{"id":7436,"date":"2011-11-10T08:17:01","date_gmt":"2011-11-10T07:17:01","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/?p=7436"},"modified":"2011-11-11T11:44:11","modified_gmt":"2011-11-11T10:44:11","slug":"machtkampf-in-der-npd-von-der-tragodie-zur-farce","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2011\/11\/10\/machtkampf-in-der-npd-von-der-tragodie-zur-farce_7436","title":{"rendered":"Von der Trag\u00f6die zur Farce &#8211; Grabenk\u00e4mpfe in der NPD"},"content":{"rendered":"<p><figure id=\"attachment_7184\" aria-describedby=\"caption-attachment-7184\" style=\"width: 540px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2011\/09\/npd_d.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-7184\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2011\/09\/npd_d.jpg\" alt=\"\" width=\"540\" height=\"299\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2011\/09\/npd_d.jpg 540w, https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2011\/09\/npd_d-300x166.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-7184\" class=\"wp-caption-text\">F\u00fcr Parteichef Udo Voigt wird es eng \u00a9 Getty<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Der Machtkampf in der NPD d\u00fcrfte sich am Wochenende vorerst entscheiden. Auf dem anstehenden NPD-Parteitag entscheiden die Delegierten, ob der langj\u00e4hrige Parteichef Voigt im Amt bleibt, oder ob der s\u00e4chsische Fraktionschef Apfel ihn abl\u00f6st. Der Ausgang der Abstimmung scheint offen. Sicher ist aber: Durch die NPD geht ein tiefer Riss, der nicht ideologisch definiert werden kann.<!--more--><\/p>\n<p><em>Von Benjamin Mayer, Mitarbeiter des <a href=\"http:\/\/www.demokratie-goettingen.de\/\" target=\"_blank\">G\u00f6ttinger Instituts f\u00fcr Demokratieforschung<\/a><\/em><\/p>\n<p>\u201eDer 29j\u00e4hrige Verlagskaufmann Holger Apfel hat in seinen jungen Jahren eine steile Karriere als JN- und NPD-F\u00fchrungskraft hinter sich und z\u00e4hlt heute zu den wichtigen Schl\u00fcsselpersonen des Parteivorstandes.\u201c Dies schrieb Udo Voigt 1999 in einem Kurzportr\u00e4t \u00fcber seinen politischen Ziehsohn. Zehn Jahre sp\u00e4ter sollte Apfel das erste Mal einen Versuch unterst\u00fctzen, den seit 1996 amtierenden Parteivorsitzenden zu st\u00fcrzen. Bereits 2009 hatte eine Fraktion um Holger Apfel und Udo Past\u00f6rs versucht, Voigt als Parteivorsitzenden der NPD abzul\u00f6sen. Zun\u00e4chst hatte man hierzu Andreas Molau ins Rennen geschickt, welcher seine Kandidatur allerdings wieder zur\u00fcckzog. Stattdessen versuchte 2009 Past\u00f6rs, Vorsitzender der NPD-Landtagsfraktion in Mecklenburg-Vorpommern, mit Unterst\u00fctzung von Apfel an die Spitze der Partei zu gelangen. Auch dies misslang. Rund zwei Jahre sp\u00e4ter tritt Holger Apfel nun selbst gegen Voigt an, um durch einen Wechsel an der Spitze der Partei \u201eendlich wirkungsvoll die deutsche Politik [zu] beeinflussen\u201c.<\/p>\n<p><strong>Unter Apfel nichts neues\u2026<\/strong><\/p>\n<p>Was sich unter ihm \u00e4ndern w\u00fcrde, versuchte der Herausforderer k\u00fcrzlich herauszustellen. Apfels Erneuerungskonzept ist unter dem Namen der \u201eseri\u00f6sen Radikalit\u00e4t\u201c im Umlauf. Ein Begriff, der seit 2010 in der NPD umhergeistert und den Apfel nun versucht mit Leben zu f\u00fcllen. Er meint damit, \u201evolksnah und gegenwartsbezogen f\u00fcr einen radikalen [\u2026] Politikwechsel einzutreten\u201c. Doch all diese Ideen sind nicht neu. Schon 2009 wurden nahezu dieselben Vorw\u00fcrfe und Ideen als Argumente gegen Voigt ins Feld gef\u00fchrt. Bereits Andreas Molau forderte eine bessere F\u00fchrung der Partei und eine \u201eR\u00fccknahme von w\u00e4hlerverschreckenden Verbalradikalismen, ein volksnahes Auftreten bei Demos und einen Gegenwartsbezug des Nationalismus [\u2026]\u201c. Molau betonte dabei, er kratze damit in keiner Weise die nationalistischen Ideale der Partei an, sondern mache diese blo\u00df massenattraktiv. Die \u00c4hnlichkeit der Forderungen schl\u00e4gt sich sogar auf sprachlicher Ebene nieder. Genau wie Molau bedient sich auch Apfel bei Mao Tse-tung, wenn er sich w\u00fcnscht, dass \u201eNationalisten [sich] im Volk wie Fische im Wasser bewegen k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p>Und genau dies ist der Kern der Debatte: Es geht schlichtweg um eine professionalisierte Au\u00dfendarstellung der NPD, nicht um eine inhaltliche Erneuerung. Ebenso wie Molau betont auch Apfel am laufenden Band, er wolle eben keine \u201einhaltliche Anpassung und die Aufweichung unserer Grunds\u00e4tze\u201c. Und dies kann man ihm glauben. So war es nicht zuletzt auch Apfel, der in den 1990er Jahren eine \u00d6ffnung der Jungen Nationaldemokraten (JN), der Jugendorganisation der NPD, hin zu den neonazistischen Kameradschaften mittrug. Auch in der S\u00e4chsischen Landtagsfraktion wurden immer wieder Personen aus dem Spektrum der neonazistischen \u201efreien Kr\u00e4fte\u201c besch\u00e4ftigt. Diese Tendenzen setzen sich auch in Apfels W\u00fcnschen f\u00fcr die Besetzung des Parteivorstandes fort, welche gegen seinen Willen schon fr\u00fchzeitig den Weg in die \u00d6ffentlichkeit fanden. Dort findet sich beispielsweise Eckart Br\u00e4uniger wieder, eine F\u00fchrungsfigur der Kameradschaftsszene, der Udo Voigt unl\u00e4ngst kritisierte, weil \u201e[e]in Neger [\u2026] bei ihm als Deutscher, die Juden als reine Religionsgemeinschaft [\u2026]\u201c gelten, und der sich selbst im \u201esozialen Bereich eines rassisch vorgemerkten Nationalismus\u201c verortet. Ganz offensichtlich strebt Apfel keine Abkehr vom Neonazismus an, aber eine bessere Verpackung.<\/p>\n<p><strong>Machtdrang an die Spitze\u2026<\/strong><\/p>\n<p>Der eigentliche Hintergrund f\u00fcr die derzeitigen Diskussionen um den Parteivorsitz ist das Bestreben einer j\u00fcngeren, einer erfolgreichen Generation an die Spitze der rechtsextremen Partei, die sich in der Partei machtpolitisch nicht mehr abgebildet findet. An der Spitze dieses Vorsto\u00dfes steht Holger Apfel. Er ist die F\u00fchrungsfigur einer seit den 1980er und 1990er Jahren in die Partei gekommenen Gruppe, welche erg\u00e4nzt wird durch Personen wie Udo Past\u00f6rs und andere unzufriedene Kader, die Ver\u00e4nderungen einfordern. Sie eint der Wunsch, sich nach zwanzig Jahren der Bewegung in der eigenen Szene endlich politisch wirkungsvoll einzubringen.<\/p>\n<p>Durch die Einz\u00fcge der NPD in die Landtage in Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern haben sich in den letzten Jahren Machtzentren in der Partei entwickelt, die mittlerweile ein Gegengewicht zum Parteivorstand bilden. Sp\u00e4testens nach dem Bruch der beiden Fraktionsvorsitzenden Apfel und Past\u00f6rs mit Voigt im Jahr 2009 waren diese Teile der NPD jedoch nicht mehr im Parteivorstand repr\u00e4sentiert. Die Situation der letzten beiden Jahre war allemal als Burgfrieden zu verstehen. Nun scheint die Situation nach herben Wahlniederlagen g\u00fcnstig und ein ungebrochenes Machtstreben der Voigt-Gegner vorhanden, um den Sturz des Parteivorsitzenden erneut anzugehen.