{"id":6549,"date":"2011-06-15T10:18:44","date_gmt":"2011-06-15T08:18:44","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/?p=6549"},"modified":"2011-06-15T10:18:44","modified_gmt":"2011-06-15T08:18:44","slug":"faschismus-und-radikalfaschismus-iii-ein-streitgesprach-uber-ernst-nolte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2011\/06\/15\/faschismus-und-radikalfaschismus-iii-ein-streitgesprach-uber-ernst-nolte_6549","title":{"rendered":"Faschismus und Radikalfaschismus III &#8211; Ein Streitgespr\u00e4ch \u00fcber Ernst Nolte"},"content":{"rendered":"<p>Vor 25 Jahren tobte in Deutschland der so genannte &#8222;Historikerstreit&#8220; zwischen dem Historiker Ernst Nolte und dem Philosophen J\u00fcrgen Habermas \u00fcber die Singularit\u00e4t von Auschwitz. Der Historiker Frank Sobich und Mathias Brodkorb f\u00fchrten unl\u00e4ngst ein Streitgespr\u00e4ch \u00fcber zentrale Thesen Noltes, das aus diesem aktuellen Anlass in mehreren Teilen ver\u00f6ffentlicht wird. (Teil 3)<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>Sobich:<\/strong> Sie haben in zwei Sachen v\u00f6llig recht . Erstens: Man kann generell nicht \u00fcber menschliches Leiden schreiben, wie \u00fcber Gem\u00fcseanbau. Das gilt auch f\u00fcr den Gulag. Der Hinweis ging allerdings nicht an Hr. Nolte, sondern an Sie, bei unserem kleinen Exkurs \u00fcber Wissenschaftlichkeit und Emotionalit\u00e4t.<\/p>\n<p>Zweitens teile ich Ihre Kritik und Bewertung der Versuche von Nolte, der Shoah irgendeinen verst\u00e4ndlichen oder nachvollziehbaren Anteil zuzusprechen. Hier macht er allerdings einen sehr klassischen Fehler, mit dem er nicht allein ist und der an sich auch noch kein Hinweis auf eine merkw\u00fcrdige Intention ist: Er geht davon aus, dass es bei jedem Vorurteil, jedem Klischee, jedem Stereotyp oder wie immer Sie es nennen wollen, irgendeinen Realanteil geben muss. Um es in Ihren Worten zu sagen: Dass z. B. der Antisemitismus auf der abstrusen und unzul\u00e4ssigen Verallgemeinerung verschiedener Erfahrungen beruht. Grundlinie der Argumentation ist, dass es immer jemanden geben muss, der Sauerkraut oder Knoblauch isst, einen gr\u00f6\u00dferen Penis hat oder kleine Kinder t\u00f6tet, damit entsprechende Vorstellungen \u00fcber seine oder ihre Gruppe entstehen k\u00f6nnen. Das ist, um es mal ganz klar zu sagen, ein Schmarrn. Dieses Vorurteil \u00fcber Vorurteile muss man aufgeben, wenn man den Sinn des Wahn-Sinns begreifen will. Denn es stimmt einfach nicht und darum geht jede \u201eWo Rauch ist, wird irgendwo schon auch ein Feuer zu finden sein\u201c- Logik ins Leere \u2014 und kippt ab und an auch in die Apologetik des Rassismus und Antisemitismus um.<\/p>\n<p>Das soll nicht hei\u00dfen, dass Verallgemeinerungen nie eine Rolle spielen k\u00f6nnen, aber es ist schlichtweg falsch, davon auszugehen, dass das immer der Fall sein muss. Und im Fall des Antisemitismus ist es auch ziemlich evident, das es keine Rolle spielt, ob irgendwo jemand wirklich sitzt, der nach g\u00e4ngigen antisemitischen Kriterien als \u201eJude\u201c zu definieren w\u00e4re. Wenn Antisemiten niemanden finden \u2014 schon die Suche ist doch dem Verdacht geschuldet \u2014 dann erfinden sie jemanden, das sehende Auge des Glaubens und \u201eWissens\u201c wird da schnell f\u00fcndig. Oder sie erkl\u00e4ren es als besonders raffiniertes T\u00e4uschungsman\u00f6ver. Auf solche Mechanismen haben \u00fcbrigens schon Rosa Luxemburg und George Orwell hingewiesen, das sind also nicht gerade brandneue Erkenntnisse der Antisemitismusforschung.