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Da klebt „authentisch“ auf der Plattenhülle

 

Justins gibt’s viele. Der Timberlake kann tanzen, der Bieber stürzt Mädchen in Ohnmacht, und jetzt kommt Justin Nozuka: Der macht sehr ordentlichen Pop mit R’n’B-Schmelz.

Justin Nozuka (zweiter von rechts) und seine Jungs, © Dustin Rabin

Wie übersetzt man eigentlich „sophomore„? Der akademische Amerikaner meint damit einen Studenten im zweiten Semester, aber der musikindustrielle Amerikaner nennt die zweite Platte eines Künstlers „sophomore album„. Da schwingt viel mit: noch frisch, weil knapp nach Erstsemester, aber auch schon auf der Suche nach der Richtung für den Rest der Karriere. Nicht zu verwechseln übrigens mit Semaphore, der Nachrichtenübermittlung per Winkzeichen oder Flaggen.

Das Sophomore-Album von Justin Nozuka heißt You I Wind Land and Sea, tritt also mit reichlich umfassendem Anspruch auf. Und sogar mit so etwas wie einem Thema: Befreiung, Selbstverwirklichung, Entwicklung. Nach der eher zusammengewürfelten Song-Sammlung Holly, die der heute 21-jährige 2006 seiner Mutter widmete, ist das neue Album ein eindeutiger Schritt in Richtung Reife.

Obwohl Justin Tokimitsu Nozuka (er hat einen japanischen Vater) irgendwie schon immer reif war. Vielleicht wird man das als eines von sieben Kindern einer alleinerziehenden Mutter. Vor allem, wenn diese Mutter auch noch die Halbschwester von Kyra Sedgwick ist und Kevin Bacon damit ein angeheirateter Onkel. Wenn die Mutter, eben Holly Sedgwick, selbst Malerin, Tänzerin und Songwriterin ist. Wenn man nach der Trennung der Eltern zum Therapeuten geschickt wird. Und wenn man sich dann auch noch im Internat mit zwei Mexikanern anfreundet, die regelmäßig mit ihren Gitarren im Foyer stehen.

Mit zwölf schrieb Justin Nozuka seine ersten Songs, mit 13 hatten die Brüder eine Band, mit 16 spielte Justin Gitarre in Kneipen und verkaufte selbstgebrannte CDs. In Netzen wie MySpace oder Bebo sammelte er Anhänger. Noch auf der Highschool heuerte er den Produzenten Bill Bell an und nahm ohne Plattenfirma im Rücken Holly auf, das für ein Debütalbum recht gute Platzierungen und diverse Preise gewann.

Demos, sagt Nozuka vollmundig, habe er nie verschickt; er habe nicht zu einem Label gewollt, das womöglich eine andere Agenda habe als er: „Ich wollte, dass das richtige Angebot zu mir kommt.“ Es kam: Beim britischen Label Outcaste Records klickte jemand auf Nozukas Website, war beeindruckt, buchte umgehend einen Flug nach Toronto und versprach Nozuka umfassende Freiheiten.

Man sieht: Da klebt ein ganz dickes „authentisch“ auf der Plattenhülle. Dabei hat Nozuka mit ein bisschen mehr Budget im Rücken dann doch auch bei den Instrumenten ein wenig zugelegt: Zu Stimme und Gitarre kommen Bass, Schlagzeug, Tamburin. Klavier. Background-Chöre. Gelegentlich sogar Streicher. Deutlich mehr also als die Singer-Songwriter-Schiene.

Aber auf die gehört auch die Stimme nicht, sondern eher in den Soul oder ins R’n’B-Genre. Manchmal kiekst sie fast so atemlos wie der junge Michael Jackson, den Nozuka neben Lauryn Hill als Vorbild nennt. Wer mäandernde Melismatik mag, dieses R’n’B-typische Gejodel über etliche Töne auf einer Silbe, wird bedient. Schmachten kann sie auch, diese Stimme. Es geht schon in Ordnung, dass Nozuka im Juli beim Festival in Nimes vor Stevie Wonder auftritt.

Was ihn abhebt, sind die Texte. Die erste Single, My Heart Is Yours spielt mit eingängiger Liebeslyrik, verpackt in Bilder eines Sonneuntergangs in der Natur. Justin, der Mädchenversteher. Aber Swan in the Water ist schon ein ganz anderes Kaliber: Öl im Wasser, Tod und Teufel spielen mit, jugendliche Verwirrung und jene teenagertypische Zukunftsfurcht, die auf Englisch kurz „angst“ heißt. „The world is trying to break me, ooh, it’s trying to break me, ooh, it’s trying to break me„, trällert er.

Oder Carried You, das Justin mit seinem 19-jährigen Bruder Henry zusammen geschrieben hat: Es handele, sagt Nozuka, von einem Mann, der seinen Feind getötet hat und es bereut. Um Frieden zu schließen, opfert er sich selbst, und beider Seelen oder Geister oder so fliegen durch die Luft in den Bauch einer schwangeren Frau. Na gut: So reif ist Nozuka dann vielleicht doch nicht.

In Woman Put Your Weapon Down beschreibt er ganz gut, wo er steht: „Remember high school, remember our first date„, fleht er das geliebte Gegenüber an, das ihn zu überwältigen droht. Seine Verse sind muntere Wandersmänner auf dem Grat zwischen peinlicher Poesiealben-Reimerei und leicht versponnener Songwriter-Lyrik. Aber sie sind wenigstens nicht banal.

Kanadas Medien nennen Nozuka gern „den anderen Justin“. Seine Zeilen verdienen den Literaturnobelpreis im Vergleich zu denen des reihenweise Mädchenohnmachten induzierenden Justin Bieber: „And I was like, baby baby baby ooh, like baby baby baby noo, like baby baby baby ohh, I thought you’d always be mine (mine)„.

Ab und zu winken auf dem Sophomore-Album Semaphore-Flaggen Signale einer interessanten Zukunft: tribalistische Trommeln zum Beispiel, Latino-Percussion, ein Hauch Indien in der Gitarre. You I Wind Land and Sea ist ein ordentliches Album, aber kein originelles. Noch fehlt die eigene Richtung. Mal sehen, welche Abzweigung Nozuka einschlägt.

„You I Wind Land and Sea“ von Justin Nozuka ist erschienen bei Coalition Records/Outcaste/Pias.

4 Kommentare

  1.   B.O.N.

    Danke für diese herrliche Kritik. Ich habe sehr gelacht.
    Es schwingt trotz des Sarkasmus ein deutliches „jedem das Seine“ mit das ich sonst in vielen Kritiken vermisse.

  2.   Katharina

    Endlich von der Öffentlichkeit entdeckt – möge er seine Authenzität trotzdem behalten. Ich bin gespannt auf sein zweites Album, danke für diesen positiven Artikel!

  3.   domulus

    Man sieht hier wirklich dass Musik Geschmackssache ist.
    Ich höre hauptsächlich gängigen Radio-pop, alles quer durch’s Beet, auch Britney Spears, Rhianna, Green Day, Alicia Keys, Ashley Tisdale, Taylor Swift, Seal, Robby Williams …..ertrage fast alles.

    Aber Justin Nozuka ist definitv der grösste Müll !!!
    Der Vergleich mit Justin Bieber ist perfekt getroffen: mit weniger schlechten Sängern sollte man ihn nicht vergleichen, um diese nicht zu beleidigen,


  4. ach herr domulus der grösste müll
    ist wen man so kritik übt

 

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