{"id":8739,"date":"2012-06-06T17:31:55","date_gmt":"2012-06-06T15:31:55","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/?p=8739"},"modified":"2012-06-06T17:58:29","modified_gmt":"2012-06-06T15:58:29","slug":"nazis-blamieren-sich-in-hamburg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/2012\/06\/06\/nazis-blamieren-sich-in-hamburg_8739","title":{"rendered":"Nazis blamieren sich in Hamburg"},"content":{"rendered":"<p><figure id=\"attachment_8740\" aria-describedby=\"caption-attachment-8740\" style=\"width: 439px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2012\/06\/tddz-hamburg.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-8740\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2012\/06\/tddz-hamburg.jpg\" alt=\"\" width=\"439\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2012\/06\/tddz-hamburg.jpg 439w, https:\/\/blog.zeit.de\/stoerungsmelder\/files\/2012\/06\/tddz-hamburg-300x136.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 439px) 100vw, 439px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-8740\" class=\"wp-caption-text\">Statt den angek\u00fcndigten 1000 kamen nur halb so viele Neonazis \u00a9 Hartl<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Weit \u00fcber 10.000 HamburgerInnen wehrten sich am Samstag, den 02. Juni 2012, gegen den neonazistischen Aufmarsch unter dem Motto \u201eTag der deutschen Zukunft\u201c in Wandsbek. Massive Proteste und Blockaden an der Marschroute der Neonazis konnten den Aufzug zwar nicht verhindern, daf\u00fcr aber von urspr\u00fcnglich 4 auf 1,5 Kilometer verk\u00fcrzen. \u00dcberschattet wurden die \u00fcberwiegend friedlichen Proteste von gewaltt\u00e4tigen Ausschreitungen.<!--more--><\/p>\n<p>Es sollte wohl der Aufmarsch schlechthin f\u00fcr die Neonazi-Szene in Norddeutschland werden. Und tats\u00e4chlich versprach es mit 1.000 erwarteten Teilnehmern und einer ca. vier Kilometer langen Marschroute auch etwas gro\u00dfes zu werden. Doch schon im Vorfeld stellte sich die Sache f\u00fcr die Neonazis wohl schwieriger als angenommen dar. Denn urspr\u00fcnglich wollten die Nazis erst direkt in der Innenstadt marschieren, was ihnen gerichtlich allerdings ebenso verwehrt bliebt wie der Marsch durch den Hamburger Bezirk Altona. Die Stadt hatte zuvor beide Routen aus Gr\u00fcnden der Sicherheit verboten und den Neonazis in Wandsbek lediglich eine \u201estation\u00e4re Kundgebung\u201c genehmigt. In diesem Punkt widersprach das Verwaltungsgericht der Stadt aber und erlaubte trotzdem einen Aufmarsch in Wandsbek, da das Demonstrationsrecht ansonsten zu drastisch eingeschr\u00e4nkt werden w\u00fcrde. Kurz vor dem Aufmarsch kam es in einschl\u00e4gigen Neonazi-Foren dann auch noch zu Drohgeb\u00e4rden hinsichtlich des 2. Juni, in denen unter anderem angek\u00fcndigt wurde, dass die \u201eSchonzeit\u201c vorbei sein w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Doch dann kam f\u00fcr die Nazis irgendwie alles ganz anders. Schon einige Zeit bevor der Nazi-Aufmarsch um 12 Uhr Mittags starteten sollte, kam es in der Hamburger Innenstadt n\u00e4mlich zu eindeutigen Protesten unter dem Motto \u201eHamburg bekennt Farbe\u201c, die unmissverst\u00e4ndlich klar machten, dass rechte Einstellungen und Aufm\u00e4rsche in der Hansestadt unerw\u00fcnscht sind. Ann\u00e4hernd 3000 B\u00fcrgerInnen beteiligten sich gegen 10 Uhr Vormittags an einem Protestzug, der auch am Rathaus vorbeif\u00fchrte. Weit \u00fcber 10.000 Menschen nahmen zudem an der offiziellen Veranstaltungen am Rathaus-Markt teil, bei der auch Hamburgs Erster B\u00fcrgermeister Olaf Scholz (SPD) sowie einige Zeitzeugen als Redner auftraten. Scholz stellte laut Berichten der Hamburger Morgenpost in seiner Rede klar, dass die \u201eVielfalt\u201c Hamburgs ein \u201eSchatz\u201c ist und sagte: \u201eWir sind stolz darauf, eine weltoffene Stadt zu sein!