{"id":4074,"date":"2010-07-24T08:26:05","date_gmt":"2010-07-24T06:26:05","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/?p=4074"},"modified":"2010-07-26T11:19:20","modified_gmt":"2010-07-26T09:19:20","slug":"ein-ort-in-angst-%e2%80%9ewenn-wir-das-haus-wegfliegen-konnten-waren-wir-schon-lange-weg%e2%80%9c","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2010\/07\/24\/ein-ort-in-angst-%e2%80%9ewenn-wir-das-haus-wegfliegen-konnten-waren-wir-schon-lange-weg%e2%80%9c_4074","title":{"rendered":"Ein Ort in Angst &#8211; \u201eWenn wir das Haus wegfliegen k\u00f6nnten, w\u00e4ren wir schon lange weg\u201c"},"content":{"rendered":"<p><figure id=\"attachment_4075\" aria-describedby=\"caption-attachment-4075\" style=\"width: 440px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2010\/07\/xx.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-4075\" title=\"xx\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2010\/07\/xx.jpg\" alt=\"\" width=\"440\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2010\/07\/xx.jpg 440w, https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2010\/07\/xx-300x136.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 440px) 100vw, 440px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-4075\" class=\"wp-caption-text\">Zeichen in der Alltagskultur: Zigarettenautomat mit rechtsextremem Dekor Foto: \u00a9 ngn \/ sr<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Was bedeutet das Schlagwort der &#8222;national befreiten Zonen&#8220; praktisch? Wie lebt es sich, wenn man Grundst\u00fccksnachbar einer f\u00fchrenden Nazi-Familie im Ort wird? Oder wenn eine Familie zum Ziel rechtsextremer Angriffe wird, weil ein Sohn Musik in einer Band macht? Wenn man sich nachts nicht mehr auf die Stra\u00dfe traut, weil dort die Rechtsextremen Streife fahren? Ein Ortsbesuch in XX*, einer knapp 5.000-Einwohner-Stadt in Sachsen.<!--more--><\/p>\n<p><em>Von <a href=\"Zeichen in der Alltagskultur: Zigarettenautomat mit rechtsextremem Dekor Foto: \u00a9 ngn \/ sr\">Netz-gegen-Nazis<\/a>-Autorin Simone Rafael<\/em><\/p>\n<p>Die Eltern beschallt Nachbar N.* am Wochenende mit ohrenbet\u00e4ubender Musik und Presslufth\u00e4mmern &#8211; zus\u00e4tzlich zu dem L\u00e4rm, den seine eingepferchten Tiere, in Spitzenzeiten fast 200, rund um die Uhr veranstalten. F\u00fcnf Morddrohungen hat Vater Dieter* erhalten, seit er angefangen hat, sich strafrechtlich und gerichtlich gegen den Mann nebenan zu wehren, der auf seinem Hof Neonazi-Treffen veranstaltet und aus ungekl\u00e4rten Geldquellen Geb\u00e4ude aufkauft, um sie f\u00fcr die rechtsextreme Szene im Ort und eventuell als &#8222;Fight Club&#8220; zu nutzen. &#8222;Die Tiere h\u00e4lt er bislang meist in erb\u00e4rmlichem Zustand&#8220;, sagt Dieter und zeigt mitleiderregende Bilder, aber das Veterin\u00e4ramt sage nichts &#8211; ein Mitarbeiter dort sei von N. bedroht worden. &#8222;Auch uns bedroht er, st\u00e4ndig&#8220;, sagt Dieter, &#8222;angegriffen hat er uns auch, mehrfach&#8220;. Selbst die damals achtj\u00e4hrige Tochter der Familie wurde von N., der als Schl\u00fcsselfigur der rechtsextremen Szene in der s\u00e4chsischen Kleinstadt XX gilt, beleidigt, beschimpft, bespuckt. &#8222;Da versuchen wir gerade, vor Gericht eine Kontaktsperre durchzubekommen, dass er Abstand halten muss&#8220;, sagte Dieter. Das gleiche Schicksal ereilt auch die direkte Nachbarfamilie Z. &#8211; insgesamt hatte N. schon fast mit der H\u00e4lfte der Anwohner seines Wohnortes Auseinandersetzungen.