{"id":520,"date":"2008-10-31T09:40:37","date_gmt":"2008-10-31T08:40:37","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/?p=520"},"modified":"2008-10-31T09:40:37","modified_gmt":"2008-10-31T08:40:37","slug":"ernst-nolte-i-der-faschismus-als-epochenphanomen-und-der-%e2%80%9ekausale-nexus%e2%80%9c","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2008\/10\/31\/ernst-nolte-i-der-faschismus-als-epochenphanomen-und-der-%e2%80%9ekausale-nexus%e2%80%9c_520","title":{"rendered":"Ernst Nolte I: Der Faschismus als Epochenph\u00e4nomen und der \u201ekausale Nexus\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Als Prof. Ernst Nolte im Jahr 1963 sein Hauptwerk \u201eDer Faschismus in seiner Epoche\u201c ver\u00f6ffentlichte, ahnte wohl niemand, dass er knapp zwei Jahrzehnte sp\u00e4ter als \u201erevisionistischer Historiker\u201c verfemt werden w\u00fcrde. \u00dcberraschend erscheint dies nicht nur, weil die Kernfrage des Historikerstreits des Jahres 1986 lediglich eine Weiterentwicklung von Noltes Grundthese darstellt, sondern ausgerechnet die politische Linke seinen Thesen anf\u00e4nglich wohlwollend gegen\u00fcber stand. <!--more--><\/p>\n<p>Nolte, geboren im Jahr 1923 in Witten an der Ruhr, studierte zun\u00e4chst Philosophie, Germanistik und Gr\u00e4zistik. Im Jahr 1952 promovierte er ausgerechnet mit einer Arbeit \u00fcber den Begriff der Entfremdung im deutschen Idealismus und bei Karl Marx. Im Jahr 1963 schlie\u00dflich ver\u00f6ffentlichte er nach historischen Studien das umfangreiche Werk \u201eDer Faschismus in seiner Epoche\u201c, das im Jahr 1964 au\u00dferdem als Habilitationsschrift angenommen wurde. Die Wirkung dieses Buches war so au\u00dferordentlich gro\u00df, dass Nolte bereits im Jahr 1965 in Marburg zum ordentlichen Professor f\u00fcr Neuere Geschichte ernannt wurde. Innerhalb der Geschichtswissenschaft wurde der Sch\u00fcler Martin Heideggers und autodidaktische Historiker Nolte dabei seinen Ruf, eigentlich ein Philosoph zu sein, bis heute nicht los. Dabei machte er nie ein Geheimnis daraus, dass ihn eine \u201einnere Grenze\u201c von Heidegger trenne und er die \u201esehr subtilen und auch r\u00e4tselhaften Seiten der Heideggerschen Philosophie\u201c bis heute kaum zu verstehen vermag. Vielleicht auch deshalb wird umgekehrt der \u201ePhilosoph\u201c Nolte innerhalb der Philosophie kaum zur Kenntnis genommen.<\/p>\n<p>Noltes Faschismustheorie stie\u00df in der politischen Linken der Bundesrepublik allein schon deshalb auf Wohlwollen, weil sie einen Gegenpol zur Totalitarismusdoktrin des b\u00fcrgerlichen Lagers darstellte: W\u00e4hrend letzteres u.a. mit Hannah Arendt Sowjetkommunismus und Nationalsozialismus gleicherma\u00dfen als totalitaristische Ausw\u00fcchse verurteilte, stellte die <a href=\"http:\/\/www.endstation-rechts.de\/index.php?option=com_content&amp;view=article&amp;id=2274\">kommunistische Faschismuskonzeption<\/a> den Kampf gegen den Faschismus als einer inneren \u201eNotwendigkeit\u201c des Kapitalismus in den Vordergrund. So bezieht sich bspw. der der Kritischen Theorie verpflichtete H.C.F. Mansilla in seinem Werk \u201eFaschismus und eindimensionale Gesellschaft\u201c noch im Jahr 1973 \u00fcberaus positiv auf Nolte, wenn er hervorhebt, dass dieser in seinem Hauptwerk sehr richtig darauf hingewiesen h\u00e4tte, dass \u201edie Angst als die Grundempfindung Hitlers\u201c angesehen werden m\u00fcsste, die ihn zu den \u00fcberaus brutalen Vernichtungsprogrammen gegen\u00fcber den Juden veranlasst h\u00e4tte. Den italienischen Faschismus und den deutschen Nationalsozialismus dabei gleicherma\u00dfen unter den Begriff \u201eFaschismus\u201c zu subsumieren, begr\u00fcndete Nolte im Rahmen seines ideologiegeschichtlich ausgerichteten Ansatzes u.a. damit, dass nach seiner Ansicht der <a href=\"http:\/\/www.endstation-rechts.de\/index.php?option=com_content&amp;view=article&amp;id=2244\">Antisemitismus als \u201epotentielle Existenz\u201c in \u201ekeinem Faschismus\u201c gefehlt<\/a> h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Mansilla hob in der Tat eine der beiden wesentlichen Thesen Noltes hervor. Denn dieser behauptete in \u201eDer Faschismus in seiner Epoche\u201c erstens, dass der Faschismus ein epochales, also keinesfalls auf Deutschland oder Italien begrenztes Ph\u00e4nomen gewesen sei. Lediglich in den beiden genannten Staaten habe er es jedoch zu einer \u201eechte(n) Volksbewegung\u201c mit einem \u201eF\u00fchrer an der Spitze des Staates\u201c gebracht. Nolte definierte den Faschismus jedoch zweitens mit der Formel \u201eFaschismus ist Antimarxismus\u201c als eine Reaktion und damit Gegenbewegung zum Bolschewismus. Bereits im Jahre 1963 behauptete er also nicht weniger, als dass es \u201eohne Marxismus keinen Faschismus\u201c gegeben h\u00e4tte. Oder anders formuliert: