{"id":4809,"date":"2010-10-21T10:45:19","date_gmt":"2010-10-21T08:45:19","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/?p=4809"},"modified":"2010-10-21T10:45:19","modified_gmt":"2010-10-21T08:45:19","slug":"parallelgesellschaften-gibt-es-nicht-nur-unter-muslimen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2010\/10\/21\/parallelgesellschaften-gibt-es-nicht-nur-unter-muslimen_4809","title":{"rendered":"Parallelgesellschaften gibt es nicht nur unter Muslimen"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/img.zeit.de\/politik\/deutschland\/2010-10\/einbuergerungsurkunde\/einbuergerungsurkunde-540x304.jpg\" alt=\"Die H\u00e4nde einer Schwarzafrikanerin liegen auf der Einb\u00fcrgerungsurkunde der Bundesrepublik Deutschland\" width=\"540\" height=\"304\" \/><\/p>\n<p>Die Motive der sch\u00e4rfsten Parallelgesellschaften- und   Migranten-Kritiker sind nicht gerade fortschrittlich. Das zeigt eine   Studie zum Rechtsextremismus. Die Kritik an Fehlentwicklungen in migrantischen  Parallelgesellschaften ist sicherlich oft berechtigt. Chauvinistische  und Frauen verachtende Einstellungen m\u00fcssen kritisiert werden ebenso ein  totalit\u00e4r-religi\u00f6ses Weltbild, wenn es zu konsequenter Ablehnung aller  liberalen Errungenschaften westlicher Zivilisationen f\u00fchrt.<!--more--><\/p>\n<p><em>Von <a title=\"Profil von *Tanja D\u00fcckers* anzeigen\" href=\"http:\/\/community.zeit.de\/user\/felicitaskrull\">Tanja D\u00fcckers<\/a><\/em><\/p>\n<p>Leider wird der Ausdruck &#8222;migrantische Parallelgesellschaft&#8220; jedoch  derzeit fast nur negativ konnotiert \u2013 als g\u00e4be es nicht auch vollkommen  unauff\u00e4llige, friedfertige migrantische Parallelgesellschaften, wie es  sie seit jeher in der Geschichte der Menschheit gegeben hat. Ferner wird  diese Kritik ungerechterweise selten an den nicht-migrantischen  Parallelgesellschaften ge\u00fcbt, von denen es ebenfalls nicht wenige  hierzulande gibt.\u00a0 Schlie\u00dflich leben wir in einer hoch  individualisierten, \u00e4u\u00dferst heterogenen Gesellschaft, die sich aus  vielen Parallelgesellschaften zusammensetzt \u2013 und diese verschiedenen  nicht-migrantischen Parallelgesellschaften und gesellschaftlichen  Randgruppen gehen ebenfalls keineswegs nur friedfertig miteinander um,  wie auf Demonstrationen, in Fu\u00dfballstadien und andernorts beinahe  t\u00e4glich sichtbar wird. \u00dcberhaupt: Wer definiert, was in einer  Gesellschaft die vermeintliche &#8222;Haupt-Gesellschaft&#8220; und was eine  Parallelgesellschaft ist?<\/p>\n<p>H\u00f6rt die Haupt-Gesellschaft wirklich noch auf Goethe und Gutenberg  oder doch eher auf Dieter Bohlen und Eminem? Folgt man der aktuellen,  geradezu hysterisch gef\u00fchrten Debatte, so k\u00f6nnte man glauben, eine  unisono liberale, aufgekl\u00e4rte, gebildete, gewaltfeindliche,  friedfertige, frauen-, kinder- und umweltfreundliche, hochmoderne und  doch sanft am Christentum orientierte, und vor allem: homogene  Gesellschaft verteidige ihre Werte und ihr Wesen gegen eine  fundamentalistisch-r\u00fcckst\u00e4ndige Bedrohung muslimisch-migrantischer  Provenienz. Doch dieser Dualismus ist vollkommen wirklichkeitsfremd.