{"id":5440,"date":"2011-02-01T15:43:35","date_gmt":"2011-02-01T14:43:35","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/?p=5440"},"modified":"2011-02-01T15:45:07","modified_gmt":"2011-02-01T14:45:07","slug":"rechtsextremismus-als-unsoziale-bewegung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2011\/02\/01\/rechtsextremismus-als-unsoziale-bewegung_5440","title":{"rendered":"Rechtsextremismus als (un)soziale Bewegung"},"content":{"rendered":"<div>\n<p><figure id=\"attachment_5338\" aria-describedby=\"caption-attachment-5338\" style=\"width: 540px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2011\/01\/npd1-540.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-5338\" title=\"npd1-540\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2011\/01\/npd1-540.jpg\" alt=\"\" width=\"540\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2011\/01\/npd1-540.jpg 540w, https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2011\/01\/npd1-540-300x111.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-5338\" class=\"wp-caption-text\">Immer nur marschieren wird auch irgendwann langweilig \u00a9 Getty<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Das Ph\u00e4nomen des  Rechtsextremismus unterlag in den vergangenen Jahrzehnten eklatanten  Wandlungen, wenn auch starke ideologische, organisatorische und  personelle Kontinuit\u00e4tslinien erkennbar sind. Aufgrund dieser hohen \u2013  vor allem ideologischen \u2013 Heterogenit\u00e4t des Spektrums gibt es zahlreiche  Zusammenh\u00e4nge und netzwerkartige Strukturen, die sich nicht erkl\u00e4ren  lassen, wenn eine Analyse nur Teilaspekte herausgreift.<!--more--><\/p>\n<p><em>Von Elisabeth Kraul und Benjamin Mayer, <a href=\"http:\/\/www.demokratie-goettingen.de\/\" target=\"_blank\">G\u00f6ttinger Institut f\u00fcr Demokratieforschung<\/a><\/em><\/p>\n<p>Bei der Betrachtung eines  gesellschaftlichen Ph\u00e4nomens stellt sich immer auch die Frage, welche  sozialwissenschaftlichen Instrumentarien zur Analyse herangezogen werden  k\u00f6nnen. Dies darf nicht als ein starres Verh\u00e4ltnis betrachtet werden,  da sich Ph\u00e4nomene im Laufe der Zeit \u00e4ndern und sich damit auch die  Analysewerkzeuge \u00e4ndern m\u00fcssen.<\/p>\n<p>F\u00fchrten extrem rechte Organisationen in  den 1950er Jahren vor allem noch die ideologischen und personellen  Linien der Weimarer Rechten und der NSDAP fort, waren die 1960er Jahre  vor allem durch den \u00fcberraschenden Aufstieg der NPD gekennzeichnet,  welcher die Partei bis Ende des Jahrzehntes in sieben Landesparlamente  katapultieren sollte. Doch bereits mit der erfolglosen Bundestagswahl  1969 begann der Abstieg der NPD in die v\u00f6llige Bedeutungslosigkeit,  welche durch Abspaltungen und Austritte begleitet wurde. In den 1970er  und 1980er Jahren entstanden \u2013 nicht zuletzt auch wegen eines  Generationenwechsels \u2013 neben der NPD zahlreiche andere extrem rechte  Aktivit\u00e4ten. Ein gro\u00dfer Einschnitt war auch f\u00fcr die extreme Rechte in  Deutschland die deutsche Einheit 1989\/90.