{"id":2373,"date":"2016-09-11T01:29:43","date_gmt":"2016-09-10T23:29:43","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/stufenlos\/?p=2373"},"modified":"2016-09-12T14:11:05","modified_gmt":"2016-09-12T12:11:05","slug":"behindert-ist-man-nicht-behindert-wird-man","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/stufenlos\/2016\/09\/11\/behindert-ist-man-nicht-behindert-wird-man\/","title":{"rendered":"Behindert ist man nicht. Behindert wird man."},"content":{"rendered":"<p><em>Auf dem Z2X-Festival habe ich einen <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/video\/2016-09\/5111872335001\/z2x-behindert-ist-man-nicht-behindert-wird-man\">Blitzvortrag<\/a> gehalten. Ich bin davon \u00fcberzeugt, dass gleichberechtigte Teilhabe nur gelingen kann, wenn wir Behinderung neu denken. Hier kommt der Vortrag in Textform.<\/em><\/p>\n<div style=\"display: block; position: relative; max-width: 100%;\">\n<div style=\"padding-top: 56.25%;\"><iframe loading=\"lazy\" style=\"width: 100%; border:0; height: 100%; position: absolute; top: 0px; bottom: 0px; right: 0px; left: 0px;\" height=\"150\" src=\"\/\/players.brightcove.net\/18140073001\/c09a3b98-8829-47a5-b93b-c3cca8a4b5e9_default\/index.html?videoId=5111872335001\" width=\"300\"><\/iframe><\/div>\n<\/div>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Ich wollte in Frankfurt ins Kino gehen. Ich wohne in London und hatte mich sehr auf den Kinobesuch gefreut, als ich dort beruflich zu tun hatte, denn in Gro\u00dfbritannien lief der Film nicht, den ich unbedingt sehen wollte. Aber als ich an der Kinokasse ankam, sagte man mir, man w\u00fcrde mich nicht alleine ins Kino lassen. Das habe versicherungsrechtliche Gr\u00fcnde. Es sei zu gef\u00e4hrlich.<\/p>\n<p>Ich bin solche Situationen gewohnt. Seit \u00fcber 30 Jahren versuchen mir andere Menschen zu sagen, was ich kann und was ich nicht kann, weil ich im Rollstuhl sitze. Ich war w\u00fctend, ich war entt\u00e4uscht, aber ich war kampfbereit und nach ziemlichen langen Diskussionen dar\u00fcber, ob ich mich wirklich den Gefahren der Frankfurter Kinowelt aussetzen sollte, verkaufte man mir am Ende doch eine Kinokarte.<\/p>\n<p>Und obwohl dieses Beispiel deutlich macht, dass gar nicht ich das Problem bin, sondern das Kino, nimmt man allgemein an, mit behinderten Menschen sei etwas nicht in Ordnung. Sie m\u00fcssen &#8222;repariert&#8220; werden und wenn das nicht geht, dann kann man da eben nichts machen.<\/p>\n<p>Und genau das ist falsch: Dass behinderte Menschen ausgegrenzt werden, nicht voll an der Gesellschaft teilhaben k\u00f6nnen, schlechtere Bildungschancen haben und schlechter einen Arbeitsplatz finden, liegt nicht einfach daran, dass sie nicht gehen, sehen oder h\u00f6ren k\u00f6nnen. Es liegt daran, dass die Gesellschaft glaubt, Behinderung sei ein individuelles Problem, ein in der Biologie behinderter Menschen begr\u00fcndetes, und damit richtet man den Blick ausschlie\u00dflich auf die Defizite, auf das, was diese Menschen nicht k\u00f6nnen. Deshalb ist Behinderung auch weitgehend eine Angelegenheit des Gesundheitswesens.<\/p>\n<p>Das wird euch vielleicht \u00fcberraschen, aber ich bin fest davon \u00fcberzeugt, dass die Tatsache, dass ich nicht laufen kann, kein Problem ist. In einer Umgebung wie hier, in der es ebenerdig ist, es eine Rampe zur B\u00fchne gibt und eine Toilette, die ich benutzen kann sowie einen Aufzug, bin ich nicht behindert.<\/p>\n<p><strong>Was mich behindert, ist nicht die Tatsache, dass ich nicht gehen kann, sondern mich behindern Stufen, schmale T\u00fcren, Treppen und Menschen.