{"id":515,"date":"2014-11-10T18:52:36","date_gmt":"2014-11-10T17:52:36","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/stufenlos\/?p=515"},"modified":"2014-11-12T09:38:56","modified_gmt":"2014-11-12T08:38:56","slug":"mit-knopflochkamera-fuer-die-bbc-durch-london","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/stufenlos\/2014\/11\/10\/mit-knopflochkamera-fuer-die-bbc-durch-london\/","title":{"rendered":"Mit Knopflochkamera f\u00fcr die BBC durch London"},"content":{"rendered":"<p>Die BBC hat am Montag <a href=\"http:\/\/www.bbc.com\/news\/uk-england-29819027\" target=\"_blank\">einen Film \u00fcber die Barrieren gezeigt<\/a>, auf die behinderte Menschen in ihrem Alltag sto\u00dfen. Ich habe <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=TDSHNIElga0\">an diesem Film<\/a> ma\u00dfgeblich mitgewirkt und fast zwei Wochen lang meinen Alltag gefilmt.<\/p>\n<p>Ich hatte 2013 schon mal mit versteckter Kamera f\u00fcr die BBC gedreht, allerdings nur einen Tag lang. Dabei ging es vor allem um die Barrierefreiheit von \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln und darum, wie nachhaltig sich die Paralympics in der Stadt bemerkbar machen (oder eben auch nicht). Entstanden ist <a href=\"http:\/\/www.bbc.co.uk\/programmes\/p01h34lp\">dieser Film<\/a>.<\/p>\n<p>Diesmal war alles es etwas anders. Die Kamera war noch kleiner als die, die ich 2013 hatte. Sie war so gro\u00df wie ein kleiner Knopf und an einer Tasche befestigt. Man sagte mir gleich am Anfang, sie sei sehr teuer, aber nicht versichert. So war ich in den ersten Tagen v\u00f6llig nerv\u00f6s, weil ich st\u00e4ndig Angst hatte, die Kamera zu verlieren. Die war zwar gut festgemacht, aber mit einem Wert von 25.000 Euro an der Tasche wird man einfach nerv\u00f6s. Nur nicht im Caf\u00e9 die Tasche klauen lassen, nicht am &#8222;Knopf&#8220; h\u00e4ngenbleiben, ist die Kamera jetzt an oder aus? Ein entspanntes Leben habe ich diese zwei Wochen lang nicht gehabt.<\/p>\n<h3>Gestrandet auf der Dachterrasse<\/h3>\n<p>Es war zudem wie verhext: Wann immer ich die Kamera eingeschaltet hatte, lief irgendwas v\u00f6llig daneben. Noch nie stand ich binnen zwei Wochen vor so vielen defekten Fahrst\u00fchlen. Einmal blieb ich um 23 Uhr auf einer Dachterrasse \u00fcber den D\u00e4chern Londons h\u00e4ngen, weil der Lift, mit dem ich hinaufgekommen war, einfach nicht mehr hinunterfahren wollte. Aber das Konzerthaus, auf dessen Dach ich mich befand, um den Geburtstag einer Freundin zu feiern, hatte Gott sei Dank einen Notfalldienst, der auch irgendwann kam und den Fahrstuhl wieder in Gang setzte.<\/p>\n<p>Ich war nicht die einzige, die von der BBC mit einer Kamera ausgestattet wurde. Ein blinder Mann mit einem Blindenf\u00fchrhund bekam ebenfalls eine Kamera, um vor allem das Verhalten von Taxifahrern zu testen. Von 20 Fahrern verweigerten ihm f\u00fcnf die Mitfahrt, weil sie den Hund nicht mitnehmen wollten. Das ist in Gro\u00dfbritannien illegal.<\/p>\n<h3>Bankgesch\u00e4fte auf der Stra\u00dfe<\/h3>\n<p>Sinn des Filmes ist, <a href=\"http:\/\/www.bbc.co.uk\/news\/uk-england-london-29917990\">die ganz &#8222;normalen&#8220; Barrieren zu zeigen,<\/a> auf die Rollstuhlfahrer und blinde Menschen immer noch sto\u00dfen und die es eigentlich l\u00e4ngst nicht mehr geben sollte: zum Beispiel Coffeeshops mit Stufen vor der T\u00fcr oder, wenn sie keine Stufen haben, mit Stehtischen, an denen ein Rollstuhlfahrer nicht sitzen kann; eine Postfiliale mit Stufe, aber ohne Rampe, deren Filialleiter freundlich anbietet, die Bankgesch\u00e4fte doch gleich auf der Stra\u00dfe abzuwickeln; eine Drogerie, die einen Fahrstuhl zur Apotheke hat, mir aber sagt, ich k\u00f6nne den Lift nicht nutzen, weil sie ihn nicht