<\/p>\n<p><strong>Die Wurzeln des aktuellen Zustands <\/strong><\/p>\n<p>War die offizielle Position der  DDR-Regierung lange Zeit, dass es in diesem Land keine faschistischen  Aktivit\u00e4ten g\u00e4be, zeigte der \u00dcberfall auf die Zionskirche im Oktober  1987 in Berlin durch neonazistische, zumeist jugendliche Skinheads ein  anderes Bild. Da dieser auch von Skinheads aus Westberlin mit  organisiert und durchgef\u00fchrt und somit in der Lesart der DDR-Medien  offiziell \u201eals ein Ergebnis der Indoktrination dieses \u201afeindlichen  Auslands\u2018\u201c, wie Raabe und Dornbusch schreiben, dargestellt wurde,  \u00e4nderte sich an der Sichtweise des Regimes wenig. Nach den Ereignissen  1987 und darauf folgendem politischen Druck auf die Skinhead-Szene der  DDR reisten einige Aktivisten in die BRD aus oder fl\u00fcchteten. Der  Mehrzahl gelang es jedoch, die Skinhead-Szene zu verlassen und sich  wieder in die DDR-Gesellschaft zu integrieren, allerdings ohne sich von  ihren rechtsextremen Einstellungen abzuwenden. Personen, welche es  geschafft hatten, in die BRD zu gelangen, schlossen sich schnell den  dortigen rechtsextremen Organisationen an und dienten diesen h\u00e4ufig  daf\u00fcr, Kontakte in die DDR aufrechtzuerhalten und nach der  Wiedervereinigung 1989\/90 den Aufbau rechtsextremer Strukturen in den  neuen Bundesl\u00e4ndern voranzutreiben. So entstand nach 1990 eine Mischung  aus routinierten Westkadern und ostdeutschen Jugendlichen.<\/p>\n<div id=\"attachment_10739\"><a href=\"http:\/\/npd-blog.info\/wp-content\/uploads\/2010\/04\/8.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"Voigt und Wulff\" src=\"http:\/\/npd-blog.info\/wp-content\/uploads\/2010\/04\/8-300x199.jpg\" alt=\"Beide wegen Volksverhetzung verurteilt: NPD-Chef Voigt, Vorstandsmitglied Wulff\" width=\"240\" height=\"159\" \/><\/a>Beide wegen Volksverhetzung verurteilt: NPD-Chef Voigt, Vorstandsmitglied Wulff<\/p>\n<\/div>\n<p>Diese Entwicklung ging auch an der NPD  nicht spurlos vorbei. Sp\u00e4testens mit dem F\u00fchrungswechsel Mitte der  1990er Jahre war auch ein Wandel in der Strategie der Partei zu  erkennen. Durch Udo Voigt, den seit 1996 amtierenden Parteivorsitzenden,  wurden die Unvereinbarkeitsbeschl\u00fcsse zur Zusammenarbeit mit  neonazistischen Organisationen aufgehoben. Der neonazistische  F\u00fchrungskader Christian Worch verwies 2009 darauf, dass der Vorl\u00e4ufer  der 2004 begr\u00fcndeten \u201eVolksfront von Rechts\u201c, also der Zusammenarbeit  zwischen NPD und parteifreien Kr\u00e4ften, bereits hier in informeller Art  zu verorten sei:<\/p>\n<p><em>\u201eDas erste \u201ainformelle B\u00fcndnis\u2019  entstand, als Udo Voigt die Unvereinbarkeitsbeschl\u00fcsse der NPD gegen\u00fcber  radikaleren Kr\u00e4ften aufheben lie\u00df und die NPD zugleich f\u00fcr diese  radikaleren Kr\u00e4fte \u00f6ffnete. Von der \u00d6ffnung der Partei machten damals  nur wenige Gebrauch, von dem stillschweigenden und informellen  B\u00fcndnisangebot aber nahezu alle parteifreien Aktivisten.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Diese Entwicklung zeigte sich deutlich,  als 1997 an einer Demonstration der NPD gegen die Wehrmachtsausstellung  mehr als 4.000 Menschen teilnahmen. Noch in den 1970er und 1980er Jahren  brachten die neonazistischen Demonstrationen kaum mehr als 100 Personen  auf die Stra\u00dfe. Die Ver\u00e4nderung war also mehr als deutlich zu sehen.