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Schöner-Wohnen-Pop

 

Sind Morcheeba immer noch voll Neunziger? Ihr neues Album „Head Up High“ erinnert an ein Trockenblumenpotpourri: Würziges in Retroschüsseln.

© Alex Lake
© Alex Lake

Jazz is not dead, it just smells funny„, hat Frank Zappa einmal gesagt und dann selbst belebt, was am Jazz noch dufte war. Aber was ist dann erst mit Triphop? Diese Musikrichtung mit den bekifften Nepper-Schlepper-Beats, den geheimnisvollen Synthieklängen in kunstkäsenen Hallräumen und den hypnotischen Melodien ist ja so was von Neunziger, die mufft verdammt. Oder?

Die Wiedervereinigung von Portishead nach zehn Jahren Pause ist nun auch schon wieder fünf Jahre her und hatte mit Triphop nicht mehr viel zu tun. Auch Morcheeba wankten 2010 schon mal als Zombie über den Musikfriedhof: mit dem Album Blood Like Lemonade in Originalbesetzung auferstanden, aber noch ohne Tour – die gibt’s erst jetzt wieder, zum Nachfolger.

Um diese Reanimation würdigen zu können, muss man mal kurz in die Bandgeschichte greifen: Die Brüder Paul und Ross Godfrey und die Sängerin Skye Edwards begannen 1995 auf den Spuren von Massive Attack, steuerten dann mit ihrem klassischen Album von 1998, Big Calm, tiefer, aber sehr gelungen in den Pop-Mainstream. Zwei erfolgreiche Alben und viele Konzerte später stieg Edwards 2004 aus. Daisy Martey ersetzte sie, flog bald wieder raus und verklagte die Godfreys: Beleidigung, Vertragsbruch, Brustgrapschen. Wechselnde Frontfrauen und -männer brachten’s nicht, 2010 war Skye Edwards wieder da.

Der Pressetext lässt Ross für das neue Album Head Up High „aus dem kalifornischen Exil“ nach England zurückkehren, Paul könne sich nach einer Diabetes-Diagnose „mittels der Musik so fühlen, als geriete ich gerade aus der Gefahr, mich mit meinen langjährigen, für mich zur Gewohnheit gewordenen Depressionen einzurichten“. Und Skye habe „in der Zeit der Trennung drei Solo-Alben aufgenommen und jetzt wie selbstverständlich diese Erfahrungen in unser Projekt mit eingebracht“.

Wenn Ross dann noch sagt, die Arbeit am Album habe sich angefühlt, „als zögen wir einen bequemen Pullover über“, dann lässt das Böses ahnen. Dabei ruhen sich die drei nicht gar zu gemütlich auf Erspieltem aus. Ross legt die Steel Guitar übers Knie, klampft eine peruanische Charango und drischt Hendrix-mäßige Riffs auf der Stromgitarre. Und der Gast James Petralli von White Denim hat sogar den Blues in der Seele.

Die Texte dazu sind, ähem, kreativ: „Ich entnahm meinen Lieblingsbüchern geschätzte Sätze, schmiss sie in einen Beutel und mischte sie untereinander. Dann kippte ich den Beutel aus und setzte zusammen, was zusammenpasste“, sagt Paul. Das bringe Frische in die englische Sprache, findet er. Die erste Single heißt denn auch voll originell Gimme Your Love.

Aber trotz Beiträgen zahlreicher Gäste wie Ana Tijoux, Jim Kelly und Chali 2Na von Jurassic 5, Jordan und Harley von den Rizzle Kicks: Die Mixtur aus kaugummibuntem Tri-Top-Pop-Hop, Deep Dub und gelegentlichen Düstersounds klingt ähnlich aufregend wie eines dieser Trockenblütenpotpourris riecht, die im Schöner-Wohnen-Zimmer dekorativ herumduften. Manchen mag die Würzmischung aus diversen Retroschüsseln gerade zusagen. Immerhin: Head Up High stinkt nicht.

„Head Up High“ von Morcheeba erscheint am 11. Oktober bei PIAS. Hören Sie es hier vorab: ZEIT ONLINE präsentiert das neue Album im Stream.

 

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