<\/p>\n<p>Nach dem die sogenannte Integrationsdebatte, befeuert von den  populistischen und zum Teil sachlich schlicht falschen \u00c4u\u00dferungen vom  ehemaligen Bundesbank-Vorstandsmitglied Thilo Sarrazin, quer durch alle  Lager diskutiert wurde, ist gerade eine bemerkenswerte Studie  erschienen: Die Studie &#8222;Die Mitte in der Krise. Rechtsextremismus in  Deutschland 2010&#8220; haben Leipziger Wissenschaftlicher im Auftrag der  Friedrich-Ebert-Stiftung durchgef\u00fchrt.  Ihre Vorl\u00e4ufer hat sie in den  Studien zu rechtsextremen, Gewalt verherrlichenden und  menschenverachtenden Einstellungen in Deutschland \u2013 &#8222;Vom Rand zur Mitte\u201c  (2006) und &#8222;Ein Blick in die Mitte\u201c (2008).<\/p>\n<p>Der derzeitigen \u00f6ffentlichen Debatte um die mangelnde  Integrationsbereitschaft einiger Migranten und um die geistige  Verfasstheit eines gro\u00dfen Teils der Nicht-Migranten, in deren Mitte  erstgenannte sich bittesch\u00f6n ordentlich hinein integrieren sollen, geben  die Ergebnisse dieser Studie eine unerwartete Pointe: Ein paradoxer  Befund der Studie ist, dass die Motive der sch\u00e4rfsten  Migranten-und-Parallelgesellschaften-Kritiker oftmals selbst alles  andere als fortschrittlich sind.<\/p>\n<p>Demnach speist sich die Ablehnung vieler Deutscher vor allem gegen  muslimische Migranten selbst aus zutiefst undemokratischen und oft  menschenverachtenden Ressentiments. Sie singen nicht das Hohelied der  Aufkl\u00e4rung und der &#8222;open society&#8220;, sondern machen mit zum Teil  rechtsextremen Vorstellungen gegen eine angebliche \u00dcberfremdung mobil  (\u00fcber die vor allem diejenigen klagen, in deren Regionen die wenigsten  Ausl\u00e4nder in Deutschland leben). Sie sind nicht viel weniger  antisemitisch und chauvinistisch gesinnt, als die von ihnen als fremd  empfundenen und abgelehnten muslimisch gepr\u00e4gten Migranten.<\/p>\n<p>Nach unten treten, nach oben buckeln: Der zunehmende Hass gegen  sozial Schw\u00e4chere geht einher mit einer wachsenden Akzeptanz autorit\u00e4rer  Gesellschaftsmodelle: Gut jeder vierte Deutsche w\u00fcnscht sich laut der  Umfrage der Friedrich-Ebert-Studie eine &#8222;starke Partei&#8220;, die die  &#8222;Volksgemeinschaft insgesamt verk\u00f6rpert&#8220;. Mehr als jeder Zehnte sehnt  sich nach einem &#8222;F\u00fchrer&#8220;, der &#8222;Deutschland zum Wohle aller mit harter  Hand regiert&#8220; und h\u00e4lt die Diktatur f\u00fcr &#8222;die bessere Staatsform&#8220;.<\/p>\n<p>Zurecht analysiert eine Kommentatorin die Ergebnisse der  Ebert-Studie: &#8222;W\u00e4hrend autorit\u00e4res Denken, k\u00f6rperliche Gewalt in der  Erziehung und Antisemitismus gerade bei vielen Migranten aus muslimisch  gepr\u00e4gten Gesellschaften verbreitet sind, werden gerade diese Muslime  konfrontiert mit den Ressentiments der narzisstisch gekr\u00e4nkten,  krisenverunsicherten Deutschen. Zwei demokratieferne Gruppen  antagonisieren einander.&#8220;<\/p>\n<p>Die deutsche Leitkultur schrumpft demnach zu einem  sozialdarwinistischen  Index, der Zugeh\u00f6rigkeit nur akzeptiert, wenn er  vermeintliche \u00f6konomische Vorteile mit sich bringt. Von wegen Goethe,  Humboldt oder Schiller \u2013 alles, was z\u00e4hlt, ist das \u00f6konomische Kalk\u00fcl  und die klamm-diffuse Vorstellung, etwas Besseres zu sein, w\u00e4hrend &#8222;die  Anderen&#8220; Sozialschmarotzer sind, kulturferne obendrein.