{"id":4722,"date":"2010-10-07T13:14:22","date_gmt":"2010-10-07T11:14:22","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/?p=4722"},"modified":"2010-10-07T13:14:22","modified_gmt":"2010-10-07T11:14:22","slug":"%e2%80%9eman-wird-ja-wohl-noch-israel-kritisieren-durfen-%e2%80%9c","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2010\/10\/07\/%e2%80%9eman-wird-ja-wohl-noch-israel-kritisieren-durfen-%e2%80%9c_4722","title":{"rendered":"\u201eMan wird ja wohl noch Israel kritisieren d\u00fcrfen&#8230;?!\u201c"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2010\/10\/Antisemitismus1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-4725\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2010\/10\/Antisemitismus1-300x236.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"236\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2010\/10\/Antisemitismus1-300x236.jpg 300w, https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2010\/10\/Antisemitismus1.jpg 380w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Auch in diesem Jahr veranstaltet die Amadeu Antonio Stiftung wieder die <a href=\"http:\/\/www.amadeu-antonio-stiftung.de\/die-stiftung-aktiv\/gegen-as\/was-tut-die-stiftung\/aktionswochen-gegen-antisemitismus\/\">\u201eAktionswochen gegen Antisemitismus\u201c<\/a>, in denen in den Monaten November\/Dezember bundesweit in Veranstaltungen und Aktionen die unterschiedlichsten Facetten von Antisemitismus thematisiert werden. Neu ist, dass es dieses Jahr erstmals ein inhaltliches Schwerpunktthema gibt: \u201eisraelbezogenen Antisemitismus\u201c, besser bekannt als Israelfeindschaft. Diese Schwerpunktsetzung hat einen guten Grund: Nirgends sind antisemitische Ressentiments so pr\u00e4sent und so gesellschaftlich akzeptiert, wie wenn es um das Thema Israel geht.<!--more--><\/p>\n<p><strong>\u201eIch habe nichts gegen Juden, aber &#8230;\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Im Jahr 2007 ver\u00f6ffentlichte die Amadeu Antonio Stiftung eine Studie, die von den Sozialwissenschaftlern Dr. Barbara Sch\u00e4uble und Dr. Albert Scheer erstellt wurde. In \u201eIch habe nichts gegen Juden, aber &#8230;\u201c wird anschaulich dargelegt, dass Antisemitismus mitunter auch ein Problem bei Personen ist, die sich explizit als anti-antisemitisch verorten. Diese Tatsache macht den Kampf gegen Antisemitismus nicht gerade einfacher.<br \/>\nDieser empirische Befund zeigt sich auch deutlich in der Praxis: Wenn Initiativen oder Einzelpersonen an die Stiftung herantreten, mit dem Wunsch einen Workshop oder \u00e4hnliches gegen Antisemitismus mit uns durchzuf\u00fchren, wird mitunter schon im Vorgespr\u00e4ch betont, dass der Kampf gegen Antisemitismus so wichtig sei, aber es doch bitte auch erlaubt sein muss, Israel zu kritisieren. Eigentlich sollte ein t\u00e4glicher Blick in die unterschiedlichsten Tageszeitungen deutlich machen, dass es dieses zumindest unterschwellig behauptete Tabu, man darf die Politik Israels nicht kritisieren, in keinster Weise vorhanden ist. Wohl keine Politik eines Staates, vielleicht mit Ausnahme der USA, ist medial und in allt\u00e4glichen Gespr\u00e4chen so in der Kritik wie die Politik Israels. Dass diese mediale Kritik durchaus auch oft mit Antisemitismus daher kommt, haben Studien wie \u201eMedienbild Israel. Zwischen Solidarit\u00e4t und Antisemitismus\u201c vom Duisburger Institut f\u00fcr Sprach- und Sozialforschung belegt. Aber vielleicht sind diejenigen, die meinen \u201eman muss Israel doch auch mal kritisieren d\u00fcrfen\u201c viel offener und ehrlicher als man es im ersten Moment wahrhaben will: Sie wollen nicht die Politik Israels kritisieren, sie wollen Israel kritisieren. Sp\u00e4testens da begeben sich die \u00fcberzeugten Gegner und Gegnerinnen von Antisemitismus in antisemitische Argumentationsmuster.