{"id":5058,"date":"2010-11-27T11:47:05","date_gmt":"2010-11-27T10:47:05","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/?p=5058"},"modified":"2010-11-27T11:49:53","modified_gmt":"2010-11-27T10:49:53","slug":"nazis-als-nachbarn-vergasung%e2%80%9c-als-partygag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2010\/11\/27\/nazis-als-nachbarn-vergasung%e2%80%9c-als-partygag_5058","title":{"rendered":"Der Fall Echzell: &#8222;Vergasung\u201c als Partygag"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2010\/11\/c18.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-5061\" title=\"c18\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2010\/11\/c18.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2010\/11\/c18.jpg 300w, https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2010\/11\/c18-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Zwischen r\u00f6mischen Zeichen und Wikingersymbolen hat Patrick W. auf dem Oberarm eine \u201e88\u201c t\u00e4towiert. Im braunen Zahlencode steht das f\u00fcr \u201eHeil Hitler\u201c. In seinem Nacken blitzt ein \u201eC18\u201c hervor. Es ist das Zeichen der neonazistisch-terroristischen Gruppierung \u201eCombat 18\u201c (Kampf Adolf Hitler), die gewillt ist, politische Gegner auch mit Gewalt zu bek\u00e4mpfen.<!--more--><\/p>\n<p><em>Von Julia M\u00fcller<\/em><\/p>\n<p>\u201eIch habe noch viel Schlimmeres t\u00e4towiert. Das hat aber nach au\u00dfen hin niemand zu sehen\u201c, sagt der 24-J\u00e4hrige und lacht. Das tut er im Gespr\u00e4ch immer dann, wenn ihn seine eigenen Aussagen am\u00fcsieren oder er mehr von sich preisgibt, als er geplant hat. An seinem Hoftor in Echzell (Wetterau) pappt ein Sticker seiner Gruppe mit dem Symbol eines Totenkopfes, der an die Waffen-SS erinnert. Der Slogan darauf: \u201eWir gegen linke Willk\u00fcr.\u201c Als Neonazi w\u00fcrde sich W. jedoch nicht bezeichnen: \u201eIch bin ein Old Brother, war fr\u00fcher ultrarechts und habe noch was von der Einstellung, die sich bei mir gegen linke Dummheit richtet.\u201c Old Brother, so hei\u00dft sein Tattoo-Laden.<\/p>\n<p>Von der Polizei wird W. der rechtsextremen Szene zugeordnet. Er ist ihr wegen \u201eeiner Liste von Straftaten\u201c bekannt \u2013 unter anderem K\u00f6rperverletzung und Volksverhetzung. Im Juli lenkte W. Aufmerksamkeit auf sich, als er das Video einer Attacke seiner Partyg\u00e4ste auf einen Nachbarn mit h\u00e4mischen Kommentaren auf der Internetplattform \u201eYoutube\u201c ver\u00f6ffentlichte. Zu sehen ist, wie eine Gruppe von etwa 15 Leuten den Nachbarn vor dem Haus von der Leiter zerrt und ihm Hose und Unterhose auszieht, nachdem er versucht hatte, die \u00dcberwachungskameras wegzudrehen, die W. auf sein Haus gerichtet hat.<\/p>\n<p>W. hat nicht gern Menschen um sich, die er nicht kennt: \u201eIch lasse nur Leute an mich heran, die mich nicht nerven. Das ist eine Familie, die man sich da zusammenbaut\u201c, sagt er. Seinen Eingang \u00fcberwacht er mit Kameras. Enge Freunde sind mit ihrem Fingerabdruck am Hoftor registriert. Ansonsten darf ihn nur besuchen, wer zu seinen legend\u00e4ren Partys eingeladen ist. \u201eWenn du wegen Volksverhetzung auf den Deckel gekriegt hast und zehntausende Euro f\u00fcr den Anwalt zahlen musst, dann \u00fcberlegst du.\u201c<\/p>\n<p>Es kursieren viele Ger\u00fcchte dar\u00fcber, was sich hinter den Mauern seines sogenannten \u201eOld Brothers Castle\u201c abspielt. Sein Hof, die gr\u00f6\u00dfte Hofreite des Ortes, ist von Geb\u00e4uden umschlossen. Rechts vorne befindet sich sein Tattoo-Studio, dahinter der Partykeller, links das Wohnhaus, und in der Mitte des mit Hundekot \u00fcbers\u00e4ten Hofes steht ein alter Bierwagen.<\/p>\n<p>Der 24-J\u00e4hrige zeigt sich freundlich, hat eine derbe Sprache und eine rotzig freche Art. Er tr\u00e4gt T-Shirts mit provokanten Aufschriften wie das einer Ariel-Persiflage: \u201eAlles sauber, alles rein: Arier\u201c. Der T\u00e4towierer mag es zu provozieren, gibt sich offen, nicht zu locker, daf\u00fcr bestimmt.