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Beach Boys aus dem Eis

 

Vor 20 Jahren gründeten drei metalversessene Hippies die Band Motorpsycho. Ihr rumpelndes Jubiläum feiern sie jetzt auf weißem Vinyl.

Unser Audioplayer wird derzeit überarbeitet
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Es gab eine Zeit, da war die norwegische Band Motorpsycho drauf und dran, dem Fußballer Rune Bratseth den Rang als populärste Trondheimer abzulaufen. In den ersten Jahren des ausklingenden Jahrzehnts klangen sie, als hätten sie Brian Wilson in den skandinavischen Winter entführt und ihm ein paar federleichte Liedchen entlockt. Auf den leicht verdaulichen Stücken von Let Them Eat Cake und Phanerothyme klangen sie wie die Beach Boys aus dem Eis: hübsche Melodien, mehrstimmige Gesänge, verwegene Streicher und Glockenspiele. Um ein Haar hätten Motorpsycho die Hitparaden aufgekrempelt. Heute ist es unerklärlich, weshalb es anders kam. Vielleicht fehlten Wind und Wellen, Sand und Sonne?

Drei metalversessene Hippies gründeten die Band vor nun 20 Jahren, zwei von ihnen sind auch heute noch dabei, Bent Sæther und Hans Magnus Ryan. Das Jubiläum begehen sie mit dem Album Child Of The Future. Das wird eine exklusive Geburtstagsfeier: Child Of The Future erscheint nur auf Platte. Kein iTunes, keine CD, kein Downloadcode. Nur Vinyl, weißes zumal.

Das halten wahrscheinlich sogar jene Anhänger der Band für bewundernswert, die gar keinen Plattenspieler haben. Man muss wissen, dass die Anhänger von Motorpsycho ein kaum weniger widersprüchliches Verhältnis zu ihren Idolen haben, als etwa Schalke-Fans zu ihrem Verein. Einerseits sind sie nie zufriedenzustellen, andererseits ist das Verhältnis zwischen Musikern und Hörern – auch das ähnlich dem Gekicke im Pott – ein im Grunde genommen religiöses. Was Schalke die Ultras, sind Motorpsycho die Psychonauts; kompromisslose Jünger. Unzufriedenheit stellt das Verhältnis nicht grundsätzlich in Frage, gemurrt wird doch. Und viele murrten damals, als ihre Band plötzlich so seicht daherkam.

Es half. Nach drei sanften Werken hatten die Musiker genug, im Jahr 2003 feuerten sie den Keyboarder und hieben wieder zu dritt und wieder beherzt in die Instrumente. Seitdem erscheint alle ein, zwei Jahre ein zünftiges Rockalbum, ohne Tamtam, ohne Innovation.

Neuigkeitswert hat jeweils die Anzahl der Lieder (dieses Mal sieben) und Schallplatten (nur eine), die Länge des längsten Stücks (Whole Lotta Diana, beinahe neun Minuten) und der Name des Schlagzeugers (Kenneth Kapstad, auch schon seit zwei Jahren). So gewinnt man keine Fans, so verliert man aber auch keine. Wahrscheinlich verkaufen Motorpsycho seit Jahren von jeder Platte exakt gleichviele Exemplare, nämlich jedem Fan eine.

© Anja Basma
© Anja Basma

Naja, ganz so langweilig ist die Sache mit neuen Motorpsycho-Platten dann doch nicht. In Nuancen verändert sich etwa der Sound von Album zu Album. Und so klingt Child Of The Future, als gelangte die Band langsam ans Ende ihrer vierten Schaffensphase. Nach dem ungehobelten Psycho-Metal der ersten Jahre, dem meisterhaft melodieverliebten Hardrock der späten Neunziger, dem poppigen Säuseln und dem zuletzt praktizierten schnörkellos ausufernden Männerrock bläst es sie nun immer stärker in den Heimathafen. Child Of The Future ist dem Metal näher, als die Band es in den letzten 15 Jahren je war. Es klingt, als ließen Motorpsycho sich mal so richtig gehen.

Die Berichterstattung legt nahe, es liege daran, dass sie zum ersten Mal ein Album nicht in Europa aufnahmen (überhaupt nur zwei, drei Mal verschlug es sie in ein Aufnahmestudio außerhalb Norwegens) – sondern in Chicago, bei Steve Albini. Ein wirklich nennenswerter Unterschied zum früheren Klang ist gleichwohl nicht vernehmbar, allenfalls eine Verfeinerung des Rumpelns. Das Raue und Ungeschliffene – dafür ist Albini ja bekannt – beherrschen Motorpsycho auch ohne fremde Hilfe. Albinis Verdienst liegt wohl vor allem darin, nicht in ihr bisweilen selbstverliebtes Spiel eingegriffen zu haben.

Man hört gerne hin. Denn es ist alles da, was zu einer guten – wohlgemerkt nicht sehr guten – Motorpsycho-Platte gehört: Chöre, brachiale Bässe, endloses Gitarrengedaddel, die Beach Boys (die ja nie ganz weg waren), MC5, Black Sabbath. Gehöriges Rumpeln. Über die Nuancen dieses Rumpelns werden sie droben in Illinois viel diskutiert haben mit Herrn Albini. Denn Albini ist neben Neil Young der verrückteste Klangfetischist überhaupt. Und am Ende stand dann wohl die Einsicht, dass Motorpsycho nur auf Vinyl so rumpeln, wie sie rumpeln sollen.

Anhänger werden auch dieses Album kaufen, das ist kein Fehler. Neulingen in Sachen Motorpsycho sei zuallererst die Anschaffung der vier Meisterwerke aus den Jahren 1994 bis 1998 ans Herz gelegt: Angels And Daemons At Play, Trust Us, Timothy’s Monster und Blissard – in exakt dieser Reihenfolge. Erst wer sich daran sattgehört hat, sollte den Kauf von Child Of The Future erwägen.

„Child Of The Future“ von Motorpsycho ist auf LP bei Stickman Records/Indigo erschienen.


 

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