<\/p>\n<p><strong>\u201eworking definition of antisemitism\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Da es, insbesondere in Bezug auf \u201eIsraelkritik\u201c eine heftige Debatte gibt, wo denn da der Antisemitismus anf\u00e4ngt, ist es notwendig zu schauen wie Antisemitismus definiert wird. Eine der anerkanntesten Definitionen stellt die \u201eworking definition of antisemitism\u201c der EUMC (European Monitoring Centre on Racism and Xenophobia) dar. Zu Antisemitismus in Bezug auf Israel hei\u00dft es dort:<\/p>\n<p><em>\u201eBeispiele von Antisemitismus im Zusammenhang mit dem Staat Israel und unter Ber\u00fccksichtigung des Gesamtkontextes k\u00f6nnen folgende Verhaltensformen einschlie\u00dfen, ohne auf diese beschr\u00e4nkt zu sein:<\/em><\/p>\n<p><em>&#8211; Das Abstreiten des Rechts des j\u00fcdischen Volkes auf Selbstbestimmung, z.B. durch die Behauptung, die Existenz des Staates Israel sei ein rassistisches Unterfangen.<\/em><\/p>\n<p><em>&#8211; Die Anwendung doppelter Standards, indem man von Israel ein Verhalten fordert, das von keinem anderen demokratischen Staat erwartet und verlangt wird.<\/em><\/p>\n<p><em>&#8211; Das Verwenden von Symbolen und Bildern, die mit traditionellem Antisemitismus in Verbindung stehen (z.B. der Vorwurf des Christusmordes oder die Ritualmordlegende), um Israel oder die Israelis zu beschreiben.<\/em><\/p>\n<p><em>&#8211; Vergleiche der aktuellen israelischen Politik mit der Politik des\u00a0 Nationalsozialismus&#8216;.<br \/>\n&#8211; Das Bestreben, alle Juden kollektiv f\u00fcr Handlungen des Staates Israel verantwortlich zu machen.<\/em><\/p>\n<p><em>Allerdings kann Kritik an Israel, die mit der an anderen L\u00e4ndern vergleichbar ist, nicht als antisemitisch betrachtet werden.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Bei der \u201eIsraelkritik\u201c in Medien und der breiten \u00d6ffentlichkeit sind die von der EUMC als antisemitisch eingestuften Verhaltensformen leider keine Seltenheit.<br \/>\n<strong><br \/>\nVon der \u201eIsraelkritik\u201c zur \u201e\u00c4gyptenkritik\u201c?<\/strong><\/p>\n<p>Der Politologe Lars Rensmann brachte es auf den Punkt als er rhetorisch in der TAZ fragte, ob es zur \u201eIsraelkritik\u201c ein \u00e4quivalent gebe, z.B. die \u201e\u00c4gyptenkritik\u201c? Dieser Vergleich zeigt, dass unter \u201eIsraelkritik\u201c im Regelfall es sich eben nicht um einfache Kritik der Regierungspolitik handelt, die genauso jeden anderen Staat treffen k\u00f6nnte. Wenn \u201eIsraelkritk\u201c den Staat Israel d\u00e4monisiert und delegitimiert muss sie auch als das bezeichnet werden was sie ist, n\u00e4mlich antisemitisch. Mit \u201eIsraelkritik\u201c ist eben nicht gemeint, dass gewisse Handlungen der israelischen Regierung gegen\u00fcber im Regelfall den Pal\u00e4stin\u00e4nserinnen und Pal\u00e4stinensern kritisiert werden, wenn das so w\u00e4re, w\u00fcrden viele, die \u201eIsraelkritik\u201c so vehement einfordern, ja auch nicht glauben, dass dies ein Tabu sei und auch regelm\u00e4\u00dfig \u201e\u00c4gypten-\u201c oder \u201eSierra Leone-Kritik\u201c \u00fcben. Wie wirkungsm\u00e4chtig Israelfeindschaft ist, belegt nicht zuletzt die dadurch entstandene Zusammenarbeit sonst verfeindeter politischer Lager. So demonstrierten Ende Mai diesen Jahres in Berlin auf einer Gaza-Solidarit\u00e4ts-Demonstration friedlich