{"id":6542,"date":"2011-06-14T09:56:14","date_gmt":"2011-06-14T07:56:14","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/?p=6542"},"modified":"2011-06-14T09:56:56","modified_gmt":"2011-06-14T07:56:56","slug":"faschismus-und-radikalfaschismus-ii-ein-streitgesprach-uber-ernst-nolte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2011\/06\/14\/faschismus-und-radikalfaschismus-ii-ein-streitgesprach-uber-ernst-nolte_6542","title":{"rendered":"Faschismus und Radikalfaschismus II &#8211; Ein Streitgespr\u00e4ch \u00fcber Ernst Nolte"},"content":{"rendered":"<p>Vor 25 Jahren tobte in Deutschland der so genannte &#8222;Historikerstreit&#8220; zwischen dem Historiker Ernst Nolte und dem Philosophen J\u00fcrgen Habermas \u00fcber die Singularit\u00e4t von Auschwitz. Der Historiker Frank Sobich und Mathias Brodkorb f\u00fchrten unl\u00e4ngst ein Streitgespr\u00e4ch \u00fcber zentrale Thesen Noltes, das aus diesem aktuellen Anlass in mehreren Teilen ver\u00f6ffentlicht wird. (Teil 2)<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>Brodkorb:<\/strong> Ich hatte nicht behauptet, dass der Staat im Faschismus nicht auch Mittel ist, sondern dass er im Nationalsozialismus <em>nur<\/em> das ist &#8211; was einen erheblichen Unterschied darstellt. Und ich hatte ebenfalls nicht behauptet, \u201edass der Rassismus im italienischen Faschismus zu Beginn keine Rolle gespielt hat&#8220;, sondern dass er a) im Unterschied zum NS idealtypisch verzichtbar w\u00e4re und b) historisch erst sp\u00e4ter \u201eeine gr\u00f6\u00dfere Rolle&#8220; gespielt hat. Und zu Beginn eine geringere Rolle spielen ist nicht dasselbe wie gar \u201ekeine Rolle&#8220; spielen.<\/p>\n<p>Was ich aber nicht verstehe, ist, was Sie zum \u201epolitischen Pfeffer&#8220; gesagt haben: \u201eH\u00e4ufig wird der Faschismus-Begriff benutzt, von Nolte, aber auch von leninistisch inspirierten Autoren, um nicht \u00fcber die Besonderheit des Nationalsozialismus zu reden, die Shoa wird so zur Randnotiz.&#8220; Ich kenne kaum einen Historiker, der so penetrant wie Nolte in allen seinen Schriften immer wieder die \u201eSingularit\u00e4t&#8220; des Holocaust betont &#8211; j\u00fcngst auch wieder umfangreich in seinem Islamismus-Buch. Selbst in seinem strittigen Aufsatz \u201eVergangenheit, die nicht vergehen will&#8220; (1986) war sie neben der These vom \u201ekausalen Nexus&#8220; an prominenter Stelle pr\u00e4sent (\u201eda\u00df sich trotz aller Vergleichbarkeit die biologischen Vernichtungsaktionen des Nationalsozialismus qualitativ von der sozialen Vernichtung unterscheiden, die der Bolschewismus vornahm&#8220;). Es war J\u00fcrgen Habermas, der im \u201eHistorikerstreit&#8220; ohne jeden Textbeleg das gegenteilige M\u00e4rchen in die Welt gesetzt hat, an das bis heute geglaubt wird. Deshalb muss ich fragen: Von welcher der Schriften Noltes reden Sie konkret, wenn Sie ihm oben zitierte politische Motivation zuschreiben?<\/p>\n<p><strong>Frank Sobich: <\/strong>Es ist nicht so interessant, ob jemand \u201esingul\u00e4r\u201c sagt oder nicht, sondern was er damit jeweils meint.<\/p>\n<p>Nolte hat bereits 1980 einen einschl\u00e4gigen Aufsatz verfasst. Darin nennt er den Terror der Bolschewiki &#8211; mal geht es um den Terror im B\u00fcrgerkrieg, mal um den Gulag, mal um die Praktiken von Tscheka und NKWD generell &#8211; das \u201eOriginal\u201c, und die Shoah die \u201eKopie\u201c<sup>[1]<\/sup>. Die Wortwahl ist verr\u00e4terisch, eine singul\u00e4re Kopie ist ein Oxymoron. Damit k\u00f6nnte ich es genug sein lassen, aber wenn wir jetzt schon den Historikerstreit diskutieren, dann richtig. Hr. Nolte schiebt dauernd Beteuerungen vor und nach, dass er die Shoah singul\u00e4r findet. Wie vertr\u00e4gt sich das aber mit der Aussage aus dem Aufsatz von 1986, der dann u. a. den Historikerstreit ausgel\u00f6st hat, \u201eall dasjenige, was die Nationalsozialisten sp\u00e4ter taten, mit alleiniger [sic!] Ausnahme des technischen Vorgangs der Vergasung\u201d sei aus der Beschreibung des \u201aroten Terrors\u2019 bekannt?<sup> [2]<\/sup> Worin bleibt denn da der Platz f\u00fcr den immer von Nolte abstrakt erkl\u00e4rten, aber nie wirklich ausgef\u00fchrten qualitativen Unterschied?<\/p>\n<p>Im Aufsatz von 1980 z\u00e4hlt Nolte die Gr\u00fcnde auf, warum das Dritte Reich als negativ anzusehen ist. Er nennt als \u201eersten, st\u00e4rksten und allgemeinsten Grund\u201d den Zweiten Weltkrieg, als zweiten, dass es auf \u201egeradezu groteske Weise altert\u00fcmlich und reaktion\u00e4r\u201d wirke, an dritter Stelle wird dann unter \u201eGewalttaten\u201d, die singul\u00e4r seien, der Shoah ein herausgehobener Platz einger\u00e4umt.<sup>[3]<\/sup> Offensichtlich eine recht drittklassige Singularit\u00e4t.<\/p>\n<p>In dem Aufsatz von 1986 schreibt Nolte, kein Deutscher k\u00f6nne Hitler rechtfertigen wollen, \u201eund w\u00e4re es nur wegen der Vernichtungsbefehle gegen das deutsche Volk vom M\u00e4rz 1945.\u201d<sup> [3]<\/sup> Die Shoah allein reicht augenscheinlich nicht, und ist auch nicht der st\u00e4rkste Grund. W\u00e4ren die Befehle vom M\u00e4rz 1945 nicht gewesen, h\u00e4tte man in Noltes Augen \u00fcber so\u2019n bisschen Rechtfertigung doch noch mal reden k\u00f6nnen, oder wie muss dies verstanden werden?<\/p>\n<p>Und wie man das so macht, wenn man etwas sagen will, von dem man wei\u00df, dass man es vielleicht besser nicht sagen sollte, referiert er als angebliche \u00dcberlegung anderer, die \u00fcberm\u00e4\u00dfige Besch\u00e4ftigung mit der Shoah lenke von anderen wichtigen Ereignissen in der NS-Zeit ab, \u201evor allem aber von entscheidenden Fragen der Gegenwart\u201d<sup>[5]<\/sup> &#8211; im Jahre 1986 z. B. angebliche V\u00f6lkermorde vorher in Vietnam und dann in Afghanistan und die Abtreibungsfrage. Es wird klar, dass dies in Wirklichkeit seine Position ist.