<\/p>\n<blockquote><p>Hintergrund: <a rel=\"bookmark\" href=\"http:\/\/npd-blog.info\/2009\/11\/24\/die-geschichte-der-npd\/\">Von der Altherren-Partei zur aktionistischen Dachorganisation: Die Geschichte der NPD<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>2004 kam es dann zum Eintritt drei  f\u00fchrender Figuren aus dem Spektrum der Freien Kameradschaften in die  NPD: Thomas Wulff, Thorsten Heise und Ralph Tegethoff. Nachdem es eine  Erkl\u00e4rung des Parteipr\u00e4sidiums der NPD gab, entschieden sich auch die  Neonazikader daf\u00fcr, in die Partei einzutreten. In der Erkl\u00e4rung des  Parteipr\u00e4sidiums hei\u00dft es:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eEntscheidender Fehler in der  Konstruktion der nationalen Nachkriegsbewegung war der Umstand, da\u00df sich  nationale Parteien zu stark am Parlamentarismus orientiert und die  au\u00dferparlamentarische Opposition vernachl\u00e4ssigt haben. Der Versuch,  parallel zur parlamentarischen Fundamentalopposition eine  partei\u00fcbergreifende, unabh\u00e4ngige Oppositionsbewegung zu schaffen, wurde  von vielen nationalen Politikern nicht ernsthaft in Betracht gezogen.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Wulff, Heise und Tegethoff reagierten mit einer eigenen Erkl\u00e4rung, in der sie ihren Beitritt begr\u00fcndeten:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eEs war der Wille zu sp\u00fcren, die einmal  gemachten Fehler nicht zu wiederholen und sich als Partei deutlich in  das Gesamtgef\u00fcge einer Bewegung des Widerstandes einzuf\u00fcgen. Auf dieser  Grundlage konnten wir einen Neubeginn in der Zusammenarbeit mit der  Partei glaubw\u00fcrdig auch gegen\u00fcber vielen freien Nationalisten vertreten.  Diese Zusammenarbeit f\u00fchrte letztendlich zu einem neuen Vertrauen  ineinander und Verst\u00e4ndnis f\u00fcreinander.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Auch wenn sich die Neonazi-Szene selbst  schon immer als Bewegung begriff, zeigt die Entwicklung in den 1990er  Jahren, dass es gen\u00fcgend Anhaltspunkte gibt, Rechtsextremismus als  soziale Bewegung zu verstehen.<\/p>\n<blockquote><p>Hintergrund: <a href=\"http:\/\/npd-blog.info\/2009\/07\/14\/angriff-von-rechts-interview-mit-christian-worch\/\" target=\"_blank\">Interview mit Christian Worch<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Rechtsextremismus als soziale Bewegung<\/strong><\/p>\n<p>Eine soziale Bewegung ist nach dem  Bewegungsforscher Dieter Rucht ein auf eine gewisse Dauer angelegtes  Handlungssystem mobilisierter Netzwerke von Gruppen und Organisationen,  welche einen grundlegenden sozialen Wandel herbeif\u00fchren, verhindern oder  r\u00fcckg\u00e4ngig machen wollen. Sozialer Wandel meint dabei eine grundlegende  Ver\u00e4nderung der Gesellschaftsordnung. Eine einzelne Partei ist keine  Bewegung, kann aber sehr wohl Teil einer solchen sein. Deshalb gibt es  auch kein allgemein anerkanntes Programm. Allerdings gibt es eine  gemeinsame Identit\u00e4t und Interaktions- und Funktionszusammenh\u00e4nge  zwischen den einzelnen Gruppen. Es gibt eine Art \u201eWir-Gef\u00fchl\u201c zwischen  den Beteiligten, welches sich nicht zuletzt durch Symbole und Zeichen  ausdr\u00fcckt. Um ihrem Protest Ausdruck zu verleihen nutzen soziale  Bewegungen Protestformen, welche sich von der Unterschriftensammlung bis  zur Gewaltanwendung erstrecken k\u00f6nnen.