{"id":5670,"date":"2011-02-17T13:47:29","date_gmt":"2011-02-17T12:47:29","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/?p=5670"},"modified":"2011-02-17T13:47:29","modified_gmt":"2011-02-17T12:47:29","slug":"freie-bahn-fur-neonazis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2011\/02\/17\/freie-bahn-fur-neonazis_5670","title":{"rendered":"Freie Bahn f\u00fcr Neonazis"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" title=\"Neonazis schwenken am Samstag (13.02.2010) eine Fahne hinter einer Polizeikette auf dem Schlesischen Platz vor dem Bahnhof Neustadt in Dresden.\" src=\"https:\/\/img.zeit.de\/gesellschaft\/zeitgeschehen\/2011-02\/nazi-aufmarsch-dresden\/nazi-aufmarsch-dresden-540x304.jpg\" alt=\"Neonazis schwenken am Samstag (13.02.2010) eine Fahne hinter einer Polizeikette auf dem Schlesischen Platz vor dem Bahnhof Neustadt in Dresden.\" width=\"540\" \/><br \/>\nNeonazis im Februar 2010\u00a0 hinter einer Polizeikette vor dem Bahnhof Neustadt in Dresden \u00a9 dpa<\/p>\n<p>Europas gr\u00f6\u00dfter Aufmarsch von Rechtsextremisten hat klein begonnen:  Zu siebt, r\u00fchmt sich der heutige NPD-Mann Holger Szymanski, seien sie  1996 oder 1997 vom Hauptbahnhof \u00fcber die Prager Stra\u00dfe zur  Frauenkirchenruine gezogen. Er war gerade zum Jurastudium aus G\u00f6rlitz  nach Dresden gekommen und hatte den s\u00e4chsischen Landesverband der Jungen  Landsmannschaft Ostpreu\u00dfen (JLO) mitgegr\u00fcndet. Wenn der Mann, der  inzwischen Chefberater der NPD-Landtagsfraktion ist, von den Anf\u00e4ngen  der Nazi-Demos erz\u00e4hlt, klingen sie wie harmlose Schulbubenstreiche. Mal  habe man sich am 13. Februar unter die Trauernden auf dem Altmarkt  gemischt und die Vertreibungen aus den Ostgebieten nachgestellt, mal  einen Sarg \u00fcber den Platz getragen. Die ersten Demonstranten habe wegen  all der Polizisten ringsum wohl kaum ein Dresdner erblickt.<!--more--><\/p>\n<p>Seit einigen Jahren sind die \u00bbTrauerm\u00e4rsche\u00ab un\u00fcbersehbar, Tausende  Neonazis aus dem In- und Ausland nehmen teil. Das habe sich irgendwie so  ergeben, hei\u00dft es aus der Szene. Doch das rasante Wachstum der  Aufm\u00e4rsche war kein Zufall: Einerseits agierten die Rechtsextremen  geschickt. Andererseits lie\u00df die Stadtverwaltung ihnen freie Bahn, und  die Formen des Dresdner Gedenkens boten reichlich Gelegenheit zum  Andocken.<\/p>\n<p>Bereits 1990 kam der britische Holocaust-Leugner David Irving zu  einem Vortrag in den Kulturpalast, pr\u00e4sentierte seine \u00fcberh\u00f6hten  Opferzahlen als \u00bbgeschichtliche Wahrheit\u00ab, Hunderte Zuh\u00f6rer  applaudierten. 1991 und 1992 reiste der damalige NPD-Chef G\u00fcnter Deckert  an und verteilte zum Jahrestag der Bombardierung revisionistische  Flugbl\u00e4tter. \u00bbDie Aktion wurde von den Dresdnern freundlich  aufgenommen\u00ab, erinnert er sich. Kein Wunder, Irving und Deckert und alle  ihre rechtsextremen Nachfolger bedienen das weit verbreitete  Geschichtsbild einer \u00bbunschuldigen Kunst- und Kulturstadt\u00ab, die \u00bbsinnlos  zerst\u00f6rt\u00ab worden sei. Dieser Mythos wurde 1945 noch von Goebbels\u2019  Reichspropaganda etabliert, in der DDR \u00fcbernommen und ist bis heute  pr\u00e4sent.<\/p>\n<p><strong>Die Stadt genehmigte gar eine Route nahe der 1938 zerst\u00f6rten Synagoge<\/strong><\/p>\n<p>In Wahrheit war Dresden ein wichtiger Eisenbahnknoten, beheimatete  R\u00fcstungsbetriebe und wies unter allen deutschen St\u00e4dten die h\u00f6chste  Dichte an NSDAP-Mitgliedern auf. In der Frauenkirche gaben seit 1938 die  Hitler-treuen und antisemitischen Deutschen Christen den Ton an. Das in  Dresden \u00fcbliche \u00bbstille Gedenken\u00ab an die Bombennacht bestreitet all  dies nicht \u2013 aber es redet eben auch nicht dar\u00fcber. Und es widerspricht  nicht, wenn Neonazis um die deutschen Opfer trauern. So konnten  Republikaner und Wiking-Jugend jahrelang und weitgehend unbehelligt am  Bauzaun der Frauenkirche Kr\u00e4nze niederlegen.