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Fönwellenpop im Retrorausch

 

Muss man die Achtziger tatsächlich wieder ernst nehmen? Musiker wie David Speck alias Part Time spielen mit den Erinnerungen an Miami Vice und Engtanz-Partys.

© Cooperative Music

Noch ist es nicht soweit, dass das Umhängekeyboard tatsächlich wieder bühnentauglich wäre. Doch man muss damit rechnen. Mehr denn je steht zu befürchten, dass bald ein Musiker im Spot des Scheinwerfers an seiner Keytar gniedelt, als hätte es den Synth-Pop-Sumpf der Achtziger nie gegeben. Und im Publikum werden Menschen mit Umhängestoffbeuteln stehen, die den Keytaristen bejubeln, weil sie das besonders fancy finden.

Bevor aber die Revivalisten im Popgeschäft auch diese Schleife drehen, bleibt noch etwas Zeit, sich mit den knatschigen Sounds von Keyboards überhaupt wieder anzufreunden: Der sogenannte Chillwave hat sich unlängst ins Zentrum der Aufmerksamkeit geschwemmt – eine Mischung aus Yacht- und Softrock, Space-Disco, Dream-Beat, Glo-Fi und Hypnagogic Pop. Klingt apokalyptisch? Ist es auch irgendwie.

Menschen, die in den Achtzigern aufgewachsen sind, müssen zumindest einen gesunden Abstand zu diesem Jahrzehnt entwickelt haben, um etwa das Debütalbum von David Speck aka Part Time überhaupt durchhören zu können. Schon im ersten Stück Thunderbolts Of Love werden nasskalte Beats von warmen Keyboardschlieren umspült, während eine verhallte Stimme die Monotonie der ersten Dark-Wave-Gesänge zitiert. Zwar wirkt diese Mischung im ersten Moment wie ein seltsames Konglomerat des Schlechtesten und Besten, was die achtziger Jahre je zu bieten hatten – doch es hat durchaus seinen Charme.

Schon beim zweiten Stück geht es allerdings ans Eingemachte: I Wanna Take You Out klingt so sehr nach Fönwellen-Band in perlmuttfarbenen Jacketts, dass aus den Tiefen der Erinnerung verdrängte Insignien der Popvideo-Geschichte aufsteigen: Surfer, die im Tunnel einer Welle reiten. Einhörner, die dunklen Wäldern entkommen. Und Sonnenuntergänge, Sonnenuntergänge, Sonnenuntergänge. Kein Bild hat die mutwillige Verkitschung der Achtziger mehr geprägt als diese in allen möglichen Farben gebatikten Dämmerstunden. Leere Romantik, verbildlichte Sinnlosigkeit – doch so einfach ist es mit der Musik des aus San Francisco stammenden David Speck nicht.

Man muss Part Time lassen, dass er, etwa bei Living In Pretend (My Girl Imagination) , doch zumindest die Möglichkeiten des Tasteninstruments nicht unwesentlich ausreizt, wenn er etwa Mitte des Stücks ein herzhaft käsig quengelndes Mini-Solo einbaut oder bei In This Filthy City eine niedlich verzerrte Gitarre einspielt. Problemlos ernstzunehmen sind auch She’s Got The Right oder der Titelsong What Would You Say?, die einmal mehr eine dunkle Grundstimmung mit neonfarbenen Akkorden so vermengen, dass David Bowies oder Brian Enos erste elektronische Experimente Ende der Siebziger anklingen.

Offensichtlich ist: Part Times musikalische Zitatsammlung spielt mit dem Erinnerungsvermögen seiner Hörer. Hey Karen evoziert die pubertär harmlose Aufgeregtheit der ersten Engtanz-Partys und Riots In The Streets oder 19 könnten dem Miami-Vice-Soundtrack entlehnt sein. Und tatsächlich gibt es heute ja auch eine Menge junger Leute, die aussehen wie die Strandbesucher-Darsteller in dem Video zu Crocketts Theme vom Super-Keytaristen Jan Hammer.

Reiner Retrorausch also? Sowohl Part Time, als auch ihm musikalisch nahestehende Chillwaver wie Washed Out, Neon Indian oder der Gralshüter des Chillwave, Ariel Pink, bemühen sich – und das ist das Spannende an dieser Musik – die verunglimpften Sounds ernsthaft zu rehabilitieren: mal, indem sie die Möglichkeiten des Keyboards und alter Synthesizer neu ausloten; mal, indem sie psychedelische Schlieren der Siebziger mit New-Wave-Pop der Achtziger vermengen; und mal indem sie den Sound und die Zitate so verfremden, dass eigentlich nur noch das Gerüst übrig bleibt und beinahe etwas Neues daraus entsteht.

Bei Part Times What Would You Say? ist das nicht so. David Speck bleibt sehr nah am Gegenstand des Zitierten. Sein Debütalbum, veröffentlicht auf dem Brooklyner Label Mexican Summer, ist auf Hochglanz produziert, weit entfernt vom musikalischen Diskurs. Aber um durch Retro-Sonnenbrillen in ein paar Sonnenuntergängen zu starren taugt es allemal.

„What Would You Say?“ von Part Time ist erschienen bei Cooperative Music/Universal.

 

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