{"id":7085,"date":"2011-09-06T07:09:36","date_gmt":"2011-09-06T05:09:36","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/?p=7085"},"modified":"2011-09-06T07:09:36","modified_gmt":"2011-09-06T05:09:36","slug":"dortmund-wehrt-sich-gegen-naziaufmarsch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2011\/09\/06\/dortmund-wehrt-sich-gegen-naziaufmarsch_7085","title":{"rendered":"Dortmund wehrt sich gegen Naziaufmarsch"},"content":{"rendered":"<p><figure id=\"attachment_7086\" aria-describedby=\"caption-attachment-7086\" style=\"width: 540px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2011\/09\/dortmundjan.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-7086\" title=\"dortmundjan\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2011\/09\/dortmundjan.jpg\" alt=\"\" width=\"540\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2011\/09\/dortmundjan.jpg 540w, https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2011\/09\/dortmundjan-300x111.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-7086\" class=\"wp-caption-text\">Jung und aggressiv - die &quot;Autonomen Nationalisten&quot; dominieren die Neonaziszene in der Region \u00a9  Jan Walther<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\n<p>Am Vormittag des 3. September herrscht eine ungewohnte Stille, in der sonst so lebendigen Dortmunder Innenstadt. F\u00fcr diesen Tag hatte die Neonaziszene ihren \u201e7. Antikriegstag\u201c im Bezirk Nordstadt angek\u00fcndigt. Gerechnet wurde mit mehr als 1000 Rechtsextremisten, doch am Ende erschienen nur rund 700. Ihnen gegen\u00fcber standen knapp 15 000 Gegendemonstranten, die vergeblich versuchten den Aufmarsch zu verhindern.<!--more--><\/p>\n<p><em>Von Julia Wilde und Jan Walther<\/em><\/p>\n<p>Noch bevor die Rechtsextremen ihren Aufmarsch beginnen konnten, kam es gegen 11 Uhr an einigen Stellen zu Zusammenst\u00f6\u00dfen zwischen der Polizei und Gegendemonstranten, als diese versuchten, auf die Route der Neonazis zu gelangen. Schon im Vorfeld hatte der Polizeipr\u00e4sident Hans Schulze deutlich gemacht, dass er keine Sitzblockaden dulden werde und betonte, dass Blockadeaktionen \u2013 entgegen der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts \u2013 illegal seien. Entsprechend hart gingen am Samstag die rund 4000 Beamten mit Pfefferspray und Schlagst\u00f6cken gegen die Nazigegner vor. Es gab viele Verletzte. 258 Sitzblockierer wurden vorl\u00e4ufig festgenommen.<\/p>\n<p>F\u00fcr 12 Uhr hatten die Neonazis zu ihrem Aufmarsch am Hauptbahnhof aufgerufen. Zu diesem Zeitpunkt fanden sich \u00fcber 1000 Gegendemonstranten hinter dem Bahnhof ein, um die Rechtsextremen zu blockieren. Trotz der hohen Polizeipr\u00e4senz war die Stimmung am Bahnhof sichtlich aufgeheizt. Immer wieder kam es zu Tumulten, als kleine Gruppen von Rechten kleinen Gruppen unter Polizeischutz zum Aufmarschort eskortiert wurden. Mit dem Einsatz von Pfefferspray verhinderten die Beamten spontane Blockadeversuche.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_7083\" aria-describedby=\"caption-attachment-7083\" style=\"width: 540px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2011\/09\/dortmund2011b.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-7083\" title=\"dortmund2011b\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2011\/09\/dortmund2011b.jpg\" alt=\"\" width=\"540\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2011\/09\/dortmund2011b.jpg 540w, https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2011\/09\/dortmund2011b-300x111.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-7083\" class=\"wp-caption-text\">Mit antisemitischer Hetze und NS-Verherrlichung begann am Mittag der Aufmarsch \u00a9 Julia Wilde<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\n<p>Die Aufmarschteilnehmer wurden von der Polizei in separaten Zelten f\u00fcr Frauen und M\u00e4nner penible auf Waffen und andere verbotene Gegenst\u00e4nde oder Kleidungst\u00fccke kontrolliert. Absurderweise wurden einige Rechtsextremisten nicht zum Aufmarsch gelassen, weil die Polizei sie f\u00fcr irrt\u00fcmlich Nazigegner hielt. W\u00e4hrenddessen wurde die unheimliche Stille zwischen Innen- und Nordstadt immer wieder durch Zusammenst\u00f6\u00dfe zwischen der Polizei und Gegnern des \u201eAntikriegtages\u201c hinter dem Hauptbahnhof durchbrochen.<\/p>\n<p>Um 13.30 Uhr begann der Dortmunder Nazifunktion\u00e4r Dennis Giemsch abgeschirmt von hunderten Polizeibeamte und mehreren Wasserwerfern mit seiner Rede. Giemsch ist seit Jahren der f\u00fchrende Kopf der Dortmunder \u201eAutonomen Nationalisten\u201c und genie\u00dft hohes Ansehen in der Szene. Zuvor sch\u00e4rfte ein weiterer Redner seinen \u201eKameraden\u201c ein ihren M\u00fcll ordnungsgem\u00e4\u00df zu entsorgen: Sie seien schlie\u00dflich \u201ekeine Asozialen\u201c.