{"id":4563,"date":"2010-09-14T16:38:11","date_gmt":"2010-09-14T14:38:11","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/?p=4563"},"modified":"2010-09-15T17:44:25","modified_gmt":"2010-09-15T15:44:25","slug":"irgendwie-auch-selbst-schuld","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2010\/09\/14\/irgendwie-auch-selbst-schuld_4563","title":{"rendered":"Irgendwie auch selbst schuld am antisemitischem \u00dcberfall"},"content":{"rendered":"<p><figure id=\"attachment_4564\" aria-describedby=\"caption-attachment-4564\" style=\"width: 540px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2010\/09\/s05-laucha-2-540x304.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-4564\" title=\"s05-laucha-2-540x304\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2010\/09\/s05-laucha-2-540x304.jpg\" alt=\"\" width=\"540\" height=\"304\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2010\/09\/s05-laucha-2-540x304.jpg 540w, https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2010\/09\/s05-laucha-2-540x304-300x168.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-4564\" class=\"wp-caption-text\">Der T\u00e4ter (rechts), verurteilt wegen K\u00f6rperverletzung, hat Hakenkreuze auf dem Handy und gilt als &quot;ein bisschen rechts&quot; \u00a9 dpa <\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Noam wartet drau\u00dfen auf dem Flur des Amtsgerichts Naumburg, als die Fotografen kommen. Er will seinen richtigen Namen und auch sein Gesicht in keiner Zeitung sehen. Noam ist 17, in Israel geboren, seit acht Jahren wohnt er mit seiner Familie in Laucha, Sachsen-Anhalt. Am 16. April dieses Jahres stand Noam dort mit anderen Jugendlichen an einer Bushaltestelle, bis Alexander P. auftauchte, ihm <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2010\/05\/20\/naziangriff-auf-israeli-das-trauma-bleibt_3378\">ohne Vorwarnung ins Gesicht schlug, ihn trat und als \u00bbJudenschwein\u00ab beschimpfte.<\/a> Er lie\u00df erst von Noam ab, als ein Autofahrer anhielt und Noam rettete.<!--more--><\/p>\n<p><em>Von Jana Simon<\/em><\/p>\n<p>Alexander P. sitzt Noam im Gerichtssaal gegen\u00fcber, er ist 20, tr\u00e4gt ein kariertes Hemd. Seine Haare seien l\u00e4nger geworden, witzeln einige Zuschauer im Saal. Bereitwillig l\u00e4sst er sich ablichten. Sein R\u00fccken ist gekr\u00fcmmt, die Schultern h\u00e4ngen herab. Der Fall erregte bundesweit Aufsehen, weil Alexander P. der rechten Szene angeh\u00f6rt und beim BSC 99 Laucha Fu\u00dfball spielt, dem Verein, wo auch <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2010\/09\/09\/wieder-arger-mit-npd-fusballtrainer_4547\">Lutz Battke als Trainer arbeitet<\/a>. Battke ist Bezirksschornsteinfeger und sitzt f\u00fcr die NPD im Stadtrat und im Kreistag. Er tr\u00e4gt Hitlerb\u00e4rtchen, hat dem Verein eine Fahne in den Farben der Reichskriegsflagge geschenkt, und auf seinem Handy erscheint Adolf Hitler als Bildschirmschoner. Das Landesverwaltungsamt versuchte einmal, ihm aufgrund seiner politischen Einstellung den Kehrbezirk zu entziehen, scheiterte damit aber vor Gericht.