{"id":557,"date":"2008-11-09T14:41:30","date_gmt":"2008-11-09T13:41:30","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/?p=557"},"modified":"2008-11-09T14:41:30","modified_gmt":"2008-11-09T13:41:30","slug":"reichspogromnacht-%e2%80%93-%e2%80%9eritual-der-erniedrigung-und-demutigung%e2%80%9c-von-juden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2008\/11\/09\/reichspogromnacht-%e2%80%93-%e2%80%9eritual-der-erniedrigung-und-demutigung%e2%80%9c-von-juden_557","title":{"rendered":"Reichspogromnacht \u2013 \u201eRitual der Erniedrigung und Dem\u00fctigung\u201c von Juden"},"content":{"rendered":"<p>\u201eReichskristallnacht\u201c, \u201eReichspogromnacht\u201c oder \u201eNovemberpogrom\u201c alle drei Worte bezeichnen ein und dasselbe historische Ereignis. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 waren die Novemberpogrome vom nationalsozialistischen Regime organisiert worden. Sie sollten die Zerst\u00f6rung von Eigentum, religi\u00f6sen St\u00e4tten und Leben der Juden im Deutschen Reich (zu dem seit M\u00e4rz auch \u00d6sterreich geh\u00f6rte) bedeuten. Die Pogrome kennzeichneten den neuen Umgang mit den Juden \u2013 von Diskriminierung und Ausgrenzung hin zur systematischen Verfolgung der deutschen Juden. Im Zeitraum vom 7. bis 13. November 1938 wurden hunderte j\u00fcdische Menschen ermordet oder in den Selbstmord getrieben.<!--more--><\/p>\n<p>Der Ausspruch Hermann G\u00f6rings am 14. Oktober 1938, dass die \u201eJudenfrage jetzt mit allen Mitteln angefasst\u201c und die Juden \u201eaus der Wirtschaft raus m\u00fcssen\u201c, f\u00fchrte im Herbst 1938 zu einer Welle antisemitischer Aktivit\u00e4ten. Nur zwei Wochen sp\u00e4ter schloss die deutsche Regierung zwischen 15.000 und 17.000 Juden mit polnischer Staatsangeh\u00f6rigkeit aus dem Deutschen Reich aus, ohne dass Polen bereit war, diese aufzunehmen. Der Aufenthalt der polnischen Juden im Niemandsland zwischen den Grenzen erregte das Aufsehen der internationalen \u00d6ffentlichkeit. Herschel Grynszpan, dessen Eltern zu den Vertriebenen geh\u00f6rten, entschloss sich durch ein Attentat gegen diese Politik zu demonstrieren. Sein Attentat auf den deutschen Legationssekret\u00e4r Ernst vom Rath bot der NS-F\u00fchrung den Anlass, \u201eeine Gewaltwelle gegen die noch im Deutschen Reich lebenden Juden loszutreten\u201c. Vor allem sollte die allm\u00e4hlich stagnierende Emigration der Juden wieder beschleunigt werden.<\/p>\n<p>Ernst vom Rath erlag am 9. November seinen Verletzungen. Zu diesem Zeitpunkt waren im Alten Rathaus in M\u00fcnchen NS-Gr\u00f6\u00dfen versammelt, um den Jahrestag des Putschversuches von 1923 zu feiern. Nach R\u00fccksprache mit Adolf Hitler verk\u00fcndete Goebbels den Tod des Diplomaten und predigte \u201eRache und Vergeltung\u201c. Eine Pressekampagne heizte die Stimmung bereits im Vorfeld an. So fanden in Nordhessen und Anhalt bereits am Vortag Angriffe auf Synagogen und j\u00fcdische Gesch\u00e4fte statt. Als Goebbels dann noch ausf\u00fchrte: \u201eDer F\u00fchrer habe auf seinem Vortrag entschieden, dass derartige Demonstrationen von der Partei weder vorzubereiten noch zu organisieren seien, soweit sie spontan entst\u00fcnden, sei ihnen aber auch nicht entgegenzutreten\u201c, telefonierten die Gauleiter die Hinweise zu \u201ew\u00fcnschenswerten antij\u00fcdischen Aktionen\u201c an ihre Kreis- und Ortsgruppenleitungen bzw. zu den SA-St\u00e4ben im ganzen Reich. Die Aufforderung fand Geh\u00f6r, nur wenige Stunden nach den Telefonaten brannten im ganzen Land Synagogen, wurden Juden \u00f6ffentlich misshandelt und ihr Eigentum zerst\u00f6rt und geraubt. Werte wie der Respekt vor dem Privateigentum und der Schutz religi\u00f6ser St\u00e4tten galten f\u00fcr die j\u00fcdische Bev\u00f6lkerung nicht mehr. Vielmehr waren es nicht nur Parteimitglieder der NSDAP, die Juden schlugen, t\u00f6teten und Synagogen in Brand steckten, auch Unbeteiligte aus der Bev\u00f6lkerung beteiligten sich am Vandalismus.