‹ Alle Einträge

Vom Geruch großer Hunde

 
Die Höhen scheppern, die Tiefen dröhnen, zwei Gitarren quietschen virtuos. The 244GL machen auf ihrem zweiten Album „Today We Become The Enemy“ angenehm unmodernen Metal.
The 244gl Today We Become The Enemy

Metal-Schlagzeuger müssen muskulös sein – soweit das Klischee. Henner Henzler ist Schlagzeuger der Metalband The 244GL. Seine Muskeln? Nicht der Rede wert. Dafür ist seine Brille erstaunlich groß. Wir sitzen bei ihm in der Küche und trinken grünen Tee.

Today We Become The Enemy ist gerade erschienen, das zweite Album der Band. Es ist nur auf Vinyl erhältlich, wie altmodisch. So klingt es auch. Mark Schröder und Sebastian Weist entwinden ihren Gitarren modale Skalen und quietschende Soli. Benjamin Krasemanns Bass setzt die Orgelpunkte. Der Schlagzeuger Henner Henzler fällt vom Fünfachtel- in den Siebenachtel-, zurück und weiter in einen Vierviertel-Takt. Bei Konzerten ist das fatal, im Takt mitzuwackeln ist beinahe unmöglich. Die Stimme Hanna Bruchmüllers schwankt zwischen gutturalem Krächzen und Geschrei, ihre Worte sind kaum zu verstehen.

Der Bassist Benjamin Krasemann schreibt die meisten Texte. „Wenn er in den Proberaum kommt, weiß er meistens nicht mehr, worum es in dem Lied geht“, erzählt Henzler. Diesmal habe er selbst einen Text beigesteuert, 1 – 1 – 1 handle von seinen Problemen mit einer erkenntnistheoretischen Weltsicht, „ein typisches Metal-Thema also“. Wäre es nicht sinnvoll gewesen, der Platte ein Blatt mit Texten beizulegen? „Wir haben drüber nachgedacht, es dann aber vergessen.“ Wird da eigentlich auf Deutsch oder Englisch gesungen?

Aus den Lausprechern scheppert es, die Höhen und Tiefen sind bis zum Anschlag ausgereizt. Die schwelgerischen Melodien Iron Maidens klingen durch, die Aggressivität des Thrash. Die Stücke sind schnell, hart und vor allem virtuos. Der Klassik und dem Jazz ist das alles näher als dem Pop und dem populären Nu-Metal. Ob Henzler schon mal darüber nachgedacht habe, Jazz zu spielen? „Nicht wirklich. Aber wenn ich zuhause Musik höre, dann entweder Metal oder Jazz, alles andere interessiert mich nicht.“

The 244GL schielen nicht auf andere Genres, sie machen einfach Metal. „Wobei, in irgendeinem Interview haben wir unsere Musik mal spaßeshalber Sport-Metal genannt. Wir wollten uns über diese ganzen neumodischen Metalbands lustig machen, bei denen die Konzerte zum Kickboxtraining ausarten. Seitdem hängt uns das irgendwie nach“, erzählt Henner Henzler. Und der Bandname? „Wir hatten irgendwie keine Idee, und ein Freund unseres Bassisten fuhr diesen alten viertürigen Volvo. Naja.“

Das letzte Album ist bereits vier Jahre alt, die Aufnahmen zum neuen haben ewig gedauert. „Wir sind einfach total faul“, gesteht Henzler. Vielleicht lag es aber auch daran, dass die Musiker an verschiedenen Enden der Welt wohnen, in Leipzig, in Wismar, in Oldenburg und in Göttingen. Ist das nicht etwas kompliziert, wenn man Proben möchte? „Auf jeden Fall, oft schaffen wir es gar nicht. Vor dem letzten Konzert haben wir zweimal geprobt, das war etwas Besonderes. Ich spiele immer viel, aber für unsere Sängerin ist das ein großes Problem. Die Stimmbänder sind schwer zu trainieren, wenn man nicht dauernd singt.“ Zwei Jahre haben sie also an den sieben Stücken gearbeitet.

Zehn Euro kostet Today We Become The Enemy, ein fairer Preis. „Nee, eigentlich ist das doch ziemlich teuer. Ich habe noch Platten, auf denen steht, man solle sie klauen, wenn sie für mehr als 13 Mark verkauft würden“, sagt Henzler. Die meisten Platten verkauften The 244GL nach Konzerten, von der letzten Club Of The Sons insgesamt 1.200 Stück. Am Plattenverkauf verdienten sie nichts, die Einnahmen seien allenfalls kostendeckend. „Die meisten Konzertveranstalter zahlen Sprit und Unterkunft, oft werden wir auch bekocht. Manchmal müssen wir uns einen Bus mieten für die Anlage, dann legen wir ordentlich drauf.“ Der nächste Auftritt ist in Berlin, Ende Februar spielen sie in Hamburg, Potsdam und im dänischen Aalborg.

Die ersten hundert Exemplare von Today We Become The Enemy sind auf durchsichtigem Vinyl erschienen. Der Platte liegen – wie es sich gehört – zwei Stoffaufnäher bei. Ob sich die Ente und der Schriftzug „Heavy Metal Kindergarten“ wohl gut machen auf der Jeansjacke neben dem Iron-Maiden-Monster?

Die beiden Mitbewohnerinnen kommen zurück von ihrem sonnabendlichen Einkauf, mit ihnen ein großer Hund. Gierig starrt er in seinen leeren Napf und wird vertröstet. Die Musik ist abgehandelt, wir unterhalten uns weiter über vegetarische Katzenernährung und den Geruch großer und kleiner Hunde. Typische Metal-Themen also.

„Today We Become The Enemy“ von The 244GL ist als LP bei Smell The Gloves Records erschienen und über die Websites von Band und Label erhältlich.

Alle Musikangebote von ZEIT online finden Sie unter www.zeit.de/musik


 

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren.

Anmelden Registrieren