<\/p>\n<p>Lutz Battke ist auch an diesem Tag in Naumburg die heimliche Hauptfigur. Er hat Alexander P. seinen Anwalt empfohlen. Die Wege in der Kleinstadt sind kurz.<\/p>\n<p>Viel ist passiert seit der Tat im April. Zeitungen und Fernsehsender berichteten, der Deutsche Olympische Sportbund und der Landessportbund forderten die Absetzung von Battke als Trainer. Die Rotk\u00e4ppchen-Sektkellerei baute ihre Bandenwerbung beim BSC 99 ab. Aufgrund des gro\u00dfen \u00f6ffentlichen Drucks darf Lutz Battke seit Anfang August nicht mehr als Trainer arbeiten, Mitglied des Vereins ist er noch immer, die Klubleitung h\u00e4lt zu ihm. \u00bbDer BSC 99 ist eine Brutst\u00e4tte Rechtsextremer\u00ab, sagen die Eltern von Noam. Und Laucha ist jetzt eine geteilte Stadt, gespalten in Battke-Sympathisanten und Battke-Gegner. Wobei die Gegner wesentlich stiller sind als die Bef\u00fcrworter.<\/p>\n<p><strong>Der Fu\u00dfballtrainer ist in der NPD, der Fall hilft ihm im Wahlkampf<\/strong><\/p>\n<p>Alexander P. ist wegen K\u00f6rperverletzung und Beleidigung angeklagt, schon fr\u00fcher ist er zweimal wegen K\u00f6rperverletzung verurteilt worden. Als er sp\u00e4ter aussagt, redet er leise und undeutlich, wie jemand, der es nicht gewohnt ist, sich mitzuteilen. Derzeit macht er eine Ausbildung zum Koch, er wohnt noch bei seinen Eltern, die beide Hartz IV beziehen. An jenem 16. April hatte P. schon sechs bis acht Bier getrunken, bevor er beschloss, noch einmal an der Bushaltestelle vorbeizuschauen. \u00bbDa sitzt meist die Jugend.\u00ab Als er Noam sah, sei er \u00bbausgeflippt\u00ab, sagt er. \u00bbIch habe ihm eine verpasst, mit der Faust ins Gesicht geschlagen.\u00ab Er gibt auch zu, ihn getreten zu haben. Aber niemals habe er \u00bbJudenschwein\u00ab gesagt, sondern \u00bbDrogenschwein\u00ab. Weil Noam angeblich seiner Cousine Marihuana angeboten habe. Das ist die Version, die man jetzt oft in Laucha h\u00f6rt. Eigentlich sei das Opfer der T\u00e4ter.<\/p>\n<p>Eine der Zeuginnen, die mit an der Bushaltestelle stand und nicht eingriff, als Alexander P. zuschlug, unterst\u00fctzte nach einem Gespr\u00e4ch mit Lutz Battke und dem Vater von P. diese Version. Allerdings war sie fr\u00fcher einmal mit Alexander P. zusammen und wurde zu Beginn vom selben Anwalt vertreten. Sonst hat keiner der Zeugen das Wort \u00bbDrogenschwein\u00ab geh\u00f6rt. Der Fall wird nun in die n\u00e4chste Runde gehen. Gegen Noam wurde ein Ermittlungsverfahren eingeleitet wegen Verdachts auf Versto\u00df gegen das Bet\u00e4ubungsmittelgesetz, und die Eltern von Noam haben eine Unterlassungserkl\u00e4rung gegen die Zeugin erwirkt und sie wegen Verleumdung angezeigt. Eine der Prozessbeobachterinnen, Zissi Sauermann von der Mobilen Beratung f\u00fcr Opfer rechtsextremer Gewalt, nennt den Vorwurf des Drogenhandels \u00bbeine modernisierte Form des Antisemitismus\u00ab.