<\/p>\n<p>Apfel gilt bei vielen in der Partei als machtorientierte Pers\u00f6nlichkeit. Ihm wird nachgesagt, schon in den 1990er Jahren den Parteivorsitz vor Augen gehabt zu haben. Daf\u00fcr durchlief er die Partei von unten nach oben. Er war Kreisvorsitzender der NPD, Landes- und Bundesvorsitzender der Jugendorganisation, \u00fcber viele Jahre Mitglied des Parteivorstandes und wurde 2004 schlussendlich auch Fraktionsvorsitzender der NPD-Landtagsfraktion in Sachsen. Zus\u00e4tzlich bekleidet er derzeit das Amt des Vorsitzenden des S\u00e4chsischen Landesverbandes, ist also auch aktuell mit \u00c4mtern gut ausgestattet.<\/p>\n<p>Apfel selbst betont, er wolle an der NPD als \u201eBewegungspartei\u201c festhalten und meint damit ganz offenbar eine m\u00f6glichst breite Beteiligung verschiedener rechtsextremer Ideologiespektren. Apfel wei\u00df offenbar genau, dass er Vertreter der verschiedenen Fl\u00fcgel der Partei hinter sich versammeln muss, um Voigt zu st\u00fcrzen. Dies schl\u00e4gt sich auch in Apfels gew\u00fcnschter Besetzung des Parteivorstandes nieder. Hier finden sich neben Abgeordneten und Mitarbeitern der s\u00e4chsischen Fraktion auch Personen aus der \u201eNeuen Rechten\u201c, Vertreter der Jungen Nationaldemokraten, des Kameradschaftsspektrum und altgediente Parteisoldaten, die bereits dem aktuellen Vorstand angeh\u00f6ren. Vergleicht man Apfels Wunschvorstand mit dem Amtierenden, zeigt sich eine Verj\u00fcngung um knapp zehn Jahre im Altersschnitt, welcher allerdings mit Anfang vierzig noch \u00fcber dem Parteidurchschnitt von 37 Jahren liegt. Eine Verj\u00fcngung liegt also nur bedingt vor.<\/p>\n<p><strong>Apfels Wahl ist alles andere als sicher<\/strong><\/p>\n<p>Wer am kommenden Wochenende zum Parteivorsitzenden gew\u00e4hlt wird, ist alles andere als sicher. Zwar konnte Apfel seinen Einfluss und seine Positionen in den letzten Jahren erheblich st\u00e4rken, dennoch ist er an der Parteibasis nicht unumstritten und bei weitem nicht derart gefestigt wie Udo Voigt. Hier liegt Voigts St\u00e4rke, der seit vielen Jahren eine feste Verankerung gerade in den Kreisverb\u00e4nden betrieben hat und \u2013 wie bereits 2009 zu sehen war \u2013 das Vertrauen vieler Delegierter der rechtsextremen Partei besitzt. Apfels Wahl ist damit alles andere als sicher. Dennoch wird es eine Entscheidung zwischen beiden Kandidaten geben m\u00fcssen, die sich unterschiedlich auf die Partei auswirken k\u00f6nnte. Doch so einfach wie die Situation 2009 zu l\u00f6sen war, wird es diesmal nicht. Molau, der ohnehin kaum \u00fcber R\u00fcckhalt in der Partei verf\u00fcgte, trat einfach aus und wurde zum S\u00fcndenbock erkl\u00e4rt. Doch dies ist bei einem Aufeinandertreffen von Voigt und Apfel kaum vorstellbar.<\/p>\n<p>Sollte Voigt am Ruder bleiben, wird die Zukunft der Partei vor allem in der Reaktion seiner Gegner begr\u00fcndet liegen und in der Frage, ob und wie Voigt die aufstrebenden Kr\u00e4fte einbinden kann. Eine Frontstellung der beiden Fraktionen k\u00f6nnte der Partei erheblichen Schaden zuf\u00fcgen. Auch die Jungen Nationaldemokraten fordern mehr Einfluss in der Partei und eine bessere finanzielle Unterst\u00fctzung. Dieses Potential muss Voigt kanalisieren oder es k\u00f6nnte die Partei zerrei\u00dfen.<\/p>\n<p>Wenn es hingegen Apfel gelingen sollte, sein lang angestrebtes Ziel zu erreichen und Vorsitzender zu werden, kommt es auch bei ihm darauf an, wie er seine Gegner an der Parteibasis einbinden kann. Vermag er dies nicht, k\u00f6nnte es zu erheblichen Austritten aus der Partei kommen. Voigts Verbleib w\u00e4re dann ohnehin fraglich, da f\u00fcr ihn auf Apfels Wunschliste wohl kein Platz mehr im Vorstand w\u00e4re.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Machtkampf in der NPD d\u00fcrfte sich am Wochenende vorerst entscheiden. 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