Ohne Oktoberrevolution im Jahre 1917, ohne Terrorherrschaft der Bolschewiki unter Lenin und Stalin kein angsterf\u00fcllter Adolf Hitler, kein Auschwitz und kein Zweiter Weltkrieg. Nolte wollte damit, wie er auch im Jahr 1996 in einem Brief an den franz\u00f6sischen Kommunismusforscher Fran\u00e7ois Furet bekr\u00e4ftigte, die Totalitarismustheorie keinesfalls \u00fcberwinden, sondern in eine \u201ehistorisch-genetische Version\u201c verwandeln, die nicht nur strukturelle \u00dcbereinstimmungen zwischen Sowjetkommunismus und Nationalsozialismus untersucht, sondern sie vor allem in ein historisches Bedingungsverh\u00e4ltnis zueinander setzt und so einen bestehenden \u201ekausalen Nexus\u201c zwischen beiden betont.<\/p>\n<p>Nolte sah dabei ganz richtig, dass diese Konstruktion eine erhebliche N\u00e4he zum Denken seiner sp\u00e4teren scharfen Kritiker auf Seiten der politischen Linken aufwies. Und dies betraf bemerkenswerter Weise sowohl den Anspruch eines epochalen Ansatzes wie die These, dass der Nationalsozialismus sein Selbstverst\u00e4ndnis im Wesentlichen aus seinem <a href=\"http:\/\/www.endstation-rechts.de\/index.php?option=com_content&amp;view=article&amp;id=2274\">Anti-Bolschewismus<\/a> zog. Denn es war ja ebenfalls die These der (kommunistischen wie postkommunistischen) Linken, dass der Faschismus als (notwendiges) Produkt des Kapitalismus schlechthin zu verstehen sei und keinesfalls auf Deutschland und Italien begrenzt werden k\u00f6nne. Und es war f\u00fcr sie ebenfalls eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit, dass sich die Nazis in erster Linie gegen den Bolschewismus richteten. So erkl\u00e4rte bspw. im Jahr 1935 Wilhelm Pieck auf dem VII. Kongress der Kommunistischen Internationale klar und deutlich mit Blick auf die in Deutschland stattfindende Aufr\u00fcstung: \u201eDiese Vorbereitung des Krieges ist (&#8230;) in erster Linie auf die Vernichtung der Sowjetunion als Herd, Basis und Bollwerk der proletarischen Revolution gerichtet. (&#8230;) Sie propagieren den \u201aMythos des Blutes und der Ehre\u2019, die \u201aRassentheorie\u2019, diese Theorie des kriegsl\u00fcsternen deutschen Imperialismus. Sie predigen den Kreuzzug gegen die Sowjetunion und zur Ausrottung des Marxismus in der ganzen Welt.\u201c<\/p>\n<p>Um so bemerkenswerter erscheinen vor diesem Hintergrund die Ereignisse des Jahres 1986. Nolte stand kurz vor der Ver\u00f6ffentlichung eines neuen gro\u00dfen Buches unter dem Titel \u201eDer europ\u00e4ische B\u00fcrgerkrieg 1917-1945\u201c. In diesem entwickelte er, verk\u00fcrzt gesagt, die These, dass im 20. Jahrhundert zwischen Bolschewismus und Nationalsozialismus ein zweiter 30-j\u00e4hriger Krieg stattgefunden habe. Dabei wiederholte er die These vom \u201ekausalen Nexus\u201c und ver\u00f6ffentlichte am 6. Juni 1986 in der FAZ mit dem Artikel \u201eVergangenheit, die nicht vergehen will\u201c eine Kurzfassung seines neuesten Werkes. Die am meisten zitierten Zeilen dieses Textes waren dabei die S\u00e4tze: \u201eVollbrachten die Nationalsozialisten, vollbrachte Hitler eine \u201aasiatische\u2019 Tat vielleicht nur deshalb, weil sie sich und ihresgleichen als potentielle oder wirkliche Opfer einer \u201aasiatischen\u2019 Tat betrachteten? War nicht der \u201aArchipel GULag\u2019 urspr\u00fcnglicher als Auschwitz?\u201c<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2008\/11\/03\/ernst-nolte-ii-der-streit-um-den-historikerstreit_525\">Fortsetzung folgt<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.endstation-rechts.de\/index.php?option=com_content&amp;view=article&amp;id=2279\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.endstation-rechts.de\/er-logo.gif\" border=\"0\" alt=\"ER\" hspace=\"10\" vspace=\"5\" width=\"50\" align=\"left\" \/><\/a><br \/>\nweitere Informationen: <a href=\"http:\/\/www.endstation-rechts.de\/index.php?option=com_content&amp;view=article&amp;id=2279\">http:\/\/www.endstation-rechts.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als Prof. Ernst Nolte im Jahr 1963 sein Hauptwerk \u201eDer Faschismus in seiner Epoche\u201c ver\u00f6ffentlichte, ahnte wohl niemand, dass er knapp zwei Jahrzehnte sp\u00e4ter als \u201erevisionistischer Historiker\u201c verfemt werden w\u00fcrde. \u00dcberraschend erscheint dies nicht nur, weil die Kernfrage des Historikerstreits des Jahres 1986 lediglich eine Weiterentwicklung von Noltes Grundthese darstellt, sondern ausgerechnet die politische Linke [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":239,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[1515],"tags":[1558],"class_list":["post-520","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bundesweit","tag-faschismus"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v21.0 - 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