Antiimperialisten zusammen mit ihren Feinden von gestern, t\u00fcrkischen Nationalisten und Islamisten. Die anwesenden Antifaschistinnen und Antifaschisten verlie\u00dfen auch nicht die erste Reihe der gemeinsamen Demonstration als Parolen wie \u201eTod Israel\u201c, \u201eKinderm\u00f6rder Israel\u201c, \u201eUSA-Israel \u2013 Intifada wieder da\u201c gerufen und Israel in einer Rede als faschistischer Staat betitelt wurde. Wenn es nicht gerade um Israel geht sind die beiden Gruppen politisch verfeindet, denn in der Vergangenheit demonstrierten die Antiimperialistinnen und Antiimperialisten gerne gegen t\u00fcrkische Nationalisten, insbesondere wenn es um \u201edie Befreiung Kurdistans\u201c ging. Auch einige Neonazis haben in der Vergangenheit und der Gegenwart mit Islamistinnen zusammengearbeitet, weil sie u.a. in den Islamisten die einzigen ernstzunehmenden Feinde Israels und der USA sehen.<br \/>\n<strong><br \/>\nEin \u201eExtremismus\u201c-Problem?<\/strong><\/p>\n<p>Angesicht von Zustimmungsraten von \u00fcber 68 Prozent in der Bev\u00f6lkerung zu antisemitischen \u00c4u\u00dferungen wie \u201eIsrael f\u00fcht ein Vernichtungskrieg gegen die Pal\u00e4stinenser\u201c und \u00fcber 50 Prozent zur Aussage: \u201eWas der Staat Israel heute mit den Pal\u00e4stinensern macht, ist im Prinzip auch nichts anderes als das, was die Nazis im Dritten Reich mit den Juden gemacht haben\u201c wird aber auch deutlich, dass Israelfeindschaft ein gesamtgesellschaftliches Ph\u00e4nomen ist und nicht allein die Dom\u00e4ne von Islamisten, Neonazis und Israel-hassenden Antiimperrialistinnen und Antiimperialisten. Ganz im Gegenteil, dies als ein \u201eExtremismus\u201c-Problem anzusehen, verharmlost die Gefahr der Israelfeindschaft.<br \/>\n<strong><br \/>\nZwei\u00a0Drittel der Deutschen Antisemiten?<\/strong><\/p>\n<p>Es gilt aber auch zu differenzieren, die teilweise sehr hohen Zuspruchsraten zu einzelnen israelfeindlichen Aussagen bedeuten nicht, dass bis zu zwei Drittel der Deutschen Antisemiten sind, denn antisemitische Ressentiments zu \u00e4u\u00dfern, hei\u00dft nicht automatisch in einem geschlossenes antisemtischen Weltbild verhaftet zu sein. Es ist jedoch immens wichtig Antisemitismus als eben dieses zu benennen und dagegen aktiv zu werden. Und \u201eIsraelkritik\u201c ist antisemitisch, wenn sie einen oder mehrere Punkte der oben genannten Definition beinhaltet. Dies wird von vielen bestritten und regt zum Widerspruch an. Ein Argument mehr, diesen gew\u00e4hlten Schwerpunkt zu w\u00e4hlen und die Auseinandersetzung auch unter Menschen zu f\u00fchren, die sich als anti-antisemitisch verorten. Daher bleibt den Aktionswochen zu w\u00fcnschen, dass neben Veranstaltungen zum historischen Antisemitismus, auch viele zum aktuellen Antisemitismus und \u00fcber den Antisemitismusgehalt von \u201eIsraelkritik\u201c angeboten werden, damit an m\u00f6glichst vielen Orten diese Debatten gef\u00fchrt werden.<br \/>\n<em><br \/>\n<em>Dieser Beitrag ist von Jan Riebe<\/em><\/em><em>, der die &#8222;Aktionswochen gegen Antisemitismus&#8220; der <a href=\"http:\/\/www.amadeu-antonio-stiftung.de\/start\/\">Amadeu Antoniu Stiftung<\/a> koordiniert<\/em>. <em>Vielen Dank!<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auch in diesem Jahr veranstaltet die Amadeu Antonio Stiftung wieder die \u201eAktionswochen gegen Antisemitismus\u201c, in denen in den Monaten November\/Dezember bundesweit in Veranstaltungen und Aktionen die unterschiedlichsten Facetten von Antisemitismus thematisiert werden. 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