<sup>[6]<\/sup> Jetzt mal k\u00fcrzer nach hinten oder besser gleich nach nebenan und nach vorne gekuckt, sagt einer, dessen Metier die Geschichte ist \u2014 und es f\u00e4llt ein bisschen schwer zu sagen, wie im Unterschied zu dieser \u00c4u\u00dferung eigentlich der \u201eSchlusstrich\u201c auss\u00e4he, den Nolte nach eigener Versicherung nie ziehen wollte.<\/p>\n<p>Muss ich weitermachen? Soll ich jetzt noch so gewundene \u00c4u\u00dferungen zitieren, wie z. B., \u201edass auch die SS-Mannschaften der Todeslager auf ihre Art Opfer sein mochten\u201d?<sup>[7]<\/sup> Oder seine sch\u00f6ne W\u00fcrdigung der Thesen des Rechtsextremisten David Irving, die Unterst\u00fctzungserkl\u00e4rung f\u00fcr Gro\u00dfbritannien durch einen Repr\u00e4sentanten des J\u00fcdischen Weltkongresses rechtfertige die Internierung der j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung als Kriegsgefangene? Alles sch\u00f6n im Konjunktiv gehalten, auch die Gegenargumente, und zum Schluss das Pr\u00e4dikat \u201ebeachtenswert\u201c &#8211; und zwar f\u00fcr den rechtsradikalen, apologetischen Schwachsinn von Irving.<sup>[8]<\/sup> Oder soll ich aktueller werden und seine Lobrede auf Hr. Hohmanns irrlichternden Unfug zum Thema Kollektivschuld zitieren?<sup>[9]<\/sup><\/p>\n<p>Was hei\u00dft hier also \u201eM\u00e4rchen\u201c? Noltes Beteuerungen, er halte die Shoah ja auch f\u00fcr singul\u00e4r, bleiben abstrakt und unausgef\u00fchrt, hin und wieder liest man etwas \u00fcber die \u201ebiologischen [sic!] Vernichtungsaktionen\u201c, die sich als irgendwie anders erweisen w\u00fcrden, als die \u201esoziale Vernichtung\u201c, sofern man es untersuchen w\u00fcrde<sup>[10]<\/sup> . Bis dahin wird klein geredet, anderes in den Vordergrund gepackt und vor allem verglichen, was das Zeug h\u00e4lt, bis eigentlich nur die \u201efabrikm\u00e4\u00dfige Vernichtung\u201c<sup>[11]<\/sup> als eigentliche Singularit\u00e4t bleibt. Und das ist eine Singularit\u00e4t, die nichts Qualitatives hat und die Betonung der Schrecklichkeit der Shoah hat in Noltes Ausf\u00fchrungen immer eher den Charakter des Pflichtprogramms, das abgedudelt wird, bis er zum eigentlichen Kern kommen kann: Dem Kleinreden.<\/p>\n<p>Ob Hr. Nolte es subjektiv ehrlich meint und nur die Widerspr\u00fcche nicht sieht oder ob das Betonen der Singularit\u00e4t die spanische Wand ist, hinter der er umso ungehemmter einer deutschnationale Geschichtsrevision nachgehen kann, vermag ich nicht zu beurteilen.<\/p>\n<p>Was ich beurteilen kann, ist das Folgende: Nolte hat wenig bis keine Ahnung vom Antisemitismus im deutschen Kaiserreich, dessen eliminatorische Tendenz auch damals schon zu bemerken war und auch bemerkt wurde &#8211; aber nicht ernst genommen wurde, weil er keine vorstellbare politische Konsequenz war. Nolte interessiert sich nicht f\u00fcr die antisemitische Geschichte des Kaiserreichs, f\u00fcr die Gewalt des I. Weltkriegs, f\u00fcr die Brutalit\u00e4t der kaiserlichen Kolonialkriege und des wei\u00dfen Freikorps-Terrors nach 1919. Er begreift nicht, dass der Nationalsozialismus v. a. als radikaler Nationalismus zu verstehen ist und dass sich alles andere daraus erkl\u00e4ren l\u00e4sst und dass dieser radikale Nationalismus die wesentliche Gemeinsamkeit aller Faschismen ist. Das wundert mich nicht, denn seine Anstrengungen in Sachen Geschichtsrevisionismus sind selber nationalistisch motiviert.<\/p>\n<p>Sie werden jetzt sicherlich besser verstehen, warum ich so emp\u00f6rt darauf reagiert habe, als Ihre Website mich in den Zusammenhang mit Nolte r\u00fcckte, und wie widerw\u00e4rtig es f\u00fcr mich ist, wenn irgendwelche Neurechten pl\u00f6tzlich der Ansicht sind, ich sei wohl ein zitationsf\u00e4higer Gesinnungsfreund von ihnen.<\/p>\n<p>Wenn ich sage, dass die Quintessenz aller Faschismen, auch des Nationalsozialismus, radikaler Nationalismus ist, dann denke ich, wird klar, warum die Frage, ob der italienische Faschismus auch ohne Rassenbiologie denkbar w\u00e4re oder nicht, unfruchtbar ist. Der Gro\u00dfteil der faschistischen Bewegungen war wesentlich blut- und bodenst\u00e4ndiger als der italienische. Aber selbst dieser, der in seiner Anfangszeit mit dem Mythos-Konzept laborierte, also die Nation f\u00fcr etwas von Menschen Geschaffenes und nicht als biologische oder kulturelle Gegebenheit ansah, war mit dem rassistischen Weltbild kompatibel.<\/p>\n<p>Und das wundert mich auch nicht besonders. Ideologien sind nicht koh\u00e4rent, und es gibt keine notwendigen Implikationen aus den Grundannahmen. Der Schluss, wer das und das denkt, m\u00fcsste auch dies und jenes denken, funktioniert nicht. Genauso wenig leider, wie wer das und das denkt, k\u00f6nne dann doch wohl nicht dies und jenes denken. Es lassen sich bei bestehenden Theorien rekonstruieren, wie jemand auf bestimmte Gedanken gekommen ist, mehr aber leider nicht.<\/p>\n<p>Biologistische Argumentationsmuster sind zudem nur eine Variante essentialistischer Argumentationen. Sind radikale Nationalisten erstmal vom unumkehrbar \u201evolkssch\u00e4dlichen\u201c Wesen einer Gruppe \u00fcberzeugt, ist es eigentlich egal, ob sie den angeblichen Charakter auf die Rasse, das Blut, das Keimplasma, die DNS, die Hormone oder auf die Mentalit\u00e4t, die Kultur, den Volksgeist und den Nationalcharakter zur\u00fcckf\u00fchren, das sind ja alles nur Chiffren f\u00fcr die weitgehende Unwandelbarkeit des Wesens der entsprechenden Gruppe. Der eliminatorische Charakter entspringt nicht aus seiner rassenbiologischen Begr\u00fcndung, sondern aus der antisemitischen Projektion von Allmacht und Vernichtungsabsicht.