{"id":5180,"date":"2010-12-24T09:05:51","date_gmt":"2010-12-24T08:05:51","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/?p=5180"},"modified":"2017-07-08T16:39:47","modified_gmt":"2017-07-08T14:39:47","slug":"ein-kiez-wehrt-sich-erfolgreich-gegen-die-naziszene","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2010\/12\/24\/ein-kiez-wehrt-sich-erfolgreich-gegen-die-naziszene_5180","title":{"rendered":"Ein Kiez wehrt sich erfolgreich gegen die Naziszene"},"content":{"rendered":"<p>Bunte Graffitibilder statt Naziparolen, Toleranz statt rassistischer Hetze. Nach vier Jahren \u201eAktionsplan Lichtenberg-Mitte\u201c zog die Bezirksb\u00fcrgermeisterin des Berliner Bezirks, Christina Emmrich (Linke), eine positive Bilanz. Gemeinsam mit Anwohnern, Gewerbetreibenden, Polizisten, Sch\u00fclern und Initiativen habe man sich erfolgreich \u201egegen Nazis und deren Sympathisanten\u201c gewehrt. Die jahrelange rechte Hegemonie im Bezirk scheint endlich gebrochen.<!--more--><\/p>\n<p>\u201eEs hat sich einiges verbessert\u201c, best\u00e4tigt Sabine Kritter von der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus. \u201eAber leider gibt es noch keinen Grund zur Entwarnung.\u201c Auch wenn die Zahl rechter Gewalttaten im Bezirk zur\u00fcckgegangen sei, wohnten weiterhin einige der aktivsten Berliner Neonazis im Weitlingkiez.<\/p>\n<p>Deutlich sensibler seien aber die B\u00fcrger geworden. \u201eInzwischen entfernen auch ganz normale Anwohner Naziplakate und Aufkleber.\u201c Der Aktionsplan der B\u00fcrgermeisterin habe zum Umdenken gef\u00fchrt und vorhandenen Initiativen gegen rechts den R\u00fccken gest\u00e4rkt. \u201eLichtenberg ist ein gutes Beispiel f\u00fcr das Zusammenspiel von Zivilgesellschaft und Politik im Kampf gegen rechts\u201c, sagt Kritter. Mit 440 000 Euro f\u00f6rderte das Bundesfamilienministerium den Aktionsplan. Mehr als 120 Projekte wurden seit 2007 mit den Geldern finanziert. \u201eDie Chancen stehen gut, dass wir f\u00fcr weitere drei Jahre F\u00f6rdergelder erhalten\u201c, sagt der Leiter des Aktionsplans, Andreas W\u00e4chter.<\/p>\n<p>Das auff\u00e4lligste Projekt des Aktionsplans ist t\u00e4glich f\u00fcr alle Lichtenberger sichtbar: Direkt an der Br\u00fccke am Bahnhof strahlt ein meterhohes Wandbild mit Comicfiguren und dem Schriftzug \u201eLichtenberg\u201c den Fu\u00dfg\u00e4ngern entgegen. \u201eFr\u00fcher waren hier regelm\u00e4\u00dfig rechte Schmierereien\u201c, sagt W\u00e4chter. 2007 wurde erstmals von Sch\u00fclern ein Graffito an die umk\u00e4mpfte Br\u00fccke gemalt. Immer wieder wurde es von Neonazis zerst\u00f6rt. Doch die Jugendlichen lie\u00dfen sich nicht einsch\u00fcchtern \u2013 und malten es wieder neu. Bis die Rechten irgendwann aufgaben.<\/p>\n<p>Seit den 90er Jahren galt Lichtenberg als die Hochburg der Neonaziszene. Kurz nach der Wende besetzten Neonazis im Bezirk ein leer stehendes Haus. Als Entgegenkommen lie\u00df die Wohnungsbaugesellschaft die Rechten mietfrei das Haus Weitlingstra\u00dfe 122 beziehen. Von hier aus plante die militante Szene ihre regelm\u00e4\u00dfigen Angriffe auf Asylbewerberheime und Hausbesetzer in Friedrichshain. Bei einer Razzia im April 1990 fand die Polizei in den Wohnungen ein Waffenarsenal und kistenweise rechte Propaganda. Drei Monate sp\u00e4ter demonstrierten mehrere tausend Menschen gegen den mittlerweile deutschlandweit bekannten Neonazitreffpunkt. Im selben Jahr wurde das Haus ger\u00e4umt. Der Mythos Weitlingstra\u00dfe war geboren. Auch in den Folgejahren zogen viele junge Neonazis nach Lichtenberg.<\/p>\n<p>\u201eRechtsextremismus war eines der ersten Probleme, vor die ich gestellt wurde, als ich 2002 zur B\u00fcrgermeisterin gew\u00e4hlt wurde\u201c, erinnert sich Christina Emmrich. Als der Afrika-Rat 2006 vor \u201eNo-go-Areas\u201c f\u00fcr Ausl\u00e4nder im Osten Deutschlands warnte, stand Lichtenberg ganz oben auf der Liste. Kurz darauf wurde der kurdischst\u00e4mmige Politiker Giyasettin Sayan (Linke) von Rechten rassistisch beschimpft und auf der Stra\u00dfe verpr\u00fcgelt. Laternen und M\u00fclleimer waren mit NPD-Aufklebern gepflastert.<\/p>\n<p>Als ein Fernsehteam einen Bericht \u00fcber zunehmende Angriffe auf D\u00f6nerl\u00e4den drehen wollte, erschienen nach kurzer Zeit Dutzende bekannter Neonazis und attackierten die Journalisten vor laufender Kamera. Sie mussten in den Imbiss fl\u00fcchten. T-Shirts mit der Aufschrift \u201eNo Go Area Weitlingstra\u00dfe\u201c, fanden rei\u00dfenden Absatz in der Szene. Antifagruppen starteten schlie\u00dflich 2006 eine gro\u00dfe Kampagne unter dem Motto \u201eHol dir den Kiez zur\u00fcck\u201c.<\/p>\n<p>Tausende Menschen kamen zu Demonstrationen und einem Rockkonzert mitten im R\u00fcckzugsraum der Rechten. Gleichzeitig startete der aus Bundesmitteln gef\u00f6rderte Aktionsplan des Bezirks. Damals glaubten nur wenige, dass es dauerhaft gelingen w\u00fcrde, die Nazistrukturen in der Gegend lahmzulegen \u2013 zu Unrecht, wie sich heute zeigt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bunte Graffitibilder statt Naziparolen, Toleranz statt rassistischer Hetze. Nach vier Jahren \u201eAktionsplan Lichtenberg-Mitte\u201c zog die Bezirksb\u00fcrgermeisterin des Berliner Bezirks, Christina Emmrich (Linke), eine positive Bilanz. Gemeinsam mit Anwohnern, Gewerbetreibenden, Polizisten, Sch\u00fclern und Initiativen habe man sich erfolgreich \u201egegen Nazis und deren Sympathisanten\u201c gewehrt. 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