<\/p>\n<blockquote><p>Hintergrund: <a rel=\"bookmark\" href=\"http:\/\/npd-blog.info\/2010\/05\/21\/ideologie-npd-200\/\">NPD-Ideologie: Alte Rechte mit etwas Neuer Rechten<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Die rechtsextreme Szene in Deutschland  besteht aus einer kaum \u00fcberschaubaren Vielzahl von Organisationen,  Vereinen und einzelnen Personen, die durch netzwerkartige, nicht  hierarchische Strukturen miteinander verbunden sind. Dies k\u00f6nnen neben  Organisationen regelm\u00e4\u00dfige Veranstaltungen, gemeinsame  Publikationsprojekte oder auch pers\u00f6nliche Freundschaften sein.<\/p>\n<div id=\"attachment_2948\"><a href=\"http:\/\/npd-blog.info\/wp-content\/uploads\/2009\/03\/jn_mp2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"jn_mp2\" src=\"http:\/\/npd-blog.info\/wp-content\/uploads\/2009\/03\/jn_mp2-300x200.jpg\" alt=\"V\u00f6lkische Revolution - gegen das System. Der gemeinsame kleinste ideologische Nenner.\" width=\"300\" height=\"200\" \/><\/a>V\u00f6lkische Revolution &#8211; gegen das System. Der gemeinsame kleinste ideologische Nenner.<\/p>\n<\/div>\n<p>Dass die extreme Rechte die  parlamentarische Demokratie ablehnt, also eine andere  Gesellschaftsordnung anstrebt, d\u00fcrfte kaum in Frage stehen. Auf  Demonstrationen sind Transparente zu sehen und Parolen zu h\u00f6ren, die  dies eindeutig zeigen: \u201eGemeinsam k\u00e4mpfen \u2013 Gegen System und Kapital\u201c  oder \u201eIm Krieg gegen ein Schei\u00df-System\u201c. Auch die NPD hat mit ihrem  Konzept der Fundamentalopposition gegen die Freiheitlich demokratische  Grundordnung eine derartige Ausrichtung. So beschrieb Udo Voigt die  Rolle der NPD Ende der 1990er Jahre wie folgt: \u201eDie NPD ist nicht eine  Partei neben den Bonner Parteien, sondern gegen sie!\u201c Dass es in der  rechtsextremen Szene teilweise konfuse unterschiedlichste Weltbilder  sowohl bei Anh\u00e4ngern wie auch bei F\u00fchrungskadern gibt, \u00e4ndert nicht,  dass man sich in der Ablehnung des derzeitig existierenden Systems einig  ist.<\/p>\n<p>Dies verweist gleichzeitig auf die  ideologische Dimension einer sozialen Bewegung. Es gibt \u2013 anders als bei  Parteien \u2013 kein allgemeing\u00fcltiges Programm. Vielmehr existiert eine Art  Minimalkonsens, ein ideologischer Rahmen, den man teilt. Dies ist im  Falle der extrem rechten Bewegung ein v\u00f6lkischer Nationalismus. Die  Anh\u00e4nger wissen, dass man gemeinsam f\u00fcr etwas oder besser: gegen etwas  k\u00e4mpft. Dennoch sind soziale Bewegungen, wie auch der Rechtsextremismus  ideologisch heterogene Gebilde und es gibt nicht die eine von allen  vertretene Ideologie, was sich anhand verschiedener Richtungsstreits  gezeigt hat. Insgesamt verstehen sich die Mitglieder der NPD, Neonazis  und rechte Skinheads selbst als Bewegung, was sich nicht zuletzt in der  Selbstbezeichnung \u201eNationaler Widerstand\u201c ausdr\u00fcckt. Obwohl es keine  formalisierte Mitgliedschaft gibt, f\u00fchlen sich die Personen der Bewegung  zugeh\u00f6rig. Bei gemeinsamen Demonstrationen, der bedeutsamsten  Erscheinungsform extrem rechten Protests, wird dies immer wieder  deutlich. Besonders auch, wenn man die Unterst\u00fctzerlisten einzelner  Demonstrationen hinzuzieht, zeigt sich, welch unterschiedliche Gruppen  teilweise dieselbe Veranstaltung unterst\u00fctzen. Und gerade gemeinsame  Demonstrationen f\u00f6rdern das \u201eWir-Gef\u00fchl\u201c.