{"id":6142,"date":"2011-04-28T10:01:31","date_gmt":"2011-04-28T08:01:31","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/?p=6142"},"modified":"2017-07-08T16:39:11","modified_gmt":"2017-07-08T14:39:11","slug":"der-rechte-slogan-nationalismus-ist-auch-madelsache-ist-langst-gesellschaftliche-realitat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2011\/04\/28\/der-rechte-slogan-nationalismus-ist-auch-madelsache-ist-langst-gesellschaftliche-realitat_6142","title":{"rendered":"&#8222;Der rechte Slogan &#8218;Nationalismus ist auch M\u00e4delsache&#8216; ist l\u00e4ngst gesellschaftliche Realit\u00e4t&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2011\/04\/maedelsache.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-6143\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2011\/04\/maedelsache.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"327\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2011\/04\/maedelsache.jpg 200w, https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2011\/04\/maedelsache-183x300.jpg 183w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Ein Interview mit Andreas Speit, Co-Autor des Buches \u201cM\u00e4delsache\u201d, \u00fcber Frauen in der rechtsextremen Szene.<!--more--><\/p>\n<p><strong>Herr Speit, die rechte Szene gilt grunds\u00e4tzlich als m\u00e4nner-dominiert, ebenso werden rechtsextreme Parteien eher von jungen M\u00e4nnern gew\u00e4hlt. Warum haben Sie sich mit Frauen in der extremen Rechten besch\u00e4ftigt?<\/strong><\/p>\n<p>Weil die von ihnen genannten Fakten sich ge\u00e4ndert haben. In der gesamten extrem rechten Szene ist ein neues Auftreten von Frauen und M\u00e4dchen zu beobachten. Der rechte Slogan \u201cNationalismus ist auch M\u00e4delsache\u201d ist l\u00e4ngst gesellschaftliche Realit\u00e4t. Bei Aufm\u00e4rschen marschieren Frauen mehr und mehr mit, bei Wahlen treten sie f\u00fcr die NPD verst\u00e4rkt an und bei Veranstaltungen treten sie offen auf.  Die Prozentzahl von Frauen in der \u201enationalen Bewegung\u201c stieg in den vergangenen Jahren auf \u00fcber 20 Prozent, Tendenz weiter steigend. Bei Wahlen w\u00e4chst auch der Zuspruch von Frauen f\u00fcr die NPD. Eine Umfrage ergab gar, dass 14 Prozent der befragten Frauen sich vorstellen konnten, eine Partei rechts von der CDU zu w\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Sie haben es aber auch angedeutet: In der \u00d6ffentlichkeit werden dieses selbstbewusste Auftreten von Frauen und M\u00e4dchen in der Szene von NPD bis \u201eAutonome Nationalisten\u201c und der stetige Anstieg der Beteiligung sowie der wachsende Zuspruch jedoch kaum wahrgenommen. Dieses Ausblenden spielt den Frauen der Szene aber eben sehr entgegen, sie werden oft gar als nicht \u201eso politisch \u00fcberzeugt\u201c und als nicht \u201eso gef\u00e4hrlich\u201d betrachtet.  Die Frauen sind jedoch nicht minder politisch gefestigt als die M\u00e4nner und sie wollen nicht minder das \u201cSystem BRD\u201d abschaffen. Geschlossene Volksgemeinschaft statt offene Gesellschaft, hierf\u00fcr treten sie vielleicht \u201eweicherer\u201c Weise, aber nicht weniger hart in der \u00dcberzeugung ein.<\/p>\n<p><strong>Wie hat sich die Rolle der Frauen in der rechtsextremen Szene historisch ver\u00e4ndert?<\/strong><\/p>\n<p>Schauen wir nur in die Zeit nach 1945 zur\u00fcck. Gleich nach dem Niedergang des Nationalsozialismus waren Frauen auch wieder aktiv \u2013 aber fast ausschlie\u00dflich im Hintergrund. Sie halfen NS-Verbrechern bei der Flucht, f\u00fchrten Vereinskassen oder schulten Kinder und Jugendliche. Diese Rolle ging mit der von der \u201eBewegung\u201c gestellten Aufgabe einher, durch Kinder den \u201ebiologischen Bestand des deutschen Volkes\u201c zu sichern. Bis heute ermahnen M\u00e4nner wie Frauen die jungen Kameradinnen, diese \u201ePflicht\u201c nicht zu vergessen \u2013 und sie wird auch eingefordert. Aber dennoch hat sich das Handlungs- und Rollenangebot f\u00fcr Frauen in der Szene ausdifferenziert, in ein quasi idealtypisch traditionelles und in ein moderneres.