<\/p>\n<p>Sein 20-j\u00e4hriger Kumpel, der in W.\u2019s Tattoo-Studio auf der Couch sitzt, wird unruhig, als die Fragen in seine Richtung gehen. \u201eWir sind nicht direkt Neonazis, aber wir teilen die Einstellung von denen\u201c, antwortet er stotternd. Er will nichts erkl\u00e4ren, das soll W. \u00fcbernehmen. Und der mag keine penetranten Nachfragen, zum Beispiel, wenn es um seine T\u00e4towierungen geht. Mit ein paar Witzen und einlullenden Monologen f\u00fchrt er das Gespr\u00e4ch dann in eine andere Richtung.<\/p>\n<p>Doch es sind die kleinen Details in seinen langatmigen Ausf\u00fchrungen, die Aufschluss \u00fcber seine Ansichten geben. Gegen wen sich seine Wut richte? \u201eGegen alle, die nicht arbeiten\u201c, antwortet W. \u201eIch halte mein Maul nicht, wenn mir was nicht passt. Linke Zecken stinken, sie studieren, und am Ende betteln sie und trinken Alkohol. Das ist nicht korrekt.\u201c<\/p>\n<p><strong>\u201eBrausebad\u201c steht am Disko- Raum, und aus Duschk\u00f6pfen str\u00f6mt wei\u00dfer Nebel<\/strong><\/p>\n<p>Unterschiede macht der 24-J\u00e4hrige bei Migranten. Einer aus seiner Gruppe sei Halb-Spanier, ein anderer habe sogar einen schwarzen Vater. \u201eWir machen da so unsere Sp\u00e4\u00dfchen, zum Beispiel wenn er an Fasching im Ku-Klux-Klan-Outfit herumrennt.\u201c Auch \u00e4ltere T\u00fcrken findet W. nicht so schlimm. Es seien die J\u00fcngeren, die keinen Respekt vor Deutschland h\u00e4tten. \u201eIch habe ja so einen Hass bekommen, weil ich die fr\u00fcher in der Klasse hatte.\u201c In W.\u2019s Augen werden Deutsche mehr verfolgt als alle anderen. \u201eWenn ich kein Deutscher w\u00e4re, dann w\u00fcrde mir geholfen. In diesem Land hei\u00dft es: Sie sind Deutscher, sie k\u00f6nnen das selber machen.\u201c<\/p>\n<p>Moderne Rechtsextreme \u2013 W. ist einer von ihnen. Sie haben weder eine eindeutige politische Agenda, noch f\u00fchlen sich der in ihren Augen zu laschen NPD und deren v\u00f6lkischem Verst\u00e4ndnis verbunden. Stattdessen trinken und essen sie sogenannten \u201eBesatzerfra\u00df\u201c, tragen Hip-Hop-Klamotten und setzen weniger auf Inhalte als auf erlebnisorientierte Aktionen.<\/p>\n<p>\u201eNach au\u00dfen hin tritt W. als Kirmesschl\u00e4ger auf, der laute Feste mit vielen G\u00e4sten feiert und dort seine gleichgesinnten Kumpane um sich schart\u201c, sagt J\u00f6rg Reinemer, Polizeisprecher des Polizeipr\u00e4sidiums Wetterau \u00fcber den 24-J\u00e4hrigen. W. organisiert Ausflugsfahrten, Flatrate- und Kammerpartys.<\/p>\n<p>Am Wochenende werde bei ihm mit viel Whisky gefeiert. \u201eIm Normalfall haben wir ein paar Stripperinnen und anderen Krempel dabei oder bestellen ein paar Nutten, die Live-Sex-Shows machen. Da gehen schon mal 60 Jacky-Flaschen weg\u201c, erz\u00e4hlt W. Gefeiert wird in der Partyscheune oder auf dem Hof. Die G\u00e4ste auf den Fotos, die sich \u00fcber Seiten des sozialen Netzwerks \u201eWer kennt wen\u201c anmelden und aus dem Raum Friedberg stammen, sind nicht \u00e4lter als Anfang bis Mitte 20.<\/p>\n<p>\u201eBrausebad\u201c steht in dicken Lettern an der neuen, silbernen Eingangst\u00fcr zum kleinen Diskoraum mit einer Bar und einer Gogo-Stange in der Ecke. Von der Decke h\u00e4ngen vier blanke Duschk\u00f6pfe, aus denen wei\u00dfer Partynebel austritt. Bei W.\u2019s ber\u00fcchtigten \u201eKammerparties\u201c soll damit laut Anti-Nazi-Koordination Frankfurt der Gaskammern des Dritten Reiches gedacht werden. Die \u201eVergasung\u201c als Partygag.<\/p>\n<p>\u201eWir h\u00e4tten das so hingeschrieben, wenn es so w\u00e4re\u201c, sagt der 24-J\u00e4hrige ausweichend. F\u00fcr was denn der Name \u201eBrausebad\u201c an der T\u00fcr stehe? W.: \u201eEs war nicht meine Idee. Irgendwann stand der Name an der T\u00fcr.