{"id":2432,"date":"2016-10-31T11:20:29","date_gmt":"2016-10-31T10:20:29","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/stufenlos\/?p=2432"},"modified":"2016-10-31T12:53:13","modified_gmt":"2016-10-31T11:53:13","slug":"wenn-trotz-chaos-alles-klappt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/stufenlos\/2016\/10\/31\/wenn-trotz-chaos-alles-klappt\/","title":{"rendered":"Wenn trotz Chaos alles klappt"},"content":{"rendered":"<p>Die Qualit\u00e4t von Fluggesellschaften l\u00e4sst sich meiner Meinung nach erst bemessen, wenn irgendetwas gr\u00fcndlich schiefl\u00e4uft. Wenn Passagiere etwa wegen der Aschewolke eines isl\u00e4ndischen Vulkans h\u00e4ngen bleiben (ja, selbst erlebt). Oder wenn es, wie am Freitagabend, irgendein Mensch f\u00fcr eine prima Idee h\u00e4lt, <a href=\"http:\/\/www.bbc.co.uk\/news\/uk-england-london-37739046\">einen Tr\u00e4nengaskanister in einer Abflughalle des London City Airport zu deponieren<\/a> und damit 26 Menschen verletzt.<\/p>\n<p>Wir sa\u00dfen alle schon abflugbereit auf unseren Sitzen und warteten darauf, dass das Flugzeug endlich zur Startbahn rollt, als die Durchsage kam, dass die Maschine nirgendwohin fliege. Der Flughafen sei aufgrund eines Vorfalls geschlossen worden und wir sollten bitte wieder aussteigen.<\/p>\n<h3><!--more--><\/h3>\n<h3>24 Reihen<\/h3>\n<p>Ich sa\u00df auf Platz 24A der Maschine. Ich sa\u00df deswegen soweit hinten, weil Rollstuhlfahrer an diesem Flughafen immer \u00fcber die hinterste T\u00fcr ins Flugzeug gelangen m\u00fcssen. Leider wird in Dublin wiederum durch die Vordert\u00fcr geboarded. Deswegen war der Weg ins Flugzeug nervig: Ich brauchte einen Bordrollstuhl, einen kleinen, unbequemen Stuhl mit kleineren R\u00e4dern, der gerade so durch den Gang passt.<\/p>\n<p>Damit 24 Reihen durchs Flugzeug gezogen zu werden, ist weder f\u00fcr mich noch f\u00fcr das Personal angenehm. Es ist eng und der Bordrollstuhl ist auf Teppichboden einfach kein tolles Fortbewegungsmittel. Und nun sollte ich das Flugzeug wieder verlassen. Im Terminal w\u00fcrden die Tickets umgebucht oder wir bek\u00e4men ein Hotelzimmer, hie\u00df es.<\/p>\n<p><strong>Umbuchen oder \u00fcbernachten<\/strong><\/p>\n<p>Ich wusste, das wird extrem spannend. Zum einen mussten die Assistenzmitarbeiter wieder zur Maschine gerufen werden. Wenn ich wirklich in Dublin \u00fcbernachten musste, dann brauchte ich ein barrierefreies Zimmer. Das ist nicht verhandelbar und ich kenne mich in Dublin mit Flughafenhotels \u00fcberhaupt nicht aus. Ob eine Fremdairline bereit ist, mich ohne Anmeldung mitzunehmen, ist auch die Frage. Eigentlich m\u00fcssen sich behinderte Flugg\u00e4ste, die Assistenz ben\u00f6tigen, 48 Stunden vorher bei der jeweiligen Airline melden oder das Reiseb\u00fcro nimmt die Anmeldung vor.<\/p>\n<p>Zudem bedeutet eine andere Airline auch ein anderer Flughafen. Aber wie komme ich sp\u00e4t am Abend von Heathrow oder Gatwick zu meinem Auto am London City Airport? Die Flugh\u00e4fen liegen alle nicht gerade um die Ecke. Victoria Station, wo der Zug von Gatwick endet, ist zum Beispiel nicht barrierefrei. Ich plane meine Reisen nicht umsonst vorher immer gut, damit ich nirgendwo strande.<\/p>\n<p>Das Flugzeug leerte sich und die beiden Flugbegleiter kamen zu mir. Sie stellten mir genau die Fragen, die ich mir auch stellte. Wollte ich in Dublin bleiben oder zu einem Ausweichflughafen? Und wenn ich zum Ausweichflughafen will, wie komme ich von dort wieder weg? Aber sie sagten mir sofort zu, egal wohin die Reise nun gehen werde, British Airways werde f\u00fcr den Heimtransport oder f\u00fcr den Transport zu meinem Auto sorgen, obwohl die Fluggesellschaft keine Schuld traf.<\/p>\n<h3>Hubwagen zum Aussteigen<\/h3>\n<p>Au\u00dferdem hatte die Crew mitgedacht: Sie hatte einen Hubwagen bestellt, der hinten ans Flugzeug andocken kann, damit ich nicht wieder 24 Reihen durchs Flugzeug musste. Auch der Pilot gesellte sich irgendwann zu uns. Er wollte mir einfach Hallo sagen, sagte er. Und ich solle mir keine Sorgen machen. Sie h\u00e4tten zwar jetzt auch keine L\u00f6sung, aber das Bodenpersonal der Airline in Dublin habe er informiert, dass ich nicht gehen k\u00f6nne und dass sie das ber\u00fccksichtigen sollten, wenn es um die Unterbringung oder die Umbuchung geht. Auch meinen eigenen Rollstuhl hatte er wieder ausladen lassen, damit ich diesen sofort bekomme. Da war ich schon ein wenig beeindruckt. Alle dachten mit \u2013 von den Flugbegleitern bis zum Piloten.