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Im Parlament schnüffeln sie Klebstoff

 

Über die Jahre (57): Die Stone Roses aus Manchester lehrten Oasis, wie sich Selbstverliebtheit mit Pop vereinen lässt. Im Jahr 1989, als die Welt noch eine andere war, erschien ihr großartiges Debütalbum.

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Pusten … Nichts regt sich, kein Körnchen wirbelt auf. Nicht das kleinste bisschen Staub hat das Debütalbum der Stone Roses angesetzt. Dabei ist es jetzt auch schon seit zwanzig Jahren in der Welt.

Zwanzig Jahre! Es war eine andere Welt, in die das Album kam. Anfang 1989 ist der Ostblock noch Ostblock, die Kernschmelze in Tschernobyl kaum drei Jahre her, die der Smiths anderthalb. Helmut Kohl hat den größeren Teil seiner ewigen Kanzlerschaft noch vor sich, in der Heimat der Stone Roses bröckelt die Macht Margaret Thatchers. Und welche musikalischen Eruptionen stehen noch bevor: Nirvana und der Grunge, der Britpop aus den Häusern Blur und Oasis, die Riot Grrrls und Boy-Band-Jungs, Dubstep, Deutschland sucht den Superstar, Jamba und der Crazy Frog. Und und und.

Die Stone Roses kommen aus Manchester, wie Joy Division und New Order, wie die Smiths und Oasis (und beinahe ja auch die Beatles). Wie so oft ist Manchester in diesen Tagen der britischen Hauptstadt einen Schritt voraus, Madchester ist der Klang der späten Achtziger, eine Mischung aus Indierock, Tanzmusik und Aufputschmitteln – Bands wie die Charlatans, die Inspiral Carpets und die Happy Mondays machen dazu den Beat.

Und eben die Stone Roses. Vier recht erfolglose Singles benötigen sie, um ihren Klang zu finden, ihn zu perfektionieren. Im März 1989 erscheint ihr erstes Album, ein Werk aus einem Guss, ein Monolith. Und wie bei den Beatles, Oasis, den Smiths gewinnen die Stücke ihre Energie aus den Reibungsverlusten zweier Musiker: Ian Brown ist der rüpelhafte, charismatische Sänger, John Squire das zurückhaltende Genie an der Gitarre und am Pinsel. Von Brown stammen die markigen Sprüche, von Squire die hübschen – an Jackson Pollock erinnernden – Plattenhüllen. Die Spannungen machen die Band groß und zerstören sie schließlich.

© Ian Tilton
© Ian Tilton

Doch noch nicht, vorerst wachsen sie über sich hinaus und feuern dieses wahnsinnige Werk unter die Leute. Es ist ein Album aus der Stadt für die Stadt. I Wanna Be Adored scheint sich aus dem urbanen Lärm Manchesters zu erheben, braucht ein paar Sekunden, sich den Weg zu bahnen. Gary Mounfields Bass tritt ein bisschen zurückhaltend hervor und bahnt sich alsbald blitzenden Gleisen gleich den Weg durch Häuserschluchten voller Gitarrenriffs, zerkreuzt vom Genöle Ian Browns und immer wieder angetrieben durch Alan Wrens Gewummer auf der Basstrommel. Es geht vorwärts, meist seitwärts minutenlang auf dem selben Riff, dann wieder rückwärts – im wahrsten Sinne: Don’t Stop ist Waterfall rückwärts abgespielt und neu besungen. Das ist ein wenig enervierend, nein, aufwühlend.

Wie vieles auf diesem Album aus heutiger Sicht den Nachfolgern eine Blaupause war! Die Großmäuligkeit von Oasis‘ Liam Gallagher erscheint kindlich gegen die übersteigerte Selbstverehrung von Ian Brown. I Wanna Be Adored singt er gleich zu Beginn des Albums. Im letzten Lied I Am The Resurrection heißt es: „Ich bin die Auferstehung, ich bin das Licht.“ Ist da irgendwo Ironie?

Ian Browns Genöle ist vor allem Ausdruck des Wunsches eines Mittzwanzigers nach Abgrenzung von seiner Umwelt, lyrisch und treffend. Es ist das Lamento eines Angebers, der seine Pubertät verpasst hat oder ihr nie ganz entfliehen konnte. Er beschimpft die Welt, beschuldigt die britischen Parlamentarier Klebstoff zu schnüffeln, schickt Königin Elizabeth in Rente, und wünscht, seine Heimatstadt möge brennen: „I’d like to leave the country, for a month of Sundays, burn the town where I was born.“ Brown spricht den vom Thatcherism Gebeutelten aus der Seele, die spitzen Stachel immer im Detail versteckt. (Die Plattenhülle etwa nimmt Kontakt zur studentischen Revolte im Paris der späten Sechziger auf, die Protestierenden bissen auf Zitronen, um sich des Tränengases zu erwehren.)

Nicht jedem geht der Klang der Stone Roses sofort ins Ohr. Der New Musical Express verreißt das Album in der Erscheinungswoche und gibt ihm 5 von 10 Sternen. Schließlich aber glaubt das Blatt dem selbst entfachten Wirbel um die Band: Im Dezember wählen die Redakteure es zum zweitbesten Album des Jahres, hinter De La Souls 3 Feet And Rising. Und im Jahr 2003 kürt dasselbe Blatt die Platte zur besten aller Zeiten (3 Feet And Rising liegt da auf Platz 83). Und verleiht Ian Brown den Godlike Genius Award.

Am Ego des Genies und den Streitigkeiten mit John Squire und dem Label Silvertone zerbricht die Band Mitte der Neunziger, gerade mal ein weiteres Album ist bis dahin entstanden, The Second Coming.

Eine Wiedervereinigung der Band stehe kurz bevor, heißt es Anfang 2009 in der britischen Presse – John Squire malt daraufhin ein Bild mit dem Titel „Ich verspüre nicht die geringste Sehnsucht, das Grab der bahnbrechenden Popgruppe The Stone Roses zu entweihen.“

Das unbetitelte Debütalbum der Stone Roses ist im Jahr 1989 bei Silvertone erschienen. Gerade wurde das Album bei Sony BMG in erstaunlich vielen verschiedenen Formaten wiederaufgelegt.

2 Kommentare

  1.   RobJir

    Ein super Album! Zwar nicht das beste aller Zeiten, das wäre leicht übertrieben, aber es gehört auf jeden Fall zu den besten. Genauso wie 3 Feet Rising (um mal beim Artikel zu bleiben).
    Ein kurze Kritik zum Artikel: Die Beatles selbst als „fast aus Manchester“ zu bezeichnen ist ja schon fast Blasphemie!
    Zwischen diesen Städten herrscht so viel Rivalität, dass der Vergleich eher unpassend ist. Ich denke, die Liverpooler werden da genauso denken.

  2.   Ann

    Schöner Bericht, der mich als Stone-Roses-Fan ein wenig zum Träumen veranlasst. „Waterfall“ ist eines meiner liebsten britischen Lieder.

 

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