<\/strong> Ja, vor allem Menschen. Denn selbst in einer barrierefreien Umgebung kommt es vor, dass man mich ausgrenzt, weil ich nicht gehen kann, wie in dem Kino in Frankfurt. Auch manche Fluggesellschaft ist immer noch der Meinung, ich d\u00fcrfe nicht alleine reisen\u00a0\u2013 und das, obwohl ich an die 1.000 Fl\u00fcge hinter mir habe, die meisten alleine\u00a0\u2013 und selber Personal von Fluggesellschaften schule. Und bis heute fragen mich st\u00e4ndig Menschen, wie ich als Rollstuhlfahrerin eigentlich Journalistin werden konnte und ob das eigentlich ein geeigneter Beruf f\u00fcr mich sei.<\/p>\n<p>Wir haben in Deutschland das Problem, dass Behinderung von \u00c4rzten, Sonderp\u00e4dagogen, Sozialarbeitern und Physiotherapeuten definiert und bestimmt wird und nicht von behinderten Menschen selber. Und hinter dieser rein medizinischen Definition schwingt auch immer die Botschaft mit: <strong>Du bist nicht in Ordnung, wie du bist.<\/strong> Niemand hinterfragt, was es eigentlich f\u00fcr behinderte Kinder bedeutet, die von klein auf mit dieser Botschaft aufwachsen: Du bist nicht in Ordnung. Dabei sind sie sehr wohl in Ordnung. Sie m\u00fcssen nur Dinge anders machen, sie bewegen sich anders fort, sie lesen Lippen und sie brauchen ein barrierefreies Umfeld und bedarfsgerechte Unterst\u00fctzung.<\/p>\n<p>Die Art und Weise, wie wir mit Behinderung umgehen\u00a0\u2013 rein medizinisch\u00a0\u2013 nennt man &#8222;medizinisches Modell&#8220; von Behinderung. In Gro\u00dfbritannien hingegen orientiert man sich am &#8222;Sozialen Modell von Behinderung&#8220; und der Frage &#8222;Was muss getan werden, um Teilhabe zu erm\u00f6glichen?&#8220;. Was kann die Gesellschaft tun? Barrierefrei bauen zum Beispiel, auch mal im Bestand umbauen. Mitarbeiter entsprechend schulen, damit sie einem nicht den Zugang ins Kino oder ins Flugzeug verweigern. Und vor allem braucht es die Bereitschaft, Dinge zu erm\u00f6glichen, nicht zu behindern. <strong>Es ist ganz oft eine Frage der Einstellung und nicht immer nur eine Frage des Geldes.<\/strong><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich geht es nicht darum, jemandem die optimale medizinische Versorgung abzusprechen, aber wenn man am k\u00f6rperlichen Zustand nichts \u00e4ndern kann, w\u00e4re es dann nicht angebracht, die Umwelt, die Vorg\u00e4nge, die Gegebenheiten an behinderte Menschen anzupassen? Also Behinderung als nicht mehr den rein k\u00f6rperlichen Zustand zu sehen, sondern als die Barrieren, die das Leben behinderter Menschen erschweren. Nicht nur die baulichen, sondern vor allem die organisatorischen.<\/p>\n<p>Ich glaube fest daran, dass wir die Teilhabe behinderter Menschen verbessern k\u00f6nnten, wenn wir <strong>Behinderung als gesellschaftliche Aufgabe verstehen<\/strong> w\u00fcrden statt als individuelles Defizit.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr brauchen wir auch rechtliche Rahmenbedingungen, ein vern\u00fcnftiges Antidiskriminierungsgesetz und ein <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stufenlos\/2016\/05\/02\/bundesteilhabegesetz-der-entwurf-verspricht-mehr-burokratie-und-kaum-vorteile\/\">Teilhabegesetz<\/a> zum Beispiel, das behinderten Menschen erm\u00f6glicht, au\u00dferhalb von Heimen im eigenen Wohnraum zu leben, unabh\u00e4ngig vom Einkommen.<\/p>\n<p>Wenn wir gesellschaftliche Teilhabe aller wirklich ernst nehmen, muss sich in diesem Land einiges \u00e4ndern. Vor allem m\u00fcssen wir \u00f6fter fragen, <strong>wie kann man Dinge m\u00f6glich machen,<\/strong> statt einfach nur zu sagen, es geht nicht oder du kommst hier nicht rein. <strong>Behindert ist man nicht, behindert wird man.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf dem Z2X-Festival habe ich einen Blitzvortrag gehalten. Ich bin davon \u00fcberzeugt, dass gleichberechtigte Teilhabe nur gelingen kann, wenn wir Behinderung neu denken. 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