<\/p>\n<p>Die Realit\u00e4t der Gruppe, \u00fcber die es negative Vorstellungen gibt, ist nicht wirklich interessant f\u00fcr die Erkl\u00e4rung, nicht die Welt, sondern die gesellschaftlich verbreitete Vorstellungswelt spielt hier eine Rolle.<\/p>\n<p>Was ich noch alles an Hr. Noltes Ausf\u00fchrungen falsch und schlecht finde, habe ich nur kurz angedeutet. Aber wo Sie die Sprache drauf bringen, auch gerne dazu noch etwas. Der ganze Gestus des wohlabgewogenen Urteilens, der dem NS eine \u201efaire\u201c Behandlung zusichert und sich bei jedem Massenmord fragt, ob der T\u00e4ter nicht auch \u2014 subjektiv oder objektiv \u2014 gute Gr\u00fcnde gehabt haben k\u00f6nnte, ist ziemlich widerlich, das stimmt schon. Da Sie sich wundern, dass ich darauf nicht eingegangen bin: Sie haben mir eine konkrete Frage gestellt, auf die ich versucht habe konkret zu antworten, n\u00e4mlich ob und wo Hr. Nolte das Kleinreden und die letztliche Ableugnen der Singularit\u00e4t nachzuweisen w\u00e4re. Das hielten Sie ja f\u00fcr ein M\u00e4rchen und k\u00f6nnen es immer noch nicht glauben.<\/p>\n<p>Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Hr. Nolte hat sich klar ge\u00e4u\u00dfert. Er hat u. a. die Ausdr\u00fccke Original und Kopie verwendet, und seine langen Ausf\u00fchrungen zu den Unterschieden, die ich jetzt inhaltlich gar nicht bewerten will, zeigen doch, dass ihm das Problem sogar bewusst war. Dessen ungeachtet hat er diese Ausdr\u00fccke benutzt und sich m. W. auch nie davon distanziert oder auch nur gesagt, dass das vielleicht etwas unpr\u00e4zise war. Wer so formuliert und sich nicht korrigiert, der meint wohl, was er nach dem \u00fcblichen Verst\u00e4ndnis sagt, wenn er von Kopie und Original redet. Und die Frage, ob Hr. Nolte woanders auch anders \u00fcber die Shoah gesprochen hat, ist daf\u00fcr nicht wirklich relevant. Sondern wirft ja eher die Frage auf: Warum hat er denn diese Formulierungen benutzt, wenn ihm auch andere, in seinen Augen treffende, zur Verf\u00fcgung standen? Ganz ehrlich: Ich bin sehr zufrieden, dass er dankenswerter Weise zwischendurch Klartext spricht und ich nicht auf die Ebene der hermeneutischen oder psychologischen Spekulation gehen muss, wie Sie das fortgesetzt tun.<\/p>\n<p>Damit wir uns richtig verstehen: Der zu Grunde liegende Gedanke von Hr. Nolte bleibt dabei falsch, egal wie er ihn nun genau formuliert. Die politische Rechte brauchte keinen realen \u201elinken\u201c Terror, um auf Vernichtungsphantasien gegen den Gegner zu kommen und Faschismus ist mehr als radikaler Antikommunismus \u2014 und die Shoah ist keine, wie auch immer geartete, Antwort auf den Gulag.<\/p>\n<p>Noltes Intention ist politischer Natur, sein Vorgehen ist zum Teil spekulativ, zum Teil, vorsichtig ausgedr\u00fcckt, ziemlich eigenwillig, sein Resultat ist wissenschaftlich nicht haltbar und seine Definition des Faschismus ist falsch. Ich denke, ich habe hinreichend gekl\u00e4rt, warum ich mich nicht an ihn \u201eanlehne\u201c, wie Sie es behauptet haben. \u00dcber den Rest werden wir uns wohl leider nicht einigen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Brodkorb:<\/strong> In der Tat, von einer Einigung sind wir leider so weit entfernt