<\/p>\n<p>Als Alexander P. vor Gericht nach seiner rechten Meinung befragt wird, antwortet sein Anwalt Thomas Jauch, dass sich sein Mandant dazu nicht \u00e4u\u00dfern m\u00f6chte. Mehrere der jugendlichen Zeugen sagen aus, Alexander P. habe Hakenkreuze auf seinem Handy und in seinem Zimmer h\u00e4nge eine NPD-Fahne. \u00bbEr ist ein bisschen rechts.\u00ab Sie halten das f\u00fcr v\u00f6llig normal. Als die Richterin die Zeugen fragt, ob sie gewusst h\u00e4tten, dass Noam Jude ist, antwortet einer: \u00bbJa, aber er sieht gar nicht aus wie ein Jude.\u00ab<\/p>\n<p>Im Publikum sitzen zwei NPD-Funktion\u00e4re: Andreas Karl, ehemaliger Landeschef der Partei, der heute mit Lutz Battke zusammen im Kreistag Politik macht, und Rolf Dietrich, Mitglied des Kreistags Saalekreis. In den Prozesspausen stehen sie bei der Familie des T\u00e4ters. Sie wirken wie das Unterst\u00fctzungskomitee der Partei.<\/p>\n<p>Wenn man Andreas Karl fragt, warum er die Verhandlung verfolgt, antwortet er: \u00bbDas wird viel zu hoch gekocht. Das ist eine Auseinandersetzung unter Jugendlichen.\u00ab Den T\u00e4ter nennt er \u00bbAlex\u00ab. Er sagt, er kenne ihn fl\u00fcchtig, er habe 2009 bei der Kreistagswahl mal Flugbl\u00e4tter f\u00fcr die NPD verteilt. Sp\u00e4ter kommt heraus, dass auch Karls Sohn beim BSC 99 Fu\u00dfball spielte. \u00bbEs tut mir leid, dass Lutz Battke hier mit hineingezogen wird.\u00ab Er sei mit ihm politisch t\u00e4tig. Die NPD lie\u00df f\u00fcr ihren Trainer T-Shirts drucken. \u00bbUnser Trainer hei\u00dft Battke\u00ab steht darauf. 40 St\u00fcck haben sie schon verkauft, jetzt wurden noch mal 100 nachbestellt. In ganz Sachsen-Anhalt h\u00e4lt die NPD nun Solidarit\u00e4tskundgebungen f\u00fcr Battke ab, um ihn \u00bbbekannt zu machen\u00ab, wie Karl sagt. Im n\u00e4chsten Jahr soll er auf Platz 7 der Landesliste bei den Landtagswahlen kandidieren. Man k\u00f6nnte sagen, aus dem \u00dcberfall in Laucha zieht Lutz Battke politischen Gewinn. Er bringt ihm \u00d6ffentlichkeit.<\/p>\n<p>F\u00fcr Noams Familie dagegen ist nichts, wie es einmal war. Sie hat viel Unterst\u00fctzung bekommen, Anrufe aus Israel, aus West- und Ostdeutschland, nur aus Laucha hat sich kaum jemand gemeldet. Noams Mutter, Tsipi Lev, entwirft Schmuck, ihr Mann organisiert Ballonfahrten, sie sind oft unterwegs. Sie bleiben Zugezogene, viele Freunde haben sie nicht in der Kleinstadt. Und jetzt gelten sie noch als diejenigen, die den Ruf des Ortes besch\u00e4digen. \u00bbEtwas hat sich ver\u00e4ndert\u00ab, sagt Tsipi Lev. Freunde und Bekannte kommen nicht mehr vorbei, und Lev l\u00e4dt sie auch nicht mehr ein. Wenn sie ihnen auf der Stra\u00dfe begegnet, sagen sie kurz \u00bbHallo\u00ab und gehen schnell weiter. \u00bbSie sagen nicht, was sie denken\u00ab, meint Lev. Sie kann nur sp\u00fcren, wie sie von ihr abr\u00fccken. \u00bbIch habe vor dem \u00dcberfall in einer Blase gelebt, h\u00e4tte eine Wiederholung des Holocaust niemals f\u00fcr m\u00f6glich gehalten. Jetzt sehe ich das anders.\u00ab Levs Vater, Noams Gro\u00dfvater, \u00fcberlebte als Einziger seiner Familie den Holocaust, Noams anderer Gro\u00dfvater war Trainer der israelischen Leichtathletikmannschaft bei den Olympischen Spielen in M\u00fcnchen 1972. Er wurde bei der Geiselnahme von pal\u00e4stinensischen Terroristen get\u00f6tet.