<\/p>\n<p>Heute wollen die Frauen und M\u00e4dchen viel st\u00e4rker als fr\u00fcher auch in der \u00d6ffentlichkeit politisch sichtbar \u201ef\u00fcr Volk und Vaterland\u201c handeln. Teil der \u201eK\u00e4mpfenden Front\u201d seien und nicht mehr nur blo\u00df \u201eFreundin eines Neonazis\u201c, wie Frauen und M\u00e4dchen aus der Kameradschaftsszene selbst erkl\u00e4ren. Eine NPD-Kaderin betont beispielsweise: \u201eWir leben im 21. Jahrhundert\u201d, da w\u00e4re es lange vorbei, Frauen aus \u201ebestimmten Dingen\u201c auszuschlie\u00dfen. Aussagen, die deutlich zeigen: Die Frauen und M\u00e4dchen fordern f\u00fcr sich politische Handlungsr\u00e4ume in der \u201eBewegung\u201c ein \u2013 sie streiten auch daf\u00fcr. Nicht allen Herren in der NPD oder M\u00e4nnern der Kameradschaften und Autonomen Nationalisten gef\u00e4llt das. Immer wieder f\u00fchrt dieser Anspruch somit auch zu Auseinandersetzungen. Bei diesen unterliegen die Frauen dann oft, m\u00fcssen Partei\u00e4mter ab- oder Funktionen aufgeben und auch Kommunalmandate an die M\u00e4nner abtreten. Aber dennoch: In der Szene bestehen f\u00fcr Frauen nun verschiedene Handlungs- und Rollenangebote: aus dem Hintergrund heraus die Kameraden unterst\u00fctzen, oder in der \u00d6ffentlichkeit selbst auftreten \u2013 beides ist m\u00f6glich.<\/p>\n<p><strong>Unterscheidet sich die Bedeutung von Frauen im Parteienspektrum der extremen Rechten und innerhalb der \u201eFreien Kr\u00e4fte\u201c, also den Kameradschaften und \u201eAutonomen Nationalisten\u201c?<\/strong><\/p>\n<p>Jein, in allen Spektren ist erkannt worden, dass Frauen und M\u00e4dchen neue Chancen f\u00fcr die \u201eBewegung\u201c er\u00f6ffnen \u2013 von gesellschaftlicher Akzeptanzgewinnung bei den Bem\u00fchungen der kommunalen Verankerung \u00fcber politische Festigung der Strukturen durch Paarbildungen bis zum gezielten Werben von Frauen und M\u00e4nnern f\u00fcr die \u201eSache\u201c. Bei unseren Recherchen wurde sehr deutlich, dass pauschale Zuschreibungen wie \u201ePartei = traditionelles Frauenbild\u201c nicht mehr stimmen. In den Kameradschaften andererseits existiert wiederum nicht automatisch ein moderneres Handlungs- und Rollenangebot f\u00fcr Frauen und M\u00e4dchen. Gerade bei den Autonomen Nationalisten, die ja als so \u201emodern\u201c und so \u201eanders rechts\u201c gelten, werden die weiblichen Anh\u00e4nger sehr schnell in ihre vermeintlich biologischen Schranken verwiesen. In unserem Buch schildern zwei Aussteigerinnen dieser Szene sehr deutlich diese Auseinandersetzungen.<\/p>\n<p><strong>Inwiefern nutzt die NPD mittlerweile explizit Frauen f\u00fcr ihre Strategie?<\/strong><\/p>\n<p>Die Frage suggeriert eine Instrumentalisierung der Frauen und M\u00e4dchen f\u00fcr die Partei durch die Partei. Die Frauen wollen aber eben selbst die Parteipolitik mitgestalten, soziale Themen national beantworten. Den Herren der Partei kommt dies jedoch bei ihren strategischen \u00dcberlegungen zu \u201cVerb\u00fcrgerlichungsbem\u00fchungen\u201d sehr entgegen. Die Frauen der NPD erkl\u00e4ren hier nicht anderes als die M\u00e4nner, wie notwendig die Verankerung vor Ort und Einflussnahme im vorpolitischen Raum sei. 2006 gr\u00fcndeten Frauen aus der NPD und der Szene den \u201cRing Nationaler Frauen\u201d, um dem steten Zulauf von Frauen und M\u00e4dchen ein Organisationsangebot machen zu k\u00f6nnen. Heute ist der Ring eine Kaderorganisation, dessen Mitglieder sich selbstbewusst f\u00fcr die Partei engagieren \u2013 als hilfsbereite Vereinsschwester oder nette Nachbarin. Sie wollen bewusst dem g\u00e4ngigen Image als gewaltbereiter Szene entgegenwirken.