wie vor dem ersten Wort, das wir gewechselt haben. Aber dann noch eine letzte Frage in der Sache: Nolte wird vom, wie Sie es nennen, \u201eultrarechten Spektrum\u201c immer wieder massiv kritisiert. Von Mohler wird er zum Beispiel ausdr\u00fccklich wegen seiner Verteidigung der Singularit\u00e4t angegriffen: \u201eAber Nolte \u2013 das ist ja das Schlimmste \u2013 zementiert geradezu die These von der \u201aSingularit\u00e4t\u2019 der deutschen Verbrechen. Er findet sogar eine neue Kategorie des Verbrechens, das transzendentale Verbrechen, das nur die Deutschen begangen haben. Er ist ein Liberaler, er ist gar nicht so weit entfernt von Habermas. Nur: Die Leute lesen das nicht, nehmen das nicht zur Kenntnis.\u201d Das ist ein Punkt in der Singularit\u00e4tsdebatte, den wir noch gar nicht ber\u00fchrt haben, obwohl er unverzichtbar ist. Tats\u00e4chlich steht im Zentrum der Theorie Noltes von Beginn an die anthropologische These nach einem unaufhaltsamen Streben nach Transzendenz sowie dessen Verwirklichung. Und er vertritt in der Tat die Position, dass erstmals und allein die Nazis mittels Auschwitz den Versuch unternommen h\u00e4tten, die theoretische und die praktische Transzendenz identisch zu machen, indem die Geschichte angehalten wird. Der Ungeheuerlichkeit und Singularit\u00e4t der Opfersituation steht bei Nolte also zugleich eine ebenso gro\u00dfe Ungeheuerlichkeit und Singularit\u00e4t der T\u00e4terperspektive gegen\u00fcber. Und genau dies ist der Grund, warum Mohler Noltes Position so scharf attackieren muss: weil sie einer bruchlosen Wiederaneignung deutscher Geschichte im Rahmen einer nationalistisch aufgeladenen Geschichtspolitik un\u00fcberwindbar entgegensteht.<\/p>\n<p>Da Nolte jedoch auf beiden Seiten Singularit\u00e4t postuliert &#8211; auf Seiten der Opfer wie der T\u00e4ter -, und die Singularit\u00e4t der T\u00e4terperspektive anthropologisch priorit\u00e4r, die der Opfer jedoch abgeleitet ist, l\u00e4uft Ihre These, Nolte meine das mit der Singularit\u00e4t gar nicht ernst, auf die viel entscheidendere These hinaus, Nolte meine es mit seiner Transzendenztheorie ebenfalls nicht ernst, obwohl sie bekannterma\u00dfen das Kernst\u00fcck darstellt, um das sich seit Jahrzehnten &#8211; bis heute &#8211; sein gesamtes Denken dreht. Dies wiederum w\u00e4re nur erkl\u00e4rbar, wenn man Nolte unterstellte, er verfolgte seit Jahrzehnten ein kurioses T\u00e4uschungsman\u00f6ver, h\u00e4tte sich also gewisserma\u00dfen seine Transzendenztheorie als Schutzschild vor Angriffen auf das ebenfalls vorget\u00e4uschte Singularit\u00e4tspostulat geschaffen. Und da Sie so viel Richtiges \u00fcber Vorurteile und die Tatsache geschrieben haben, dass diese zu ihrer Wirksamkeit nicht eines empirisch \u00fcberpr\u00fcfbaren Gehaltes bed\u00fcrfen: Droht man nicht selbst in Vorurteilsstrukturen zu verfallen, wenn man Nolte &#8211; \u00fcbrigens ohne jeden Textbeleg &#8211; vorwirft, seine Absichten seien nur &#8222;politischer Natur&#8220; und bei jedem textorientierten Versuch der \u00dcberpr\u00fcfung dieser These lediglich auf eine &#8211; und dies ist wohl gewiss nicht wohlwollend gemeint &#8211; &#8222;Ebene der hermeneutischen oder psychologischen Spekulation&#8220; verweist? Mit anderen Worten: Was k\u00f6nnte Nolte unter solchen Bedingungen \u00fcberhaupt noch tun, um sich selbst gegen Ihre These zu verteidigen &#8211; und zwar sogar wenn es v\u00f6llig falsch w\u00e4re, was Sie sagen? Jeder Versuch, die einzelnen Texte ins Gesamtwerk einzuordnen, die Begriffe in ihrer Verwendung gegenseitig zu st\u00fctzen und zu erhellen etc., die akzeptierte Methode der Hermeneutik ins Spiel zu bringen, also auch zu zeigen, dass etwas anderes als eine politische Intention vorliegt, z\u00f6ge ja wahrscheinlich erneut den Vorwurf nach sich, dass auch diese Argumente gegen die politische Natur der Argumente selbst lediglich \u201epolitischer Natur\u201c w\u00e4ren. Wie aber, so muss man doch fragen, kann ein fairer Prozess unter solchen Bedingungen \u00fcberhaupt noch stattfinden? Richter zum Angeklagten: &#8222;Herr Angeklagter, Sie l\u00fcgen.&#8220; Angeklagter zum Richter: &#8222;Euer Ehren, ich l\u00fcge nicht.&#8220; Richter zum Angeklagten: &#8222;Wusste ich&#8217;s doch! Sie l\u00fcgen schon wieder, indem Sie behaupten, die Wahrheit zu sagen. Da Sie l\u00fcgen, kann das ja nicht stimmen.&#8220; Ein Vor-Urteil eben.<\/p>\n<p><strong>Sobich:<\/strong> Ich werde in diesen Wettbewerb um die Gadamer-Medaille f\u00fcr angewandte Hermeneutik nicht einsteigen. Der hermeneutische Zirkel, also dass wir unsere Vorerwartungen an den Text herantragen und darum in einem Text das zu lesen glauben, was wir vorher bereits angenommen haben, was wohl drin stehen w\u00fcrde, ist ja nicht mein individuelles Problem, sondern kann man genau so gegen Sie wenden. Weil Sie aus Ihrer Kenntnis des Gesamtwerks zu wissen glauben, was Nolte nur gemeint haben kann, wollen Sie die Stellen, wo er &#8211; wie ich finde eindeutig  &#8211; sagt, was er m\u00f6chte, so ins Gesamtwerk einordnen, dass sie keine Bedeutung mehr haben. Das ist Hermeneutik nicht als Textauslegung, sondern als Textabwehr.<\/p>\n<p>Ihr sch\u00f6nes Richterbeispiel hakt schon an einem Punkt. Wir sind nicht vor Gericht. Die Unschuldsvermutung gilt vor Gericht. Wo der Staat die Schuld nicht nachweisen kann, da muss im Zweifelsfalle f\u00fcr den Angeklagten entschieden werden, weil die Bestrafung eines Unschuldigen schlimmer w\u00e4re als die Straflosigkeit eines Verbrechers. Das historische Urteil hat weder Schuld- noch Unschuldsvermutung, ihm stehen auch keine anderen Gewaltmittel  als Argumente zur Verf\u00fcgung, es kann jederzeit widerrufen werden, wenn neue Gesichtspunkte auftauchen. Die historische Urteilsfindung hat Wahrheit zum Ziel, im Sinne von Belegbarkeit, Triftigkeit, Plausibilit\u00e4t und logischer Widerspruchsfreiheit. Was Nolte tun k\u00f6nnte w\u00e4re, die von mir vertretenen Position dadurch entgegen zu treten, dass er triftig erkl\u00e4rt, was er mit den von mir angef\u00fchrten S\u00e4tzen denn dann gemeint hat. Oder z. B. erkl\u00e4rt, dass er ungl\u00fccklich und missverst\u00e4ndlich formuliert hat. Das habe ich in diesem Interview ja auch schon gemacht. Das alles tut Nolte m. W. nicht und seine Entgegnungen im Historikerstreit sind eher Themen- und Gegenstandswechsel, aber kein \u00fcberzeugender Abweis. Diese ganze \u00dcberlegung macht \u00fcbrigens nur Sinn aus der Perspektive, dass Sie glauben, dass Sie wissen, was Nolte eigentlich gemeint hat. Daf\u00fcr ignorieren Sie mit beachtlicher Hartn\u00e4ckigkeit entgegenstehende Textstellen.