{"id":2195,"date":"2016-05-12T13:56:51","date_gmt":"2016-05-12T11:56:51","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/stufenlos\/?p=2195"},"modified":"2016-05-12T16:08:35","modified_gmt":"2016-05-12T14:08:35","slug":"eurovision-song-contest-barrierefreiheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/stufenlos\/2016\/05\/12\/eurovision-song-contest-barrierefreiheit\/","title":{"rendered":"Eurovision: \u00d6sterreich schl\u00e4gt Schweden \u2013 zumindest bei der Barrierefreiheit"},"content":{"rendered":"<p>Ich hatte mich so auf den Eurovision Song Contest in Stockholm gefreut. Eigentlich war ich nie ein gro\u00dfer ESC-Fan, bis ich im vergangenen Jahr zum ersten Mal den Wettbewerb in Wien erlebt habe. Was f\u00fcr eine tolle Stimmung der Song Contest im Publikum, vor den Fernsehger\u00e4ten und nicht zuletzt im Pressezentrum erzeugt! Das macht einfach Spa\u00df.<\/p>\n<p>Meine Stimmung ist allerdings in diesem Jahr bislang noch nicht so richtig toll \u2013 und das liegt am ESC-Pressezentrum.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<h3>Wien war sehr barrierefrei<\/h3>\n<p>Was hatte man sich in Wien alles ausgedacht, um den Eurovision Song Contest so barrierefrei wie m\u00f6glich zu machen, auch f\u00fcr akkreditierte behinderte Journalisten. Es gab Rampenkonstruktionen, die in einem Rampenbauerwettbewerb definitiv &#8222;twelve points&#8220; bekommen h\u00e4tten. Es stand immer jemand an der Rampe, um behilflich zu sein, nur f\u00fcr den Fall, dass jemand Unterst\u00fctzung brauchte. Es gab ein Sicherheitskonzept, wie Rollstuhlfahrer durch die Sicherheitsschleuse kommen, Tische am Rand, die f\u00fcr Rollstuhlfahrer reserviert waren, damit man nicht durch die Tischreihen musste und x Sachen mehr. Und vor allem gab es gut geschulte Freiwillige, die hilfsbereit, aber nicht aufdringlich waren und dazu noch \u00fcberall sichtbar. Bis zum Finale in Wien sah ich etwa sechs bis sieben andere Rollstuhlfahrer und auch noch andere behinderte Journalisten im Pressezentrum. Wien war ein toller Gastgeber, und ich hatte keine Zweifel, dass Stockholm nicht dahinter zur\u00fcckfallen will.<\/p>\n<h3>Hindernisparcours schon am Eingang<\/h3>\n<p>Ich habe mich geirrt. Schon bei der Ankunft vorgestern traute ich meine Augen nicht: Die Eingangst\u00fcr zum Akkreditierungsbereich war gesch\u00e4tzt 65 Zentimeter breit, mein Rollstuhl Gott sei Dank nur 62 Zentimeter. Man h\u00e4tte vielleicht die zweite Fl\u00fcgelt\u00fcr \u00f6ffnen k\u00f6nnen \u2013 aber weit und breit war niemand zu sehen, den man darum h\u00e4tte bitten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Vor dem Pressezentrum steht ein Zelt, in dem man wie am Flughafen durchleuchtet wird. Das Problem: Davor liegt nicht nur ein gro\u00dfes Stromkabel, das man \u00fcberwinden muss, sondern auch noch ungef\u00e4hr die abenteuerlichste Rampenkonstruktion, die ich je in einem europ\u00e4ischen Land gesehen habe. Sie gleicht einer Pyramide: steil nach oben f\u00fchrend und danach sofort steil wieder abfallend.<\/p>\n<p>Ich bin wirklich eine ge\u00fcbte Rollstuhlfahrerin, aber das schaffe selbst ich nicht. Sogar mit Hilfe muss ich h\u00f6llisch aufpassen, nicht aus dem Rollstuhl zu fallen. Raus aus dem Zelt ist die Rampe etwas flacher, aber danach kommt gleich eine kleine Stufe. Rampe plus Stufe \u2013 wer plant so was?