<\/p>\n<p><strong>&#8222;Zehn Leute sind keine Masse&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Allerdings hat Vater Dieter mit der Justiz schon zwiesp\u00e4ltige Erfahrungen gemacht: &#8222;Ein Kompagnon von N. ist hier durch die Stra\u00dfe gefahren auf seinem Motorrad und hat den Hitlergru\u00df gezeigt&#8220;, erz\u00e4hlt Dieter, &#8222;den haben wir angezeigt, mit mehreren Nachbarn als Zeugen. Das Gericht hat befunden: Kein Landfriedensbruch, denn zehn Leute sind noch keine Masse.&#8220; Wer den kleinen Ort des Geschehens kennt, sieht: Doch, hier schon. Gerichtsrelevant ist das nicht. Der Eindruck, der bei den Nachbarn bleibt: Hier k\u00f6nnen die Rechtsextremen machen, was sie wollen.<\/p>\n<p><strong>Bedrohungen zeigen Wirkung: &#8222;Hier gewinnt er&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Wie h\u00e4lt man es aus, wenn nebenan ein vor nichts zur\u00fcckschreckender Neonazi mit offen gewaltbereitem Freundeskreis wohnt? Einer, vor dem sogar die \u00f6ffentlichen Beh\u00f6rden Angst zu haben scheinen &#8211; oder in einer Beziehung zu ihm stehen? N. soll schon den B\u00fcrgermeister t\u00e4tlich angegriffen, daf\u00fcr aber nicht einmal eine Anzeige kassiert haben. &#8222;Der bedroht hier alle&#8220;, sagt Dieter, &#8222;deshalb verkriechen sich die Menschen hier in ihre H\u00e4user. Sie trauen sich nicht mehr in ihre eigenen G\u00e4rten. Sie trauen sich auch nicht, etwas gegen N., seine S\u00f6hne und seine rechtsextremen Freunde zu sagen. Sie haben einfach Angst. Hier gewinnt er.&#8220;<\/p>\n<p>Die Angst kommt nicht von ungef\u00e4hr. Rund zwanzig, drei\u00dfig Menschen stellen den Kern der rechtsextremen Szene in XX, doppelt so viele Menschen sch\u00e4tzen Bewohner als Sympathisanten ein. Die Neonazis in XX, einer s\u00e4chsischen Kleinstadt mit knapp 5.000 Einwohnern, haben ein b\u00fcrgerliches Gesicht: Sie betreiben L\u00e4den und Kioske, sind in lokalen Vereinen aktiv oder gr\u00fcnden eigene Vereine, unterst\u00fctzen den F\u00f6rderverein der Mittelschule und machen auch einmal die T\u00fcrsteher bei Veranstaltungen des Jugendclubs. &#8222;Da hatte ich keine Lust mehr, hinzugehen&#8220;, sagt Thomas*, der in XX gro\u00dfgeworden ist, jetzt zum Stadtrat geh\u00f6rt und sich in der Stadt schon lange nicht mehr frei bewegen kann. Seine Familie hatte in den letzten Jahren gewagt, in XX etwas &#8222;Gegenkultur&#8220; anzubieten, veranstaltete Feste und Punkkonzerte in einer alten Turnhalle, &#8222;und daf\u00fcr war sogar Bedarf vorhanden, die Konzerte waren gut besucht&#8220;, sagt Thomas, fast klingt es verwundert. Wer allerdings immer da war, waren die Neonazis. Sie griffen die Veranstaltungen, die Besucher an. Nach drei Veranstaltungen kamen keine Besucher mehr. Nach dem letzten \u00dcbergriff erkl\u00e4rte der B\u00fcrgermeister von XX in der Presse, dass er diese Gewalt verurteile, und stellte zugleich Thomas&#8216; Familie ein Schreiben zu, dass sie die Turnhalle ab sofort aus baulichen Gr\u00fcnden nicht mehr f\u00fcr Veranstaltungen nutzen d\u00fcrfe.