<\/p>\n<blockquote><p><a rel=\"bookmark\" href=\"http:\/\/npd-blog.info\/2010\/04\/27\/kampf-um-die-strasse-100\/\">Bildergalerie &#8211;\u00a0Der \u201cKampf um die Stra\u00dfe\u201d<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Hier steht man zusammen, in einer gro\u00dfen  Gruppe auf der Stra\u00dfe und strahlt somit eine gewisse Macht aus, die auf  Au\u00dfenstehende h\u00e4ufig einsch\u00fcchternd wirkt. Man sieht sich gemeinsam  einem Gegenprotest gegen\u00fcber und muss sich die vermeintlichen Schikanen  der Polizei gefallen lassen. Hinzu kommt ein entwickeltes System von  Zeichen, Symbolen und Kleidungsmarken, welches den inneren Zusammenhang  expliziert \u2013 nicht zuletzt auch, um als alltagskulturelle Gegenbewegung  wahrgenommen zu werden. Diese Entwicklung ist nicht ausschlie\u00dflich, aber  vor allem in den neuen Bundesl\u00e4ndern zu beobachten und hat, wie Martin  Thein feststellt, \u201ein der Jugendszene prim\u00e4r zu einer weitgehenden  Normalisierung des Ph\u00e4nomens Neonazismus\u201c gef\u00fchrt, welche als  Alltagskultur gelebt wird. Insbesondere in l\u00e4ndlichen Regionen der neuen  Bundesl\u00e4nder ist eine subkulturelle Hegemonie dieser Szene zu finden,  welcher sich kaum jemand entgegenstellt.<\/p>\n<p>Auch in der rechtsextremen Bewegung gibt  es keine allgemein anerkannten F\u00fchrungspersonen, aber sehr wohl kann  man eine personelle Struktur erkennen, welche denen sozialer Bewegungen  \u00e4hnlich ist. Hierbei eignet sich zur Analyse ein Modell umeinander  liegender Kreise, welche sich nach au\u00dfen hin vergr\u00f6\u00dfern. Im Kern liegt  eine kleine Gruppe der Bewegungselite, also Personen, die f\u00fcr die  Ideologieproduktion, Organisation und strategische Ausrichtung zust\u00e4ndig  sind. Hierzu kann man sowohl Personen wie Christian Worch und Thomas  Wulff z\u00e4hlen als auch Udo Voigt und Pierre Krebs, den Vorsitzenden des  Thule-Seminars. Im zweiten Kreis befinden sich die Basisaktivisten,  welche regelm\u00e4\u00dfig an Demonstrationen teilnehmen und sich an der  Organisation von Veranstaltungen beteiligen. Dazu k\u00f6nnen beispielsweise  Kreisvorsitzende der NPD oder lokale Kameradschaftsf\u00fchrer geh\u00f6ren. Diese  verf\u00fcgen aber nicht \u00fcber eine herausgehobene Stellung wie die  Bewegungseliten und haben kaum Einfluss auf die strategische Ausrichtung  oder taktische Entscheidungen. Danach l\u00e4sst sich eine Gruppe von  Unterst\u00fctzern erkennen, welche an ausgew\u00e4hlten Veranstaltungen  teilnehmen, aber wesentlich weniger Ressourcen in die Bewegung  investieren. Und im letzten Kreis befinden sich Sympathisanten der  Bewegung, welche aber kaum in Erscheinung treten.<\/p>\n<div id=\"attachment_13374\"><a href=\"http:\/\/npd-blog.info\/wp-content\/uploads\/2010\/08\/Neonazistinnen.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"Neonazistinnen\" src=\"http:\/\/npd-blog.info\/wp-content\/uploads\/2010\/08\/Neonazistinnen-300x203.jpg\" alt=\"Neonazistinnen werden bei der Anreise zum Rechtsrock-Konzert in Eschede kontrolliert. (Foto: monitorex)\" width=\"300\" height=\"203\" \/><\/a>Neonazistinnen werden bei der Anreise zum Rechtsrock-Konzert in Eschede kontrolliert. (Foto: monitorex)<\/p>\n<\/div>\n<p>Besonders die letzten beiden Kreise der  Unterst\u00fctzer und Sympathisanten markieren einen \u00dcbergang in das  subkulturelle Spektrum, welches auch als Einstiegs- und  Rekrutierungsraum der rechtsextremen Bewegung gesehen werden kann.  