{"id":437,"date":"2014-10-17T14:06:46","date_gmt":"2014-10-17T12:06:46","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/stufenlos\/?p=437"},"modified":"2014-10-17T14:09:17","modified_gmt":"2014-10-17T12:09:17","slug":"inklusion-heisst-erwartungen-hochschrauben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/stufenlos\/2014\/10\/17\/inklusion-heisst-erwartungen-hochschrauben\/","title":{"rendered":"Inklusion hei\u00dft Erwartungen hochschrauben"},"content":{"rendered":"<p>Wenn \u00fcber Inklusion diskutiert wird &#8211; und ich meine jetzt die gesamtgesellschaftliche Teilhabe, nicht nur die schulische Inklusion &#8211; wird viel \u00fcber Bedingungen geredet. Mehr Barrierefreiheit, mehr Assistenz, mehr M\u00f6glichkeiten. Aber Inklusion ist keine Einbahnstra\u00dfe. Was sich auch \u00e4ndern muss, ist die Einstellung behinderter Menschen selber.<\/p>\n<p>Wenn es keine Erwartungen gibt oder die Erwartungen derart niedrig sind, dass sie weiter de facto Ausgrenzung bedeuten, wird sich wenig \u00e4ndern. Menschen mit Behinderungen (und ihre Angeh\u00f6rigen) sind aber unterdessen so daran gew\u00f6hnt, dass die Zust\u00e4nde so sind, wie sie sind, das sich viele damit abgefunden haben.<\/p>\n<h3>Ausgeschalteter Parkautomat<\/h3>\n<p>Nun ist es nat\u00fcrlich in der Tat so, dass man, wenn man als behinderter Mensch am normalen Leben teilnimmt, des \u00f6fteren auf Barrieren st\u00f6\u00dft &#8211; beispielsweise baulicher, organisatorischer oder menschlicher Art. <\/p>\n<p>Ich parke \u00f6fter auf einem sehr gro\u00dfen Park&#038;Ride-Parkplatz, der tags\u00fcber und sp\u00e4t abends wenig frequentiert ist. Ich sch\u00e4tze, der Parkplatz ist mindestens zwei Fu\u00dfballfelder gro\u00df. Da es sich um einen Privatparkplatz handelt, muss ich trotz Behindertenparkausweis zahlen. <\/p>\n<p>Es gibt etwa 20 Behindertenparkpl\u00e4tze dort, aber leider nur sehr wenige Parkautomaten. Schlauerweise hat man aber einen der Parkautomaten direkt neben die Behindertenparkpl\u00e4tze gestellt. Aber ausgerechnet dieser Automat ist oft ausgeschaltet, obwohl er nagelneu ist. Der andere Automat ist am anderen Ende des riesengro\u00dfen Parkplatzes und nur \u00fcber eine hohe Stufe zu erreichen, die ich alleine nicht hoch komme. Das B\u00fcro der Parkplatzverwaltung liegt gegen\u00fcber, ist aber ebenfalls f\u00fcr mich nicht erreichbar. <\/p>\n<p>Immer wieder spielt sich dann, wenn das Ger\u00e4t mal wieder ausgeschaltet ist, eine \u00e4hnliche Diskussion ab. Ich rufe \u00fcber die Gegensprechanlage des Automaten die Parkplatzbesitzer an, die immer erstmal erkl\u00e4ren, dass man da gar nichts machen k\u00f6nne und ich jetzt wohl oder \u00fcbel selbst nach einer L\u00f6sung des Problems suchen m\u00fcsse. Die finde ich auch immer sofort, sie sieht aber nicht so aus, wie sie sich das gedacht haben, denn sie lautet: Ein Parkplatzw\u00e4chter kommt zu mir und ich bezahle bei ihm. Aber noch nie hat sich einer der Mitarbeiter zu mir bem\u00fcht. Die haben einfach keine Lust, ihr B\u00fcro zu verlassen. Immer hei\u00dft es dann, man lasse mich dann eben so raus fahren ohne zu bezahlen. <\/p>\n<h3>Probleme an die Verursacher zur L\u00f6sung zur\u00fcckgeben<\/h3>\n<p>Ich will dort nicht kostenlos parken, darum geht es mir nicht. Aber ich habe mir unterdessen angew\u00f6hnt, die L\u00f6sungen f\u00fcr Probleme, die ich nicht verursacht habe, dem Verursacher zu \u00fcberlassen und nicht mir aufdr\u00fccken zu lassen. Wer seinen Parkautomat an den Behindertenparkpl\u00e4tzen nicht in Schuss h\u00e4lt, muss entweder zu mir kommen oder hat Pech gehabt, was seine Einnahmen angeht. Nur das wird hoffentlich irgendwann dazu f\u00fchren, dass dieser Automat funktioniert.<\/p>\n<p>Vor zehn Jahren w\u00e4re ich vielleicht wirklich noch die zwei Fu\u00dfballfelder entlang gerollt, h\u00e4tte so lange gewartet bis irgendjemand auch zahlen m\u00f6chte, ihn entweder gebeten, mir die Stufe hoch zu helfen oder wenn das nicht geht, ihm mein Geld in die Hand gedr\u00fcckt und ihn gebeten, f\u00fcr mich zu bezahlen &#8211; auch auf die Gefahr hin, dass er mit dem Geld abhaut.<\/p>\n<h3>Erwartungen m\u00fcssen sich \u00e4ndern<\/h3>\n<p>Aber meine Erwartungen, auch an private Unternehmen haben sich ge\u00e4ndert, nicht zuletzt deshalb, weil ich in Gro\u00dfbritannien ein starkes Recht in meinem R\u00fccken habe, die solche Behandlung von behinderten Menschen untersagt. Unternehmen sind verpflichtet \u201eangemessene Vorkehrungen\u201c zu treffen, um Diskriminierung vorzubeugen. Dazu geh\u00f6rt eben auch den zug\u00e4nglichen Parkautomaten zu warten und wenn er nicht geht, sich aus dem B\u00fcro zu bewegen und mir zu helfen. Und wenn sie das nicht wollen, m\u00fcssen sie mich in der Tat dort kostenfrei wieder rausfahren lassen.<\/p>\n<p>Mit meiner Bereitschaft, zum anderen Automaten zu rollen und auf Hilfe von Fremden zu hoffen, h\u00e4tte ich nichts ver\u00e4ndert. Mit jedem Mal h\u00e4tte der Parkplatzinhaber weiter sein Geld bekommen und ich eine Menge Zeit und Kraft verloren. Immer wenn ich das Gef\u00fchl habe, jemand verursacht Ausgrenzung, Schwierigkeiten und stellt mir Barrieren in den Weg, bitte ich freundlich um Beseitigung und ver\u00e4ndertes Verhalten. Nur so \u00e4ndert sich etwas. Die Teilhabe behinderter Menschen wird sich nur dann verbessern, wenn sie eingefordert wird &#8211; n\u00e4mlich von den behinderten Menschen selber.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn \u00fcber Inklusion diskutiert wird &#8211; und ich meine jetzt die gesamtgesellschaftliche Teilhabe, nicht nur die schulische Inklusion &#8211; wird viel \u00fcber Bedingungen geredet. Mehr Barrierefreiheit, mehr Assistenz, mehr M\u00f6glichkeiten. Aber Inklusion ist keine Einbahnstra\u00dfe. Was sich auch \u00e4ndern muss, ist die Einstellung behinderter Menschen selber. 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