<\/p>\n<p>Dabei hatte British Airways an dem Tag bei mir bereits Eindruck hinterlassen: Beim Check-in hatte ich die wohl freundlichste und kompetenteste Mitarbeiterin, die sich eine behinderte Passagierin w\u00fcnschen kann. Sie fragte mich, welche Assistenz ich ben\u00f6tige und war auch ansonsten sehr freundlich und hilfsbereit. Ich war so beeindruckt von ihrem Service, dass ich an British Airways twitterte, was f\u00fcr eine tolle Mitarbeiterin sie dort in Dublin h\u00e4tten. Ich konnte da noch nicht wissen, dass ich die Frau an dem Tag noch einmal wiedersehen sollte.<\/p>\n<p>Der Hubwagen kam irgendwann. Die Mitarbeiter brachten mich \u00fcber das Flugfeld wieder zur\u00fcck zum Check-in. Dort warteten auch die anderen Passagiere aus meinem Flugzeug sowie die einer anderen Maschine, die den Start abgebrochen hatte. Dort traf ich wieder auf die nette Check-in-Mitarbeiterin. Sie sah mich, kam auf mich zu und entschuldigte sich vielmals f\u00fcr die Unannehmlichkeiten und fragte, ob ich etwas brauche.<\/p>\n<p>Dann las ich auf Twitter, dass es 26 Verletzte in London am Flughafen gab. Um mich herum standen lauter \u00fcbel gelaunte Passagiere. Es war Freitagabend und jeder wollte zu seiner Familie und ins Wochenende. Als wieder jemand anfing zu meckern, sagte ich, es gebe 26 Verletzte in London und ich pers\u00f6nlich w\u00fcrde lieber an einem Check-in in Dublin herumstehen als jetzt eine der Verletzten zu sein. Die Stimmung verbesserte sich merklich.<\/p>\n<h3>Kampf um Gutscheine<\/h3>\n<p>Dann wurden Gutscheine verteilt. Als Rollstuhlfahrerin habe ich im Gedr\u00e4nge keine Chance, einen zu ergattern. Aber die aufmerksame Check-in-Mitarbeiterin brachte mir einen. Der sollte mir sp\u00e4ter zu einem kostenlosen Abendessen verhelfen. Zudem hatte sie versucht, mich umzubuchen, aber alle Maschinen waren voll. Meine Maschine sei aber noch nicht gecancelt, sagte sie. Sie stempelte meine Bordkarte, damit ich abermals durch die Sicherheitskontrolle konnte und empfahl mir, in der N\u00e4he der Maschine zu warten. Es sei sehr wahrscheinlich, dass wir irgendwie nach England k\u00e4men. Nur der Flughafen st\u00fcnde noch nicht fest.<\/p>\n<p>Ich holte mir mit dem Gutschein etwas zu essen und ging zur Toilette. Im Flugzeug kann ich nicht auf die Toilette gehen; in kleinen Maschinen brauche ich daf\u00fcr einen Bordrollstuhl und es ist viel zu wenig Platz. Diese Vorsichtsma\u00dfnahme war richtig, schon bald hie\u00df es, wir sollten zur\u00fcck zum Flugzeug, wir w\u00fcrden nun doch fliegen und zwar nach London City Airport wie geplant, nur eben dreieinhalb Stunden versp\u00e4tet. Bis eine Assistenz kam, dauerte es zwar eine Weile, aber es konnte ja niemand ahnen, dass die Maschine doch abheben w\u00fcrde. Und so hatte ich das gro\u00dfe Vergn\u00fcgen, gleich zwei Mal dieselbe Maschine besteigen zu d\u00fcrfen, wieder in Reihe 24.<\/p>\n<p>Ich bin mir sicher, auch wenn wir in Heathrow oder Gatwick gelandet w\u00e4ren, h\u00e4tte mich auch unangemeldet jemand aus dem Flugzeug geholt und mir die Weiterreise organisiert. So geht barrierefreies Reisen, selbst wenn Unerwartetes passiert.<\/p>\n<p><em>Anmerkung: Ich hatte es hier im Blog auch schon erw\u00e4hnt, ich schule und berate Fluggesellschaften zu dem Thema, aber BA geh\u00f6rt nicht zu meinen Kunden. Ich bin nur zufriedene Kundin.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Qualit\u00e4t von Fluggesellschaften l\u00e4sst sich meiner Meinung nach erst bemessen, wenn irgendetwas gr\u00fcndlich schiefl\u00e4uft. Wenn Passagiere etwa wegen der Aschewolke eines isl\u00e4ndischen Vulkans h\u00e4ngen bleiben (ja, selbst erlebt). 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