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Zurück ins Leben, auf die Bühne

 

„A Girl Like You“ war sein großer Hit. Edwyn Collins, der zwei Hirnblutungen erlitt, ist wieder da: Mit etwas Hilfe ist sein siebtes Soloalbum „Losing Sleep“ entstanden.

© Heavenly

Wenn Edwyn Collins in den vergangenen Monaten, von Freunden oder seiner Frau gestützt, eine Bühne betrat, empfing ihn ein Applaus wie keiner zuvor. Dann gab er die alten Orange-Juice-Klassiker Blue Boy und Consolation Prize zum Besten, und dem Publikum schossen die Tränen in die Augen.

Nach zwei Hirnblutungen im Jahr 2005 kämpft der 51-jährige Sänger (größter Hit: A Girl Like You) um seinen Weg zurück ins Leben: Das Sprechen fällt ihm schwer, ohne Stock und fremde Hilfe kann er sich nicht fortbewegen, das Singen aber wurde ihm zurückgeschenkt.

Die elementare Frage zu seinem nun siebten Soloalbum, dem ersten nach dem Zusammenbruch (Home Again von 2007 wurde vor dem langen Krankenhausaufenthalt aufgenommen), ist also: Wieviel vom alten Edwyn Collins steckt noch in dieser Platte? Von dem Mann, der Anfang der Achtziger die Vinylwelt revolutionierte, indem er Punk und schwarze Musik fusionierte und zur Leitfigur des Sound Of Young Scotland wurde, der die Indieszene bis hin zu den Smiths beeinflusste?

Die Gästeliste der zwischen November 2008 und Mai 2010 mit Unterstützung von Collins’ langjährigem musikalischen Partner Sebastian Lewsley in den eigenen West Heath Studios enstandenen Aufnahmen ist lang und ehrgebietend. Fast schon etwas des Guten zuviel, um dies nicht für ein Benefizalbum zu halten! Johnny Marr, Romeo Stodart von den Magic Numbers und all die anderen haben sich größte Mühe gegeben, um ihrem Idol gerecht zu werden. Dabei schießen sie hin und wieder über das Ziel hinaus, weil Edwyn Collins nach Zahlen so nicht funktioniert.

Do It Again ist kaum mehr als monoton vor sich hin peitschender Postpunk – Alex Kapranos und Nick McCarthy von Franz Ferdinand haben ihre Schaffenskrise mit auf diese Platte genommen. In Your Eyes dagegen tönt wie ein Song von The Drums mit einem Gastauftritt von Edwyn Collins – nicht umgekehrt, wie es sein sollte. Früher hätte der Schotte für nassforsche Newcomer dieser Preisklasse nur einen sarkastischen Kommentar übrig gehabt.

Am besten funktioniert die Zusammenarbeit mit Ryan Jarman von den Cribs, die Collins einst produzierte. Jarman kann ihm nun etwas zurückgeben. So klingt Rock’n’Roll dieser Tage, dazu sinniert Collins „Sometimes I’m up / Sometimes I’m down / Sometimes I wonder / What is my role?“ Seine neuen Texte sind simpel, aber mitnichten Ausdruck eines kindlichen Gemüts.

Um die Frage aller Fragen zu beantworten: Ja, es steckt erstaunlich viel vom alten Collins auf Losing Sleep. Immer wenn er keine prominente Hilfe erhält, sondern auf sich allein gestellt ist oder von den ihm seit Ewigkeiten anvertrauten Musikern (Paul Cook, Dave Ruffy, Carwyn Ellis etc.) begleitet wird, scheint sein Stern heller denn je.

Der Titelsong eröffnet das Album in bester New-Wave-goes-Motown-Manier, Collins‘ Baritonstimme präsentiert sich in Höchstform. Dass die ersten drei Tracks alle mit dem gleichen Drumbeat beginnen – geschenkt! Over The Hill schlägt die Brücke zum Rock’n’Roll der Sechziger. All My Days erinnert mit schönsten Beach-Boys-Gesangsharmonien an das alte Ghost Of A Chance von 1989. Auch damals stand ihm Roddy Frame zur Seite, ein Buddy aus ganz alten Tagen, als sie gemeinsam das schottische Postcard-Label legendär machten, praktisch ein Teil von ihm selbst.

Zum Ende des Albums wird es dann tatsächlich rührend. Searching For The Truth war der erste Song, den Collins nach dem Wiedererlangen des Bewusstseins noch im Krankenhaus schrieb. „Some sweet day we’ll get there in the end / And I will always be lucky in my life / And I will find a way to get there…„. Die Textzeilen der Ballade zeichnen das Bild eines Mannes, der nie aufhören wird zu kämpfen. Und er wird im Laufe der Zeit immer weniger Hilfe brauchen.

„Losing Sleep“ von Edwyn Collins ist erschienen bei Heavenly/Cooperative Music

2 Kommentare

  1.   Mischa

    Super. Edwyn ist ein Star zum Anfassen, ein liebenswerter Mensch.
    Ich freue mich, dass er nun auch wieder in Deutschland (Berlin und Hamburg) zu sehen ist.

  2.   Matthias Schneider

    „This video contains content from UMG. It is not available in your country.“ …aufgerufen aus Deutschland, vermutlich wie viele andere Leser der Zeit auch. Schade.

    (bezieht sich auf den YouTube Link zu „A Girl Like You“.)

 

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