\u201c. F\u00fcr das gelingen des Protestes sorgte ebenfalls ein umfassendes Rahmenprogramm wie die Lesung von Harry Rowohlt oder eine Interviewrunde mit dem Boxer Alexander Dimitrenko und vieles mehr.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend auf dem Rathausmarkt ein deutliches Zeichen gesetzt wurde, versammelten sich viele B\u00fcrgerInnen auch direkt im Bezirks Wandsbek, um gegen den Aufmarsch zu protestieren und diesen zu blockieren. Erste Versuche hierzu erfolgten bereits einige Zeit bevor die meisten Neonazis \u00fcberhaupt eingetroffen waren. Direkt an dem Ort, an dem der Aufzug starten sollte, hatten sich gegen 12 Uhr Mittags einige Personen auf die Stra\u00dfe gesetzt und unternahmen einen Blockadeversuch. Trotz mehrmaliger Aufforderung der Polizei und einer Provokation seitens des Neonazis Thomas Wulff, der \u00fcberdies als Veranstaltungsleiter fungierte, blieben die couragierten B\u00fcrgerInnen sitzen, um sich gegen die Neofaschisten zur Wehr zu setzen. Wie bereits angek\u00fcndigt, begann die Polizei kurz darauf damit, die Personen wegzutragen, wobei eine Frau durch Gesang klarmachte, dass man sich gegen die \u201eFaschisten in unserem Land\u201c wehren muss. Der Vorgang blieb absolut friedlich und die DemonstrantInnen wurden hinter den abgesperrten Bereich und somit aus dem Veranstaltungsgebiet der Nazis gebracht. Ein weiteres Durchkommen w\u00e4re angesichts der massiven Polizeipr\u00e4senz vor Ort wohl kaum m\u00f6glich gewesen.<\/p>\n<p>Vereinzelt trafen zwischenzeitlich immer wieder Neonazis ein, nach einiger Zeit d\u00fcrften es wohl an die 50 gewesen sein, darunter Thomas \u201eSteiner\u201c Wulff und Christian Worch. Unterdessen brannten in der n\u00e4heren Umgebung immer wieder Barrikaden, die Polizei ging mit Wasserwerfer und Pfefferspray gegen Demonstranten vor, die Feuerwehr musste anr\u00fccken. Nach einer schieren Ewigkeiten trafen die restlichen Neonazis mit drei Bussen des HVV schlie\u00dflich an der Ecke Hammerstra\u00dfe\/Pappelalle ein, wo sie nach den offiziellen Reden auch erst einmal eine ganze Zeit lang festsa\u00dfen. Direkt hinter dem abgesperrten Bereich hatten sich n\u00e4mlich einige Menschen absolut friedlich auf die Stra\u00dfe gesetzt, sodass es vorerst kein Durchkommen gab. Erst nachdem die Polizei, die mit Wasserwerfern und R\u00e4umpanzern vorangefahren waren, die Blockade rigoros aufl\u00f6ste, konnten sich die Neonazis in Bewegung setzen. Die Polizei bannte den Nazis somit den Weg und ging bisweilen extrem hart gegen GegendemonstrantInnen vor. Insgesamt d\u00fcrfte es wohl etwas \u00fcber 400 Neonazis gewesen sein, die mit Bannern und Transparenten durch die Stra\u00dfen zogen.<\/p>\n<p>Doch weit gekommen sind sie nicht, denn bereits an der Kreuzung Papelalle\/Hammer Steindamm musste der Aufmarsch abermals stoppen. Wieder hatten sich Blockaden gebildet, die erneut von der Polizei aufgel\u00f6st wurden; allm\u00e4hlich spitzte sich die Lage zu. Knallk\u00f6rper explodierten, einige versuchten, zu den Nazis vorzudringen, die Lage war prek\u00e4r. W\u00e4hrend die Nazis die Hasselbrookstra\u00dfe entlangmarschierten, kamen sich GegendemonstrantInnen und Neonazis extrem nah, die Nazis begannen mit Flaschen zu werfen und dr\u00fcckten stellenweise massiv gegen die Polizeikette. Nachdem sie in den Peterskampweg abgewogen waren, musste der Zug dann wider stoppen. Erneut waren die Stra\u00dfen dicht.