{"id":168,"date":"2014-08-26T16:59:06","date_gmt":"2014-08-26T14:59:06","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/stufenlos\/?p=168"},"modified":"2014-08-27T16:34:16","modified_gmt":"2014-08-27T14:34:16","slug":"berufliche-inklusion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/stufenlos\/2014\/08\/26\/berufliche-inklusion\/","title":{"rendered":"Wie berufliche Inklusion funktionieren kann"},"content":{"rendered":"<p>Kann eine Frau ohne Arme Masseurin werden? Kann ein Mann, der nicht sprechen kann, Kabarettist werden? Kann man ohne sehen zu k\u00f6nnen, Fernsehkorrespondent werden? Kann ein Rollstuhlfahrer Fu\u00dfballtrainer werden?<\/p>\n<p>W\u00e4hrend vermutlich die Mehrheit der Berufsberater die Fragen mit &#8222;Nein&#8220; beantworten w\u00fcrde, sieht die Realit\u00e4t, zumindest in Gro\u00dfbritannien, bereits anders aus. <a href=\"http:\/\/www.enjoyfeet.co.uk\">Sue Kent<\/a> hat keine Arme, ist selbstst\u00e4ndige Masseurin und <a href=\"https:\/\/twitter.com\/AlignTherapies\/status\/501825977585254400\/photo\/1\">massiert unter anderem Athleten<\/a> vor und nach Wettk\u00e4mpfen. <a href=\"http:\/\/lostvoiceguy.com\">Lee Ridley<\/a> tourt als Comedian durch Gro\u00dfbritannien ganz ohne zu sprechen. <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Gary_O'Donoghue\">Gary O&#8217;Donoghue<\/a> war Politik-Korrespondent bei der BBC, stand \u00f6fter vor 10 Downing Street f\u00fcr Live-Schaltungen und ist unterdessen leitender Politik-Korrespondent bei BBC Radio 4. Und auch den rollstuhlfahrenden Fu\u00dfballtrainer gibt es, n\u00e4mlich bei Manchester United. Der Verein hat gerade den <a href=\"http:\/\/metro.co.uk\/2014\/08\/13\/manchester-united-hire-first-wheelchair-bound-coach-who-could-be-the-next-sir-alex-fergsuon-4831230\/\">22-j\u00e4hrigen Sohail Rehman<\/a> als Nachwuchstrainer engagiert.<\/p>\n<p>Wenn es darum geht, ob und wie behinderte Menschen arbeiten k\u00f6nnen, liegt das Hauptaugenmerk oft darauf, was sie nicht k\u00f6nnen statt nach alternativen L\u00f6sungen zu suchen und sich darauf zu konzentrieren, was jemand kann. Der Kabarettist nutzt einen Laptop, auf dem er eingibt, was er sprechen soll, die Masseurin massiert mit den F\u00fc\u00dfen, der BBC-Korrespondent macht seine Fersehauftritte wie jeder andere auch, vorher l\u00e4sst er sich vom Kamerateam entsprechend hinstellen. Und ein Trainer spielt sowieso selten selber mit, da ist es auch egal, dass er im Rollstuhl sitzt. <\/p>\n<p>Was es aber braucht, um berufliche Inklusion m\u00f6glich zu machen, sind Entscheidungstr\u00e4ger, die \u00fcber ihren eigenen Tellerrand schauen und behinderte Menschen einstellen &#8211; oft schon bei Stellen, die weniger spektakul\u00e4r sind als die oben genannten Beispiele. Ja, es gibt immer noch Menschen, die daran zweifeln, dass ein Rollstuhlfahrer einen B\u00fcrojob gut hinbekommt und ob man wirklich einem geh\u00f6rlosen Bewerber den Job als Grafikdesigner zutrauen kann. Genau diese Einstellungen erkl\u00e4ren unter anderem die hohe Arbeitslosenquote behinderter Menschen. Die Bundesagentur f\u00fcr Arbeit schreibt in einer Auswertung \u00fcber schwerbehinderte Arbeitslose sogar, dass diese tendenziell etwas besser qualifiziert sind als nichtbehinderte Arbeitslose.