{"id":7162,"date":"2011-09-15T17:15:20","date_gmt":"2011-09-15T15:15:20","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/?p=7162"},"modified":"2011-09-16T14:32:49","modified_gmt":"2011-09-16T12:32:49","slug":"20-jahre-nach-den-pogromen-in-hoyerswerda-reise-in-die-gegenwart","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2011\/09\/15\/20-jahre-nach-den-pogromen-in-hoyerswerda-reise-in-die-gegenwart_7162","title":{"rendered":"20 Jahre nach den Pogromen in Hoyerswerda: Reise in die Gegenwart"},"content":{"rendered":"<p>Zum 20. Mal j\u00e4hren sich die ausl\u00e4nderfeindlichen Ausschreitungen von Hoyerswerda. Damals flogen Steine, Polizeischutz war n\u00f6tig. Nun kehren zwei Opfer von damals zur\u00fcck \u2013 und erleben, dass man sie nicht vergessen hat.<!--more--><\/p>\n<p><em>Von Heike Kleffner<\/em><\/p>\n<p>Es wird gleich wieder anfangen mit Affenlauten, kleine Kinder werden sie aussto\u00dfen. Junge M\u00e4nner werden sich von einer Parkbank erheben, Bierflaschen in der Hand, sie werden n\u00e4her kommen und \u201eBimbofotze\u201c und \u201eNeger\u201c rufen und dabei zwei M\u00e4nner meinen, die denken, sie h\u00e4tten das alles hinter sich. Denn bis zu diesem Zeitpunkt zeigt sich Hoyerswerda von einer anderen Seite. Der Seite von Stefan Skora.<\/p>\n<p>Der spricht jetzt langsam. Es ist ihm wichtig, dass die zwei G\u00e4ste, die ihm aufmerksam zuh\u00f6ren, jedes seiner Worte verstehen. \u201eAlle haben die Bilder von damals in den K\u00f6pfen\u201c, sagt Skora. \u201eDiese Vergangenheit m\u00fcssen wir akzeptieren. Aber wir wollen die Bilder durch andere ersetzen.\u201c Der 51-J\u00e4hrige ist CDU-Mitglied und Oberb\u00fcrgermeister von Hoyerswerda. Ihm h\u00f6ren Manuel N. und Emmanuel A. zu. Der eine ist ehemaliger mosambikanischer Vertragsarbeiter und heute 47 Jahre alt. Der andere ehemaliger ghanaischer Fl\u00fcchtling, 53 Jahre. Sie sind unterwegs, um mit Menschen der Stadt zu sprechen, aus der sie vor zwei Jahrzehnten gewaltsam vertrieben wurden.<\/p>\n<p>Auf wei\u00dfen Industrieplanen hinter dem Oberb\u00fcrgermeister sind einige jener Bilder noch einmal zu sehen, die im September 1991 um die Welt gingen: ein lang gezogener grauer Plattenbau mit Balkonen in verblichenen Pastellfarben, vor dem sich Anwohner und Steine schmei\u00dfende junge M\u00e4nner versammelt haben. Aus einer zerbrochenen Fensterscheibe schaut ein Mosambikaner fassungslos auf die Menge. Ein anderes Foto zeigt aufgereihte Koffer neben offensichtlich zur Abfahrt bereiten Bussen und einen jungen Mann in einem hellblauen Hemd, hellblauer Bundfaltenjeans made in GDR, der noch einmal aus der Bust\u00fcr in Richtung Wohnheim schaut.<\/p>\n<p>\u201eDas bin ja ich\u201c, sagt Emmanuel A. \u00fcberrascht und zeigt Oberb\u00fcrgermeister Skora das Foto, das auf den 20. September 1991 datiert ist. \u201eAuf jeden Fall waren Sie damals j\u00fcnger,\u201c sagt Stefan Skora spontan, dann lachen die drei M\u00e4nner. \u201eIch wusste gar nicht, dass ihr ebenfalls mit Bussen weggebracht wurdet\u201c, sagt Manuel N. \u201eWir hatten ja in den Tagen damals gar keinen Kontakt zu euch\u201c.