Hierbei ist vor allem die Rolle der Musik nicht zu untersch\u00e4tzen. Der  \u00dcbergang zwischen Bewegung und subkultureller Szene ist flie\u00dfend. Die  Personengruppen unterscheiden sich vor allem dadurch, dass im  subkulturellen Spektrum die Intention zum grundlegenden sozialen Wandel  fehlt. Man ist zwar Teil der Bewegung, aber ist am \u201eKampf gegen das  System\u201c nur oberfl\u00e4chlich interessiert, vielmehr bewegen sich viele in  der Erlebniswelt des Rechtsextremismus. Ein wesentlicher Unterschied  zwischen dem subkulturellen Umfeld und dem Rest der Bewegung \u2013 vor allem  dem Parteienspektrum \u2013 ist die Haltung gegen\u00fcber der  Gesamtgesellschaft: der subkulturelle Rechtsextremismus wendet sich an  die eigene Szene, hat aber kaum die Intention breite Teile der  Gesellschaft f\u00fcr sich zu \u00f6ffnen. Dahingegen verfolgen beispielsweise die  Parteien die Strategie, ihre Inhalte in die Gesellschaft hinein zu  tragen bzw. einen Einfluss auf die stattfindenden Diskurse auszu\u00fcben.<\/p>\n<p><strong>Das subkulturelle Umfeld des Rechtsextremismus<\/strong><\/p>\n<p>Die Anstiege rechtsextremer Straftaten  zu Beginn der 1990er Jahre f\u00fchrten, nachdem Polizei und Justiz zun\u00e4chst  oft rat- und tatenlos die Ereignisse verfolgten, zu zahlreichen Verboten  rechtsextremer Vereinigungen und zu Prozessen u.a. gegen  Skinhead-Fanzines und RechtsRock-Bands, welche die Szene allerdings nur  kurzzeitig schw\u00e4chten und den Aufw\u00e4rtstrend des RechtsRocks nicht  aufhalten konnten.<\/p>\n<blockquote><p>Hintergrund: <a rel=\"bookmark\" href=\"http:\/\/npd-blog.info\/2009\/03\/31\/ubersicht-der-verbote-gegen-rechtsextreme-vereine-seit-1992\/\">\u00dcbersicht der Verbote gegen rechtsextreme Vereine seit 1992<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Heute finden vor allem Jugendliche den  Zugang zu rechtsextremen und nationalsozialistischen Vorstellungen \u00fcber  die Musik, welche sich seit den 1990er Jahren stark ausdifferenzierte.  Bis zu diesem Zeitpunkt bedienten sich Bands des rechtsextremen  Spektrums vor allem Oi-Punk-, sp\u00e4ter auch Hard-Rock-Musikstilen. Seit  den 1990er Jahren bis heute hat sich allerdings das musikalische  Repertoire der Bands erweitert, so dass unterschiedliche Musikstile wie  Techno, Heavy-Metal, Dark-Wave, Volksmusik oder auch Hardcore mit  rechtsextremen Texten unterf\u00fcttert werden und so eine breitere  Zielgruppe angesprochen werden kann. Diese Ausdifferenzierung der  musikalischen Stile hat auch dazu gef\u00fchrt, dass nicht mehr nur Personen,  welche sich eindeutig zur rechtsextremen bzw. neonazistischen Szene  zuordnen lassen, diese Musik h\u00f6ren. Auch Jugendliche und junge  Erwachsene, welche sich selbst als unpolitisch einstufen bzw. nicht zum  rechtsextremen Spektrum z\u00e4hlen lie\u00dfen, zu Konsumenten dieser Musik  werden und auf diese Weise einen Zugang erlangen.