidigung darstellt, bedarf dabei wohl keiner n\u00e4heren Erl\u00e4uterung.<\/p>\n<p>Was w\u00e4re allerdings die Folge, wenn man jeden theoretischen Ansatz schon deshalb und dann vollst\u00e4ndig verwerfen w\u00fcrde, sofern es in der Republik mindestens einen gibt, der diesen zu welchen Zwecken auch immer missbraucht? Als einzige sinnvolle Alternative bliebe dann letztlich nur, s\u00e4mtliche Schulen und Hochschulen der Bundesrepublik unterschiedslos zu schlie\u00dfen. Denn irgendeiner k\u00f6nnte gewiss irgendetwas von dem, was an diesen Institutionen gelehrt und gedacht wird, zu irgendetwas missbrauchen. Die Missbrauchsthese mag daher angesichts der Tatsache, dass wir es mit Auseinandersetzungen im politischen Feld zu tun haben, als Korrektiv und Erinnerung an die eigentlichen Sachfragen hin und wieder n\u00f6tig und auch sinnvoll sein. Als durchgreifendes theoretisches Argument allerdings taugt es nicht, weil es eben kein wirkliches inhaltliches Argument darstellt.<\/p>\n<p>Der Politisierungsvorwurf l\u00e4sst sich allerdings auch auf eine anspruchsvollere Weise verstehen. Dann es geht hierbei nicht um den blo\u00dfen Vorwurf des politischen Missbrauchs, sondern vielmehr um ein erkenntnistheoretisches Argument, das die Unabh\u00e4ngigkeit der Extremismusforschung grunds\u00e4tzlich in Frage stellt. Dabei geh\u00f6rt zur ganzen Wahrheit der Hinweis, dass Backes und Jesse durch ihre fr\u00fchen Arbeiten selbst dazu beigetragen haben, den Vorwurf der politischen oder juristischen Ableitung ihres Ansatzes mit Nahrung zu versorgen.<sup><a href=\"http:\/\/endstation-rechts.de\/index.php?option=com_k2&amp;view=item&amp;id=5041:kritik-der-kritik-%E2%80%93-%C3%BCber-die-missverstandene-extremismustheorie#Fu%C3%9Fnote2\">8<\/a><\/sup> Und dennoch ist dieser Vorwurf nur vor dem Hintergrund einer nicht-normativen, positivistischen Auffassung von Politikwissenschaft relevant oder \u00fcberhaupt verstehbar.<\/p>\n<p>Robert Scholz hat bereits <a href=\"http:\/\/endstation-rechts.de\/index.php?option=com_k2&amp;view=item&amp;id=4963:ohne-%E2%80%9Eregulative-idee%E2%80%9C-keine-demokratie-%E2%80%93-fraenkels-pl%C3%A4doyer-f%C3%BCr-eine-wert-volle-politikwissenschaft\" target=\"_self\">darauf aufmerksam gemacht<\/a>, dass eine nicht-normativ ausgerichtete Politikwissenschaft zwei schwerwiegende Konsequenzen aufweist: Erstens k\u00f6nnte sie, eben gerade <em>weil<\/em> sie nicht-normativ ist, keinerlei Beitrag zur gesellschaftlichen Entwicklung leisten. Sie h\u00e4tte der Gesellschaft mithin nichts Relevantes mehr zu sagen. Denn wie wollte sie praktische Ratschl\u00e4ge ohne jede Norm rechtfertigen? Zweitens k\u00f6nnte sie auch ihre Erkenntnisgegenst\u00e4nde nicht einmal mehr bestimmen, sie h\u00e4tte folglich auch nichts mehr zu erforschen. Denn wie wollte sie im Bereich der Extremismusforschung ohne begriffliche Norm unter den 80 Millionen Bundesb\u00fcrgern ihre Forschungsobjekte \u00fcberhaupt willk\u00fcrfrei identifizieren? Jede Extremismusforschung setzt somit logisch zwingend eine regulative \u201eIdee des Gemeinwohls\u201c (Fraenkel) voraus: \u201eErst eine angemessene Vorstellung von einem Gemeinwesen, wie es aussehen soll, legitimiert zu einem Verst\u00e4ndnis extremistischer Bestrebungen.