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Tom Waits im Huglfinger Hinterland

 

Saupreißn, Obacht! Zur Vorbereitung auf die Alpenferien erklärt die CD-Reihe „Stimmen Bayerns“, dass Liam und Steam die beschwingten Brüder von Liebe und Tod sind.

Monaco Franze alias Helmut Fischer (© dpa)

Es gibt sie noch, die letzten Dinge: den Tod und die Liebe. Demnächst kommen auch der Hass und der Rausch, die Freiheit, Betrug, Mord und Totschlag dazu. Das Label Trikont nimmt sich dieser Großthemen an, und zwar auf Süddeutsch: Stimmen Bayerns heißt die Reihe, die mit Die Liebe und Der Tod beginnt.

Trikont hat Erfahrung mit kulturanthropologisch aufbereiteten Kompilationen aus Sub- und Parallelkulturen. Da sind Feld-, Wald- und Wiesenaufnahmen aus dem exotischsten der deutschen Freistaaten nur folgerichtig. Mit einem im richtigen Leben – „Leam“ hieße das wohl aus dem Munde eines der Protagonisten auf den Alben oder „Ljäm“, jedenfalls nicht musikantenstadlpseudobairisch „Leb’n“ – festgehaltenen blasmusikalischen Trauermarsch samt Glockengeläut beginnt die Sammlung zum Thema Tod, zum Abschluss wünscht zum Klang einer Dicke-Backen-Kapelle Knecht Wenzel aus dem Dokumentarfilm Das sind die Gewitter in der Natur von Werner Fritsch „eine gute Sterbestunde“.

Wortbeiträge stehen auf beiden CDs gleichberechtigt neben der Musik, doch die sprechenden Ostermaiers, Obermayrs und Sedlmayrs, Bayrhammers und Geiersbergers, Bierbichlers und Wachtveitls sollen hier nur am Rande erwähnt sein. Auf Tod etwa das altbairische Mundartstück vom Brandner Kaspar, der den Tod (den „Boandlkrama“) beim Kartenspielen austrickst oder die Passage von den Aalen, die den „dasuffana oidn Mühldala“ aufgefressen haben und sich so gemästet teuer an die Stadtleute verkaufen lassen. Aus Liebe ragen der herrliche Streit mit schönen Worten heraus, den Karl Valentin und Liesl Karlstadt schufen, der Hirnpecker von Georg Queri und Ali Mitgutschs Erinnerung an seinen ersten Kuss, farbenfroh wie seine Bilderbücher. Manche Stimme Bayerns spricht hochdeutsch, Ödön von Horváth etwa oder Franz Dobler, der schreibende Cowboy.

Aber hier soll es ja um die Musik gehen. Um den Bavaropunk Georg Ringsgwandl , der daran erinnert, dass man Nix Mitnehma darf ins Jenseits. Um Hasemanns Töchter, die blutrünstig von den Gefahren des Badens in einem städtisch verunreinigten Gebirgsfluss erzählen (Isarsplittern). Um das japanomünchnerische Ukulele-Duo Coconami, das mit Ferdl Schuster, Wirt des bayerisch-japanischen Wirtshauses NoMiYa, den lebenslustigen Heuschreck besingt, den die Forelle frisst. Um LaBrassBanda , die ein Geräusch unter ihr Blechgebläse loopen, das verdammt nach dem Schleifen einer Sense klingt. Um Hans Söllner, als Anwalt rauchbarer Bewusstseinserweiterungshilfen Bayerns Staatsfeind Nummer eins, der in dylanesisch-lakonischer Tragik um Mei guada Freind trauert.

Die durchschnittliche Haltung des Bayerns zum „Steam“ scheint pragmatisch bis humorvoll zu sein. Mindestens aber fatalistisch: „Schaug, wenn der letzde Schmei (Schnupftabak) gschnupfd, des letztde Bier drungga und der letzde Schmarrn verzapft is, dann weiß ein Seppl, wohin er zu gehen hat“ (Dr. Döblingers geschmackvolles Kasperltheater).

Auch die Liebe nehmen die Bayern, wie’s kommt. Der ewige Stenz Monaco Franze alias Helmut Fischer kennt in Spatzl, schau wia I schau die Mutter aller Ausreden für Seitengesprungene: „Aber seelisch war ich treu“. Zu entdecken gibt es neben einigen Belanglosigkeiten etwa Willy Michl, den bayerischen Bluesindianer, eine Aufnahme der 1982 verstorbenen Münchner Volkssängerin Bally Prell vom Fensterln und den Folgen des Föhnwinds sowie die Band Williams Wetsox, die mit Hey kloana Vogl Tom Waits‘ Hey Little Bird aus der Großstadtschlucht in das Huglfinger Hinterland locken.

Saupreißn, also alle, die mit „ein großes Bier“ Mengen unterhalb eines Liters zu bestellen glauben und vor dem Verzehr einer Weißwurscht nach dem Mittagsläuten nicht zurückschrecken, bekommen hier einen Einblick in die bayerische Seele. Wozu das gut sein soll? Das fragen nur Dipferlscheißer, zu Hochdeutsch Kleingeister. Ja mei, es ist halt a Hetz, a zünftige Gaudi. Der Bayer hat seinen Spaß – auch wenn es um die letzten Dinge geht.

„Der Tod“ und „Die Liebe“ aus der Reihe „Stimmen Bayerns“ sind erschienen bei Trikont.

3 Kommentare

  1.   claire

    Wie kann es sein, dass jetzt sogar schon von der Kulturredaktion einer Qualitätszeitung der Name Tom Waits für jeglichen Schmarrn herhalten muss? Dazu passt bedauerlicherweise der inhaltliche Fehler: Bei dem vermeintlichen Waits-Titel „Hey little Bird“ handelt es sich doch wohl um „Jockey full of bourbon“. Enttäuschend!

  2.   Fortytwo

    Beim besten Willen, aber mit Tom Waits hat das in etwa so viel gemeinsam wie ein VW Golf mit einem Spaceshuttle. Waits singt von verrauchten Kneipen, dreckigen Gassen und endlosen staubigen Straßen. Waits macht einzigartige Musik, keine Volksmusik. Seine Musik ist finster, sie ist auch manchmal böse, aber sie ist immer hörenswert. Das hier hingegen ist Musik von weißbiertrinkenden Dialektsprechern, denen langsam die Touristen ausgehen.
    Und zum Thema Tod hat Waits sowieso schon die Maßstäbe gesetzt: „Everything goes to Hell“.

    Fortytwo

  3.   Kati

    ich finds großartig. danke Trikont!

 

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