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Pop aus dem Spiegelkabinett

 

Dieter Sermeus alias The Go Find hüllt die Klänge der Achtziger in wunderbar entspannte Popsongs. „Brand New Love“ erzählt von seiner alten Liebe zu Eurythmics, Cocteau Twins und The Chills.

© Morr Music
Dieter Sermeus (unten links) und seine Mitmusiker von The Go Find (© Morr Music)

Alle drei Jahre veröffentlicht der Belgier Dieter Sermeus ein Album als The Go Find. Diese Sammlungen unscheinbarer Perlen erzählen meist einiges darüber, was sich im elektronischen Indiepop der vergangenen Jahre so getan hat. So ist das auch auf Brand New Love, der neuen Platte, seiner vierten. Sie scheint ein Spiegel dessen zu sein, was so läuft.

An Giorgio Moroder etwa kommt derzeit keiner vorbei, nicht erst seit Daft Punks Random Access Memories schallen von überall her diese schweinisch wuchtigen Synthesizer. Im ersten Stück Jungle Heart kombiniert The Go Find sie mit Steel Drums und schickem Discoglitter, später dann mit einem Saxofonsolo (Roxy Music!). Natürlich kracht die Schwarte nicht wie bei Daft Punk, auf Brand New Love finden sich eher dezente Versatzstücke in ansonsten ungehörig gelassenen Popliedern.

Die deutlichste Referenz, eine Art Seidenschleier über dem Ganzen, ist folglich eine andere. Denn beinahe scheint es, als wäre The Go Find am Ende einer langen Reise zu den Cocteau Twins angekommen, irgendwo zwischen Tag und Nacht, zwischen glockenklarem Popsong und introvertiertem Shoegaze, zwischen Schlafzimmer und Indiedisco. Tempo und Harmonien ähneln denen der schottischen Traumpopper verblüffend – und wenn in On The Rebound Karolien Van Ransbeeck von der belgischen Band Few Bits ans Mikro tritt, dann wähnt man sich ganz tief back in the eighties.

Die Achtziger tönen hier an jeder Ecke, kein Wunder, zu der Zeit wurde Dieter Sermeus zum Musikfan. Ende 30 ist er jetzt, da beginnt man schon mal zurückzudenken. An anderen Stellen schwingt der lakonische Synthiesoul von Hot Chip mit (ja selbst schon Zitat der Kopie des Zitats) – inklusive kopfstimmiger Refrains, in Your Heart wummert gar ein behäbiger Synthie-Bass, als stünden die Eurythmics mit im Studio. Und auch der Anfang der Achtziger in Neuseeland entstandene und in den vergangenen Jahren wiederbelebte Dunedin Sound von The Chills und The Clean hat seinen Platz auf Brand New Love. Nur von Mark Knopflers Slidegitarre schweigen wir hier.

Nur: Weshalb sollte man sich das nun anhören, wenn es derart epigonal daherkommt? Schaut man sich das hübsche Musikvideo zur ersten Single The Lobby an, dämmert es einem, welch ungeheure Distanz Dieter Sermeus zwischen sich und seine Quellen bringt – ohne sich mit einer Parodie zu begnügen. Das Video wirkt nur kurz, als sei es tatsächlich im Jahr 1983 gedreht worden. Diese Klamotten, dieser Bart, diese Brille! Welch liebevolle Hommage. Und doch illustriert es überdeutlich, dass The Go Find kein stumpfer Wiedergänger ist und Brand New Love folglich eher so etwas wie eine kommentierte Playlist. Die Klänge der ganz Großen – dick verpackt in sanftmütigen Liedern.

Was Brand New Love konsequenterweise ein wenig abgeht, ist die Ambition zur Innovation – ein Entwurf dessen, wohin die Reise gehen könnte. Vermutlich wäre es auf der Jagd nach Innovation aber auch kaum möglich, derart gelassene Songs vorzutragen. Lehnen wir uns also zurück und lassen es uns für den Moment gefallen.

„Brand New Love“ von The Go Find ist erschienen bei Morr Music.

2 Kommentare


  1. So schmierig-schmalzig war selbst die schrecklichste Musik der 80er nicht. Und was hat das mit Cocteau Twins zu tun? Überhaupt nichts. Diese Band ist symptomatisch für die Einfallslosigkeit und Talentfreiheit der meisten aktuellen Bands. Pop ist tot? Nicht ganz, aber fast. Da klingt ja selbst Britney Spears noch knackiger als dieses penetrant gefällige Gedudel.


  2. Die Musik der 80er war schrecklich, besonders wenn sie so daherkam wie heute The Go Find. Für mich ist das heute ebenso „cheesy“ wie damals.

 

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