<\/p>\n<p>Und Ihre aktuelle Argumentation geht so: Meine ziemlich vergr\u00f6berte Interpretation davon, wie Sobich einige Texte von Nolte interpretiert, w\u00fcrde zusammen genommen mit Schlussfolgerungen aus meiner Interpretation von Nolte plus einigen meiner Verl\u00e4ngerungen daraus am Ende zu einem absurden Gesamtergebnis f\u00fchren &#8211; darum kann Sobichs Interpretation nicht richtig sein. Es k\u00f6nnte drei andere Fehlerquellen geben. Sie k\u00f6nnten sich in Ihren Interpretationen, Schlussfolgerungen und gedanklichen Weiterverl\u00e4ngerungen von Nolte irren, oder Nolte ist widerspr\u00fcchlicher als Sie denken, oder Nolte hat zu verschiedenen Zeiten Unterschiedliches gewollt, gedacht und geschrieben, so dass sich Noltes \u00dcberlegungen einer Systematisierung als <em>dem<\/em> Theoriegeb\u00e4ude Noltes notwendig entziehen. Pr\u00fcfen Sie das doch mal wohlwollend.<\/p>\n<p>Wir haben angefangen, damit, dass Sie aufgrund eines Begriffs mir inhaltliche N\u00e4he zu Hr. Nolte vorwerfen zu k\u00f6nnen glaubten. Im Rahmen unseres Gespr\u00e4chs haben wir, neben unserem eigentlichen Thema, \u00fcber meine These gestritten, dass sich mit Grund Hr. Nolte vorwerfen lassen muss, dass er  &#8211; absichtlich oder unabsichtlich &#8211; die qualitative Verschiedenheit des nationalsozialistischen Vernichtungsprogramm kleinrede und der Sache nach ableugne, wiewohl er sie rhetorisch betont. Da habe ich, wenn Sie sich erinnern, auch zur\u00fcckgerudert und einige etwas apodiktische Formulierungen noch mal nachgebessert, weil es ja stimmt, dass Hr. Nolte mittlerweile der Behandlung der Shoah durchaus gr\u00f6\u00dferen Platz einr\u00e4umt. Jetzt diskutieren Sie mit mir &#8211; bzw. Sie versuchen das zu diskutieren und ich versuche, das nicht zu diskutieren, weil ich es eine f\u00fcr unseren Zusammenhang uninteressante Spezialdiskussion finde &#8211;  ob Hr. Nolte dies schon immer gedacht habe und alles, was er sagt und schreibt und gesagt und geschrieben hat, auf jene \u00c4u\u00dferungen hinausl\u00e4uft, die er seit den 1980er Jahren in vielfachen Kontexten getan hat.<\/p>\n<p>Nehme ich \u00e4ltere Sachen von Hr. Nolte zur Hand, lese ich viele Dinge, mit denen ich durchaus etwas anfangen kann, anderes ist fragw\u00fcrdig, vieles ist auch durch weitere Forschungen relativiert oder \u00fcberholt &#8211; und einiges ist jeweils dem Zeitgeist und den verschiedenen Moden, die es ja auch in der Geschichtswissenschaft gibt, geschuldet. Und manches halte ich auch f\u00fcr Quark und eine verfehlte Betrachtung. Mit dieser Forschung hat sich Hr. Nolte sein Renommee  erworben, zuerst als Eisbrecher gegen die Totalitarismustheorie, sp\u00e4ter als Widerpart gegen vulg\u00e4rmarxistische Deutungen des NS.  Dieses Renommee hat er benutzt, um in \u00f6ffentlichen Debatten eine bestimmte geschichtspolitische Schwerpunktverlagerung zu fordern, und das mit haarstr\u00e4ubenden Argumentationen, die eines Wissenschaftlers unw\u00fcrdig sind. Sein ganzes Gerede davon, der Zweite Weltkrieg k\u00f6nne vielleicht doch objektiv ein Pr\u00e4ventivkrieg gewesen sein, sein uns\u00e4gliches Geschw\u00e4tz \u00fcber irgendwelche Weizmann- oder Tucholsky-Zitate, die die Gef\u00fchle und Taten der Nazi-F\u00fchrung \u201everstehbarer\u201c machen w\u00fcrden, sein Beharren darauf, \u201eTatsachenbehauptunge, unter Umst\u00e4nde sogar Interpretationen, die sich in der sogenannten rechtsradikalen Literatur finden\u201d, k\u00f6nnten die Geschichtswissenschaft bereichern, war eben