<\/p>\n<div id=\"attachment_9741\"><a href=\"http:\/\/npd-blog.info\/wp-content\/uploads\/2010\/03\/ds1.JPG\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"ds1\" src=\"http:\/\/npd-blog.info\/wp-content\/uploads\/2010\/03\/ds1-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" \/><\/a>Das Pressefest der Deutschen Stimme im Jahr 2006 (Foto: Kai Budler)<\/p>\n<\/div>\n<p>Au\u00dferhalb rassistischer und  neofaschistischer Parteien, Kameradschaften u.a. Organisationen nahm die  Zahl derer, die sich zum subkulturellen rechtsextremen Spektrum z\u00e4hlen  lassen, deutlich zu. Die Musik dient dabei als eine der wichtigsten  Br\u00fccken in die Szene, welche keine starren Strukturen vorgibt und einen  niedrigen Organisationsgrad aufweist, sondern vielmehr ein  netzwerkartiges, enthierarchisiertes Gebilde darstellt, in welchem eine  relativ hohe Fluktuation zu beobachten ist. NPD und Freie  Kameradschaften versuchen sich teilweise dieses subkulturelle Milieu  nutzbar zu machen und bieten Jugendlichen zahlreiche Freizeitangebote,  die von organisierten Konzerten \u00fcber Fu\u00dfballvereine bis hin zu  gemeinsamen Ausfl\u00fcgen mit \u201eGleichgesinnten\u201c reichen. Der gemeinsame  Besuch dieser Veranstaltungen und die Teilnahme an unterschiedlichsten  Freizeitaktivit\u00e4ten soll ein Gemeinschaftsgef\u00fchl erzeugen, welches zur  Identifikation mit der Szene und zur Verfestigung rassistischer,  antisemitischer und nationalistischer Einstellung der betreffenden  Personen f\u00fchrt und diese m\u00f6glichst effektiv in die Partei oder mit ihr  zusammenarbeitende Organisationen einbindet.<\/p>\n<p>Dieses Potential haben auch viele  F\u00fchrungskader der extremen Rechten erkannt. So ver\u00f6ffentlichte auch das  ehemalige Bundesvorstandsmitglied der NPD, Andreas Molau, 2009 ein  Konzeptpapier (\u201eDie Ausbildung eines nationalen Milieus \u2013 Vierzehn  Thesen\u201c), welches eben diese Mechanismen in den Fokus nahm. So machte er  in These 14 deutlich, dass es vor \u201edem Kampf um die K\u00f6pfe des Volkes  [\u2026] zun\u00e4chst ein[en] Kampf um die eigenen K\u00f6pfe geben [\u2026]\u201c m\u00fcsse.  Hingegen zeigte sich 2010, dass auch innerhalb der rechtsextremen  Bewegung die Funktionsweisen der eigenen Szene nicht allen deutlich  sind. Eben genau weil die Herausgeber der Deutschen Stimme, der  Parteizeitung der NPD, diese Funktion erkannt haben, richteten sie das  Deutsche-Stimme-Pressefest 2010 f\u00fcr die rechtsextreme Subkultur aus und  luden neben Rednern auch eine ganze Zahl von Rechtsrockbands ein. Im  Anschluss dieser Veranstaltung erschien eine Stellungnahme der Jungen  Nationaldemokraten Sachsen, der Jugendorganisation der NPD, und des  Freien Netzes, die gemeinsam den Ordnerdienst f\u00fcr das Pressefest  gestellt hatten. Hierin distanzierte man sich von derartigen  \u201eunpolitischen\u201c Veranstaltungen deutlich:<\/p>\n<blockquote>\n<div id=\"attachment_13373\"><a href=\"http:\/\/npd-blog.info\/wp-content\/uploads\/2010\/08\/saufen-statt-arbeiten.