<\/p>\n<p><strong>Brodkorb: <\/strong>Ich muss gestehen: Mit Kategorien wie \u201eemp\u00f6rt\u201c und \u201ewiderw\u00e4rtig\u201c kann ich im wissenschaftlichen Kontext wirklich nicht viel anfangen. Um es einmal polemisch zu sagen: Unter einem Seminar \u00fcber \u201eHermeneutik und Wissenschaftsmethodologie in der historischen Wissenschaft\u201c kann ich mir etwas vorstellen, unter einem Seminar mit dem Titel \u201eVon der Kunst der Emp\u00f6rung und des Angewidertseins bei Wissenschaftlern \u2013 Einf\u00fchrung\u201c gar nichts. Was mich aber wirklich staunen macht, ist die Tatsache, wie vehement, absolut und dezidiert Sie \u00fcber Nolte urteilen, das Ganze auch noch in 11 Fu\u00dfnoten verpacken, aber dabei lediglich auf zwei kurze Texte aus einem einzigen Dokumentationsband Bezug nehmen, die kaum 30 Seiten umfassen \u2013 wenn wir einmal den Text zu Hohmann au\u00dfer Acht lassen, \u00fcber den Sie zwar urteilen, auf den Sie argumentativ aber ja gar nicht eingehen. Was das im Rahmen des Gesamtwerks Noltes hei\u00dft, muss kaum betont werden: Man n\u00e4hert sich dem Promillebereich.<\/p>\n<p>Ist eine \u201esingul\u00e4re Kopie\u201c wirklich zwingend ein Oxymoron? Mitnichten! Ich kann mir jemanden zum Vorbild nehmen, ihn kopieren und bei dieser Kopie dennoch eine Radikalisierung erreichen, die zu einer neuen, singul\u00e4ren Qualit\u00e4t f\u00fchrt. Dieser Gedanke enth\u00e4lt an keiner Stelle einen logischen Widerspruch. Sie gestehen zu, dass Nolte zwar von \u201eSingularit\u00e4t\u201c spricht, behaupten aber, dass er das gar nicht wirklich so meine. Und zwar aus zwei Gr\u00fcnden: a) weil bei Nolte die Singularit\u00e4t \u201eunausgef\u00fchrt\u201c bleibe, er in Wahrheit gar nicht \u00fcber Singularit\u00e4t nachdenke, sondern diese vielmehr \u201ekleinreden\u201c wolle und b) weil der \u201eeliminatorische Charakter\u201c \u2013 was offenbar Sie f\u00fcr das Singul\u00e4re an Auschwitz halten \u2013 \u201enicht aus seiner rassenbiologischen Begr\u00fcndung (was Noltes Position ist, M. B.), sondern aus der antisemitischen Projektion von Allmacht und Vernichtungsabsicht\u201c resultiere. Und eben genau dies passt nicht zusammen: Sie k\u00f6nnen Nolte nicht zugleich vorwerfen, er sei in Wahrheit gar kein Singularit\u00e4tstheoretiker (also nicht an Auschwitz als einem singul\u00e4ren Ph\u00e4nomen interessiert) und irre sich dennoch \u00fcber den Charakter der Singularit\u00e4t von Auschwitz. Denn Letzteres kann nur der Fall sein, wenn Ersteres nicht der Fall ist.<\/p>\n<p>Tun wir doch einmal so, als n\u00e4hmen Sie Noltes Argumente ernst, hielten sie aber einfach f\u00fcr falsch. Dann mag es ja sein, dass Ihnen das eine oder andere mangelhaft ausgef\u00fchrt erscheint. Aber reicht das schon hin, einem Wissenschaftler zu unterstellen, er habe in Wahrheit vor, den \u201enationalsozialistischen Antisemitismus kleinzureden\u201c? Was meinen Sie, wie viele Wissenschaftler aus meiner Sicht Dinge \u201eunausgef\u00fchrt\u201c lassen? \u00dcbertr\u00fcge man diese Logik auf unseren Disput, m\u00fcsste ich Ihnen entgegnen: \u201eHerr Sobich, die Begr\u00fcndung f\u00fcr Ihre Behauptung, dass Sie sich nicht an den Faschismus-Begriff Noltes anlehnten, scheint mir doch sehr unausgef\u00fchrt. Das spricht doch eher daf\u00fcr, dass Sie in Wahrheit Nolte n\u00e4her stehen, als Sie zugeben wollen. Sie reden Ihre Gemeinsamkeiten bewusst klein.\u201c Mit Wissenschaft h\u00e4tte das gewiss nicht mehr viel zu tun.<\/p>\n<p>Ich stimme Ihnen \u00fcbrigens ausdr\u00fccklich darin zu, dass Nolte sich irrt, wenn er das Singul\u00e4re im Biologischen fundiert sehen will, jedenfalls dann, wenn diese Singularit\u00e4t qualitativ etwas Au\u00dferordentliches darstellen soll. Dies aber vor allem deshalb, weil sich Nolte damit selbst einer <em>metabasis eis allo genos<\/em> schuldig macht, die er sonst den Nazis vorwirft. Nolte argumentiert ja nicht auf der Ebene historischer Faktizit\u00e4t, sondern derjenigen ideologischer Potenzialit\u00e4t: \u201eAllerdings halte ich nach wie vor daran fest, da\u00df die nationalsozialistische Vernichtung am Ende \u201aschlimmer\u2019 war, weil ein anderer Zusammenhang gegeben war: Hier wurden Menschen aufgrund ihrer biologischen oder ethnischen Qualit\u00e4ten vernichtet, w\u00e4hrend sie im Idealtyp der marxistischen Revolution eigentlich nur auf ihre urspr\u00fcngliche Gleichheit \u2013 gegen die sie gleichsam versto\u00dfen hatten, insofern sie zur herrschenden Klasse geh\u00f6rten \u2013 zur\u00fcckgebracht werden sollten. Im Prinzip h\u00e4tte es also auch ohne Todesopfer abgehen k\u00f6nnen.\u201c \u201eIm Prinzip h\u00e4tte es&#8230;\u201d \u2013 ist es aber nicht! Beim Singularit\u00e4tsstreit geht es nicht um die theoretische <em>Potenz<\/em> von Ideologien, sondern um die <em>Realit\u00e4t<\/em> historischer Ereignisse. Aus dem, was theoretisch h\u00e4tte sein k\u00f6nnen, l\u00e4sst sich nichts oder zumindest nicht genug \u00fcber die Qualit\u00e4t desjenigen schlussfolgern, was sich tats\u00e4chlich ereignet hat. In Stalins Sowjetunion war es f\u00fcr die metaphysisch schuldig erkl\u00e4rten Kulaken ebenso unm\u00f6glich ihrem t\u00f6dlichen Schicksal zu entrinnen wie f\u00fcr die Juden im Dritten Reich. Eine biologische \u201eEthnizit\u00e4t\u201c l\u00e4sst sich eben genauso hermetisch halluzinieren wir die kulturelle etc. Nur: Warum muss man Nolte deshalb unterstellen, ein Nationalist zu sein und in Wahrheit an der Verharmlosung von Auschwitz zu basteln?