\u201c<sup><a href=\"http:\/\/endstation-rechts.de\/index.php?option=com_k2&amp;view=item&amp;id=5041:kritik-der-kritik-%E2%80%93-%C3%BCber-die-missverstandene-extremismustheorie#Fu%C3%9Fnote2\">9<\/a><\/sup><\/p>\n<p>Die Idee der Demokratie weist sich somit als gegen\u00fcber dem Extremismus erkenntnislogisch priorit\u00e4r aus, weil Letzterer eben als Abweichung von Ersterem definiert ist. Dieser Hinweis kann dabei auch den Vorwurf entkr\u00e4ften, die Extremismus-Theorie sei in Wahrheit juristisch oder politisch-staatlich abgeleitet. Die Vorgaben der bundesdeutschen Verfassung begr\u00fcnden nicht den normativen Kern der Extremismustheorie, sondern es gilt der genau umgekehrte Zusammenhang: Die regulative Idee eines demokratischen Gemeinwohls einschlie\u00dflich der sie begr\u00fcndenden Menschenrechte bildet das Selbstverst\u00e4ndnis der (normativ orientierten) politikwissenschaftlichen Forschung einschlie\u00dflich ihrer Gegenstandskonstitution und pr\u00e4gt zugleich die \u201eMinimalbedingungen demokratischer Verfassungsstaaten\u201c.<sup><a href=\"http:\/\/endstation-rechts.de\/index.php?option=com_k2&amp;view=item&amp;id=5041:kritik-der-kritik-%E2%80%93-%C3%BCber-die-missverstandene-extremismustheorie#Fu%C3%9Fnote2\">10<\/a><\/sup> Die Politikwissenschaft als \u201eDemokratiewissenschaft\u201c<sup><a href=\"http:\/\/endstation-rechts.de\/index.php?option=com_k2&amp;view=item&amp;id=5041:kritik-der-kritik-%E2%80%93-%C3%BCber-die-missverstandene-extremismustheorie#Fu%C3%9Fnote2\">11<\/a><\/sup> wird hier somit nicht durch Politik, Verwaltung oder Justiz instrumentalisiert, sondern beide Bereiche erhalten umgekehrt ihre Legitimit\u00e4t erst aus einer \u201eEthik demokratischen Handelns\u201c<sup><a href=\"http:\/\/endstation-rechts.de\/index.php?option=com_k2&amp;view=item&amp;id=5041:kritik-der-kritik-%E2%80%93-%C3%BCber-die-missverstandene-extremismustheorie#Fu%C3%9Fnote2\">12<\/a><\/sup>, die in allen F\u00e4llen sachlich und logisch priorit\u00e4r ist, das Herzst\u00fcck der Extremismustheorie darstellt und vor allem auch f\u00fcr alle (demokratischen) Kritiker der Extremismustheorie unhintergehbar ist.<\/p>\n<p><strong>Eine normative Rahmentheorie demokratischer Verfassungsstaaten<\/strong><\/p>\n<p>Der Name \u201eExtremismustheorie\u201c erscheint vor diesem Hintergrund nicht nur als kommunikativer Rohrkrepierer \u2013 denn immerhin l\u00f6st bereits der blo\u00dfe Name solche intensiven etymologischen Ausdeutungswettbewerbe aus, dass die eigentliche Sachfrage kaum noch einer Er\u00f6rterung zugef\u00fchrt werden kann \u2013, sondern in der Sache sogar als falsch. Eigentlich geht es Backes Jesse und Co. nicht um den Extremismus, also die Demokratiegegnerschaft, sondern um die Demokratie. Ihr Ansatz stellt, wie es Backes bereits im Titel seiner Dissertation deutlich gemacht hat, eine \u201eNormative Rahmentheorie\u201c demokratischer Verfassungsstaaten dar. Und genau hierum geht es auch auf der ersten, der wissenschaftstheoretischen Ebene der Extremismusforschung. Erst auf der zweiten, also ph\u00e4nomenologischen Ebene verwandelt sich dieser Ansatz in die eigentliche Extremismustheorie, insofern auf dieser Ebene die Abweichung von der regulativen Idee der Demokratie zum Analysegegenstand erhoben wird.