\u201c Beim Herausgehen f\u00e4llt der Blick auf ein Warnschild in altdeutscher Schrift an der T\u00fcr. Darauf steht: \u201eRauchverbot wird im Notfall auch mit der Axt durchgesetzt. Bei Widerstand gegen die Deutsche Wehrmacht auch mit Schusswaffen und anschlie\u00dfend zu den anderen in die Scheune geh\u00e4ngt.\u201c<\/p>\n<p><strong>Heirat, Haus, Hunde \u2013 und arbeiten bis h\u00f6chstens 45<\/strong><\/p>\n<p>\u00dcberraschungsmomente wie diesen nimmt W. l\u00e4ssig und grinst. Einen Kommentar dazu gibt er nicht. Der 24-J\u00e4hrige glaubt zu wissen, wo es lang geht und wie. Es ist seine Mischung aus gro\u00dfer Bruder, Sozialarbeiter und Feierw\u00fctigem, der keine Grenzen kennt, die junge Menschen anzieht. \u201eEs war cool, ihn zu kennen\u201c, sagt Eva Neumann (Name ge\u00e4ndert), die W. noch aus seinen fr\u00fcheren Zeiten in W\u00f6lfersheim kennt.<\/p>\n<p>Es sei ein gutes Gef\u00fchl gewesen, sagen zu k\u00f6nnen, dass man den Schlitzer kenne, \u201eweil man wusste, wenn was ist, kennt man ihn ja.\u201c Mit seinem Spitznamen Schlitzer br\u00fcste W. sich damit, als Jugendlicher einen Migranten mit dem Messer niedergestochen zu haben. Seine Spr\u00fcche \u00fcber Schl\u00e4gereien und Ausl\u00e4nder waren der 19-J\u00e4hrigen damals egal. \u201eMan hat seine eigenen Probleme und denkt, warum soll ich mich irgendwo reinh\u00e4ngen, womit ich prinzipiell nichts zu tun habe. Zudem sind die Leute hier in der Ecke sowieso eher rechts eingestellt.\u201c<\/p>\n<p>W. ist auf seine Werte sichtlich stolz: \u201eIch bin f\u00fcr viele hier ein Idol, f\u00fcr meine Jungs immer zu erreichen und versuche, etwas aus ihnen zu machen.\u201c In seinen Augen braucht es jemanden wie ihn, der ihnen Halt gebe. \u201eIch zeige den Kiddies, was man aus Arbeit machen kann und wie man seinen Lebenstraum verwirklicht.\u201c Dazu z\u00e4hlten heiraten, ein eigenes Haus, ein paar Hunde und das Ziel, mit 45 Jahren mit dem Arbeiten aufzuh\u00f6ren. Wichtig dabei sei der Spa\u00df: \u201eUnd der f\u00e4ngt bei uns freitags an.\u201c<\/p>\n<div><span style=\"text-decoration: underline;\"><strong>Der Fall Echzell<\/strong><\/span><\/div>\n<p><strong>Seine rassistische Gesinnung<\/strong> verfolgt W.  mit Gesch\u00e4ftssinn und betreibt in Echzell unter anderem einen  Tat\u00f6wierladen namens \u201eOld Brothers\u201c und eine Securityfirma. Seine  Aktivit\u00e4ten verlegte er 2008 nach Echzell, nachdem sich seine  Heimatgemeinde W\u00f6lfersheim erfolgreich gegen ihn gewehrt hatte. Dort  hatte er zuvor seinen T\u00e4towierladen betrieben und via Internet T-Shirts  mit rassistischen Aufdrucken verkauft.<\/p>\n<p><strong>Lautstarke Feiern,<\/strong> P\u00f6beleien und Schl\u00e4gereien in Echzell: Die ersten unsanften Erfahrungen  mit dem neuen Nachbarn machte ein Anwohner Ende vorigen Jahres, als er  sich beschwerte, dass an einem Samstagmorgen rechtsextreme Parolen auf  der Stra\u00dfe gegr\u00f6lt wurden. Daraufhin wurde er zusammengeschlagen.<\/p>\n<p><strong>Gegen das Treiben<\/strong> der Neonazis formierte sich vor einem halben Jahr die \u201eB\u00fcrgerinitiative  Gr\u00e4tsche gegen Rechtsau\u00dfen\u201c. Ende August feierte sie mit der  Sportjugend Hessen und 900 G\u00e4sten das Festival \u201eGemeinsam gegen  Rechtsau\u00dfen\u201c auf dem Sportplatz von Echzell. Unter den G\u00e4sten waren auch  Thorsten Sch\u00e4fer-G\u00fcmbel (SPD), Tarek Al-Wazir (Gr\u00fcne) und Hermann  Schaus (Linke).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwischen r\u00f6mischen Zeichen und Wikingersymbolen hat Patrick W. auf dem Oberarm eine \u201e88\u201c t\u00e4towiert. Im braunen Zahlencode steht das f\u00fcr \u201eHeil Hitler\u201c. In seinem Nacken blitzt ein \u201eC18\u201c hervor. 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