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Ich sag einfach „Hello again“

 

War nie weg, ist wieder da: Die 73-jährige Rock’n’Rollerin Wanda Jackson röhrt und rührt wie eh und je. „The Party Ain’t Over“ heißt ihr neues Album.

© Warner Music

Es gibt unter den Rückkehrern drei Arten: Die, die nie wirklich gegangen sind. Die, die wieder auftauchen. Und die, deren Rückkehr nur wie ein Neuanfang erscheint. Konkret gesprochen gibt es Comebacks wie das der Rolling Stones, die sich auf einer immerwährenden, jeweils wirklich letzten Abschiedstour befinden. Es gibt Led Zeppelin, The Police, zuletzt Take That, die mit unterschiedlich großem Erfolg nach unterschiedlich langer Abstinenz das Rampenlicht suchen. Und es gibt Wanda Jackson.

Wanda wer?

Wanda-Let’s-Have-a-Party-Jackson, den Songtitel muss man vielleicht einfügen, damit es klick! macht. Ja, Wanda Jackson: jenes junge Ding, das 1958 mit unschicklich schroffem Gesang den Rock’n’Roll vom Mythos befreite, eine reine Männerangelegenheit zu sein. Gut ein halbes Jahrhundert später bringt sie ein neues Album raus, und da wären wir bereits beim Punkt. Auf The Party Ain’t Over ist ihre Stimme so stachelig, ihr Gestus so rau, das Tempo so hoch wie damals, als ihr Party-Appell eine musikalische Emanzipation im Kleinen begründete. Doch die Reminiszenz an bessere Zeiten erinnert zunächst eben auch ein wenig an den oft gehörten Hilferuf aus der Bedeutungsleere, an die oft würdelosen Versuche von den Eagles bis hin zu New Kids On The Block, die verblassende Erinnerung noch einmal in Zahlungseingänge zu verwandeln.

Wissen sollte man hierzu: So schnell wie Wanda Jackson einst von der Rock-’n‘-Roll-Welle ins Bewusstsein gespült worden war, verschwand sie auch wieder daraus. Schon Ende der Sechziger war das Landei aus Oklahoma im prüden Amerika fast vergessen, rang im Ausland um Aufmerksamkeit, wo sie sich mit deutschen, japanischen, gar holländischen, bald christlichen, zunehmend schnulzigen Liedern ans Publikum ranschmiss. Statt Grammys gewann sie den Goldenen Otto der Bravo.

Mit kaum 30 Jahren war die einstige Rebellin also bereits Nostalgie. Und doch ist The Party Ain’t Over kein Schrei aus dem Nichts, sondern Resultat konstanter Präsenz. Von ihren rund 50 Platten sind allein vier jünger als zehn Jahre, noch immer tourt Wanda Jackson fast unablässig. Wenn sie jetzt mit gewohnt viel Sägemehl in der Kehle Little Richards Rip It Up röhrt, Amy Winehouse nachspielt oder sich selbst, liefert sie im Grunde dasselbe wie eh und je: hitzigen Rockabilly mit Blues-, Country-, Gospeleinschlüssen. Wenn sie Rum and Coca-Cola variiert, verpasst sie den Andrew Sisters eine windschiefe Interpretation voll analogem Sampling. Und wenn sie Thunder On The Mountain noch fiebriger singt als Bob Dylan, verlieren ihre 73 Jahre mit jeder Silbe an Bedeutung.

Vielleicht liegt es ja an Jack White, dass Wanda Jacksons Alter zwar durchklingt, das Album aber selten patiniert. So wie Rick Rubin den tingelnden Johnny Cash einst mithilfe der American Recordings auf ein neues Niveau produzierte, tut es der Rock-’n‘-Roll-verrückte Gitarrist der White Stripes hier mit der Elvis-Gefährtin. The Party Ain’t Over ist kein Neuanfang, keine Quintessenz, geschweige denn innovativ. Aber Titelauswahl und Arrangements sind so unprätentiös wie stilsicher. Und nur weil Jacksons Tremolo schon zum Auftakt in Shakin‘ All Over digital überarbeitet werden muss, verliert es ja nicht an Kraft.

Fragt sich nur noch: warum? Warum diese PR-flankierte Sammlung interpretierter Klassiker einer nie Fortgewesenen? Und warum jetzt? Weil es keine besser kann. Weil ihre Aura unvergleichlich ist. Und weil Wanda Jackson ein Denkmal verdient. Mehr Argumente haben die wenigsten Platten.

„The Party Ain’t Over“ von Wanda Jackson ist erschienen bei Nonesuch/Warner.

Aus der ZEIT Nr. 8/2011