<\/p>\n<p>Die Lebenswege der beiden Afrikaner k\u00f6nnten nicht unterschiedlicher sein, auch wenn sie als Teenager beide Kfz-Schlosser gelernt haben \u2013 Emmanuel A. in Accra, der ghanaischen Hauptstadt, Manuel N. als 19-j\u00e4hriger Vertragsarbeiter eines sozialistischen Bruderstaates im brandenburgischen Lauchhammer. Der breitschultrige Manuel N. \u00fcberragt den \u00e4lteren, schmalen Emmanuel A. um zwei K\u00f6pfe. In Hoyerswerda waren der Fl\u00fcchtling und der Brudersozialist in Plattenbauten untergebracht, aber nicht in denselben. Als die ersten Steine auf das Vertragsarbeiterwohnheim in der Albert-Schweitzer-Stra\u00dfe flogen, in dem Manuel N. mit den noch in der Stadt verbliebenen 200 anderen Mosambikanern lebte, kannten sie sich nicht \u2013 sie h\u00e4tten sich auch nicht verst\u00e4ndigen k\u00f6nnen. Manuel N. sprach nur Portugiesisch und Deutsch; Emmanuel A., der mit 30 Jahren als Oppositionsaktivist aus der damaligen Milit\u00e4rdiktatur Ghana nach Deutschland geflohen war, nur Englisch.<\/p>\n<p>Nun folgen sie dem B\u00fcrgermeister durch die zwei Ausstellungsr\u00e4ume der sogenannten Orange Box, einer zweist\u00f6ckigen Holz-Stahlkonstruktion, die am Flussufer der Schwarzen Elster zwischen den schrumpfenden Plattenbauvierteln und der sanierten Altstadt steht. Hier soll der st\u00e4dtische Wandel f\u00fcr jedermann zug\u00e4nglich gemacht werden. Im Erdgeschoss reihen sich in diesen Tagen Lokalzeitungsberichte und Ausz\u00fcge von Lageprotokollen der Polizei und des Landratsamtes aus der Woche vom 17. bis zum 23. September 1991 aneinander. \u201eEs besteht einheitliche Auffassung dazu, dass eine endg\u00fcltige Probleml\u00f6sung nur durch Ausreise der Ausl\u00e4nder geschaffen werden kann,\u201c so ist zu lesen in einer Einsch\u00e4tzung des Landesratsamtes Hoyerswerda vom 20. September, 12 Uhr, wenige Stunden sp\u00e4ter entsteht das Foto von Emmanuel A. im Bus. Es war nur ein Auftakt.<\/p>\n<p>Nach der Kapitulation der Sicherheitsbeh\u00f6rden vor den rassistischen Gewaltt\u00e4tern und den zahlreichen Schaulustigen feierten Neonazis Hoyerswerda als bundesweit \u201eerste ausl\u00e4nderfreie Stadt\u201c. Auf das Pogrom, das erste seit 1945, folgten rassistische Gewalttaten im gesamten Land. Noch w\u00e4hrend am 19. September 1991 vor dem Vertragsarbeiterwohnheim in Hoyerswerda \u00fcberforderte Polizisten zusahen, wie eine Fensterscheibe nach der anderen eingeworfen wurde, kam der 27-j\u00e4hrige Samuel Yeboah bei einem Brandanschlag auf ein Fl\u00fcchtlingswohnheim im saarl\u00e4ndischen Saarlouis ums Leben, 1483 rechtsextreme Gewalttaten registriert das Bundeskriminalamt Ende des Jahres 1991, 1992 steigt die Zahl um fast das Doppelte auf 2584.<\/p>\n<p>Stefan Skora steht die Erleichterung ins Gesicht geschrieben, als die Besucher sich von den Texten und Bildern losrei\u00dfen und \u00fcber eine Treppe das lichtdurchflutete Obergeschoss der Orange Box betreten. An den Fensterscheiben pr\u00e4sentieren die Ausstellungsmacher bunte, freundliche Fotofolien von Migranten, die heute in Hoyerswerda leben. Sie machen 1,2 Prozent der Bev\u00f6lkerung aus bei knapp 40 000 Einwohnern, die heute noch in Hoyerswerda leben. \u201eAusl\u00e4nderfrei\u201c sei es nie gewesen, sagt Skora. Stolz verweist er auf die Verleihung des Titels \u201eStadt der Vielfalt\u201c im vergangenen Jahr und seine Entscheidung, daraufhin 2011 zum \u201eJahr der Vielfalt\u201c zu erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Emmanuel A. und Manuel N. nicken bei jedem Satz. Sie sind gerne bereit, dem B\u00fcrgermeister