<\/p>\n<p>Eigentlich wollte ich Sie noch fragen, ob es wirklich so falsch von mir war zu behaupten, dass Sie sich an Nolte \u201eanlehnen\u201c \u2013 was ja nicht dasselbe ist wie die These, Sie d\u00e4chten dasselbe wie Nolte. Ihre Faschismus-Definition lautete: \u201eWas allen Faschismen gemein ist, ist dass sie antidemokratisch, antiliberal und antikommunistisch sind (&#8230;)\u201c Noltes ber\u00fchmte Faschismus-Definition von 1963 reduziert sich auf die Kernthese, dass Faschismus \u201eAntimarxismus\u201c sei. Vor diesem Hintergrund macht es dann wirklich Sinn, wenn Nolte mit Blick auf den NS von einem \u201eRadikalfaschismus\u201c spricht, denn dieser spitzt den Antikommunismus &#8211; im Unterschied zum Faschismus &#8211; bis zum \u00c4u\u00dfersten zu und amalgamiert ihn mit einem auf Vernichtung abzielenden Antisemitismus. Sp\u00e4ter hat Nolte dann von einem \u201efaschistischen Minimum\u201c gesprochen und dazu folgende Merkmale gez\u00e4hlt: \u201eAntimarxismus, Antiliberalismus, F\u00fchrerprinzip, Parteiarmee, tendenzieller Antikonservativismus, Totalit\u00e4tsanspruch\u201c. Ich will nun nicht verschweigen, dass Ihre Definition sehr viel mehr Bestandteile enth\u00e4lt als soeben von mir zitiert, aber wesentliche inhaltliche \u00dcbereinstimmungen sind einfach vorhanden.<\/p>\n<p>Aber ich verstehe nun zumindest, warum Sie sich so vehement dagegen verwahren, sogar mit dem fr\u00fchen Nolte in Verbindung gebracht zu werden, der ja selbst von Wehler f\u00fcr seine Thesen hoch gesch\u00e4tzt wurde, obwohl sie im Kern bereits dasselbe aussagten wie dasjenige, wof\u00fcr Nolte sp\u00e4ter zum Paria der historischen Wissenschaft erkl\u00e4rt werden sollte \u2013 zumindest in Deutschland. Nolte ist f\u00fcr Sie \u2013 und gewiss nicht nur f\u00fcr Sie \u2013 ein Verharmloser von Auschwitz, so etwas wie ein Proto-Nazi. Dieses Urteil jedoch basiert vor allem auf Interpretationen und Projektionen, jedoch kaum auf am Gesamtwerk Noltes belegten Fakten. Und nun entsteht gewiss ein gro\u00dfes Problem: Was w\u00fcrde jemandem wohl im Wissenschaftsbetrieb widerfahren, dem man nachsagen k\u00f6nnte, sich an einen angeblichen Proto-Nazi \u201eanzulehnen\u201c? Die Antwort muss man gar nicht geben. Ich habe daher gr\u00f6\u00dftes Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Ihre kraftvollen, nicht zum Wissenschaftsvokabular geh\u00f6renden Worte wie \u201eemp\u00f6rt\u201c, \u201ewiderw\u00e4rtig\u201c etc. Sie sind Versicherungen gegen den \u201epolitischen Pfeffer\u201c, der in der ganzen Debatte steckt. Aber sollte das nicht das eigentlich Beunruhigende sein? Dass der \u201epolitische Pfeffer\u201c in den real existierenden Wissenschaften eine Wirkm\u00e4chtigkeit erreicht zu haben scheint, die eben dieser das hermeneutisch faire Salz in der Suppe raubt? Was ist eine Wissenschaft eigentlich noch Wert, die sich zunehmend nicht mehr in erster Linie der Suche nach der Wahrheit, sondern der Konformit\u00e4t gegen\u00fcber au\u00dferwissenschaftlichen Anspr\u00fcchen verpflichtet f\u00fchlt?<\/p>\n<p><strong>Sobich:<\/strong> Ich sage, die Quintessenz aller Faschismen sei Nationalismus, ich w\u00fcsste nicht, wo Hr. Nolte das sagt. Die Definition, die Sie mir unterschieben wollen, ist keine, sondern erstmal eine oberfl\u00e4chliche Beschreibung der Gemeinsamkeiten. In der bin ich mir mit Hr. Nolte einig, meiner Erinnerung nach auch mit Hr. Dimitroff und mit Hr. Goldhagen. Ob ich mich an die auch alle anlehne?<\/p>\n<p>Da Sie Gest\u00e4ndnisse ablegen, muss auch ich etwas gestehen: Ich h\u00e4tte mir als aller erstes von Ihnen das Zugest\u00e4ndnis gew\u00fcnscht, dass Ihre These vom beleglosen M\u00e4rchen, an das immer noch geglaubt wird, nicht haltbar ist. W\u00e4re Sie es, k\u00f6nnten sie mir ja nicht die \u00dcber- oder Fehlinterpretation von Ihrer Meinung nach randst\u00e4ndigen Quellen vorwerfen.<\/p>\n<p>Die Fehlinterpretation werfen Sie mir vor, weil Sie den Gegenstand wechseln. Wir reden nicht davon, was beim Kopieren alles schief gehen kann, sondern es geht um das Produkt einer gelungenen Vervielf\u00e4ltigung, n\u00e4mlich einer Kopie. Und eine singul\u00e4re Vervielf\u00e4ltigung ist ein h\u00f6lzernes Eisen, und alles andere ist sophistische Wortakrobatik. Die deutsche Sprache verf\u00fcgt \u00fcber viele W\u00f6rter, mit denen sich Nuancen gut ausdr\u00fccken lassen und Herrn Noltes Schriften zeigen, dass er \u00fcber diese F\u00e4higkeit auch verf\u00fcgt. Er wird schon wissen, warum er nicht \u201eNachahmung\u201c oder \u201e\u00fcberschie\u00dfende Antwort\u201c schreibt, sondern von \u201eOriginal\u201c und \u201eKopie\u201c. Richtiger w\u00e4re der zu Grunde liegende Gedanke damit \u00fcbrigens nicht geworden. Wie er die Shoah kleinzureden sucht, habe ich nun wirklich ersch\u00f6pfend belegt, das wiederhole ich nicht.<\/p>\n<p>Kommen wir zu Ihrer Quellenkritik. Woraus habe ich zitiert? Aus zwei unabh\u00e4ngig voneinander entstandenen Aufs\u00e4tzen, zwischen deren Erstver\u00f6ffentlichung sechs Jahre lagen, die also keine bedeutungslose Momentaufnahme sind. Diese Texte sind sp\u00e4ter mit Zustimmung des Autors, wenn nicht sogar von ihm ausgew\u00e4hlt, in einem Sammelband mit Schl\u00fcsseltexten zu der Kontroverse, \u00fcber deren Thema wir reden, erneut ver\u00f6ffentlicht worden. Der Autor hatte Gelegenheit zu Anmerkungen, die von ihm auch genutzt wurden, aber nicht um seine Argumentation in irgendeiner Weise abzuschw\u00e4chen. Auch in den anderen Beitr\u00e4gen von Hr. Nolte in diesem Sammelband ist dies nicht zu entdecken; mir w\u00e4re nicht bekannt, dass Hr. Nolte jemals wesentliche Aussagen dieser Aufs\u00e4tze zur\u00fcck genommen h\u00e4tte, in der Vorrede seiner Webseite verweist er sogar noch einmal auf den Aufsatz explizit (Stand 27. 