die Begleitmusik dazu. Er sagt es im Interview mit der israelischen Haaretz in sch\u00f6ner Deutlichkeit: \u201eEs sollte ein Schlu\u00dfstrich unter die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus gezogen werden, sofern sie selbst charakterisiert ist durch die kollektivistische Schuldzuschreibung\u201d und f\u00fcgt hinzu: \u201esie k\u00f6nnten sagen, der Artikel ist gegen diese kollektivistische Schuldzuschreibung geschrieben\u201d (Nolte, Ernst: Vergangenheit, die nicht vergehen will. Antworten an meiner Kritiker im sogenannten Historikerstreit. Frankfurt, 2. Erw. Auflage 1988, S. 105). Die These einer deutschen Kollektivschuld kenne ich in erster Linie als Phantasie von Rechtsradikalen, die diesen Pappkameraden brauchen, um das Gef\u00fchl des  beleidigten Nationalismus zur Abwehr gegen eine Auseinandersetzung mit dem nationalsozialistischen Deutschland mobilisieren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Je l\u00e4nger ich mich mit Hr. Note befasse, umso eher tendiere ich dazu, ihn in den ordentlichen, konservativ-liberalen Wissenschaftler der 1960er und 1970er Jahre und den nationalkonservativen Geschichtspolitiker seit den 1980er Jahren einzuteilen. Es gibt zwischen beiden Kontinuit\u00e4ten und Br\u00fcche. Eine Verbindung zwischen beiden besteht zumindest in der Tatsache, dass Nolte den Antisemitismus nicht ernst nimmt und nicht als Grund der Shoah erkennt. Aber die Praktizierung einer solchen eliminatorischen Ideologie als  Staatsprogramm, die der Versuch der weltweiten Ermordung aller Mitglieder einer Menschengruppe war, macht doch die eigentliche Singularit\u00e4t aus und ist doch der Grund, warum die Besch\u00e4ftigung mit der Shoah nach wie vor aktuelle Bedeutung hat.<\/p>\n<p>Wenn sich hingegen jemand fragt, ob es nicht einen Kern des Richtigen habe, dass die  \u00fcberm\u00e4\u00dfige Besch\u00e4ftigung mit der Shoah von anderen wichtigen Ereignissen in der NS-Zeit &#8211; vor allem aber von entscheidenden Fragen der Gegenwart &#8211; ablenke, dann ist das kein geschichtswissenschaftliches Vorgehen, sondern eine geschichtspolitische Intervention aus au\u00dferwissenschaftlichen Gr\u00fcnden (Fragen der Gegenwart!). Das wird Ihnen als Textbeleg wieder nicht gen\u00fcgen, mir reicht es durchaus. Seitdem hat sich Nolte  ins wissenschaftliche Abseits man\u00f6vriert und seine meinungsfreudige Bereitschaft den Kronzeugen f\u00fcr Ultrarechte und Geschichtsrevisionisten zu geben, hat da sicherlich mehr zu beigetragen als seine Forschungsergebnisse.<\/p>\n<p>Dass der eine oder andere richtige Ultrarechte dann Noltes neue Fans warnt, der Ernst Nolte sei  ein \u201eLiberaler\u201c, ist kein Beweis f\u00fcr irgend etwas; Angriffe aus diesem Milieu sind auch noch kein G\u00fctezeichen. Nolte ist kein Nazi, insoweit will er auch meiner Kenntnis nach keine bruchlose Aneignung der deutschen Geschichte, und alle, die das wollen, werden da schon ein Problem mit ihm haben, sofern es ihnen auff\u00e4llt.<\/p>\n<p>Zur \u201eTranszendenz\u201c noch zwei Worte. Wenn ich Nolte richtig verstanden haben, sieht er den Faschismus als Widerstand dagegen an, dass im Menschen die M\u00f6glichkeit besteht, sich theoretisch kritisch zu den ihn umgebenden Verh\u00e4ltnissen zu stellen und sie darum praktisch zu ver\u00e4ndern. Der Faschismus ist die Gegenreaktion gegen Versuche dies zu tun, v. a. in der Verfolgung emanzipatorischer Bewegungen. Wenn er das damit meint, ist da was dran. Aber das ist deutlich zu wenig, um Faschismus und Nationalsozialismus zu begreifen, selbst als philosophiegeschichtliche Einordnung scheint mir das zu abstrakt, \u00c4hnliches lie\u00dfe sich \u00fcber viele theoretische und philosophische Konzepte sagen.