zu glauben. Schon vor ihrer Abreise nach Hoyerswerda haben sie im Internet gelesen, dass sich Skora an demselben Ort als erster B\u00fcrgermeister \u201eim Namen der B\u00fcrger der Stadt Hoyerswerda\u201c entschuldigt hatte bei den Opfern \u201ef\u00fcr das Leid, das ihnen damals zugef\u00fcgt wurde\u201c. Die Opfer selbst waren nicht anwesend. Man hatte sie nicht eingeladen. Die Ausstellung und auch die Rede seien \u201ean die Bewohner von Hoyerswerda gerichtet\u201c, sagt Skora ausweichend. Es sei eben ein Anfang.<\/p>\n<p>Die in der Sp\u00e4tsommersonne hellen, freundlichen Fassaden der Altstadt, die bunten Vorg\u00e4rten mit Blumen und Obstb\u00e4umen \u2013 die Kulisse, mit der sich die Stadt hinter der Orange Box pr\u00e4sentiert, k\u00f6nnte kaum einladender sein. Die beiden Besucher wissen um die sozialen und wirtschaftlichen Probleme der Region mit einer Arbeitslosenquote von zehn Prozent. Erkl\u00e4rt das die Kinder?<\/p>\n<p>Die sind zu h\u00f6ren, als der B\u00fcrgermeister und seine Begleiter, zu denen auch ein Kamerateam z\u00e4hlt, gerade \u00fcber eine St\u00e4dtepartnerschaft mit einem mosambikanischen Ort nachdenken. Sie haben die kleine Versammlung von Weitem beobachtet, lauthals brechen sie nun in Urwaldgebr\u00fcll aus, ahmen Affenlaute nach. Stefan Skora ist peinlich ber\u00fchrt. Dann sagt er, man k\u00f6nne eben nicht in alle K\u00f6pfe schauen. Und er \u00fcberreicht Emmanuel A. und Manuel N. ein Geschenk: \u201eLust auf Hoyerswerda\u201c. Ein Video, mit dem die Stadt um Neub\u00fcrger wirbt.<\/p>\n<p>Vor der Orange Box m\u00fcssen sich Manuel N. und Emmanuel A. entscheiden: entweder zum Stadtfest zu gehen, wo junge M\u00e4nner vor den Losbuden stehen mit T-Shirts, auf denen die Parole \u201eMehr Spa\u00df im Osten\u201c prangt, darunter das Bild Baseballschl\u00e4ger schwingender Naziskins. Oder ob sie zum ehemaligen Vertragsarbeiterwohnheim in der Albert-Schweitzer-Stra\u00dfe 17\u201321 gehen sollen. Es geh\u00f6rt zu den Plattenbauten, die von den Abrissbaggern verschont wurden. Graue Betonfassaden, leere, dunkle Fenster, viele NPD-Aufkleber mit Spr\u00fcchen wie \u201eSarrazin hatte doch recht\u201c und weite Gr\u00fcnfl\u00e4chen k\u00fcnden davon, dass heute hier mehrheitlich diejenigen wohnen, deren Leben von Hartz IV, kleinen Renten, 1-Euro-Jobs und d\u00fcsteren Aussichten bestimmt wird.<\/p>\n<p>\u201eHier haben wir zu viert in einem Zimmer geschlafen, morgens sind wir mit den Werkbussen zu den Werkst\u00e4tten im Tagebau gefahren, und abends sind wir vor allem unter uns geblieben\u201c, beschreibt Manuel N. das Leben, das er hier sechs Jahre lang gef\u00fchrt hat. Nach gl\u00fccklichen Momenten gefragt, z\u00f6gert er und sagt schlie\u00dflich: \u201eAls ich mein Facharbeiterzeugnis bekam.\u201c<\/p>\n<p>Dann geht er mit Emmanuel A. und dem Kamerateam vom Parkplatz zur Steintreppe und der Glast\u00fcr am Aufgang von Hausnummer 21. \u201eHier sind wir w\u00e4hrend der Angriffe durch ein Polizeispalier zu den M\u00fclltonnen und zur Kaufhalle gegangen\u201c, sagt Manuel N. und sch\u00fcttelt noch immer ungl\u00e4ubig den Kopf dar\u00fcber, dass er die wenigen Schritte zu dem, was inzwischen ein Supermarkt geworden ist, nicht ohne Polizeischutz gehen konnte. Das alles beherrschende Gef\u00fchl sei Angst gewesen und die Frage: \u201eWozu noch hierbleiben? Unsere Arbeitsvertr\u00e4ge waren ohnehin gek\u00fcndigt worden.