4. 2010). Beide Texte sind zudem einem breiteren Publikum zug\u00e4nglich gemacht worden (Ver\u00f6ffentlichung in der FAZ), auch das wohl nicht gegen den Willen des Autors, sondern weil er auf die \u00d6ffentlichkeit wirken wollte. Und durch die Debatte sind es vermutlich die am h\u00e4ufigsten au\u00dferhalb der Fachwissenschaft rezipierten Texte des Autors. Ich f\u00fcrchte, Ihre Quellenkritik mit Taschenrechner und Waage (Promillebereich) ist nicht wirklich aussagekr\u00e4ftig \u2013 im Gegensatz zu den beiden von mir zitierten Texten. Die reichen als Hinweis, warum Menschen mit gutem Grund Hr. Nolte vorwerfen, die Besonderheiten des NS kleinzureden.<\/p>\n<p>Meine Formulierung, er rede nicht \u00fcber diese Besonderheiten, war \u00fcbrigens unpr\u00e4zise, das muss ich einr\u00e4umen. Er tut das schon, aber zum Zweck der Neutralisierung des Schreckens und der Relativierung.<\/p>\n<p>In Ihrer ganzen Antwort folgen Sie den platt getrampelten Pfaden des Historikerstreits. Es war ein geschickter Schachzug der Konservativen, ihren Gegnern anzudichten, sie w\u00e4ren unwissenschaftliche und unsachliche Ideologen, damit lenkten sie n\u00e4mlich von ihrer eigenen, ganz und gar nicht wissenschaftlichen, sondern politischen Intention ab. Angriff ist eben die beste Verteidigung, auch wenn die politischen Intentionen so offen selbst zu Protokoll gegeben werden, dass v\u00f6llig klar wird, dass hier nicht ein paar objektive, der lauteren Wahrheit verpflichtete, g\u00e4nzlich unpolitische rechtschaffene deutsche Historiker von b\u00f6swilligen, dilettantischen Agitatoren blindw\u00fctig verleumdet werden.<\/p>\n<p>Jetzt werfen Sie mir vor, W\u00f6rter zu benutzen, die in einen wissenschaftlichen Kontext nicht hineingeh\u00f6ren. Hand aufs Herz, ich h\u00e4tte Ihre Webseite bisher als ein politisches Projekt betrachtet und unsere Diskussion auch als eine politische \u00fcber die Implikationen, Funktionen und Wirkungen wissenschaftlicher Modelle und Theorien. Auf dem Weg zum virtuellen Hauptseminar hat Ihre Webseite jedenfalls noch einen langen, harten Weg vor sich und der Ableitung Ihres Engagements gegen \u201erechts\u201c aus der Wissensmethodologie und der Hermeneutik sehe sicherlich nicht nur ich erwartungsfroh entgegen.<\/p>\n<p>Ich habe nirgendwo Emotionalit\u00e4t als notwendige Voraussetzung wissenschaftlichen Arbeitens oder als K\u00f6nigsweg historischer Erkenntnis dargestellt, insoweit l\u00e4uft Ihre Polemik ziemlich ins Leere.<\/p>\n<p>Aber ich will damit nicht hinter den Berg halten: Ich besch\u00e4ftige mich mit dem Nationalsozialismus und dem Faschismus \u00fcberhaupt, weil ich emp\u00f6rt \u00fcber die Taten bin und die Theorien mir widerw\u00e4rtig sind, und ich auch sagen w\u00fcrde, dass die Taten aus der Theorie folgen. Damit sich dieses nicht wiederholt, muss ich m\u00f6glichst richtiges Wissen \u00fcber den NS und den Faschismus \u00fcberhaupt haben, und schon darum sollten mir meine politischen \u00dcberzeugungen und auch meine Gef\u00fchlsregungen nicht dazwischen pfuschen \u2014 und das wird kaum gehen, wenn ich nicht auf sie reflektiere und sie auch verbalisiere. Was Anderen dann auch Gelegenheit zu kritischer \u00dcberpr\u00fcfung gibt, aber nat\u00fcrlich auch leicht als Einladung zu pauschaler Ablehnung genutzt werden kann.<\/p>\n<p>Wenn sich mir hingegen jemand als Hohepriester reiner Wissenschaft, der ja nur ganz unschuldig und voraussetzungslos fragt und forscht, geriert, dann gehen bei mir alle ideologiekritischen Antennen auf Empfang. Gerade weil ich einen ganz altbackenen Wahrheits<em>anspruch<\/em> an Wissenschaft habe, will ich, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler darauf reflektieren, was dem entgegenstehen k\u00f6nnte, was eventuell zeitbedingt ist usw. Historiker\/innen sind doch auch Kinder ihrer Zeit, die Methoden, die sie auf andere anwenden, m\u00fcssen sie eben auch auf sich selbst anwenden. Das ist w\u00fcnschenswerte Selbstreflexion.<\/p>\n<p>Ich stimme Nolte explizit zu, dass m\u00f6gliche unerw\u00fcnschte politische Folgen kein Argument f\u00fcr die Unterdr\u00fcckung von Forschungsmethoden und -ergebnissen sein d\u00fcrfen. Das aber kann keine Entschuldigung daf\u00fcr sein, \u00dcberlegungen \u00fcber die m\u00f6gliche Verwendung der eigenen Forschungsergebnisse als nicht zur Sache geh\u00f6rig beiseite zu schieben.<\/p>\n<p>Das hat alles mit Hr. Nolte herzlich wenig zu tun, weil er bei den beiden Interventionen ja keine neuen Ergebnisse oder Quellen vorgelegt hat, sondern durch eine spekulative \u00dcberdehnung einer bekannten, aber nicht zentralen Quelle aus politischen Motiven die Geschichtskultur der Bundesrepublik Deutschland ver\u00e4ndern wollte. Dass es sich um eine geschichtswissenschaftlich verbr\u00e4mte, in Wirklichkeit geschichtspolitisch motivierte Intervention handelte, wird durch die Texte deutlich. Das gef\u00e4llt mir als Geschichtsdidaktiker schon mal prinzipiell nicht.