<\/p>\n<p>Was bei solch einer Konstruktion v\u00f6llig klar ist: Entweder hat niemand damit gerechnet, dass Rollstuhlfahrer da durchm\u00fcssen, oder es war den Veranstaltern einfach v\u00f6llig egal. Ganz gleich, was die Gr\u00fcnde sind: Einen derart dilettantisch geplanten Eingangsbereich zu bauen, ist das Gegenteil von einem gastfreundlichen Empfang \u2013 vor allem dann, wenn die Sicherheitsleute mir von Weitem stocksteif zuschauen, wie ich jetzt bereits zum zweiten Mal an der Rampe scheitere, ohne mir \u00fcberhaupt mal Hilfe anzubieten.<\/p>\n<h3>Leere Versprechungen<\/h3>\n<p>Dann hat man mir versprochen, das mit dem Sicherheitsteam zu kl\u00e4ren, damit Rollstuhlfahrer den genau daneben liegenden, v\u00f6llig flachen Eingang nutzen k\u00f6nnen. Heute sagte man mir, das gehe nicht. Man werde mir jetzt immer \u00fcber die Rampen helfen und mich festhalten, damit ich nicht aus dem Rollstuhl falle. Das versteht Schweden unter Barrierefreiheit? Im Jahr 2016? Den barrierefreien Eingang daneben d\u00fcrfen Rollstuhlfahrer nicht nutzen? Ich muss sowieso per Hand abgetastet werden. Wo das geschieht, ist eigentlich v\u00f6llig egal. Und meine Tasche k\u00f6nnte man problemlos ohne mich durchleuchten.<\/p>\n<p>Aber auch wenn ich es geschafft habe, in den Eingangsbereich zu gelangen, ohne aus dem Rollstuhl zu fallen, bin ich nur in der Halle und noch nicht im Pressezentrum. Das befindet sich n\u00e4mlich ein Stockwerk weiter unten. Auch hier hat offensichtlich niemand damit gerechnet, dass man daf\u00fcr nicht unbedingt die steilen Treppen nutzen will oder kann, sondern auch den Lift. Der wurde aber in den nicht \u00f6ffentlichen Bereich gesetzt und mit einem Sicherheitssystem versehen, das nur bestimmte Mitarbeiter bedienen k\u00f6nnen. Diese Mitarbeiter jedes Mal zu finden, ist wie Lotto spielen \u2013 nicht nur beim Ankommen, sondern auch wenn man zur Toilette m\u00f6chte, zum Restaurant oder zu einer Pressekonferenz. St\u00e4ndig sucht man jemanden, der den Lift bedienen kann.<\/p>\n<p>Gestern hatte ich nicht nur Probleme, in die Halle zu kommen, sondern auch die Halle wieder zu verlassen, weil ein \u00fcbereifriger Sicherheitsmensch eine Diskussion dar\u00fcber anfing, ob man &#8222;nur&#8220; mit einer Presseakkreditierung den Lift benutzen darf \u2013 und das obwohl wir (eine andere rollstuhlfahrende Journalistin und ich) in Begleitung von mehreren Mitarbeitern waren, die den Lift benutzen konnten. Und wie wir sonst aus der Halle gelangen sollten, ohne den Lift zu nutzen, konnte er uns nat\u00fcrlich auch nicht sagen. So muss man jetzt also nicht nur den richtigen Mitarbeiter finden, sondern dann auch noch einen Debattierclub vor dem Lift \u00fcberstehen. Es ist absurd.<\/p>\n<h3>Mangelhafte Planung verursacht Arbeit<\/h3>\n<p>Nun ist es nicht so, dass ich auf diese Umst\u00e4nde nicht sofort nach meiner Ankunft aufmerksam gemacht h\u00e4tte. Auch die andere Kollegin, die im Rollstuhl sitzt, hat sich bereits beschwert. Vor allem \u00fcber die Attit\u00fcde mancher Mitarbeiter, die ihr zu verstehen geben, sie w\u00fcrde Arbeit verursachen, weil sie ins Pressezentrum m\u00f6chte. Was euch Arbeit verursacht, lieber ESC und liebe Stadt Stockholm, sind nicht die behinderten Journalisten, die einfach nur ins Pressezentrum wollen, um zu arbeiten, sondern eure mangelhafte Planung.