gewartet h\u00e4tten; Mitarbeiter von Zugunternehmen, die &#8222;vergessen&#8220;, einen aus dem Zug zu holen, obwohl man sich vorher angemeldet hat. Man h\u00e4tte einen zwei Stunden langen Film aus den Vorf\u00e4llen machen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Alle oben erw\u00e4hnten Beispiele sind in Gro\u00dfbritannien \u00fcbrigens rechtswidrig. Seit 1995 m\u00fcssen alle Einrichtungen, Gesch\u00e4fte, Banken und so weiter &#8222;angemessene Vorkehrungen&#8220; treffen, um behinderten Menschen einen gleichwertigen Service wie nicht behinderten Menschen anzubieten. Dazu geh\u00f6ren zum Beispiel portable Rampen, die ein oder zwei Stufen \u00fcberbr\u00fccken helfen. Treffen die Einrichtungen und Gesch\u00e4fte diese Vorkehrungen nicht, machen sie sich schadensersatzpflichtig. Zwar sind die Summen, die f\u00fcr Diskriminierung gezahlt werden, im K\u00f6nigreich noch nicht ganz so hoch wie in den USA, aber dennoch sorgen sie daf\u00fcr, dass ziemlich viel getan wird.<\/p>\n<p>Fairerweise muss man sagen, dass sich viele Unternehmen daran halten und genau diese Vorkehrungen getroffen haben. Oft ist das keine Frage des Geldes \u2013 eine portable Rampe kostet etwa 100 Euro \u2013 sondern des Willens. Auch die erw\u00e4hnte Drogeriekette kann sich die Wartung ihrer Lifts sicher leisten. Aber man muss es eben machen. Und was f\u00fcr einen kleinen Laden an der Ecke zu teuer ist, ist dann auch nicht mehr &#8222;angemessen&#8220; im Sinne des Gesetzes.<\/p>\n<p>Die schlimmste Situation w\u00e4hrend des Filmens f\u00fcr mich war, als ich von einem Typen in einer U-Bahnstation bel\u00e4stigt wurde, der vorgab, mir doch nur helfen zu wollen, um mich sp\u00e4ter mit Gegenst\u00e4nden zu bewerfen. Bis zum Schluss wurde diskutiert, ob diese Szene im Film bleiben sollte. Erst mit Ausstrahlung sah ich, dass sie nicht gezeigt wurde. Eigentlich handelt der Film ja auch von Barrieren und nicht von kriminellen \u00dcbergriffen.<\/p>\n<h3>Gew\u00f6hnungssache<\/h3>\n<p>Interessant f\u00fcr mich war, das Material hinterher anzuschauen, denn ich habe viele Situationen teilweise gar nicht so krass wahrgenommen, wie sie aber de facto waren. Das wurde mir erst klar, als ich die Aufzeichnungen sah. Etwa respektlose Restaurantmanager und Angestellte, die mir sagen, ich solle doch drau\u00dfen essen, da gebe es niedrige Tische. Doof dabei war nur, dass es in Str\u00f6men regnete.<\/p>\n<p>In der Situation selber fielen mir die teilweise unversch\u00e4mten Reaktionen gar nicht mehr auf. Ich war nur noch auf Probleml\u00f6sung aus, was im Alltag wohl auch wirklich besser ist, als sich auch noch \u00fcber das Benehmen aufzuregen. Aber an der Reaktion des BBC-Teams, wenn ich neues Material \u00fcberspielte, merkte ich schon, was ich als normalen Alltag empfand, war f\u00fcr nicht behinderte Zuschauer, die diese Situationen nicht so kennen, total schockierend. Ich bin das einfach gew\u00f6hnt.<\/p>\n<p>Ich war am Ende froh, die Kamera wieder zur\u00fcckgeben zu k\u00f6nnen. Dennoch finde ich es wichtig, dass es solche und \u00e4hnliche Fernsehprojekte gibt. Was ge\u00e4ndert werden muss, um behinderten Menschen die Teilhabe am normalen Leben zu erm\u00f6glichen, wird vielen erst bewusst, wenn sie die Probleme mal gesehen haben \u2013 und sei es im Fernsehen. Das ist viel effektiver, <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/stufenlos\/2014\/10\/07\/die-realitaet-die-keine-ist\/\">als irgendwelche Promis in Rollst\u00fchle zu setzen<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die BBC hat am Montag einen Film \u00fcber die Barrieren gezeigt, auf die behinderte Menschen in ihrem Alltag sto\u00dfen. 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