<\/p>\n<p><strong>Sogar ein Blendgranatenwurf blieb straffrei<\/strong><\/p>\n<p>Unz\u00e4hlige Male warfen Rechtsextreme die Fensterscheiben des Ladens von Thomas&#8216; Vater im idyllischen Zentrum von XX ein. &#8222;Immer, wenn es eine Aktion gegen Nazis gab, einen Zeitungsartikel, irgend etwas, waren sofort wieder die Scheiben dran&#8220;, sagt Thomas, ebenso gab es Angriffe auf ihn und seinen Bruder. &#8222;Zum Stadtfest k\u00f6nnte ich hier nicht mehr gehen. Selbst wenn wir nur ein Bier trinken wollen abends, k\u00f6nnen wir davon ausgehen, dass etwas passiert&#8220;, sagt Thomas. Im Februar 2008 marschierten 100 Neonazis zum v\u00e4terlichen Gesch\u00e4ft und warfen eine NVA-Blendgranate hinein. Die T\u00e4ter waren nicht einmal maskiert. Die Polizei stand eine Stra\u00dfenkreuzung davon entfernt und gab sp\u00e4ter vor Gericht an, sie h\u00e4tten nur vier Menschen etwas tun sehen und den Rest f\u00fcr Passanten gehalten. Deshalb gab es sp\u00e4ter auch kein Urteil wegen Landfriedensbruchs &#8211; die Mitglieder des Nazimobs kamen ungestraft davon, die &#8222;vier T\u00e4ter&#8220; konnten ebenfalls nicht zweifelsfrei ermittelt werden.<\/p>\n<p><strong>&#8222;Wer sich denen in den Weg stellt, wird platt gemacht.&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>&#8222;Nach diesem \u00dcbergriff&#8220;, erz\u00e4hlt Thomas, &#8222;kamen die Leute in den Laden und fl\u00fcsterten etwas von &#8217;schlimmer Sache&#8216; &#8211; sie fl\u00fcsterten sogar, wenn niemand anders im Laden war!&#8220; Ein weiterer aktiver Anwohner aus XX, Holger*, erl\u00e4utert: &#8222;Es ist nicht so, dass die Leute nichts von den Neonazi-Aktivit\u00e4ten in ihrer Stadt mitkriegen w\u00fcrden &#8211; jeder hier kann die Akteure benennen, Geschichten erz\u00e4hlen. Aber \u00f6ffentlich positionieren w\u00fcrde sich hier keiner!&#8220; Tats\u00e4chlich ist schon die Einfahrtsstra\u00dfe von XX mit rechtsextremen Aufklebern gepflastert, ein Auto mit einem Aufkleber mit der rechtsextremen Parole &#8222;Todesstrafe f\u00fcr Kindersch\u00e4nder&#8220; f\u00e4hrt durch die Stra\u00dfen. &#8222;Die Rechtsextremen sieht man hier jeden Tag&#8220;, sagt Holger, &#8222;die fahren regelrecht Streife in der Stadt.&#8220; Als sich in XX ein Verein gegen die Nazi-Aktivit\u00e4ten gr\u00fcndete, wurden auf der Stelle dessen Vereinsr\u00e4ume aufgebrochen und verw\u00fcstet. Dieter sagt: &#8222;Wer sich denen in den Weg stellt, wird platt gemacht.&#8220; Die Reaktion der Bev\u00f6lkerung ist gepr\u00e4gt von Vermeidungsstrategien. Wo die Neonazis H\u00e4user kaufen, stellen die Anwohner ihre Autos in die Hinterh\u00f6fe, damit sie nicht besch\u00e4digt werden. Sagen m\u00f6chte keiner mehr etwas.<\/p>\n<p><strong>Die Stadt will kein Aufsehen<\/strong><\/p>\n<p>Von den Offiziellen ihrer Stadt f\u00fchlen sich die betroffenen B\u00fcrger allein gelassen. Der B\u00fcrgermeister zeigt zwar in Interviews Problembewusstsein, handelt allerdings vor allem auf der Symbolebene gegen die Neonazis, etwa durch die Teilnahme an Friedensgebeten. Wenn die wenigen Engagierten, die noch hier sind, etwas ansto\u00dfen wollten &#8211; etwa im Jahr 2009 ein antirassistisches Fu\u00dfballturnier &#8211; machten absurde \u00f6ffentliche Auflagen das Vorhaben zunichte: Die Initiatoren sollen zwei Wochen vor und zwei Wochen nach der Veranstaltung f\u00fcr alle Sch\u00e4den an der Sportanlage haften. Ein lokales &#8218;B\u00fcndnis gegen rechts&#8216; zerbrach, weil alle konfliktbehafteten Themen, etwa Neonazis im Jugendclub, im Sportverein oder im Schul-Zusammenhang nicht einmal besprochen werden konnten. Auch hier h\u00f6rten die Aktiven unter der Hand von Anrufen aus der rechtsextremen Szene, die mit Gewalt drohten, wenn