<\/p>\n<p>In seiner Rede verherrlichte Giemsch den verstorbenen Altnazi Herbert Schweiger, der im \u201eDritten Reich\u201c freiwillig in die Waffen-SS eintrat und am Ende des Krieges SS-Untersturmf\u00fchrer war. Schweiger sei \u201ef\u00fcr uns ein Vorbild\u201c. Ein gro\u00dfes Transparent erinnerte w\u00e4hrend des Aufmarsches an den SS-Mann, der bis zu seinem Tod mehrfach vor Gericht stand.<\/p>\n<p>Auch antisemitische Verschw\u00f6rungstheorien vom \u201einternationalen Zinskapitalismus\u201c trug Giemsch seinen &#8222;Kameraden&#8220; vor. Nicht V\u00f6lker st\u00fcnden im Krieg untereinander, die gr\u00f6\u00dften Probleme der heutigen Zeit w\u00fcrden aus dem \u201eStreben nach Geld, dem Streben nach Absatzm\u00e4rkten, dem Streben der Banken nach Zinsen und Zinseszinsen\u201c resultieren. Unter den Pfiffen der Gegendemonstranten behauptete er, dass der zweite Weltkrieg von Frankreich und England begonnen wurde, nachdem Deutschland lediglich in einem \u201eBilateralen Konflikt mit Polen\u201c gestanden h\u00e4tte. Ein weiterer Redner bekundete seine Verbundenheit zu Afghanistan, Libyen und \u00c4gypten, w\u00e4hrend er mit Parolen gegen Israel die Stimmung unter den Demonstranten anheizte.<\/p>\n<p>In Dortmunds Nordstadt, durch die der Aufmarsch f\u00fchrte, lebt ein hoher Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund. Mit ein Grund, warum die Rechten genau dort ihre Veranstaltung planten. Schlie\u00dflich setzten sich die etwa 700 Neonazis, umringt von einem gro\u00dfen Polizeiaufgebot in Bewegung.<\/p>\n<p>Aufgrund der weitr\u00e4umigen Sperrung der Nordstadt bekam kaum ein Dortmunder etwas von der Rechten-Hetze mit. Lediglich die Anwohner mussten der Rechten-Beschallung standhalten. Mieter, darunter auch einige Menschen mit Migrationshintergrund riefen \u201eNazis raus\u201c, woraufhin die Rechtsextremen \u201eWer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen\u201c durch die Stra\u00dfen gr\u00f6lten.<\/p>\n<p>Trotz der 4000 eingesetzten Polizisten schafften es immer wieder einzelne Gegendemonstranten auf die Route zu gelangen und den Aufzug kurzeitig zu blockieren. Unter den Augen der Polizei reagierten die Rechten mit Beschimpfungen und offenen Gewaltandrohungen. Auch Journalisten und Fotografen wurden aus dem Aufzug heraus massiv bedr\u00e4ngt und an ihrer Arbeit gehindert.<\/p>\n<p>Die Gegendemonstranten waren sichtlich entt\u00e4uscht dar\u00fcber, dass sie den Aufmarsch nicht verhindern konnten. Sie hatten zahlreiche Sitzblockaden gebildet, die aber schnell und zum Teil unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig brutal von der Polizei ger\u00e4umt wurden. Auch mit Musik unter dem Motto \u201eMusic against Racism\u201c wurde am Samstag protestiert. Schon Monate vorher hatten sich mehrere B\u00fcndnisse gegen den Aufmarsch zusammengeschlossen. Friedlich sollte ein Zeichen gegen Rechtsextremismus gesetzt werden.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_7084\" aria-describedby=\"caption-attachment-7084\" style=\"width: 540px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2011\/09\/dortmund2011.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-7084\" title=\"dortmund2011\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2011\/09\/dortmund2011.jpg\" alt=\"\" width=\"540\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2011\/09\/dortmund2011.jpg 540w, https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2011\/09\/dortmund2011-300x111.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-7084\" class=\"wp-caption-text\">Fast 15 000 Menschen stellten sich dem Naziaufmarsch entgegen \u00a9 Julia Wilde<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\n<p>\u201eWir haben friedliche Absichten. Doch jedes Jahr kommen die Nazis aufs Neue in unsere Stadt und sch\u00fcren Hass\u201c, sagt ein Aktivist. Seine Gruppe h\u00e4lt ein Banner auf dem geschrieben steht: \u201eWir wollen Liebe! Kein Landser!\u201c, der Name einer bekannten Naziband. Auch zahlreiche Antifagruppen hatten bundesweit zu den Protestaktionen aufgerufen.<\/p>\n<p>\u201eTrotz einer bislang noch nicht dagewesenen politischen Stimmung gegen den Naziaufmarsch hat die Polizei in Dortmund unter Missachtung des Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeitsgebotes den Nazis den Weg freigemacht\u201c, hei\u00dft es in einem ersten Fazit des B\u00fcndnisses \u201eDortmund stellt sich quer\u201c. Doch die hohe Zahl der Gegendemonstranten und das sinkende Interesse der rechten Szene am \u201eAntikriegstag\u201c seien erste positive Signale f\u00fcr das n\u00e4chste Jahr. Bisher haben die Neonazis Dortmund stets als \u201eihre\u201c Stadt bezeichnet. Damit k\u00f6nnte es bald vorbei sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Vormittag des 3. September herrscht eine ungewohnte Stille, in der sonst so lebendigen Dortmunder Innenstadt. F\u00fcr diesen Tag hatte die Neonaziszene ihren \u201e7. Antikriegstag\u201c im Bezirk Nordstadt angek\u00fcndigt. Gerechnet wurde mit mehr als 1000 Rechtsextremisten, doch am Ende erschienen nur rund 700. 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