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Party im Schattenreich

 

Orpheus und Eurydike, Hades und Persephone in einer Folk-Oper: Anaïs Mitchell und ihre Freunde haben die griechische Mythologie entspannt aufbereitet.

© Alicia J. Rose

Vorhang auf für – Tusch! – Anaïs Mitchell. Eine Folk-Oper hat sie geschrieben, Hadestown, und liebe Gäste stehen nun mit ihr auf der Bühne. Rechts: sie mit Justin Vernon (Bon Iver) als Eurydike und Orpheus, das zerrissene Paar. Und links Greg Brown und Ani DiFranco als Hades und Persephone, der Herrscher der Unterwelt und seine geraubte Braut. Zwischen ihnen, zwischen den Welten, zwischen Leben und Tod gibt Ben Knox Miller von The Low Anthem den Götterboten Hermes.

Es geht hin und her: In zwanzig meist kurzen Stücken erzählen die fünf Sänger in verteilten Rollen von Orpheus’ Kampf um seine Gattin. Ein klassisches Drama, nun verlegt ins 20. Jahrhundert. Hades verspricht Eurydike Wohlstand, verführt sie und lockt sie in die Unterwelt. Orpheus sucht seine Gattin und wird von Hermes in den Hades gebracht, bandelt dort mit Persephone an. Schließlich findet er Hades, es gibt ein bisschen Streit. Sie vereinbaren einen Handel: Sollte Orpheus es schaffen, die Unterwelt ein paar Schritte vor seiner Frau zu verlassen, ohne sich nach ihr umzusehen, so sollten sie beide frei sein. Er schafft es natürlich nicht.

Die griechische Mythologie ist entspannt aufbereitet. Hades ist Partygespräch: „Mr. Hades is a mighty king, must be making some mighty big deals. Seems like he owns everything, kind of makes you wonder how it feels.“ Kurz darauf folgt Eurydike dem schillernden Gott, als sei er ein Popstar. Hades ist perfekt besetzt mit dem Folksänger Greg Brown, sein knorpeliger Bass stellt sich immer wieder gegen den etwas quietschigen Gesang Anaïs Mitchells. Gut kann man sie sich vorstellen da unten. Er riesig und sinister, umgeben von furchterregenden Gestalten und Übeltätern – sie zierlich und naiv. Als ihr Zweifel kommen, ist es längst zu spat.

Justin Vernon ist ein stimmiger Orpheus. Sein Optimismus ist anrührend, wenn er im Zwiegespräch mit Hermes hadert, „wait for me, I’m coming, wait, I’m coming with you, wait for me, I’m coming too, I’m coming, wait, wait, wait, wait…“ Und Hermes weist ihm den Weg, es ist nicht leicht zu finden, das Schattenreich: “You’ll have to take the long way down, through the underground, under cover of night, laying low, staying out of sight, ain’t no compass, brother, there ain’t no map. Just a telephone wire and the railroad track. Keep on walking and you don’t look back ’til you get to the bottomland.“ Ein Spaß werde das übrigens nicht, man werde ihm dort unten das Gehirn aussaugen.

Hier wähnt man sich auf einer Platte von Tom Waits, dort auf einer von Bon Iver, mal in New Orleans, selten in Nashville. Die Gitarren gleiten auf sanften Streichern, dann wieder torkelt ein Klavier – doch auf die Musik hört man zu Beginn ohnehin kaum. Da sind diese großartigen Sänger, die einen mit sich ziehen, auch Ani DiFrancos feste, abgeklärte Stimme trifft Persephone auf den Punkt.

Während Eurydike ihrem Orpheus noch nachtrauert, hebt Persephone am Ende des Glas: “To Orpheus and all of us, goodnight, brothers, goodnight.“ Schön wäre es, könnte man ihnen allen hierzulande auf die Bühne zurückprosten.

„Hadestown“ von Anaïs Mitchell ist bei Righteous Babe Records/Warner Music erschienen.

 

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