<\/p>\n<p>Notwendig ist zudem ein niederschwelliges Unterst\u00fctzungssystem f\u00fcr die behinderten Menschen und f\u00fcr die Arbeitgeber. Manche behinderte Menschen brauchen eine besondere Arbeitsplatzausstattung und Arbeitsassistenz. Diese Kosten werden in Deutschland eigentlich von Kostentr\u00e4gern \u00fcbernommen. Aber niederschwellig hei\u00dft nicht, dass von den Kostentr\u00e4gern erst einmal die Arbeitsf\u00e4higkeit des behinderten Arbeitnehmers grunds\u00e4tzlich in Frage gestellt wird, um Kosten sparen zu k\u00f6nnen. Oder dass man st\u00e4ndig als potenzieller Betr\u00fcger hingestellt wird, wenn man Assistenzleistungen beantragt. Oder dass die Bewilligung dieser Unterst\u00fctzung Wochen oder Monate dauert w\u00e4hrend der behinderte Arbeitnehmer keine vern\u00fcnftige Arbeitsleistung erbringen kann, weil die notwendige Arbeitsplatzausstattung fehlt.<\/p>\n<p>Niederschwellig bedeutet genau das, was ich in England selbst erlebt habe: Dass ich einen (!) Anruf t\u00e4tige bei einer zentralen Hotline, man sich anh\u00f6rt, was ich ben\u00f6tige, mir am Ende des Telefonats die Bewilligung m\u00fcndlich zusagt, ich am n\u00e4chsten Tag die Assistenz organisieren kann und am Tag darauf das Bewilligungsschreiben in der Post ist. Und warum? Weil die Briten erkannt haben, dass es viel teurer ist, behinderte Menschen in die Sozialhilfe oder in die Erwerbsunf\u00e4higkeitsrente abzuschieben als Assistenz und Hilfsmittel zur Verf\u00fcgung zu stellen. <\/p>\n<p>Zus\u00e4tzlich schaffen behinderte Menschen auch noch Arbeitspl\u00e4tze in Form von Assistenzkr\u00e4ften. Vor ein paar Jahren gab es eine Studie zu &#8222;Access to Work&#8220;. So hei\u00dft das Programm, aus dem die berufliche Assistenz und Hilfsmittel bezahlt werden. Jedes Pfund, das der britische Staat in behinderte Menschen am Arbeitsplatz investiert hat, kam \u00fcber Steuern und eingesparte Sozialleistungen wieder zur\u00fcck. Es gibt sogar Sch\u00e4tzungen, die davon ausgehen, dass das Doppelte wieder in die Staatskassen zur\u00fcckgesp\u00fclt wird. Das haben viele Kostentr\u00e4ger in Deutschland leider noch \u00fcberhaupt nicht begriffen. <\/p>\n<p>Das Abschieben von behinderten Menschen aus dem Arbeitsleben ist nicht nur unsozial, denn Arbeit hat nicht zuletzt auch eine soziale Funktion. Aber wem das als Argument nicht gen\u00fcgt: Es ist auch volkswirtschaftlich Unfug, Menschen nicht entsprechend ihren F\u00e4higkeiten einzusetzen und die notwendigen Voraussetzungen daf\u00fcr zu verweigern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kann eine Frau ohne Arme Masseurin werden? Kann ein Mann, der nicht sprechen kann, Kabarettist werden? Kann man ohne sehen zu k\u00f6nnen, Fernsehkorrespondent werden? Kann ein Rollstuhlfahrer Fu\u00dfballtrainer werden? W\u00e4hrend vermutlich die Mehrheit der Berufsberater die Fragen mit &#8222;Nein&#8220; beantworten w\u00fcrde, sieht die Realit\u00e4t, zumindest in Gro\u00dfbritannien, bereits anders aus. 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