<\/p>\n<p>Zus\u00e4tzlich finde ich aber auch noch die Intention von Hr. Nolte verwerflich. Nein, man kann \u00fcber die Shoah nicht so schreiben und reden wie \u00fcber Gem\u00fcseanbau in Altbabylonien; nicht solange die gesellschaftlichen Voraussetzungen, die Auschwitz m\u00f6glich gemacht haben, weiterbestehen und schon gar nicht in einem Land, in dem man auf jedem gr\u00f6\u00dferen Flohmarkt noch den Nachlass der so genannten Judenauktionen angeboten kriegt, nicht in einem Land, in dem der Antisemitismus wegen Auschwitz weiter virulent ist, nicht in einem Land, in dem sich zwar alle \u00fcberinformiert \u00fcber die Nazi-Zeit f\u00fchlen, aber der Gro\u00dfteil der B\u00fcrger gerade mal wei\u00df, dass Hitlers Sch\u00e4ferhund \u201eBlondie\u201c hie\u00df,  mit dem Wort \u201eSobibor\u201c hingegen nichts anfangen kann.<\/p>\n<p>Das ist keine Aufforderung zu Ideologieproduktion und auch nicht, damit wir uns nicht missverstehen, zur Emotionalisierung, die ich als Methode der politischen Bildung f\u00fcr kontraproduktiv halte und die m. E. auch dem \u00dcberw\u00e4ltigungsverbot entgegensteht. Der \u201ebegriffslose Schrecken\u201c, den manche f\u00fcr die einzig angemessene Form der Besch\u00e4ftigung mit der Shoah halten, n\u00fctzt nichts und bringt auch nicht mehr als folgenlose Betroffenheit hervor. Aber Reflexion auf gesellschaftliche Wirkung und n\u00f6tigenfalls auch Schutzma\u00dfnahmen gegen politische Ausbeutung, das muss jeder Wissenschaftler, jede Wissenschaftlerin tun. Unter dem Gesichtspunkt betrachtet ist das fr\u00f6hliche Achselzucken von Hr. Nolte \u00fcber m\u00f6gliche \u201eGedankenlosigkeit und Selbstzufriedenheit\u201c genauso aufschlussreich wie seine Interviews mit der \u201eJungen Freiheit\u201c.<\/p>\n<p>F\u00fcr einen Proto-Nazi halte ich ihn nicht, Nolte will, soweit man das seinen Schriften entnehmen kann, weder einen Faschismus italienischer oder sonstiger Machart, und schon gar keine Neuauflage des Nationalsozialismus. Ber\u00fchrungs\u00e4ngste gegen\u00fcber dem ultrarechten Spektrum hat er freilich nicht. Die Shoah zu verharmlosen, habe ich ihm nicht vorgeworfen, sondern dass er ihre Bedeutung klein redet \u2013 da sehe ich doch einen Unterschied, auch wenn das eine auf das andere hinauslaufen kann.<\/p>\n<p>Ich bin in Sachen Polemik kein Kind von Traurigkeit und eben auch nicht so zart besaitet wie die Konservativen im Historikerstreit. Deswegen kann ich \u00fcber Ihre Unterstellung, ich wollte mich wohl karrieref\u00f6rderlich an den Zipfel des angeblich linksliberalen Mainstreams h\u00e4ngen, statt mannhaft hermeneutisch Nolte in das wissenschaftliche Eremitendasein zu folgen, breit grinsen.<\/p>\n<p>Es mag f\u00fcr Sie unvorstellbar sein, aber Sie liegen mit Ihrer psychologischen Spekulation falsch und ich halte das, was ich sage und schreibe, tats\u00e4chlich f\u00fcr mehr oder minder richtig. Der omin\u00f6se \u201eau\u00dferwissenschaftliche Anspruch\u201c hat sich bisher nicht bei mir gemeldet, weder mit einem anst\u00e4ndigen Bestechungsversuch noch mit einer angsteinfl\u00f6\u00dfenden Drohung. Sobald sich das \u00e4ndert, werde ich Sie umgehend informieren und freue ich mich auf Ihre Solidarisierung nat\u00fcrlich schon jetzt.<\/p>\n<p><strong>Brodkorb:<\/strong> Nun, \u00fcber Ihre au\u00dferwissenschaftlichen Motivationen haben Sie ja gerade beredt und deutlich Zeugnis abgelegt (\u201enicht in einem Land&#8230;\u201c). Wenn man aber \u00fcber die Shoah nicht schreiben kann wie &#8222;\u00fcber den Gem\u00fcseanbau in Altbabylonien&#8220;, m\u00fcsste man dann nicht hinzuf\u00fcgen, dass es auch die Opfer des Gulags verdient h\u00e4tten, dass \u00fcber sie nicht geschrieben wird wie &#8222;\u00fcber den Gem\u00fcseanbau in Altbabylonien&#8220;? Und wenn ja: W\u00fcrde man dann <em>dadurch<\/em> die Shoah \u201ekleinreden\u201c? Nolte jedenfalls hat weder das eine noch das andere getan. Damit ob all der vielen Worte nicht vergessen wird, um welche simple Sache es eigentlich geht: Sie wollen nicht in die N\u00e4he von Nolte ger\u00fcckt werden, weil dieser angeblich die Shoah \u201ekleinredet\u201c. Dazu schreiben Sie: \u201eEr wird schon wissen, warum er nicht \u201aNachahmung\u2018 oder \u201a\u00fcberschie\u00dfende Antwort\u2018 schreibt, sondern von \u201aOriginal\u2018 und \u201aKopie\u2018.\u201c Sehen wir uns doch einmal die von Ihnen herangezogene Stelle an. Nolte schreibt:<\/p>\n<p><em>\u201eAuschwitz resultiert nicht in erster Linie aus dem \u00fcberlieferten Antisemitismus und war im Kern nicht ein blo\u00dfer &#8218;V\u00f6lkermord&#8216;, sondern es handelte sich vor allem um die aus Angst geborene Reaktion auf die Vernichtungsvorg\u00e4nge der Russischen Revolution. Diese Kopie war um vieles irrationaler als das fr\u00fchere Original (denn es war einfach eine Wahnvorstellung, da\u00df &#8218;die Juden&#8216; jemals die Vernichtung des deutschen B\u00fcrgertums oder gar des deutschen Volkes gewollt h\u00e4tten), und es f\u00e4llt schwer, ihr auch nur ein pervertiertes Ethos zuzugestehen. Sie war entsetzlicher als das Original, weil sie die Menschenvernichtung auf eine quasi industrielle Weise betrieb. Sie war absto\u00dfender als das Original, weil sie auf blo\u00dfen Vermutungen beruhte und nahezu frei von jenem Massenha\u00df war, der innerhalb des Schrecklichen immerhin ein verst\u00e4ndliches und insofern vers\u00f6hnendes Element ist. Doch all das begr\u00fcndet zwar Singularit\u00e4t, \u00e4ndert aber nichts an der Tatsache, da\u00df die sogenannte Judenvernichtung des Dritten Reiches eine Reaktion oder verzerrte Kopie und nicht ein erster Akt oder das Original war.