<\/p>\n<p>Vor einem Monat veranstaltete die evangelische Kirche in Laucha einen \u00bbTag der Mitmenschlichkeit\u00ab, viel Prominenz aus der Landespolitik erschien. Sie wollten ein Signal gegen Rechts setzen. Vor der Kirche demonstrierte gleichzeitig die NPD f\u00fcr ihren Trainer Lutz Battke. Die meisten Lauchaer wagten sich aber weder in die Kirche noch zu der NPD-Kundgebung. F\u00fcr Tsipi Lev ist das der gr\u00f6\u00dfte Sieg, dass sich ihre Nachbarn wenigstens nicht zur Gegenveranstaltung trauten.<\/p>\n<p><strong>Vielleicht, r\u00e4umt der T\u00e4ter ein, habe er doch \u00bbJudenschwein\u00ab gesagt<\/strong><\/p>\n<p>Im Gerichtssaal in Naumburg erkl\u00e4rt die Staatsanw\u00e4ltin, dass der Ausdruck \u00bbJudenschwein\u00ab die menschenverachtende Einstellung des Angeklagten zeige. Auch Lutz Battke, der Ex-Fu\u00dfballtrainer, ist noch einmal Thema, P.s Anwalt befragt Alexander P. nach seinem Verh\u00e4ltnis zu ihm. \u00bbDer ist ein feiner Kerl\u00ab, antwortet P. Am Ende entscheidet die Richterin Martina Zufall, dass beide Ausdr\u00fccke, \u00bbJudenschwein\u00ab und \u00bbDrogenschwein\u00ab, gefallen seien, und verurteilt Alexander P. zu acht Monaten Haft auf Bew\u00e4hrung, au\u00dferdem muss er ein Jahr lang 30 Euro im Monat an die Gedenkst\u00e4tte des ehemaligen KZ Buchenwald zahlen.<\/p>\n<p>Nach der Urteilsverk\u00fcndung steht Alexander P. mit seinen Eltern und NPD-Funktion\u00e4ren zusammen. Sie wirken gel\u00f6st. P.s Anwalt nennt das Urteil \u00bbsalomonisch\u00ab. Eine Frage an Alexander P.: Hat er Judenschwein gesagt? Er antwortet, er k\u00f6nne sich nicht mehr daran erinnern, es k\u00f6nne schon sein. Im Prozess hatte er es noch abgestritten.<\/p>\n<p>Drau\u00dfen auf dem Marktplatz von Naumburg wartet Noam. Er sieht nicht gl\u00fccklich aus. Seine Mutter sagt: \u00bbIch kann damit nicht leben, dass P. beides gesagt haben soll. Ich will den Namen meines Sohnes reinwaschen.\u00ab Noam steht neben ihr und schweigt. Sp\u00e4ter sitzen Alexander P. und seine Eltern mit den NPD-Funktion\u00e4ren in einem Eiscaf\u00e9 auf dem Marktplatz. In einem Restaurant daneben hockt Noam mit seiner Familie und den Opferberatern. Irgendwann kann Noam beobachten, wie die beiden NPD-Funktion\u00e4re aufbrechen. Sie m\u00fcssen weiter nach Halberstadt, zu einer Solidarit\u00e4tsdemonstration f\u00fcr Lutz Battke.<\/p>\n<p>Ein paar Tage nach dem Prozess geht Noam am Fu\u00dfballplatz des BSC 99 in Laucha vorbei, dort sieht er Lutz Battke. Er steht nun nicht mehr als Trainer, sondern als Schiedsrichter auf dem Feld.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Noam wartet drau\u00dfen auf dem Flur des Amtsgerichts Naumburg, als die Fotografen kommen. Er will seinen richtigen Namen und auch sein Gesicht in keiner Zeitung sehen. Noam ist 17, in Israel geboren, seit acht Jahren wohnt er mit seiner Familie in Laucha, Sachsen-Anhalt. Am 16. 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