<\/p>\n<p>Es k\u00f6nnte daher vielleicht hilfreich sein, k\u00fcnftig einfach auf den Terminus \u201eExtremismustheorie\u201c zu verzichten und stattdessen von einer \u201eNormativen Theorie demokratischer Verfassungsstaaten\u201c zu sprechen. Gleichfalls k\u00f6nnte ohne Schaden die offenbar unn\u00f6tig missverst\u00e4ndliche Redeweise von \u201eExtremisten\u201c aufgegeben und stattdessen von \u201eAntidemokraten\u201c gesprochen werden, denn nichts anderes ist in Wahrheit gemeint. Und schlie\u00dflich scheint auch der wenig spezifische Begriff der \u201eMitte\u201c \u2013 jedenfalls im politikwissenschaftlichen Kontext \u2013 v\u00f6llig entbehrlich, denn dahinter verbirgt sich letztlich nichts anderes als das \u201edemokratische Spektrum\u201c. Gewiss: An der Sache w\u00fcrden diese Umbenennungen gar nichts \u00e4ndern. Da allerdings bereits die im Rahmen des bisher als \u201eExtremismustheorie\u201c bezeichneten Ansatzes verwendeten Worte in der Vergangenheit zu erheblicher Aufregung und vor allem unn\u00f6tigen und unfruchtbaren Debatten gef\u00fchrt haben, k\u00f6nnte diese Ma\u00dfnahme vielleicht \u201eWunder\u201c bewirken. Aber auch dieses k\u00f6nnte nur eintreten, wenn alle an der Diskussion Beteiligten zu zwei Dingen bereit w\u00e4ren: Erstens zur Zur\u00fcckdr\u00e4ngung der eigenen politischen Motive und Interessen in dieser Auseinandersetzung und zweitens zur Diskussion dar\u00fcber, was die Anh\u00e4nger und Vertreter der \u201eNormativen Theorie demokratischer Verfassungsstaaten\u201c tats\u00e4chlich geschrieben haben und nicht dar\u00fcber, wovon einige Kritiker behaupten, dass es geschrieben worden sei.<\/p>\n<hr \/>\n<p><a name=\"Fu\u00dfnote2\"><\/a><strong>1<\/strong> Uwe Backes\/Eckhard Jesse, Politischer Extremismus in der Bundesrepublik Deutschland, Bonn 1993, S. 42.<br \/>\n<strong>2<\/strong> Armin Pfahl-Traughber, Rechtsextremismus, M\u00fcnchen 2001, S. 14.<br \/>\n<strong>3<\/strong> Wolfgang Kraushaar, Extremismus der Mitte. Zur Geschichte einer soziologischen und sozialhistorischen Interpretationsfigur, in: Hans-Martin Lohmann (Hrsg.), Extremismus der Mitte. Vom rechten Verst\u00e4ndnis deutscher Nation, Frankfurt am Main 1994, S. 23-50, hier S. 35.<br \/>\n<strong>4<\/strong> Uwe Backes, Poltische Extreme. Eine Wort- und Begriffsgeschichte von der Antike bis zur Gegenwart, 2006, S. 250.<br \/>\n<strong>5<\/strong> Uwe Backes\/Eckhard Jesse, Demokratie und Extremismus. Anmerkungen zu einem antithetischen Begriffspaar, in: Aus Politik und Zeitgeschichte B 44\/83, S. 3-18, hier S. 7.<br \/>\n<strong>6<\/strong> Uwe Backes, Politische Extreme \u2013 Eine Wort- und Begriffsgeschichte von der Antike bis in die Gegenwart, Dresden 2006, S. 246ff.<br \/>\n<strong>7<\/strong> Uwe Backes, Politischer Extremismus in demokratischen Verfassungsstaaten. Elemente einer normativen Rahmentheorie, Opladen 1989.<br \/>\n<strong>8<\/strong> So betonten sie bspw. noch im Jahre 1983 mit Blick auf die in der Rechtsextremismusforschung bestehende Begriffsverwirrung: \u201eDie sozialwissenschaftliche Forschung h\u00e4tte sich zweckm\u00e4\u00dfigerweise am bereits vorhandenen juristischen Sprachgebrauch orientieren k\u00f6nnen. Die Unterschiede zwischen juristischer und sozialwissenschaftlicher Begriffsbildung sind konstruiert und entbehren jeglicher Grundlage.\u201c (Backes\/Jesse 1983, S. 8 )<br \/>\n<strong>9<\/strong> Backes\/Jesse 1993, S. 14.<br \/>\n<strong>10<\/strong> Backes 1989, S. 94.<br \/>\n<strong>11<\/strong> Backes\/Jesse 1993, S. 11.<br \/>\n<strong>12<\/strong> Backes\/Jesse 1993, S. 435ff.<\/p>\n<p><strong>Abbildung<\/strong>: <em>Uwe Backes, Politischer Extremismus in demokratischen Verfassungsstaaten. Elemente einer normativen Rahmentheorie, Opladen 1989, S. 33.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Geschichte der Kritik an der Extremismustheorie ist eine Geschichte voller Missverst\u00e4ndnisse. 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