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Bei aller Rede von \u201eKopie\u201c und \u201eOriginal\u201c l\u00e4sst Nolte also von Anfang an keinen Zweifel daran, dass er Auschwitz f\u00fcr singul\u00e4r h\u00e4lt. Gelten \u201eentsetzlich\u201c und \u201eabsto\u00dfend\u201c nun schon als Verniedlichungen? Nach der hermeneutischen Methode w\u00fcrde man wohl aus dem Kontext schlie\u00dfen m\u00fcssen, dass Nolte die Worte \u201eKopie\u201c und \u201eOriginal\u201c nicht so gebrauchen kann, wie es Ihnen auf den ersten Blick scheint. Sie hingegen machen es genau umgekehrt: Sie unterstellen Nolte ein bestimmtes Verst\u00e4ndnis von \u201eKopie\u201c und \u201eOriginal\u201c, das Sie textlich nicht einmal belegen, um damit den Ihrer Interpretation entgegenstehenden Kontext zu entwerten. Wenn man den letzten Satz jedoch unbefangen und im Gesamtkontext interpretiert, kann man m. E. nicht zu einer sehr viel anderen Schlussfolgerung kommen als jener, dass es sich hier um explikative Optionen handelt. Mit \u201eKopie\u201c meint er also eigentlich \u201everzerrte Kopie\u201c (und eben kein Duplikat) und mit \u201eOriginal\u201c so etwas wie den \u201eersten Akt\u201c, also etwas zeitlich zuvor Geschehenes, an dem sich zugleich in gewisser Hinsicht mimetisch orientiert wird.<\/p>\n<p>Offenbar w\u00fcrden Sie Noltes \u201everwerfliche Intention\u201c, die Sie durch Ihre Ausf\u00fchrungen au\u00dferdem f\u00fcr \u201eersch\u00f6pfend\u201c bewiesen halten, anders beurteilen, wenn er nicht von \u201eKopie\u201c, sondern \u201eNachahmung\u201c oder von \u201e\u00fcberschie\u00dfender Antwort\u201c gesprochen h\u00e4tte. Das jedenfalls deuteten Sie an. Aber auch das hat Nolte getan, was jedoch voraussetzt, dass Sie seine eigentlichen ausf\u00fchrlichen Studien zur Kenntnis nehmen und nicht nur Noltes \u201eReader\u2019s Digest\u201c. In \u201eDer kausale Nexus\u201c (2002) nennt er den Nationalsozialismus eine \u201eNachahmung\u201c des Kommunismus &#8211; allerdings eine \u201eartifizielle\u201c. In \u201eDer Nationalsozialismus\u201c (1970) spricht er beim Kampf gegen den Marxismus von einer \u201e\u00fcbertreffenden Nachahmung\u201c, was von einer \u201e\u00fcberschie\u00dfenden Antwort\u201c nicht ganz weit entfernt ist. Und in dem Buch \u201eDer Europ\u00e4ische B\u00fcrgerkrieg 1917-1945\u201c (1987), dessen Kurzfassung in der FAZ den Historikerstreit \u00fcberhaupt erst ausgel\u00f6st hat, betrachtet er den Nationalsozialismus als \u201eAntwort auf die kommunistische Herausforderung\u201c. Und dann schreibt er den wahrscheinlich aus Ihrer Sicht ganz paradoxen Satz: \u201eAber von fr\u00fch an hatte diese Antwort auch Merkmale einer Kopie, wie sich schon in der blo\u00df abwandelnden \u00dcbernahme des roten Fahnentuches zeigte.\u201c Doch daran ist eben nichts Paradoxes: F\u00fcr Nolte war der Nationalsozialismus eine Reaktion, eine Antwort auf den Bolschewismus, die sich diesen zumindest an bestimmten Punkten dennoch zugleich zum \u201eVorbild\u201c (ein Wort, das Nolte neben \u201eSchreckbild\u201c statt \u201eOriginal\u201c ebenfalls verwendet) genommen und ihn dabei dennoch \u00fcberboten hat. Allerdings h\u00e4tte man soweit gar nicht gehen m\u00fcssen. Denn der von Ihnen herangezogene Aufsatzband enth\u00e4lt nicht nur zwei, sondern drei Aufs\u00e4tze von Nolte. Im bisher unerw\u00e4hnten dritten Aufsatz spricht er nat\u00fcrlich davon, dass Auschwitz eine \u201eAntwort\u201c auf den Archipel Gulag sei, allerdings eine durch \u201eInterpretation vermittelte Antwort\u201c &#8211; und zwar durch die falsche Interpretation, es g\u00e4be so etwas wie einen \u201ej\u00fcdischen Bolschewismus\u201c.<\/p>\n<p>Noch etwas interessanter ist aber der \u201eB\u00fcrgerkrieg\u201c: Ein paar hundert Seiten nach der bereits zitierten Stelle l\u00f6st Nolte sogar wortw\u00f6rtlich die von Ihnen geforderte Rede vom \u201e\u00dcberschie\u00dfenden\u201c ein, wenn er feststellt, \u201eda\u00df der nationalsozialistische Antibolschewismus eine verstehbare und in bestimmten Grenzen sogar berechtigte, aber eben \u00fcberschie\u00dfende und in diesem ihrem \u00dcberschie\u00dfen inad\u00e4quate Reaktion war.\u201c Wenn Sie nun nicht \u201e\u00fcberschie\u00dfende Antwort\u201c und \u201e\u00fcberschie\u00dfende Reaktion\u201c f\u00fcr v\u00f6llig inkommensurable Dinge halten, sagt Nolte also genau das, was Sie fordern, um sich gerade <em>nicht<\/em> des Kleinredens der Shoah schuldig zu machen. Und diese Tatsache erzwingt die einfache Frage: Hat nicht auch Nolte den Respekt verdient, dass man sich nur dann dezidiert und \u201eersch\u00f6pfend\u201c \u00fcber ihn \u00e4u\u00dfert, wenn man seine Schriften auch gelesen hat? Das eigentliche Problem an Noltes Thesen ist doch eher die Behauptung, dass Auschwitz eine \u201ein bestimmten Grenzen sogar berechtigte\u201c Reaktion gewesen sei. DAS w\u00fcrde in der Tat eine \u201eEmp\u00f6rung\u201c rechtfertigen, weil es ein Einfallstor f\u00fcr den Antisemitismus darstellt und mich wundert, dass Sie nicht an dieser Stelle des Werkes Noltes mit aller Vehemenz sagen, was fraglos zu sagen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Ende Teil 2<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/b79eeb9ab7da40e8b6d256e670a2b15f\" height=\"1\" width=\"1\" \/><\/p>\n<p><strong>Endnoten:<\/strong><\/p>\n<p class=\"MsoEndnoteText\"><span style=\"font-size: 8pt;\"><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif;\"><span class=\"MsoEndnoteReference\">[1]<\/span> \u201cDie Kopie war um vieles irrationaler als das fr\u00fchere Original&#8230; sie war entsetzlicher als das Original &#8230; sie war absto\u00dfender als das Original &#8230; doch all das begr\u00fcndet zwar Singularit\u00e4t , \u00e4ndert aber nichts an der Tatsache, da\u00df die sogenannten [sic!] Judenvernichtung  des Dritten Reichs eine Reaktion oder verzerrte Kopie und nicht ein erster Akt oder das Original war\u201d. (Nolte, Ernst: Zwischen