<\/p>\n<p>Unz\u00e4hlige Menschen hatten die Ecke Marienthaler Stra\u00dfe\/Peterskampweg besetzt und ein weiterkommen unm\u00f6glich gemacht. Erneut blieb alles friedlich, zu Eskalation kam es erst, als die Polizei mit einer relativen H\u00e4rte gegen die DemonstrantInnen vorging. Zwischenzeitlich wirkte die Polizei aber unsicher, Wasserwerfer und R\u00e4umpanzer sowie unz\u00e4hlige Beamte hatten Stellung bezogen, die Situation war angespannt \u2013 unternommen wurde vorerst jedoch nichts. Einige Zeit sp\u00e4ter kam dann Bewegung ins Spiel: die Polizei forderte die B\u00fcrgerInnen auf, den Platz zu r\u00e4umen und drohte an, ansonsten Wasserwerfer einzusetzen. Doch ohne Erfolg, die DemonstrantInnen beugten sich nicht und blieben couragiert sitzen. Daraufhin ging die Polizei unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig hart vor, setzte Wasserwerfer ein und l\u00f6ste die Blockaden durch k\u00f6rperlichen Einsatz auf, wodurch die Lage eskalierte. Flaschen und Steine flogen, Polizisten st\u00fcrmten wie wild auf DemonstrantInnen los. Nach und nach br\u00f6ckelte die Blockade und die Polizei lotste die Nazis in die Marienthaler Stra\u00dfe. Wieder waren sich beide Lager extrem nahe, lediglich getrennt durch eine \u00fcberaus d\u00fcnne Polizeikette.<\/p>\n<p>Es folgte der Marsch durch die Marienthaler Stra\u00dfe, der die Nazis zur\u00fcck zum Hammer Steindamm f\u00fchrte, wo der Aufmarsch schlussendlich an der S-Bahn Station Hasselbrook stoppte. Nach nur etwa 1,5 Kilometer war f\u00fcr die Nazis Schluss, es ging nicht mehr weiter, die rechten Demonstrationsteilnehmer mussten ihren Aufzug beenden. Alles war umstellt von Gegendemonstranten, die wiederum von der Polizei abgeschirmt wurden. Ehe die Nazis ihre S-Bahn besteigen konnten, flogen noch einmal Gegenst\u00e4nde, die Polizei dr\u00e4ngte die Gegendemonstranten zur\u00fcck und errichtete eine Kette. Auch die Nazis provozierten zwischenzeitlich, warfen Gegenst\u00e4nde und dr\u00fcckten wieder gegen die Polizeiketten. Als die Nazis dann in ihre S-Bahnen gestiegen sind und Wandsbek verlie\u00dfen, kehrte allm\u00e4hlich wieder Ruhe ein. \u00dcbrigens wurde auch bereits in neuer \u201eTag der deutschen Zukunft\u201c angek\u00fcndigt, der 2013 in Wolfsburg stattfinden soll.<\/p>\n<p>Das Fazit, das die Polizei am Ende ziehen konnte, d\u00fcrfte wohl eher durchwachsen ausgefallen sein. 17 Personen sind festgenommen und 63 in Gewahrsam genommen worden und einige Polizeibeamten wurden verletzt. Doch auch die Polizei steht in der Kritik, dass ihr Einsatz deutlich zu massiv gewesen ist. So wird das Vorgehen der Polizei in der n\u00e4chsten Zeit vom Innenausschuss der Hamburger B\u00fcrgschaft untersucht werden. Kritik am Vorgehen der Polizei kam vor allen von Seiten der Gr\u00fcnen und der Linken, die ein rabiates Vorgehen anprangerten, aber auch CDU und FDP h\u00e4tten \u201eFragen\u201c, wie NDR.de berichtet.<\/p>\n<p>Positiv hervorzuheben bleibt aber, dass sich ein \u00fcberw\u00e4ltigender Teil der HamburgerInnen friedlich und couragiert gegen Neonazis geweht hat und dazu beigetragen hat, dass der \u201eTag der deutschen Zukunft\u201c zu einer regelrechten Blamage verkam und den Neonazis ein Strich durch die Rechnung gemacht werden konnte. Negativ hervorzuheben gilt es indes, dass die Polizei teilweise sehr drastisch, wom\u00f6glich gar unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig vorging und keinerlei Chancen f\u00fcr Blockaden lie\u00df.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weit \u00fcber 10.000 HamburgerInnen wehrten sich am Samstag, den 02. Juni 2012, gegen den neonazistischen Aufmarsch unter dem Motto \u201eTag der deutschen Zukunft\u201c in Wandsbek. 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