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"saufen statt arbeiten\" src=\"http:\/\/npd-blog.info\/wp-content\/uploads\/2010\/08\/saufen-statt-arbeiten-150x150.jpg\" alt=\"Besucher des Neonazi-Konzerts am 21. August 2010 in Eschede (Foto: monitorex)\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>Besucher des Neonazi-Konzerts am 21. August 2010 in Eschede (Foto: monitorex)<\/p>\n<\/div>\n<p>\u201e\u2019Heraus aus der Szene und hinein in die  Bewegung\u2019 wurde von den Organisatoren des  \u201aDeutschen-Stimme-Pressefestes\u2019 am vergangenen Sonnabend offensichtlich  arg missverstanden. Wieder einmal konzentrieren sich die Veranstalter  darauf, das Programm so zu gestalten, um dem subkulturellen P\u00f6bel eine  m\u00f6glichst breite B\u00fchne zu bieten. Hierbei wurde offensichtlich eine  politische Veranstaltung, bei der Musikbeitr\u00e4ge nur zum Rahmenprogramm  z\u00e4hlen sollten, mit einem Fest mit rein kommerziellem Hintergrund  verwechselt. St\u00e4nde mit einem kaum \u00fcberschaubaren Angebot von  Szenekleidung und Szenemusik, sowie ungez\u00fcgelter Alkoholausschank und  Musikgruppen, die in der subkulturellen Szene hohes Ansehen genie\u00dfen,  machten das Pressefest wieder einmal zu einem Wallfahrtsort f\u00fcr den  letzten unpolitischen \u201aSzenenationalisten\u2019[\u2026].\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Hierbei scheint es zum Konflikt zwischen  den Machern der Deutschen Stimme, welche offensichtlich ganz gezielt  die Veranstaltung geplant hatten und einigen sich als \u201eechte  Nationalisten\u201c verstehenden Aktivisten gekommen zu sein. Dies zeigt,  dass hier neben einem elit\u00e4ren Anspruch auch eine v\u00f6llig falsche  Einsch\u00e4tzung der Funktionsweisen der eigenen Szene vorliegt, die zu  gro\u00dfen Teilen von diesem subkulturellen Umfeld lebt. Doch dieser elit\u00e4re  Anspruch ist nicht neu und wird von einigen der Bewegungseliten  gepflegt. So hie\u00df es schon im 1991 ver\u00f6ffentlichten Aufruf \u201eSchafft  befreite Zonen\u201c \u00fcber einen Teil der Szene: \u201eRichtig, wenn man sich nicht  der n\u00fctzlichen Idioten bedient. Es gibt zahllose Gruppen in diesem  Land, die zu dumm, zu faul sind, ein vern\u00fcnftiges Flugi zu produzieren.  Die wissen jetzt, an wen sie sich, gegen nat\u00fcrlich abzudr\u00fcckende Kohle,  zu wenden haben.\u201c Auch hier wird der Blick eines Teils der  Bewegungselite, damals aus dem Umfeld des Nationaldemokratischen  Hochschulbundes, der ehemaligen Studentenorganisation der NPD, deutlich.  Rechtsextremismus eben auch als Erlebniswelt zu verstehen ist der  Schl\u00fcssel, um auch die Bedeutung solcher Veranstaltungen zu erkennen.<\/p>\n<p>Obwohl der subkulturelle Teil des  Rechtsextremismus in Deutschland vor allem durch Jugendliche und junge  Erwachsene gepr\u00e4gt ist, sollte eine Einbettung des Ph\u00e4nomens in den  gesellschaftlichen Gesamtkontext stattfinden. Dabei ist zu beachten, das  Rassismus nicht als Jugendkultur oder \u201eRebellentum\u201c verharmlost werden  darf, sondern das vielmehr fremdenfeindliche Tendenzen in der  Gesamtgesellschaft zu beobachten sind, die weit \u00fcber das Problem  jugendlich gepr\u00e4gter Subkulturen hinausgehen und \u2013 wie Studien der  Friedrich-Ebert-Stiftung beispielsweise zeigen \u2013 einen mindestens  latenten Rassismus und Antisemitismus bei Menschen erkennen lassen,  welche weder zum organisierten Rechtsextremismus noch zu dessen  subkulturellen Umfeld dessen gez\u00e4hlt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Ph\u00e4nomen des Rechtsextremismus unterlag in den vergangenen Jahrzehnten eklatanten Wandlungen, wenn auch starke ideologische, organisatorische und personelle Kontinuit\u00e4tslinien erkennbar sind. 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