Geschichtslegende und Revisionismus?. Das Dritte Reich im Blickwinkel des Jahres 1980. In: \u201cHistorikerstreit\u201d, Die Dokumentation der Kontroverse um die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Judenvernichtung. M\u00fcnchen: Piper 1987<sup>5<\/sup>, S. 32\/33.) <\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"MsoEndnoteText\"><span style=\"font-size: 8pt;\"><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif;\"><span class=\"MsoEndnoteReference\">[2]<\/span> Nolte, Ernst: Vergangenheit, die nicht vergehen will. Eine Rede, die geschrieben, aber nicht gehalten werden konnte. In: \u201cHistorikerstreit\u201d, Die Dokumentation der Kontroverse um die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Judenvernichtung. M\u00fcnchen: Piper 1987<sup>5<\/sup>, S. 45. <\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"MsoEndnoteText\"><span style=\"font-size: 8pt;\"><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif;\"><span class=\"MsoEndnoteReference\">[3]<\/span> Nolte, Ernst: Zwischen Geschichtslegende und Revisionismus?. Das Dritte Reich im Blickwinkel des Jahres 1980. In: \u201cHistorikerstreit\u201d, Die Dokumentation der Kontroverse um die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Judenvernichtung. M\u00fcnchen: Piper 1987<sup>5<\/sup>, S. 14\/15.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"MsoEndnoteText\"><span style=\"font-size: 8pt;\"><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif;\"><span class=\"MsoEndnoteReference\">[3]<\/span> Nolte, Ernst: Vergangenheit, die nicht vergehen will. Eine Rede, die geschrieben, aber nicht gehalten werden konnte. In: \u201cHistorikerstreit\u201d, Die Dokumentation der Kontroverse um die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Judenvernichtung. M\u00fcnchen: Piper 1987<sup>5<\/sup>, S. 42\/43. <\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"MsoEndnoteText\"><span style=\"font-size: 8pt;\"><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif;\"><span class=\"MsoEndnoteReference\">[5]<\/span> Nolte, Ernst: Vergangenheit, die nicht vergehen will. Eine Rede, die geschrieben, aber nicht gehalten werden konnte. In: \u201cHistorikerstreit\u201d, Die Dokumentation der Kontroverse um die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Judenvernichtung. M\u00fcnchen: Piper 1987<sup>5<\/sup>, S. 41.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"MsoEndnoteText\"><span style=\"font-size: 8pt;\"><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif;\"><span class=\"MsoEndnoteReference\">[6]<\/span> Die Frage, ob in diesen \u00dcberlegungen nicht ein \u201cKern des Richtigen\u201d in diesen \u00dcberlegungen steckt ist offensichtlich rhetorischer Natur.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"MsoEndnoteText\"><span style=\"font-size: 8pt;\"><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif;\"><span class=\"MsoEndnoteReference\">[7]<\/span> Nolte, Ernst: Vergangenheit, die nicht vergehen will. Eine Rede, die geschrieben, aber nicht gehalten werden konnte. In: \u201cHistorikerstreit\u201d, Die Dokumentation der Kontroverse um die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Judenvernichtung. M\u00fcnchen: Piper 1987<sup>5<\/sup>, S. 42. <\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"MsoEndnoteText\"><span style=\"font-size: 8pt;\"><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif;\"><span class=\"MsoEndnoteReference\">[8]<\/span> Nolte, Ernst: Zwischen Geschichtslegende und Revisionismus?. Das Dritte Reich im Blickwinkel des Jahres 1980. In: \u201cHistorikerstreit\u201d, Die Dokumentation der Kontroverse um die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Judenvernichtung. M\u00fcnchen: Piper 1987<sup>5<\/sup>, S. 24\/25. <\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"MsoEndnoteText\"><span style=\"font-size: 8pt;\"><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif;\"><span class=\"MsoEndnoteReference\">[9]<\/span> http:\/\/www.ernst-nolte.de\/Vortrage\/Vortrage_Hohmann\/Der_Fall_Hohmann.pdf eingesehen am 23.4.2010, 11:00. <\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"MsoEndnoteText\"><span style=\"font-size: 8pt;\"><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif;\"><span class=\"MsoEndnoteReference\">[10]<\/span> Nolte, Ernst: Vergangenheit, die nicht vergehen will. Eine Rede, die geschrieben, aber nicht gehalten werden konnte. In: \u201cHistorikerstreit\u201d, Die Dokumentation der Kontroverse um die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Judenvernichtung. M\u00fcnchen: Piper 1987<sup>5<\/sup>, S. 45.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 8pt;\"><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif;\"><span class=\"MsoEndnoteReference\">[11]<\/span> Nolte, Ernst: Vergangenheit, die nicht vergehen will. Eine Rede, die geschrieben, aber nicht gehalten werden konnte. In: \u201cHistorikerstreit\u201d, Die Dokumentation der Kontroverse um die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Judenvernichtung. M\u00fcnchen: Piper 1987<sup>5<\/sup>, S. 40<\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor 25 Jahren tobte in Deutschland der so genannte &#8222;Historikerstreit&#8220; zwischen dem Historiker Ernst Nolte und dem Philosophen J\u00fcrgen Habermas \u00fcber die Singularit\u00e4t von Auschwitz. Der Historiker Frank Sobich und Mathias Brodkorb f\u00fchrten unl\u00e4ngst ein Streitgespr\u00e4ch \u00fcber zentrale Thesen Noltes, das aus diesem aktuellen Anlass in mehreren Teilen ver\u00f6ffentlicht wird. 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