<\/p>\n<p><strong>Welche Ergebnisse haben Sie bei der Arbeit zum Buch besonders \u00fcberrascht?<\/strong><\/p>\n<p>\u00dcberrascht? Besonders? Zwei starke Worte. Vielleicht darf ich es etwas \u201eschw\u00e4cher\u201c ausdr\u00fccken. H\u00e4ufig mussten wir bei den Recherchen feststellen, wie sehr die rechten Frauen durch unsere allgemeinen Klischeevorstellungen von \u201eder extrem rechten Szene\u201c und \u201eden typischen rechtslastigen Frauen\u201c ihre politischen Anliegen leichter umsetzten konnten. In Medien, Politik und Gesellschaft, so hatten wir oft den Eindruck, l\u00f6ste das Engagement der rechten Frauen Verwunderung aus, weil sie zuvor kaum wahrgenommen wurden. Und mit dieser \u201eWahrnehmung\u201c arbeiten die Frauen und M\u00e4dchen von rechts sehr geschickt bei den Bem\u00fchungen, in der Mitte der Gesellschaft Akzeptanz zu gewinnen.  Als \u201enett\u201c, \u201efreundlich\u201c und eben nicht \u201egef\u00e4hrlich\u201c versuchen sie, sich selbst und ihre Szene darzustellen. Oft mit Erfolg. \u201eAch, die, die ist aber doch so lieb zu den Kindern\u201c, h\u00f6rten wir bei den Recherchen, wenn wir wegen des Engagements von rechten Frauen in Sportvereinen nachfragten, oder: \u201eNee, die, die ist doch immer so hilfsbereit\u201c, wenn wir wegen ihrer Aktivit\u00e4ten in B\u00fcrgerinitiativen nachfassten.<\/p>\n<p>Frau und Feindin einer offenen Gesellschaft wird eben oft nicht gleich zusammen gedacht \u2013 selbst wenn Indizien erkennbar sind. Eine leise Frauenstimme sollte aber nicht \u00fcber den dahinter liegenden Hass hinwegt\u00e4uschen. Ein h\u00f6fliches Auftreten \u2013 es mag die eigenen Klischeevorstellungen unterlaufen, \u00e4ndert jedoch ebenso nichts an der politischen Ausrichtung gegen Emanzipation und Humanismus.<\/p>\n<p><em>Das Interview f\u00fchrte Benjamin Mayer vom <a href=\"http:\/\/www.demokratie-goettingen.de\">G\u00f6ttinger Institut f\u00fcr Demokratieforschung<\/a><br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Andreas Speit ist Sozialwirt, freier Journalist und Buchautor. Er schreibt regelm\u00e4\u00dfig \u00fcber das Thema Rechtsextremismus. Zusammen mit der Politologin Andrea R\u00f6pke hat er j\u00fcngst das Buch: \u201cM\u00e4delssache!: Frauen in der Neonazi-Szene\u201d ver\u00f6ffentlicht. Mehr dazu auf der <a href=\"http:\/\/www.christoph-links-verlag.de\/index.cfm?inhalt=detail&amp;nav_id=1&amp;titel_id=615\">Seite des Verlags<\/a>. Die Buchkritik stammt aus der aktuellen Ausgabe der Radiosendung <a href=\"http:\/\/www.demokratie-goettingen.de\/publikationen\/radio\/\">\u201cUnter der Lupe\u201d<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Interview mit Andreas Speit, Co-Autor des Buches \u201cM\u00e4delsache\u201d, \u00fcber Frauen in der rechtsextremen Szene.<\/p>\n","protected":false},"author":229,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[1515],"tags":[11385,1493,372,11386,1716],"class_list":["post-6142","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bundesweit","tag-andreas-speit","tag-autonome-nationalisten","tag-interview","tag-madelsache","tag-npd"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v21.0 - https:\/\/yoast.com\/wordpress\/plugins\/seo\/ -->\n<title>&quot;Der rechte Slogan &#039;Nationalismus ist auch M\u00e4delsache&#039; 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