<\/p>\n<p>Gestern morgen h\u00f6rte ich einen Vortrag im Stockholmer Rathaus. Die Behindertenbeauftragte der Stadt machte sich \u2013 keine 24 Stunden nach meiner Beschwerde \u2013 dar\u00fcber lustig, dass der ESC bei ihr angerufen habe. Eine Journalistin im Rollstuhl habe sich \u00fcber die Zug\u00e4nglichkeit des Pressezentrums beschwert und man hat sie gebeten, mit dieser Rollstuhlfahrerin zu sprechen, erz\u00e4hlte sie in ihrem Vortrag, nicht wissend, dass eine der Zuh\u00f6rer besagte Journalistin ist. Sie habe den Veranstalter dann aufgefordert, ihr das Konzept f\u00fcr das Pressezentrum zukommen zu lassen. Viele tolle Dinge konnte man da lesen. Nur \u00fcber Barrierefreiheit habe darin kein Wort gestanden, erz\u00e4hlte sie. Vermutlich hat man es einfach vergessen und ist nun zu bequem, das Problem elegant zu l\u00f6sen. Es ist ihnen einfach nicht wichtig genug.<\/p>\n<h3>Nicht barrierefrei = nicht gastfreundlich<\/h3>\n<p>Ich glaube, bei der ESC-Planung in Stockholm hat sich etwas Routine eingeschlichen. Die Schweden richten das zum x-ten Mal aus und man glaubt, sie haben das sowieso alles im Griff. Wenn man aber zu ABBAs Zeiten nicht unbedingt mit behinderten Journalisten rechnen musste, ist das im Jahr 2016 durchaus gegeben.<\/p>\n<p>Kein Konzept f\u00fcr den Empfang behinderter Journalisten zu haben und Mitarbeiter dementsprechend zu schulen, ist eigentlich unverzeihlich, insbesondere in einem Land, das sich auf die Fahnen schreibt, besonders behindertenfreundlich zu sein. Barrierefreiheit sei ein Menschenrecht, habe ich in den vergangenen Tagen oft in Vortr\u00e4gen geh\u00f6rt. Schweden sei es deshalb wichtig, barrierefrei zu werden. Dem stimme ich durchaus zu, aber ich habe so langsam das Gef\u00fchl, an der konkreten Umsetzung hapert es noch. Reden reicht halt nicht.<\/p>\n<p>Ich h\u00e4tte mich auch gefreut, wenn man die Fahrstuhlt\u00fcr in der U-Bahnstation an der ESC-Halle repariert h\u00e4tte, bevor man Tausende Besucher durch diese Station schleust. Die T\u00fcr sieht auch nicht so aus, als sei sie erst seit gestern kaputt. Allein heute stand ich in Stockholm vor zwei defekten Fahrst\u00fchlen in U-Bahn-Stationen, die gar nicht gingen, und vor vielen anderen Aufz\u00fcgen, bei denen die T\u00fcren defekt waren und man sie mit viel Kraft selbst \u00f6ffnen musste. Barrierefreiheit ist ein Menschenrecht, ja?<\/p>\n<p>Die andere rollstuhlfahrende Kollegin begr\u00fc\u00dfte mich gestern mit den Worten &#8222;Na, wie geht&#8217;s? Furchtbar, die Barrierefreiheit, oder?&#8220; Wir kannten uns aus Wien und hatten uns vor einem Jahr so sehr \u00fcber die Barrierefreiheit und die gut geschulten Freiwilligen gefreut. Ich gab ihr recht \u2013 aber das kann doch nicht ernsthaft der Eindruck sein, den Schweden bei behinderten Journalisten hinterlassen m\u00f6chte?!? F\u00fcr die Barrierefreiheit beim ESC bekommt Schweden von uns 0 Punkte. Vielleicht hat Schweden die besseren S\u00e4nger, aber in Sachen &#8222;ESC barrierefrei machen&#8220; hat \u00d6sterreich Schweden haushoch geschlagen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich hatte mich so auf den Eurovision Song Contest in Stockholm gefreut. Eigentlich war ich nie ein gro\u00dfer ESC-Fan, bis ich im vergangenen Jahr zum ersten Mal den Wettbewerb in Wien erlebt habe. Was f\u00fcr eine tolle Stimmung der Song Contest im Publikum, vor den Fernsehger\u00e4ten und nicht zuletzt im Pressezentrum erzeugt! 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