das Thema behandelt w\u00fcrde. Angezeigt werden all diese Vorkommisse nicht &#8211; wohl auch, weil daraus nie etwas erwachsen ist, nie etwas passierte. Im Stadtrat h\u00f6rten die Aktiven, sie seien selbst schuld, wenn sie Punkkonzerte veranstalteten &#8211; das w\u00e4re doch klar, dass die angegriffen w\u00fcrden. Wenn Dieter die Polizei ruft, weil nebenan wieder einmal laute rassistische oder NS-verherrlichende Musik l\u00e4uft, braucht die Polizei meist Stunden, bis sie erscheint. Wenn Rechtsextreme auf dem Marktplatz eine Kundgebung &#8218;XX gegen Kindesmissbrauch&#8216; veranstalten, zu der die gesamte rechtsextreme Szene auch der umliegenden Orte erscheint, bekommen die acht anwesenden Gegendemonstranten einen Platzverweis. Angemeldet hatte die Demonstration der Neffe des B\u00fcrgermeisters.<\/p>\n<p><strong>&#8222;Wenn wir das Haus wegfliegen k\u00f6nnten, w\u00e4ren wir l\u00e4ngst weg&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Wie also weiterleben in XX, wenn das Leben f\u00fcr einige jeden Tag ein Risiko bedeutet, nur weil sich einmal gegen die Neonazi-Szene ausgesprochen haben, w\u00e4hrend der Rest schweigt? Holger sagt: &#8222;Ich lebe eigentlich gern hier &#8211; ich pendle aber morgens zum Arbeiten in eine andere Stadt. Nur XX ginge nicht.&#8220; Abends gefahrlos auf die Stra\u00dfe gehen kann der Mittdrei\u00dfiger hier auch nicht mehr. F\u00fcr Thomas gab es nur eine L\u00f6sung: Er lebt nur noch teilweise in XX, arbeitet inzwischen in einer anderen Stadt: &#8222;Aus meiner Gymnasialklasse ist kaum ein Mensch noch hier &#8211; sind vielleicht noch zwei Leute.&#8220; Das Gymnasium gibt es inzwischen nicht mehr, auch das hat zur Verarmung der nicht-rechten Jugendkultur beigetragen. Thomas&#8216; Eltern leben weiter in XX: &#8222;Aber sie sagen immer: &#8218;Wenn wir das Haus wegfliegen k\u00f6nnten, w\u00e4ren wir l\u00e4ngst weg.'&#8220; \u00c4hnlich geht es Dieter: &#8222;Ich hab doch hier den Grundbesitz, ich hab mir hier etwas aufgebaut. Das kann ich nur einmal im Leben machen. Deshalb bleiben wir.&#8220; Weil sie das Gef\u00fchl haben, dass sich in XX nichts gesellschaftlich gegen die Rechtsextremen auf die Beine stellen l\u00e4sst, ziehen sich alle auf Dinge zur\u00fcck, die sie allein tun k\u00f6nnen: Die Lage im Stadtrat thematisieren. Straftaten anzeigen. Dieter zieht gegen seinen Nachbarn vor Gericht. Bisher gab es Verurteilungen zu Bew\u00e4hrungsstrafen. Dieter hofft allerdings, dass es in weiteren Verfahren &#8211; eines mit 70 Einzelstraftaten ist noch anh\u00e4ngig &#8211; vielleicht doch zu einer Haftstrafe gegen N. kommt: &#8222;Dann h\u00e4tten wir wenigstens mal ein halbes Jahr Ruhe.&#8220;<\/p>\n<p><em>Der Name der Stadt und der interviewten Personen sind der Autorin bekannt, aber aus Sicherheitsgr\u00fcnden ge\u00e4ndert. Der Text erschien erstmals am 06.07.2010 auf dem Portal <a href=\"http:\/\/www.netz-gegen-nazis.de\">netz-gegen-nazis.de<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was bedeutet das Schlagwort der &#8222;national befreiten Zonen&#8220; praktisch? Wie lebt es sich, wenn man Grundst\u00fccksnachbar einer f\u00fchrenden Nazi-Familie im Ort wird? Oder wenn eine Familie zum Ziel rechtsextremer Angriffe wird, weil ein Sohn Musik in einer Band macht? Wenn man sich nachts nicht mehr auf die Stra\u00dfe traut, weil dort die Rechtsextremen Streife fahren? 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