<\/p>\n<p>Im gesamten Deutschen Reich war ein \u00e4hnliches Bild zu sehen. H\u00e4ufig in Zivil gekleidete SA-M\u00e4nner und Angeh\u00f6rige anderer Parteigliederungen erschienen vor Geb\u00e4uden der J\u00fcdischen Gemeinden und vor Wohnungen bekannter Juden. \u201eSie johlten und warfen Fenster ein\u201c. Vor allem Synagogen waren bevorzugte Ziele, die \u201ekrawallseligen Horden\u201c brachen in die Gottesh\u00e4user ein, verw\u00fcsteten das Innere und legten schlie\u00dflich Feuer. Gel\u00f6scht werden durfte nicht \u2013 die Feuerwehr hatte ausdr\u00fccklich den Befehl erhalten, brennende Synagogen nicht zu l\u00f6schen, lediglich benachbarte H\u00e4user sollten vor den Flammen gesch\u00fctzt werden. Der Mob aus SA, Anh\u00e4ngern der NSDAP und Teilen der Bev\u00f6lkerung drang in j\u00fcdische Wohnungen ein, zerst\u00f6rte das Mobiliar und ver\u00e4ngstigte, misshandelte und dem\u00fctigte die Bewohner. \u201eZun\u00e4chst Unbeteiligte gerieten in den Sog des Pogroms, Neugierige mischten sich mit den tobenden Fanatikern zum marodierenden, johlenden, gewaltt\u00e4tigen Mob\u201c. Die Sensationslust trieb die Menschen auf die Stra\u00dfe und machte aus Nachbarn \u201epl\u00fcndernde Eindringlinge\u201c. Das T\u00e4terspektrum umfasste fanatische Nationalsozialisten ebenso wie \u201enormale\u201c B\u00fcrger, Frauen und Kinder. Aber genauso gibt es Beweise, dass viele Deutsche im November 1938 Scham empfanden und erschrocken waren \u00fcber diesen \u201eR\u00fcckfall in die Barbarei\u201c. Zu diesem Zeitpunkt waren die Juden bereits entrechtet, im Herbst 1935 waren sie per Gesetz von Vollb\u00fcrgern zu Staatsangeh\u00f6rigen minderen Rechts herabgestuft worden.<\/p>\n<p>Wolfgang Benz beschreibt die Novemberpogrome als \u201e [inszeniertes] Ritual der Erniedrigung und Dem\u00fctigung der j\u00fcdischen Minderheit\u201c. Neben der Zerst\u00f6rung von Eigentum und Misshandlung der Menschen gab es den Befehl zur Inhaftierung von ungef\u00e4hr 30.000 j\u00fcdischen M\u00e4nnern in den drei Konzentrationslagern Dachau, Buchenwald und Sachsenhausen. Ziel dieser Aktion war es, Druck auf Juden auszu\u00fcben, damit diese schlie\u00dflich auswanderten. Aus diesem Grund wurden vor allem wohlhabende Juden inhaftiert, die dann frei gelassen wurden, wenn Angeh\u00f6rige Visa und Fahrkarten vorweisen konnten.<\/p>\n<p>Die Bilanz des Pogroms nach einem Bericht von Reinhard Heydrich ergab, dass 7.500 j\u00fcdische Gesch\u00e4fte zerst\u00f6rt, dass \u201edem Volkszorn\u201c und der \u201egerechten Emp\u00f6rung\u201c der Deutschen Fensterscheiben im Wert von zehn Millionen Reichsmark zum Opfer gefallen waren und dass durch Vandalismus und Pl\u00fcnderung ein Schaden von mehreren hundert Millionen Mark entstanden war. Fast alle Synagogen und Beth\u00e4user waren abgebrannt. Es gab hunderte Todesopfer durch Morde, t\u00f6dliche Misshandlungen und Selbstmord, begangen aus Verzweiflung und Entsetzen. Zur Zeit des Novemberpogroms befanden sich von ehemals rund 100.000 j\u00fcdischen Betrieben noch 40.000 in H\u00e4nden ihrer rechtm\u00e4\u00dfigen Besitzer. Im Einzelhandel hatte die \u201eArisierung\u201c am st\u00e4rksten gewirkt, von 50.000 Gesch\u00e4ften waren noch 9.000 \u00fcbrig. Weiterhin war das Pogrom ein unmissverst\u00e4ndliches Zeichen an die j\u00fcdischen Deutschen, dass es keine Hoffnung auf ein \u00dcberdauern des Regimes im Deutschen Reich gibt.<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.endstation-rechts.de\/index.php?option=com_content&amp;view=article&amp;id=2329:reichspogromnacht--ritual-der-erniedrigung-und-demuetigung-von-juden&amp;catid=174:geschichte&amp;Itemid=241\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.endstation-rechts.de\/er-logo.gif\" border=\"0\" alt=\"ER\" hspace=\"10\" vspace=\"5\" width=\"50\" align=\"left\" \/><\/a><br \/>\nweitere Informationen: <a href=\"http:\/\/www.endstation-rechts.de\/index.php?option=com_content&amp;view=article&amp;id=2329:reichspogromnacht--ritual-der-erniedrigung-und-demuetigung-von-juden&amp;catid=174:geschichte&amp;Itemid=241\">http:\/\/www.endstation-rechts.de<\/a><br \/>\n<strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<hr \/>\n<p><strong><br \/>\nLiteratur zum Thema:<\/strong><\/p>\n<p>Wolfgang Benz (2008): \u201eGeschichte des Dritten Reiches\u201c, Deutscher Taschenbuch Verlag, M\u00fcnchen<\/p>\n<p>Magnus Brechtken (2004): \u201eDie nationalsozialistische Herrschaft 1933-1939\u201c, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt<\/p>\n<p>Dieter Pohl (2003): \u201eVerfolgung und Massenmord in der NS-Zeit 1933-1945\u201c, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2003<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eReichskristallnacht\u201c, \u201eReichspogromnacht\u201c oder \u201eNovemberpogrom\u201c alle drei Worte bezeichnen ein und dasselbe historische Ereignis. 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