\u201c<\/p>\n<p>Leiser f\u00fcgt er dann hinzu: \u201eViele der Leute, die da drau\u00dfen standen, zuschauten oder Steine schmissen, haben wir gekannt.\u201c<\/p>\n<p>Vielleicht h\u00e4tte er dem gerne noch etwas hinzugef\u00fcgt, aber laute \u201eAffen zur\u00fcck nach Afrika\u201c-Rufe unterbrechen ihn. \u201eBimbo, husch, husch, zur\u00fcck in den Busch\u201c, schreit ein anderer her\u00fcber. Eine kleine Gruppe von kr\u00e4ftigen jungen M\u00e4nnern in T-Shirts und Sommerhosen der bei Rechten beliebten Marke Thor Steinar erhebt sich von den B\u00e4nken beim Spielplatz, der dem Aufgang Nr. 21 gegen\u00fcberliegt, und n\u00e4hert sich schnell. \u201eMacht die Kamera aus\u201c, drohen sie. \u201eBimbofotze!\u201c Manuel N. und Emmanuel A. werden mit weiteren rassistischen Beleidigungen \u00fcbersch\u00fcttet. Eine alte Frau \u00f6ffnet ihr Fenster; eine junge Frau kommt zum Kamerateam und entschuldigt sich, dann nimmt sie ihr Kind an die Hand und zieht sich ins Haus zur\u00fcck; eine andere Passantin versucht, den Lautst\u00e4rksten der Rechten aufzuhalten.<\/p>\n<p>Manuel N. z\u00f6gert. Er will seine Geschichte zu Ende erz\u00e4hlen und nicht noch einmal von hier vertrieben werden \u2013 noch dazu von M\u00e4nnern, die 1991 Kleinkinder waren. Er ist daf\u00fcr, die Polizei zu verst\u00e4ndigen. Als die Beamten vor Ort eintreffen, dauert es noch eine Weile, bis die rassistischen Beleidigungen aufh\u00f6ren; Personalien werden festgestellt, und eine Frau l\u00e4dt dazu ein, den Plattenbau von innen zu besichtigen: \u201eFr\u00fcher, als die Ausl\u00e4nder hier gewohnt haben, war hier alles ordentlich\u201c, sagt sie. \u201eSeitdem wir Deutschen hier wohnen, steckt die Politik kein Geld mehr hier rein.\u201c Sie zeigt auf Graffiti-beschmierte W\u00e4nde im Hausflur und die vielen Briefk\u00e4sten ohne Namen.<\/p>\n<p>Weil die Atmosph\u00e4re trotz Polizeipr\u00e4senz feindselig bleibt, wollen Emmanuel A. und Manuel N. weiter zur Thomas-M\u00fcnzer-Stra\u00dfe, wo 1991 das Wohnheim der Asylbewerber stand. \u201eEs w\u00e4re wichtig, wenn an dieser Stelle eine Gedenkplatte an die Angriffe auf uns erinnern w\u00fcrde\u201c, sagt Emmanuel A. mit Blick auf die Wiese und die Kiefern und Kastanien, die hier inzwischen wachsen. Eine Narbe an seiner Hand erinnert ihn noch immer an den Angriff von Naziskins im Fr\u00fchsommer 1991, als er auf dem R\u00fcckweg vom Gottesdienst in der Innenstadt von Hoyerswerda zusammengeschlagen wurde. Trotzdem war Emmanuel A. in den vergangenen zehn Jahren wiederholt da. Er freundete sich sogar mit dem fr\u00fcheren Oberb\u00fcrgermeister, einem Linken, an.<\/p>\n<p>Zwei Tage nach dem Besuch vor Aufgang Nr. 21 schreibt ein Kommentator in der Lokalausgabe der \u201eS\u00e4chsischen Zeitung\u201c: \u201eAlles vielleicht nicht dramatisch, aber unsch\u00f6n. Denn die Kollegen werden berichten, was sie erlebt haben \u2013 aus ihrer Sicht. Also, bitte: Selbst, wenn es mal schwerfallen sollte: Seid nett zu ihnen! Es f\u00e4llt sonst todsicher auf die Stadt zur\u00fcck. Man kennt das ja \u2026\u201c.<\/p>\n<p>Manuel N. \u00fcberlegt, ob seine Idee einer St\u00e4dtepartnerschaft vielleicht voreilig war.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum 20. 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