<\/p>\n<p>Die Idee zu einem \u00bbTrauermarsch\u00ab hatten schlie\u00dflich \u00f6rtliche  JLO-Aktivisten. \u00bbEigentlich wollten wir nur daran erinnern, dass unter  den Bombenopfern auch eine Menge Fl\u00fcchtlinge aus dem Osten waren\u00ab, sagt  ein Mitglied des damaligen Bundesvorstandes, der heute als  Verlagsangestellter in Hamburg arbeitet. Ihm ist unangenehm, was sich  \u00fcber die Jahre in Dresden entwickelt hat. Damals aber, sagt er, war man  in der Zentrale der winzigen Jugendorganisation der  Ostpreu\u00dfen-Vertriebenen erfreut, dass in Sachsen etwas passierte. Als er  selbst mal zu einem der M\u00e4rsche fuhr, war er entgeistert wegen der  vielen Skinheads. Aber da sei die Unterwanderung bereits komplett  gewesen.<\/p>\n<p>1998 liefen 60 Neonazis samt Transparent \u00bbDas war kein Krieg, das war  Mord\u00ab, 1999 kamen schon 150 Leute. \u00dcber ein Verbot habe man nicht  nachgedacht, \u00bbda keine Gef\u00e4hrdung der \u00f6ffentlichen Sicherheit bestand\u00ab,  zitierte die       <em>S\u00e4chsische Zeitung<\/em> damals den Sprecher  der Stadt. Man habe aber \u00bbharte Auflagen\u00ab erlassen \u2013 etwa \u00bbdie  Einhaltung der Stra\u00dfenverkehrsordnung\u00ab. Im Jahr 2000 zogen bereits 500  Demonstranten durch Dresden, an der Spitze erstmals Szenegr\u00f6\u00dfen wie  Franz Sch\u00f6nhuber oder Horst Mahler. Die Stadt hatte eine Route nahe der  1938 zerst\u00f6rten Synagoge genehmigt.<\/p>\n<p><strong>\u00bbIn Dresden laufen Sachen, die im Rest der Republik undenkbar sind\u00ab<\/strong><\/p>\n<p>An vielen anderen Orten gelang es B\u00fcrgern und Beh\u00f6rden,  Neonazi-Aufm\u00e4rsche zur\u00fcckzudr\u00e4ngen. In Leipzig oder Jena gab es so lange  Widerstand, bis die Rechtsextremisten kapitulierten. Auf dem  Soldatenfriedhof von Halbe (Brandenburg) organisierte ein breites  B\u00fcndnis aus Anwohnern, Prominenten und Landtagspolitikern Blockaden. Im  bayerischen Wunsiedel f\u00fchrte der CSU-B\u00fcrgermeister \u00fcber Jahre den  erfolgreichen Widerstand gegen Rudolf-Hess-Gedenkm\u00e4rsche an. Ganz anders  Dresden. \u00bbMein Ansatz war, die Rechten nicht einmal zu ignorieren\u00ab,  erinnert sich Herbert Wagner, Oberb\u00fcrgermeister von 1990 bis 2001. \u00bbIch  wollte die nicht aufwerten, und gro\u00dfe Protestaktionen verschaffen  Aufmerksamkeit.\u00ab Ruhe in der Stadt war oberste Beamtenpflicht.<\/p>\n<p>2002 nutzten 1000 Neonazis die ungest\u00f6rte M\u00f6glichkeit zum  Marschieren, zwei Jahre sp\u00e4ter 2000. Sp\u00e4testens mit dem Landtagseinzug  der NPD wurde die Organisation professionalisiert. Seit 2005 liegen die  Teilnehmerzahlen bei \u00fcber 5000; das ganze Spektrum der Szene ist  vertreten: von Burschenschaftern und Neonazi-Kameradschaften bis zu  G\u00e4sten aus Schweden, Ungarn, Portugal.<\/p>\n<p>\u00bbDie Stadt hat Gegenaktivit\u00e4ten nicht nur nicht unterst\u00fctzt, sondern  phasenweise behindert\u00ab, sagt Ralf Hron vom s\u00e4chsischen DGB. \u00bbIn Dresden  laufen Sachen, die im Rest der Republik undenkbar sind.\u00ab Protestierer,  selbst aus b\u00fcrgerlichen oder kirchlichen Gruppen, w\u00fcrden als  Krawallmacher hingestellt. Organisatoren von Gegenaktivit\u00e4ten bek\u00e4men  \u00bbst\u00e4ndig Steine in den Weg gelegt\u00ab, erf\u00fchren die genehmigten Demo-Routen  der Rechtsextremen erst im letzten Moment oder gar nicht. Bis heute  st\u00fcnden in seiner Garage tausend Plakate mit dem Slogan \u00bbDiese Stadt hat  Nazis satt\u00ab \u2013 die Stadt habe ihm das Aufh\u00e4ngen trickreich untersagt.  W\u00e4hrend NPD und die JLO, die sich mittlerweile Junge Landsmannschaft  Ostdeutschland nennt, jahrelang attraktive Marschstrecken bekamen,  wurden Antifa-Demos konsequent aus dem Zentrum verdr\u00e4ngt. \u00bbVielleicht  war die eine oder andere Vorgabe nicht so gl\u00fccklich\u00ab, sagt r\u00fcckblickend  Ex-Oberb\u00fcrgermeister Wagner. Er habe sich halt \u00bbum den Ruf der Stadt  gesorgt\u00ab und im \u00dcbrigen stets f\u00fcr \u00bbleise T\u00f6ne\u00ab gestanden. Aber \u00bbso, wie  es sich heute darstellt, da muss man lauter werden\u00ab.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neonazis im Februar 2010\u00a0 hinter einer Polizeikette vor dem Bahnhof Neustadt in Dresden \u00a9 dpa Europas gr\u00f6\u00dfter Aufmarsch von Rechtsextremisten hat klein begonnen: Zu siebt, r\u00fchmt sich der heutige NPD-Mann Holger Szymanski, seien sie 1996 oder 1997 vom Hauptbahnhof \u00fcber die Prager Stra\u00dfe zur Frauenkirchenruine gezogen. 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