<\/p>\n<p>Die als gemeinsames nationales Interesse formulierte \u00f6konomische  Rationalit\u00e4t,  hei\u00dft es dazu n\u00fcchtern in der Ebert-Studie, sei zur  dominanten Argumentationsfigur geworden und habe die demokratischen  Institutionen geschw\u00e4cht. Daher komme es nicht zu &#8222;Solidarisierung mit  den Marginalisierten und Prekarisierten, sondern zur Identifikation mit  den Instanzen, die &#8218;zum Wohle aller&#8216; gegen &#8218;Fremde&#8216; und  &#8218;Sozialschmarotzer&#8216; diese Sanktionen verh\u00e4ngt haben&#8220;. Soviel zur  Aktualit\u00e4t der viel beschworenen &#8222;christlichen Grundwerte&#8220; unserer  Kulturnation.<\/p>\n<p>Dazu passen auch die Befunde des Bielefelder Soziologen Wilhelm  Heitmeyer, der in seiner Langzeitstudie &#8222;Deutsche Zust\u00e4nde&#8220; seit Jahren  eine kontinuierliche Zunahme &#8222;gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit&#8220;  konstatiert: Betroffen davon sind vor allem sozial und wirtschaftlich  marginalisierte Schichten. Eine Entwicklung, die durch die  Weltwirtschaftskrise in den vergangenen Jahren deutlich an Dynamik  gewonnen hat.<\/p>\n<p>Besonders Horst Seehofer bedient derzeit das Ressentiment mit einer  Rhetorik, die aus dem 19. Jahrhundert stammen k\u00f6nnte. Die  nationalistische Floskel von &#8222;Kulturferner Zuwanderung&#8220; bedient ein  Ressentiment, das auf ein angeblich homogenes Staatsvolk rekurriert und  sehr an die Wahlkampfparole &#8222;Mehr Mut f\u00fcr unser Wiener Blut&#8220; der  rechtspopulistischen FP\u00d6 erinnert.<\/p>\n<p>Dabei steht der Wunsch nach einer ethnisch homogeneren Bev\u00f6lkerung im  v\u00f6lligen Widerspruch zu dem ansonsten so wirtschaftsfreundlichen Kurs  der Konservativen.<\/p>\n<p>Wie irrational die Debatte verl\u00e4uft, zeigt sich an ganz anderen  Zahlen. So hat nach Meinung von Annette Schavan, immerhin  Bildungsministerin einer konservativen Partei, Deutschland nicht zu  viel, sondern zu wenig Ausl\u00e4nder: &#8222;Nicht Einwanderung muss uns aufregen,  sondern Auswanderung aus Deutschland&#8220;, erkl\u00e4rte sie vor wenigen Tagen  angesichts der Tatsache, dass in den vergangenen zwei Jahren mehr  Menschen aus Deutschland fortziehen statt einwandern. Nach Aussage der  Wirtschaftsverb\u00e4nde fehlen heute schon rund 400.000 Fachkr\u00e4fte. Es ist  ein gro\u00dfes Vers\u00e4umnis, dass erst jetzt zaghaft \u00fcberlegt wird, im Ausland  erlangte Abschl\u00fcsse in Deutschland mit einfacheren Verfahren  anzuerkennen. Bisher sind viel zu viele gut ausgebildete ausl\u00e4ndische  Fachkr\u00e4fte hierzulande Taxi gefahren oder Toiletten putzen gegangen.  Bleibt es bei dem Mangel an Fachkr\u00e4ften, dann fehlen in wenigen Jahren  Millionen Steuer- und Beitragszahler. Dann hei\u00dft es auch f\u00fcr Horst  Seehofer: Rente gibt es erst mit 72. Bleibt abzuwarten, was Seehofer  nach seiner Pensionierung machen wird \u2013 in jedem Fall d\u00fcrfte er Mitglied  einer kleinen, feinen Parallelgesellschaft bleiben: Der selbst  ernannten Kultur- und Bildungselite dieses Landes.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Motive der sch\u00e4rfsten Parallelgesellschaften- und Migranten-Kritiker sind nicht gerade fortschrittlich. 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