<\/p>\n<p><strong>Brodkorb:<\/strong> Sie ahnen bestimmt, dass es mir in den Fingern juckt, aber wir m\u00fcssen ja auch zu einem Ende kommen. Daher abschlie\u00dfend, damit k\u00fcnftig keine Fragen offen bleiben und keine Missverst\u00e4ndnisse mehr entstehen: Was genau verstehen Sie nun unter \u201eFaschismus\u201c, was unter \u201eRadikalfaschismus\u201c und in welchem Verh\u00e4ltnis stehen beide Begriffe zueinander?<\/p>\n<p><strong>Sobich:<\/strong> Als faschistisch w\u00fcrde ich jede nationalistische Bewegung bezeichnen, die ein autorit\u00e4res politisches System durchsetzen und ein korporativ-hierarchisches Gesellschaftsideal verwirklichen will, ohne dabei aber die Eigentumsverh\u00e4ltnisse im Wesentlichen zu ver\u00e4ndern. Die Rhetorik ist im Regelfall die einer konformistischen Rebellion, die im Namen traditioneller Werte und Auffassungen die bestehende Gesellschaftsordnung gegen Emanzipationsbewegungen verteidigen will und dabei, auch im Widerspruch zum revolution\u00e4ren Selbstanspruch, ein B\u00fcndnis mit den traditionellen Eliten sucht. Als radikalfaschistisch w\u00fcrde ich jede Bewegung bezeichnen, die zur Durchsetzung ihrer faschistischen Ideale dazu \u00fcbergeht, konservativ-traditionelle Wertvorstellungen praktisch und theoretisch \u00fcber Bord zu werfen und das B\u00fcndnis mit den traditionellen Eliten aufzuk\u00fcndigen, bis dahin, dass der urspr\u00fcngliche Ausgangspunkt, der b\u00fcrgerliche Nationalstaat, transzendiert wird zugunsten eines Imperiums einer angeblichen Herren-Rasse, die mit dem Volk des Nationalstaats nicht mehr deckungsgleich ist, und zu dessen Herstellung gro\u00df angelegte Massenmorde an angeblichen Feinden oder als \u201eunn\u00fctz\u201c Definierten geplant und ins Werk gesetzt werden.  Der Antisemitismus ist f\u00fcr diese Radikalisierung nicht nur Voraussetzung oder beg\u00fcnstigender Faktor, sondern mindestens der Katalysator, meines Erachtens aber sogar der Motor.<\/p>\n<p>Dass durch diese kurzen S\u00e4tze tats\u00e4chlich keine Fragen offen bleiben und alle Missverst\u00e4ndnisse ausgeschlossen sind, wage ich nicht zu hoffen. Wohl aber dass klar wird, dass ich mich nicht an Hr. Nolte anlehne.<\/p>\n<p><strong>Brodkorb:<\/strong> Herr Sobich, herzlichen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.endstation-rechts.de\/index.php?option=com_k2&amp;view=item&amp;id=6276\">Teil 1<\/a> \u2022 <a href=\"http:\/\/www.endstation-rechts.de\/index.php?option=com_k2&amp;view=item&amp;id=6277\">Teil 2<\/a> \u2022 <a href=\"http:\/\/www.endstation-rechts.de\/index.php?option=com_k2&amp;view=item&amp;id=6280\">Teil 3<\/a><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/ebb32a0255094a8ea3c5e0ed8ec484c8\" height=\"1\" width=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor 25 Jahren tobte in Deutschland der so genannte &#8222;Historikerstreit&#8220; zwischen dem Historiker Ernst Nolte und dem Philosophen J\u00fcrgen Habermas \u00fcber die Singularit\u00e4t von Auschwitz. 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